{"id":1521,"date":"2021-03-21T09:54:33","date_gmt":"2021-03-21T08:54:33","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1521"},"modified":"2021-03-18T10:03:24","modified_gmt":"2021-03-18T09:03:24","slug":"im-startblock-verkuemmert","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1521","title":{"rendered":"Im Startblock verk\u00fcmmert"},"content":{"rendered":"<h2>Die beste Entfremdungsliteratur seit Wilhelm Genazino: Andreas Lehmanns Roman \u00bbSchwarz auf Wei\u00df\u00ab<\/h2>\n<p>Es sind Berufe, die Protagonisten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten haben: Vertriebsangestellter, Industriekaufmann oder Produktmanagerin. Sie arbeiten in Firmen, die Dinge verkaufen, denen man meist nur Beachtung schenkt, wenn sie nicht funktionieren: Snackautomaten, Wasserkocher oder Stabmixer. Oder unter denen man sich gar nichts vorstellen kann, wie unter Industrieverpackungen. Das klingt alles andere als schillernd. Doch Andreas Lehmann verwendet all diese Begriffe in seinem zweiten Roman \u00bbSchwarz auf Wei\u00df\u00ab.<!--more--><\/p>\n<p>Dessen Protagonist Martin Oppenl\u00e4nder hat eine Berufsbiografie, die so \u00e4hnlich f\u00fcr Hunderttausende typisch sein d\u00fcrfte: Nach Abitur und Zivildienst Ausbildung als Industriekaufmann, danach Praktikant und Trainee im Marketing, dann eine Stelle im Vertrieb einer Firma, die Ein-Euro-Gesch\u00e4fte beliefert. Kurz vor deren Insolvenz der Absprung in ein Callcenter. Dann eine Stelle im Direktmarketing und Direktvertrieb. \u00bbDouble Direct\u00ab lautet der bezeichnende Name der Firma.<\/p>\n<p>Das klingt nach tristem, entfremdetem Angestelltendasein. Und ist es auch. So eint\u00f6nig, dass Oppenl\u00e4nder die Flucht in die Selbstst\u00e4ndigkeit wagt &#8211; als Berater f\u00fcr betriebliches Gesundheitsmanagement: \u00bbSelbstst\u00e4ndigkeit, das Wort klang immer schon verlockend. Nach Freiheit und Emanzipation, nach gelungener Flucht.\u00ab<\/p>\n<p>Dumm nur, dass der Beginn der vermeintlichen Emanzipation mit der Corona-Pandemie zusammenf\u00e4llt; beide W\u00f6rter fallen aber gl\u00fccklicherweise in dem Roman nicht, die Situation wird nur angedeutet. Obwohl Gesundheit in aller Munde ist, haben die Betriebe im Lockdown Dringenderes zu tun, als soeben in die Selbstst\u00e4ndigkeit gewechselte Gesundheitsberater zu engagieren. Auftr\u00e4ge? Fehlanzeige. Stattdessen \u00bbVerk\u00fcmmerung im Startblock\u00ab, und der Protagonist sieht sich mit einem besonderen Projektmanagement konfrontiert: \u00bbdie Zeit zu organisieren, in der es nichts zu managen gibt\u00ab.<\/p>\n<p>Das f\u00e4llt ihm schwer. So sehr, dass der Ort, an den er sich in seiner Zeit als Angestellter immer gesehnt hat &#8211; das Zuhause &#8211; pl\u00f6tzlich ein Ort ist, an dem er sich festgehalten f\u00fchlt. Die abgerungene Freiheit wird zu einer aufgezwungenen. Ein Privatleben, Frau, Kinder und Freunde &#8211; das hat die Hauptfigur nicht. Einziger Kontakt zur Au\u00dfenwelt sind die gelegentlichen Telefonate mit seiner Schwester Juliane.<\/p>\n<p>So verbringt Oppenl\u00e4nder die Zeit damit, Unterst\u00fctzungsantr\u00e4ge zu stellen, seinen Lebenslauf f\u00fcr den Internetauftritt immer wieder umzustrukturieren, bis er mit seinem echten Leben kaum noch etwas zu tun hat. Oder er feilt an einer Rundmail, an einer neuen Selbstvorstellung, die ihm freilich immer wieder zu bed\u00fcrftig ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich klingelt das sonst schweigsame Festnetztelefon. Rebekka Wieland nennt sich die Anruferin und gibt vor, am Rande einer Messe f\u00fcr Haushaltsger\u00e4te in M\u00fcnchen vor zehn Jahren mit Martin geflirtet zu haben. Dieser kann sich an nichts erinnern und fragt erschrocken: \u00bbHaben wir zwei etwa &#8230;?