{"id":1483,"date":"2020-10-20T16:26:22","date_gmt":"2020-10-20T14:26:22","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1483"},"modified":"2020-10-27T16:28:25","modified_gmt":"2020-10-27T15:28:25","slug":"amerikanischer-armutsalbtraum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1483","title":{"rendered":"Amerikanischer Armutsalbtraum"},"content":{"rendered":"<h2>Die Sch\u00f6nheit der Tristesse: Matt Blacks Fotos in der Hamburger Ausstellung \u00bbAmerican Geography\u00ab<\/h2>\n<p>In seinem Tagebuch schrieb der US-amerikanische Fotograf Matt Black am 5. Januar 2016, dass ihn heruntergekommene Orte wie Tulare, Delano oder McFarland in Kalifornien, seinem Heimatstaat, zu dieser nun schon ein Jahr andauernden Rundreise durch die USA bewogen haben. Auf dieser legte Black letztlich 100 000 Meilen zur\u00fcck und besuchte 46 US-Bundesstaaten. Die Stationen seines Roadtrips waren indes nicht willk\u00fcrlich gew\u00e4hlt. Black machte gezielt in Ortschaften mit Armutsquoten \u00fcber 20 Prozent halt, um dort Menschen, Stra\u00dfenz\u00fcge, Geb\u00e4ude oder Landschaften zu fotografieren. Das Resultat dieser fotografischen Dokumentationsreise ist die \u00bbGeography of Poverty\u00ab. Eine Auswahl von 78 Bildern (und Objekten) ist nun erstmals in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen.<!--more--><\/p>\n<p>Hier allerdings lautet der Titel \u00bbAmerican Geography\u00ab. Was zun\u00e4chst wie eine Entsch\u00e4rfung anmutet, weil das Wort \u00bbArmut\u00ab gestrichen wurde, entpuppt sich beim Betrachten der Bilder als Zuspitzung. Denn die 90 mal 90 Zentimeter gro\u00dfen schwarz-wei\u00dfen Bilder vermitteln Hoffnungslosigkeit, Tristesse und Verfall. Auf diese Weise setzen Bilder und Titel die USA mit der Armut gleich. Das unterschl\u00e4gt zwar die Dialektik von Reichtum und Armut im Kapitalismus. Dieser ist sich Black jedoch bewusst, wenn er in einer seiner bei Youtube dokumentierten Reden sagt, dass der konzentrierte Reichtum auf der anderen Seite Armut bedeutet.<\/p>\n<p>Diesen von Armut betroffenen Menschen &#8211; es sind rund 40 Millionen &#8211; will Matt Black eine Stimme geben. So formuliert er es selbst. Seine Rolle vergleicht er dabei mit der eines Journalisten. Als Fotojournalist begann Black zu High-School-Zeiten zu fotografieren. Schon hier waren seine Bilder dem schwarz-wei\u00dfen Stil des Fotojournalismus verpflichtet. Aber nicht nur die \u00c4sthetik der Arbeiten des 50-J\u00e4hrigen l\u00e4sst sich auf seine Herkunft aus Visalia im Central Valley in Kalifornien zur\u00fcckf\u00fchren. Auch seine Themen &#8211; Armut, Migration, Landwirtschaft und Umweltverschmutzung &#8211; sind durch sie gepr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Armut in Kalifornien? Das ist nicht das erste, was einem zu diesem Bundesstaat einf\u00e4llt, sondern eher der Glamour der Hollywood-Welt oder Strandszenen aus San Francisco oder Los Angeles. Doch mitten im auch \u00bbgoldener Bundesstaat\u00ab genannten Kalifornien liegt das Central Valley, ein von Landwirtschaft gepr\u00e4gtes L\u00e4ngstal. Es wird auch das \u00bbandere Kalifornien\u00ab genannt oder der \u00bbFruchtgarten\u00ab Amerikas. J\u00e4hrlich wird hier ein Milliardenumsatz gemacht &#8211; allerdings auf dem R\u00fccken der schlecht bezahlten, oftmals aus Mexiko eingewanderten, Arbeiter*innen und auf Kosten der Natur. Die \u00f6kologischen Sch\u00e4den des industrialisierten Obstanbaus, die miserablen Arbeits- und Wohnverh\u00e4ltnisse der Arbeiter*innen, die Konsequenzen der durch die Migration entleerten Orte in Mexiko &#8211; all das hat Black in fr\u00fcheren Fotoprojekten gezeigt.<\/p>\n<p>Beim Betrachten der Bilder vermutet man nicht, dass die Aufnahmen aus der Gegenwart stammen. Ein Eindruck, den man auch in der Hamburger Ausstellung hat. Teils denkt man, diese Bilder m\u00fcssen doch aus den 50er Jahren stammen. Dann meint man, wie bei der Aufnahme des verfallenen Bahnhofs von Buffalo, hier hat jemand eine dystopische Filmkulisse abgelichtet. Die Menschen auf Blacks Fotos blicken finster und verschlossen, sofern ihre Gesichter \u00fcberhaupt zu erkennen sind. Ein Mann lehnt seinen Kopf an einen Pfahl, als ob er angesichts der Beschwerlichkeit des Lebens eine kurze Pause br\u00e4uchte. Eines von Blacks Lieblingsmotiven ist ein einsamer Passant, der vor heruntergekommenen H\u00e4usern oder leeren Gesch\u00e4ften und bedrohlichen Schatten v\u00f6llig verloren wirkt. \u00dcberhaupt sind die Menschen meist klein, die Geb\u00e4ude hingegen gro\u00df dargestellt. Die Personen sind an den typischen Orten der Armut zu sehen: Obdachlosencamps, Schrottpl\u00e4tze, Reservate und verfallene Innenst\u00e4dte.