{"id":1542,"date":"2021-04-25T11:56:54","date_gmt":"2021-04-25T09:56:54","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1542"},"modified":"2021-05-25T11:58:54","modified_gmt":"2021-05-25T09:58:54","slug":"kommt-jetzt-die-inflation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1542","title":{"rendered":"Kommt jetzt die Inflation?"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">In Deutschland gibt es eine Gruppe von Menschen, die man als Inflationspropheten bezeichnen k\u00f6nnte. Sie warnen bei kleinsten Anl\u00e4ssen eindringlich vor Preissteigerungen auf breiter Front. Dumm nur, dass sie bis dato unrecht hatten. Die FAZ hat die Fehlprognosen von Politiker*innen und \u00d6konom*innen 2014 in einer Bildergalerie <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/zitate-die-inflations-propheten-13102596.html\">zusammengestellt<\/a>. Sie bedarf der Erweiterung. Denn gerade zieht in Deutschland wieder das Inflationsgespenst durchs Land.<!--more--><\/p>\n<p>Der j\u00fcngste Anlass? In den ersten drei Monaten des Jahres wurden in Deutschland im Vergleich zu den Vorjahresmonaten wie auch zu den Vormonaten deutlich h\u00f6here Teuerungsraten registriert. So lag die Teuerungsrate im M\u00e4rz nach einer ersten Sch\u00e4tzung bei 1,7 Prozent.<\/p>\n<p>Hier liegt der Funken Wahrheit, auf den sich die warnenden Stimmen st\u00fctzen. Schaut man sich die Zahlen genauer an, bleibt nicht viel vom Alarmismus. Zun\u00e4chst sind gestiegene Verbraucherpreise, die sich auf Werte weniger Monate beziehen, nur eine Momentaufnahme. Inflation hingegen ist definiert als ein Prozess anhaltender Preisniveausteigerungen von G\u00fctern und Dienstleistungen.<\/p>\n<p>Zum zweiten zeugen die deutschen Stimmen von einer nationalen Hybris. Geschaut wird nur auf Deutschland, dabei ist die Bundesrepublik Teil der europ\u00e4ischen Wirtschafts- und W\u00e4hrungsunion. Hier aber stieg die Inflation geringer: um 1,3 und 0,9 Prozent im M\u00e4rz und Februar. Vergegenw\u00e4rtigt man sich \u00fcberdies, dass das Inflationsziel der Europ\u00e4ischen Zentralbank (EZB), die f\u00fcr die Geldwertstabilit\u00e4t im Euroraum zust\u00e4ndig ist, bei knapp zwei Prozent liegt, fragt man sich, worin die Aufregung besteht \u2013 zumal diese Marke seit Jahren in weiter Ferne liegt. Und schlie\u00dflich sind die vergleichsweisen hohen Inflationsraten der letzten Monate auf tempor\u00e4re Sondereffekte <a href=\"https:\/\/www.boeckler.de\/pdf\/p_imk_report_166_2021.pdf\">zur\u00fcckzuf\u00fchren<\/a>: auf das Ende der deutschen Mehrwertsteuersenkung, die Achterbahnfahrt des \u00d6lpreises und pandemiebedingte Engp\u00e4sse zum Beispiel bei Computerchips und Transportkapazit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Warum aber kommt es trotz immer weiteren Ausweitungen der expansiven Geldpolitik der EZB nicht zu einer Inflation? Dazu muss man sich ansehen, was die Ursachen von Preissteigerungen sind. Einerseits k\u00f6nnen sie von massiven Nachfragesteigerungen ausgehen, die volkswirtschaftliche Kapazit\u00e4ten \u00fcberschreiten. Weder in Deutschland noch in der EU sind die Kapazit\u00e4ten jedoch ausgelastet \u2013 seit Jahren nicht. Das d\u00fcrfte sich auch nicht so schnell \u00e4ndern (Stichwort s\u00e4kulare Stagnation).<\/p>\n<p>Laut Mainstream-VWL-Lehrbuch kann eine Inflation des Weiteren durch L\u00f6hne getrieben werden. Wenn die Nominall\u00f6hne die Produktivit\u00e4t \u00fcberschreiten, k\u00f6nne es zu deutlichen Preissteigerungen kommen. Deswegen wird die Inflationsfurcht auch ins Feld gef\u00fchrt, um Forderungen nach Lohnerh\u00f6hungen abzuwehren. Kr\u00e4ftige Lohnsteigerungen, die \u00fcber der Produktivit\u00e4tsentwicklung lagen, <a href=\"https:\/\/makroskop.eu\/11-2021\/die-geissel-inflation-ist-wieder-da\/\">gab<\/a> es aber selbst in den letzten Boomjahren in Deutschland nicht. Ob damit in Zukunft zu rechnen ist, ist mit Blick auf den gewerkschaftlichen Organisationsgrad zweifelhaft.<\/p>\n<p>Sollte es wider Erwarten doch zu einer \u2013 wohlgemerkt \u2013 dauerhaften Preissteigerung kommen, hat die EZB ohnehin effektive Instrumente an der Hand, die Inflation zu d\u00e4mpfen: Zinserh\u00f6hungen. Weniger effektiv sind ihre Instrumente hingegen bei einem Preisr\u00fcckgang, bei einer Deflation. Trotz Nullzinspolitik und Aufk\u00e4ufen von Anleihen war dies das letzte Jahrzehnt das gr\u00f6\u00dfere Problem.<\/p>\n<p>Warum dann aber der Alarmismus in Deutschland? Er hat historische Gr\u00fcnde. In den 1920er Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Deutschen durch Hyperinflationen alle Ersparnisse verloren. Diese Erfahrungen sind Teil eines Legitimationsdiskurses geworden, der eine konservative Finanz- und Fiskalpolitik begleitet. Ein weiterer Grund hat paradoxerweise mit einer Inflation zu tun, die tats\u00e4chlich existiert: die Verm\u00f6genspreis-Inflation. Auf den Finanzm\u00e4rkten steigen die Preise f\u00fcr Aktien, Anleihen und Finanzprodukte jeglicher Art seit dem Eintritt des Kapitalismus in die Phase der strukturellen \u00dcberakkumulation und der Finanzialisierung seit Mitte der 1970er Jahren \u2013 und insbesondere mit dem \u00dcbergang zur expansiven Geldpolitik nach der Finanzkrise von 2008. Hauptprofiteure davon sind die Superreichen dieser Welt. Wie praktisch, dass das Gerede \u00fcber die \u00bbnormale\u00ab Inflation davon ablenkt. Dar\u00fcber hinaus erh\u00f6ht das Gerede dar\u00fcber den Druck, von der expansiven Geldpolitik abzur\u00fccken. Eben das, die vorschnelle R\u00fcckkehr zur Austerit\u00e4t, hat nach der Finanzkrise dazu beigetragen, dass in manchen EU-Staaten das Vorkrisenniveau vor dem Corona-Einbruch immer noch nicht erreicht worden war.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/kommt-jetzt-die-inflation\/\">670<\/a>, 20. April 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Deutschland gibt es eine Gruppe von Menschen, die man als Inflationspropheten bezeichnen k\u00f6nnte. Sie warnen bei kleinsten Anl\u00e4ssen eindringlich vor Preissteigerungen auf breiter Front. Dumm nur, dass sie bis dato unrecht hatten. 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