{"id":1547,"date":"2021-07-10T09:55:28","date_gmt":"2021-07-10T07:55:28","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1547"},"modified":"2021-07-19T10:02:36","modified_gmt":"2021-07-19T08:02:36","slug":"radikaler-pessimist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1547","title":{"rendered":"Radikaler Pessimist"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\">\n<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\">\n<p><em>Immer noch der Zeit voraus: Vor 50 Jahren erschien das Hauptwerk von Nicholas Georgescu-Roegen, einem Vordenker der Degrowth-Bewegung<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"has-drop-cap\">Der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Samuelson sagte einmal, dass man sich f\u00fcr die Ideen seines Freundes Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994) noch interessieren werde, wenn die heutigen Wolkenkratzer zerbr\u00f6selt seien. Zurzeit gibt es zumindest im deutschsprachigen Raum keine gro\u00dfe Diskussionen \u00fcber die Ideen, die der aus Rum\u00e4nien stammende Mathematiker und \u00d6konom 1971 in seinem Hauptwerk \u00bbThe Entropy Law and the Economic Process\u00ab ausf\u00fchrlich darlegte. Es war ein Buch, das den bis dahin hoch anerkannten Wirtschaftswissenschaftler zu einem Au\u00dfenseiter machen sollte. Seine Gedanken waren wohl zu pessimistisch, sein Angriff auf Mainstream-\u00d6konomie und Fortschrittsglauben offensichtlich zu heftig, als dass sich die \u00d6konom*innen-Zunft mit ihnen meinte ausf\u00fchrlich besch\u00e4ftigen zu m\u00fcssen.<!--more--><\/p>\n<p>Die Quintessenz seines Hauptwerkes hat Georgescu-Roegen in folgende Worte gefasst: Jeder heute neu gebaute Cadillac verk\u00fcrze die Lebenschancen k\u00fcnftiger Generationen. Sein Thema war also das, was ein Jahr sp\u00e4ter mit dem ber\u00fchmten Bericht des Club of Rome einer breiten \u00d6ffentlichkeit erstmals ins Bewusstsein drang: Die Ressourcen der Erde sind nicht erneuerbar, es gibt Grenzen des Wachstums. Georgescu-Roegens Hauptverdienst besteht darin, theoretisch begr\u00fcndet zu haben, was mit der \u00d6lkrise von 1973 zumindest vor\u00fcbergehend jedem klar geworden war \u2212 die eminente Bedeutung der Energie f\u00fcr industrialisierte Gesellschaften.<\/p>\n<h2>Entropie = Umweltverschmutzung<\/h2>\n<p>Im Zentrum von \u00bbThe Entropy Law and the Economic Process\u00ab steht die \u00dcbertragung von physikalischen Erkenntnissen aus dem Bereich der Thermodynamik auf \u00f6konomische Prozesse. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik lautet: Der Gehalt an Energie in einem geschlossenen System, d.h. ein System, das weder Energie noch Materie mit einem anderen System austauscht, ist immer konstant. Ausgangspunkt von Georgescu-Roegens \u00dcberlegung ist die Beobachtung, dass jeder \u00f6konomische Prozess mit der Umwandlung von Energie und Materie einhergeht und dass es verf\u00fcgbare und unverf\u00fcgbare Energie gebe. Menschen k\u00f6nnen im \u00f6konomischen Prozess also weder Energie oder Materie schaffen oder zerst\u00f6ren, sondern sie nur transformieren. Die gew\u00f6hnlichen Begriffe wie Produktion oder Konsum seien blo\u00df verbale Konventionen, die dies verschleierten.<\/p>\n<p>Die verf\u00fcgbare Energie geht st\u00e4ndig und unwiderruflich in nicht verf\u00fcgbare Zust\u00e4nde \u00fcber. Das ist der sogenannte zweite Hauptsatz der Thermodynamik, das Entropiegesetz. Die nicht verf\u00fcgbare Energie ist die Entropie. Georgescu-Roegen \u00fcbertr\u00e4gt das auf \u00f6konomische Prozesse. Er stellt fest, dass \u00bbder \u00f6konomische Prozess in allen seinen materiellen Bestandteilen entropisch ist\u00ab.<\/p>\n<p>Verdeutlicht werden kann dies mithilfe einer Sanduhr-Analogie. Sie ist ein geschlossenes System, Sand kann nicht hinzukommen und nicht verloren gehen. Zudem wird innerhalb des Glases weder Sand erzeugt noch vernichtet (erster Hauptsatz). Innerhalb des oberen Bereichs nimmt die Menge des Sandes kontinuierlich ab, w\u00e4hrend sie in der unteren Kammer best\u00e4ndig zunimmt. Der heruntergefallene Sand hat sein Potenzial, Arbeit zu verrichten, indem er herunterf\u00e4llt, verloren. Er weist eine hohe Entropie auf, d.h. nicht verf\u00fcgbare Energie (zweiter Hauptsatz). Der sich noch in der oberen Kammer befindliche Sand stellt dagegen niedrige Entropie dar.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>\u00bbDer Wirtschaftsprozess ist kein Kreislauf, er besteht aus der kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall.