{"id":1514,"date":"2021-03-02T18:18:04","date_gmt":"2021-03-02T17:18:04","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1514"},"modified":"2021-03-02T18:18:04","modified_gmt":"2021-03-02T17:18:04","slug":"die-gamestop-wette","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1514","title":{"rendered":"Die Gamestop-Wette"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">Jung gegen alt, Klein- versus Gro\u00dfanleger, Idealisten*innen gegen Turbo-Kapitalist*innen. Das extreme Auf und Ab der Gamestop-Aktie hat interessante Interpretationen hervorgebracht. Von einer Rebellion gegen die etablierten Hedgefonds und von der Demokratisierung der B\u00f6rsenwelt war die Rede.<!--more--><\/p>\n<p>Die am h\u00e4ufigsten kursierende Erz\u00e4hlung geht so: Letztes Jahr begann der 34-j\u00e4hrige Keith Gill Aktien der US-Ladenkette f\u00fcr Computerspiele Gamestop zu kaufen. Zudem legte er in zahllosen Posts im sozialen Netzwerks Reddit und auf Youtube dar, warum der Aktienkurs von Gamestop unterbewertet sei. Im Juli hegte er Hoffnungen, dass es zu einem \u00bbShort Squeeze\u00ab kommen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Der Begriff aus dem B\u00f6rsenjargon, \u00fcbersetzt Knappheit oder Engpass, ist nicht ohne einen weiteren Fachbegriff zu erkl\u00e4ren: shorten, auf Deutsch leerverkaufen. Dabei verkauft ein Investor Aktien, die er gar nicht besitzt, sondern sich gegen eine Geb\u00fchr nur geliehen hat. Klingt absurd? Es geht noch verr\u00fcckter: In manchen L\u00e4ndern kann man eine Aktie sogar mehrfach leerverkaufen. Weil der Investor, meist auf solch riskante Wetten spezialisierte Hedgefonds, das im gro\u00dfen Stil macht, sinkt durch das vergr\u00f6\u00dferte Angebot der Aktie deren Preis. Kurz vor dem vereinbarten R\u00fcckgabetermin des geliehenen Aktienpakets kauft der Investor die Wertpapiere zum gesunkenen Preis. Die Differenz zwischen den beiden Kursst\u00e4nden ist sein Gewinn. Die Sache kann aber auch gr\u00fcndlich schief gehen. Dann n\u00e4mlich, wenn der Kurs nicht wie erwartet sinkt, sondern steigt.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Aber: Inzwischen ist klar geworden, dass das Bild etwas komplexer ist. Zwar war der Schwarm der Kleinanleger*innen wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Exakt das passierte mit der Gamestopp-Aktie. Und wie! Anfang Januar notierte deren Kurs bei 20 US-Dollar, am 28. Januar bei sage und schreibe 480 Dollar. Offenbar hatte Keith Gill zahllose Kleinanleger*innen \u00fcberzeugt, mit leicht zu bedienenden und geb\u00fchrenfreien Online-Broker-Apps wie Robinhood in die Aktie zu investieren, um es den Hedgefonds, so geht die Erz\u00e4hlung weiter, einmal richtig zu zeigen. Was auch gelang. Der Hedgefonds Melvin Capital, der auf den Kursverlust von Gamestop gewettet hatte, sa\u00df in der Short-Squeeze-Falle. Um die ausstehenden R\u00fcckgabeforderungen zu begleichen, und die bereits erlittenen Verluste gering zu halten, musste er schnell Gamestop-Aktien kaufen. Das befeuerte wiederum den Kursanstieg.<\/p>\n<p>Resultat: Riesenverluste. Von 12,5 Milliarden Dollar f\u00fcr Melvin Capital, von 20 Milliarden f\u00fcr Hedgefonds insgesamt ist die Rede. Derweil machten viele Kleinanleger*innen Gewinne. Aber nicht nur der schn\u00f6de Mammon soll sie angetrieben haben. \u00bbFuck the Hedgefonds\u00ab war auf dem H\u00f6hepunkt der Aktienrallye ein viel ge\u00e4u\u00dferter Slogan auf Reddit. Die Stimmung wurde politisch, gerade in den USA, wo die Finanzkrise von 2008 viele Menschen viel h\u00e4rter getroffen hatte als in Deutschland.<\/p>\n<p>Aber: Inzwischen ist klar geworden, dass das Bild etwas komplexer ist. Zwar war der Schwarm der Kleinanleger*innen wichtig, aber nicht allein ausschlaggebend. Im Sommer begannen eben auch etablierte Investoren und Hedgefonds Gamesop-Aktien zu zeichnen. Der Milliard\u00e4r Ryan Cohen hielt im Dezember \u00fcber zw\u00f6lf Prozent aller Aktien und legte zudem ein Sanierungskonzept f\u00fcr Gamestop vor. Im Oktober begann der Hedgefonds Senvest auf Kurssteigerungen des Spiele-Einzelh\u00e4ndlers zu wetten. Ohne diese Aktivit\u00e4ten und ohne Elon Musk, der f\u00fcr Gamestop tweetete, w\u00e4re die \u00bbRebellion\u00ab der Reddit-Army, die sich ja just im Kampf gegen die Etablierten Finanzmarktakteure w\u00e4hnte, kaum m\u00f6glich gewesen. Senvest soll 700 Millionen Dollar Profit gemacht haben, und ausgerechnet Robinhood steht im Verdacht, zugunsten von Hedgefonds den Kauf von Gamestop-Aktien kurzzeitig ausgesetzt zu haben. Von wegen R\u00e4cher der Armen. Die Gamestop-Blase wird wie jede andere irgendwann platzen. Dann werden viele Kleinanleger*innen viel Geld verlieren, wenn sie es nicht schon haben.<\/p>\n<p>Idealisten gegen Turbo-Kapitalisten? Klein- versus Gro\u00dfanleger? Eher handelt es sich um einen Kampf innerhalb des Feldes von Finanzanlegern. Neue, junge Akteure wollten auch einmal ein St\u00fcck vom Kuchen abhaben. Ihre vermeintlich progressiv-politische Rhetorik verweist allerdings auf ein reales Problem: die krasse soziale Ungleichheit im deregulierten Finanzmarktkapitalismus. Doch ist die Beteiligung an dessen Casino keine Antwort auf diese. Zwar mag ein neuer Akteur viel Geld machen. Doch je mehr Geld in die Finanzm\u00e4rkte wandert, desto gr\u00f6\u00dfer wird zum Beispiel der Druck auf L\u00f6hne und Geh\u00e4lter, weil das Management sein Handeln an die Bewertung an den B\u00f6rsen ausrichtet. Lohnkosten sind da nur Kostenfaktoren, die es zu minimieren gilt.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/aktienmarkt-die-gamestop-wette\/\">668<\/a>, 16.2.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jung gegen alt, Klein- versus Gro\u00dfanleger, Idealisten*innen gegen Turbo-Kapitalist*innen. Das extreme Auf und Ab der Gamestop-Aktie hat interessante Interpretationen hervorgebracht. 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