\u00ab &#8211; \u00bbEben nicht\u00ab, sagt die Anruferin und gibt zu erkennen, dass sie sich das gew\u00fcnscht h\u00e4tte. Martin Oppenl\u00e4nder ist auf der Hut, keiner Betr\u00fcgerin aufzusitzen, die ihm Daten stiehlt.<\/p>\n<p>Doch bald merkt er, wie wichtig ihm die unregelm\u00e4\u00dfigen Telefongespr\u00e4che mit der unbekannten Anruferin geworden sind. Rebekka Wieland teilt mit ihm das Leiden am Angestelltendasein; sie k\u00fcmmert sich um den Vertrieb von Snackautomaten, w\u00fcnscht sich aber, etwas anderes zu sein. Gl\u00fcckskeksautorin zum Beispiel oder Wasserrutschen-Testerin. Die beiden reden \u00fcber sich und ihre Berufe, \u00fcber ehemalige Kolleginnen und Kollegen, die S\u00e4tze sagen wie: \u00bbIch war noch nie am Meer, aber habe ein Aquarium\u00ab und androhen, die ganze \u00bbSchei\u00dfe\u00ab irgendwann in Brand zu setzen. Aber vor allem reden sie \u00fcber eine andere Zukunft. \u00bbEin Leben, aus dem man sich nicht immerzu ein bisschen hinaussehnt, kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen\u00ab, sagt Oppenl\u00e4nder.<\/p>\n<p>So krass hat das Thema Entfremdung lange nicht einen Roman dominiert. Vielleicht seit Wilhelm Genazinos \u00bbAbschaffel\u00ab-Trilogie aus den 1970er Jahren nicht. Diese schuf unter anderem das Genre des Angestelltenromans mit. In dieser Tradition kann man den in Leipzig lebenden Autor Andreas Lehmann ohne Zweifel mit seinen Erkundungen der Psyche des heutigen Angestellten sehen. Schon sein Deb\u00fct \u00bb\u00dcber Tage\u00ab lie\u00df das anklingen, in \u00bbSchwarz auf Wei\u00df\u00ab ist es weitaus ausgepr\u00e4gter. Zwar ist die Situation der Protagonisten in seinem neuen Roman auch durch den Lockdown gepr\u00e4gt, aber an der grunds\u00e4tzlichen Unzufriedenheit mit einem \u00bbBullshit-Job\u00ab (David Graeber) \u00e4ndert das nichts.<\/p>\n<p>Immerhin heitert sich die trostlose Atmosph\u00e4re nach einem dramatischen Ausbruch Oppenl\u00e4nders zum Ende etwas auf. Endlich bekommt er einen gro\u00dfen Auftrag. Aber ob der Kontakt zu Rebekka Wieland bestehen bleibt, das erf\u00e4hrt der Leser nicht.<\/p>\n<p>Andreas Lehmanns Prosa ist ruhig, fein, pr\u00e4zise. Sie wei\u00df auch im neuen Roman zu \u00fcberzeugen. Beeindruckend auch, wie er dem Roman durch ein Notizbuch des Protagonisten eine zus\u00e4tzliche, raffinierte Ebene gibt.<\/p>\n<p>aus: das <a href=\"https:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/1149431.fruehjahrsbuecher-im-startblock-verkuemmert.html\">nd<\/a>, 13.3.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die beste Entfremdungsliteratur seit Wilhelm Genazino: Andreas Lehmanns Roman \u00bbSchwarz auf Wei\u00df\u00ab Es sind Berufe, die Protagonisten in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nur selten haben: Vertriebsangestellter, Industriekaufmann oder Produktmanagerin. Sie arbeiten in Firmen, die Dinge verkaufen, denen man meist nur Beachtung &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1521\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Die beste Entfremdungsliteratur seit Wilhelm Genazino: Andreas Lehmanns Roman \u00bbSchwarz auf Wei\u00df\u00ab","footnotes":""},"categories":[172],"tags":[146],"class_list":["post-1521","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-literatur","tag-literatur"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1521","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1521"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1521\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1522,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1521\/revisions\/1522"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1521"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1521"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1521"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}