{"id":1503,"date":"2021-01-02T17:52:53","date_gmt":"2021-01-02T16:52:53","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1503"},"modified":"2020-12-29T17:54:41","modified_gmt":"2020-12-29T16:54:41","slug":"plaedoyer-fuer-radikale-steuerung-des-marktes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1503","title":{"rendered":"Pl\u00e4doyer f\u00fcr radikale Steuerung des Marktes"},"content":{"rendered":"<h2>Der \u00d6konom Heiner Flassbeck kritisiert in seinem neuen Buch die herrschende Klimapolitik<\/h2>\n<p>Heiner Flassbeck ist ein streitbarer \u00d6konom. Voller Selbstvertrauen argumentierte und polemisierte der am Keynesianismus orientierte \u00d6konom in den letzten Jahren gegen die neoliberale, austerit\u00e4tsversessene deutsche Wirtschaftspolitik. Obwohl er inhaltlich oft ins Schwarze trifft, kann Flassbecks mitunter oberlehrerhafter Ton etwas abschrecken. Dieser findet sich auch in seinem j\u00fcngsten Buch, das sich einem Thema widmet, das f\u00fcr den Autoren \u00fcberraschend anmutet: der \u00d6kologie. Schlie\u00dflich ist der Au\u00dfenhandelsexperte und fr\u00fchere Chefvolkswirt der UN-Organisation f\u00fcr Welthandel und Entwicklung nicht als Umwelt\u00f6konom bekannt.<!--more--><\/p>\n<p>Eingangs bekennt sich der 70-J\u00e4hrige de facto jedoch zu einer der zentralen Erkenntnisse dieser akademischen Richtung: Zu Recht w\u00fcrden Naturwissenschaftler darauf verweisen, dass es auf einem begrenzten Planeten mit begrenzten Ressourcen schlicht kein unbegrenztes Wachstum und fortdauernden Ressourcenverbrauch geben k\u00f6nne. Flassbeck folgert daraus, dass der Ausstieg aus der fossilen Wirtschaft gelingen m\u00fcsse. Der Fokus liegt somit eindeutig auf der Klimafrage, andere \u00f6kologische Krisen wie der Schwund der Artenvielfalt werden nicht behandelt.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich ist der Verfasser der Ansicht, dass die im Untertitel gestellte Frage nach Vers\u00f6hnung von \u00d6konomie und \u00d6kologie zu bejahen ist. N\u00f6tig daf\u00fcr sei, dass \u00d6kologie ein unaufl\u00f6slicher Teil der Wirtschaft werden m\u00fcsse. Dem steht, so Flassbeck, die herrschende Wirtschaftslehre entgegen. Weshalb es eine gewaltige Kraftanstrengung in der wirtschaftswissenschaftlichen Bildung brauche.<\/p>\n<p>Der Antwort des \u00d6konomen fehlt es indes an \u00dcberzeugungskraft. Denn wie das im Einzelnen geschehen soll, wird nicht ausgef\u00fchrt. Oder nur \u00fcber einen Umweg: die Kritik der herrschenden Klimapolitik. Hier liegt die tats\u00e4chliche St\u00e4rke des Buches. Gegen die Ma\u00dfnahmen insbesondere der deutschen Regierung wendet Flassbeck ein: Angenommen, Deutschland w\u00fcrde die Energiewende tats\u00e4chlich schaffen, was w\u00e4re damit gewonnen? Nicht viel, argumentiert der Autor. Denn der Nachfrageausfall auf dem Weltmarkt w\u00fcrde die Preise sinken lassen, sodass andere Staaten in die Lage versetzt werden, die in Deutschland nicht nachgefragte fossile Energie konsumieren zu k\u00f6nnen. In einem funktionierenden Markt f\u00fchre der Minderverbrauch an einer Stelle zwingend zu einem Mehrverbrauch an anderer Stelle. Global \u00e4ndere sich nichts. Dieses Argument ist in der Degrowth-Bewegung, von der Flassbeck wenig h\u00e4lt, weil mit ihr keine demokratischen Mehrheiten zu erringen seien, unter dem Begriff Reboundeffekt bei Suffizienz (Verzicht) bekannt.<\/p>\n<p>Wie aber k\u00f6nnte eine richtige Klimapolitik aussehen? Zum einen m\u00fcsse diese durch eine Wirtschaftspolitik erg\u00e4nzt werden, die den Lebensstandard der Menschen in den weniger entwickelten L\u00e4ndern im Blick hat. Denn nur wenn diese Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten k\u00f6nnen, sind sie f\u00fcr Umweltpolitik empf\u00e4nglich. Zum anderen nimmt Flassbeck die Energieunternehmen ins Visier. Sie m\u00fcssten durch ein \u00bbglobales und radikales Management des Marktes\u00ab, eine Besteuerung der Nachfrage sowie eine Rationierung des Angebotes dazu gebracht werden, \u00d6l und Kohle in der Erde zu lassen. Doch dar\u00fcber werde nicht einmal ernsthaft nachgedacht.<\/p>\n<p>Der Autor liefert somit wichtige Argumente, warum die jetzige Klimapolitik unzureichend ist. Richtig auch seine Forderung, dass man sie global angehen und demokratische Mehrheiten erringen m\u00fcsse. Zweifel ist jedoch angebracht, ob ordnungspolitische Ma\u00dfnahmen und Preissteigerungen ausreichen. Ausdr\u00fccklich ist die Klimafrage f\u00fcr den Autor keine Systemfrage, der Kapitalismus lasse sich schon umsteuern. Flassbecks Ziel: \u00bbeine gemischte Wirtschaft aus staatlichen und privaten Akteuren\u00ab. Bei aller Marktskepsis schimmert somit immer wieder ein idealisiertes Bild der kapitalistischen Marktwirtschaft durch.<\/p>\n<p>Heiner Flassbeck: Der begrenzte Planet und die unbegrenzte Wirtschaft. Lassen sich \u00d6konomie und \u00d6kologie vers\u00f6hnen? Westend, Frankfurt\/Main. 173 Seiten, 18 Euro.<\/p>\n<p>aus: neues deutschland, <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1146131.heiner-flassbeck-plaedoyer-fuer-radikale-steuerung-des-marktes.html?sstr=Speckmann\">22.12.2020<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00d6konom Heiner Flassbeck kritisiert in seinem neuen Buch die herrschende Klimapolitik Heiner Flassbeck ist ein streitbarer \u00d6konom. 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