<\/p>\n<p>Unter die quadratischen Bilder mischen sich gelegentlich Panoramabilder mit Landschaftsaufnahmen oder St\u00e4dteansichten. Mitunter wirken sie sch\u00f6n, wie etwa eine Aufnahme von Flint, Michigan. Schnee hat sich auf Gehwege, G\u00e4rten und H\u00e4user gelegt. Doch die H\u00e4user sind verlassen. In Flint, durch Filme Michael Moores bekannt geworden, waren einst Zehntausende bei General Motors besch\u00e4ftigt. Als die Werke dichtmachten, versank die Stadt in Armut.<\/p>\n<p>Blacks Bilder tragen zwar deutlich dokumentarischen Charakter. Das wird verst\u00e4rkt durch die Tagebucheintr\u00e4ge, die auf Texttafeln pr\u00e4sentiert werden, und durch abgebildete Gegenst\u00e4nde wie Feuerzeuge, Heiligenbildchen oder eine verbrannte Bibel, die Black auf seiner Reise vom Boden auflas. Auch zu ihnen werden kurze Erl\u00e4uterungen pr\u00e4sentiert. Doch Blacks Bilder haben mit ihrer \u00fcbersteigerten Klarheit, den scharfen Kontrasten und der Tiefensch\u00e4rfe auch etwas \u00c4sthetisches, sind st\u00e4rker k\u00fcnstlerisch motiviert. Trotz der dargestellten hoffnungslosen Armut sind sie sch\u00f6n anzusehen.<\/p>\n<p>Die postindustriellen Landschaften und die verheerenden Folgen f\u00fcr die sozialen Verh\u00e4ltnisse entlarven den US-amerikanischen Traum vom Reich der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten so gr\u00fcndlich, wie man es zuvor vielleicht nur von der legend\u00e4ren Serie \u00bbThe Wire\u00ab kannte.<\/p>\n<p>Auch eine tagespolitische Frage wird durch \u00bbAmerican Geography\u00ab aufgeworfen: Sind die von Black dargestellten Menschen Trump-W\u00e4hler? Dazu gibt es keine Angaben, aber man darf es annehmen. Denn obwohl es ein Mythos ist, dass Trump ausschlie\u00dflich von den Abgeh\u00e4ngten gew\u00e4hlt wurde, rekurriert sich aus diesem Milieu paradoxerweise auch ein Teil seiner Anh\u00e4ngerschaft.<\/p>\n<p>In einem Tagebucheintrag gibt Black S\u00e4tze aus einer irritierenden Predigt eines Pastors wieder: \u00bbAmerika ist zu gro\u00df, um es von au\u00dfen zu zerst\u00f6ren, wir werden von innen heraus zerst\u00f6rt werden.\u00ab Es ist die Armut, die Amerika zerst\u00f6rt, ist sich Black sicher. So sicher, dass er analog zu einem Vietnamveteranen-Memorial die Namen der bereisten Orte plus deren Armutsquote auf einer gro\u00dfen Installation auflistet.<\/p>\n<p>Die Deichtorhallen zeigen parallel zu \u00bbAmerican Geography\u00ab die Schau \u00bbAmerican Beauty\u00ab des ebenfalls aus den USA stammenden Jerry Berndt (1943 &#8211; 2013). Auf seinen Bildern kann man bereits im Keim das erkennen, was bei Black dominierend ist. Aber bei Berndt, der selbst in der 68er-Bewegung aktiv war, erkennt man noch deutlich das Aufbegehren gegen das soziale Auseinanderdriften: Kundgebungen und Demonstrationen, auf denen zuversichtlich blickende Menschen klassenk\u00e4mpferische Parolen wie \u00bbJail the Rich. Free the Poor\u00ab vor sich hertragen. Eine gelungene Doppelpr\u00e4sentation, die noch erg\u00e4nzt wird durch die Schau \u00bbProtestsGoViral\u00ab, die Bilder von Aktivismus auf Instagram zeigt.<\/p>\n<p>\u00bbAmerican Geography\u00ab von Matt Black; \u00bbAmerican Beauty\u00ab von Jerry Berndt; \u00bbProtestsGoViral\u00ab, alle bis 3. Januar 2021, Haus der Photographie, Deichtorhallen, Deichtorstra\u00dfe 1-2, Hamburg<\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1142974.ausstellung-amerikanischer-armutsalbtraum.html?sstr=Speckmann\">nd \u2013 der Tag<\/a>, 11.10.2020<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sch\u00f6nheit der Tristesse: Matt Blacks Fotos in der Hamburger Ausstellung \u00bbAmerican Geography\u00ab In seinem Tagebuch schrieb der US-amerikanische Fotograf Matt Black am 5. 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