\u00ab<\/p>\n<p><cite>Nicholas Georgescu-Roegen<\/cite><\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>\u00dcbertragen auf \u00f6konomische Prozesse bedeutet dies, dass gerade mit Beginn der kapitalistischen Industrialisierung in rasantem Tempo verf\u00fcgbare Energie oder niedrige Entropie \u2013 vor allem fossile Brennstoffe wie Kohle, \u00d6l und Gas \u2013 durch das Verbrennen in nicht verf\u00fcgbare Energie (hohe Entropie) umgewandelt wurden. Kritiker*innen wenden ein, dass die Erde kein geschlossenes System sei, weil sie durch die Sonneneinstrahlung Energie aufnimmt. Entscheidend ist aber, dass das heutige \u00f6konomische System auf fossilen Energietr\u00e4gern beruht. Diese sind zwar durch Sonneneinstrahlung entstanden, allerdings dauerte das Millionen von Jahre. Deshalb sind Kohle und \u00d6l faktisch nicht erneuerbar, ihre Vorr\u00e4te begrenzt.<\/p>\n<p>Georgescu-Roegen ging noch einen Schritt weiter und schlug ein viertes Gesetz der Thermodynamik (das dritte kann hier vernachl\u00e4ssigt werden) vor, das die G\u00fcltigkeit des Entropie-Gesetzes auf die Materie \u00fcbertr\u00e4gt. So w\u00fcrde Eisen verrosten und Motoren und Autoreifen verschlei\u00dfen. Das Gesetz lautet: \u00bbEs ist unm\u00f6glich, Stoffe komplett zu recyceln.\u00ab Aus einer theoretisch-physikalischen Sicht geh\u00f6rt dieses Gesetz aber nicht zur Thermodynamik, wird eingewendet, weil sich diese ausschlie\u00dflich auf Energie bezieht. Gleichwohl d\u00fcrfte vollst\u00e4ndiges Recycling tats\u00e4chlich unm\u00f6glich sein, wie etwa auch der Schlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema \u00bbWachstum, Wohlstand, Lebensqualit\u00e4t\u00ab konstatiert.<\/p>\n<h2>Radikalkritik der Wirtschaftswissenschaften<\/h2>\n<p>Georgescu-Roegens Erkenntnisse stellen somit eine fundamentale Kritik an vorherrschenden Schulen der Wirtschaftswissenschaften dar. An der neoklassischen, der er selbst angeh\u00f6rt hatte, wie auch an dominanten marxistischen Str\u00f6mungen. Die neoklassische \u00d6konomie begreift Wirtschaft als einen Kreislauf, in dem Rohstoffe unendlich vorhanden sind bzw. durch andere substituiert werden k\u00f6nnen. Physikalische Tatsachen spielen in ihr keine Rolle. Georgescu-Roegen h\u00e4lt diesen Kreislaufgedanken, der einschlie\u00dft, dass \u00f6konomische Prozesse einfach umgekehrt werden k\u00f6nnen, f\u00fcr die \u00bbErbs\u00fcnde der modernen National\u00f6konomie\u00ab. Er schreibt: \u00bbDer Wirtschaftsprozess ist kein Kreislauf, er besteht aus der kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall, oder, um einen gel\u00e4ufigen Begriff zu verwenden, in Umweltverschmutzung.\u00ab Dies bedeutet eine radikale Infragestellung des Fortschrittsdenkens der industriellen Moderne. Wirtschaftswachstum und Produktivit\u00e4t, die der Wohlfahrt der heute lebenden Menschen dienen sollen, bedeuten im Grunde nichts anderes als die beschleunigte Zunahme von Umweltverschmutzung bzw. Entropie zulasten k\u00fcnftiger Generationen.<\/p>\n<p>Insofern ist auch das Setzen auf die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte und auf Wachstum in der marxistischen Tradition im Grunde eine Wette auf die beschleunigte Destruktion der Biosph\u00e4re. Denn Wachstum ging empirisch bislang stets mit einem Mehr an Ressourcen- und Energieverbrauch einher \u2013 ungeachtet allen Entkopplungsbem\u00fchungen. Nichtsdestotrotz sind marxistische Ans\u00e4tze eher mit den Gedanken von Georgescu-Roegen kompatibel als die b\u00fcrgerliche Volkswirtschaftslehre. Denn Marx und Engels argumentierten, dass die Natur sehr wohl neben der Arbeit eine Quelle des stofflichen Reichtums sei. Und vor allem warnten sie, dass die kapitalistische Produktion \u00bbnur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergr\u00e4bt: die Erde und den Arbeiter.\u00ab<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Begrenzung des Bev\u00f6lkerungswachstums, zur\u00fcck zur Scholle? Georgescu-Roegen scheute sich nicht, radikale Folgerungen zu ziehen, die mit linken Positionen in Konflikt geraten.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Georgescu-Roegen zeigte sich entt\u00e4uscht davob, dass seine Warnrufe weitgehend ungeh\u00f6rt verhallten und sich die \u00d6konomien nicht hin zu einem Wirtschaftssystem auf regenerativer Basis wandelten. Dabei hatte er durchaus Einfluss. Er gilt als Begr\u00fcnder der \u00d6kologischen \u00d6konomie und als Vordenker der wachstumskritischen Bewegung in Frankreich (und Italien). Eine von ihm autorisierte franz\u00f6sische \u00dcbersetzung seiner Text gab dieser ihren Namen: decroissance. Einer seiner Sch\u00fcler, Herman Daly, verfasste das in der Degrowth-Bewegung einflussreiche Buch \u00bbSteady-state Economics\u00ab. Doch selbst davon distanzierte sich Georgescu-Roegen, der einen immer radikaleren \u00f6kologischen Standpunkt vertrat. Den Gedanken einer station\u00e4ren, \u00fcber l\u00e4ngere Zeit wachstumslosen Wirtschaft und das inzwischen popul\u00e4re Konzept von nachhaltiger Entwicklung kritisierte er scharf. Heute w\u00fcrde er wohl \u00e4hnlich mit Green-New-Deal-Konzepten verfahren. Auch seine Zusammenarbeit mit dem Club of Rome war nicht von Dauer. Entt\u00e4uscht schrieb er, der Club tanze nur noch um die Computer herum, statt mit voller Kraft den Kampf aufzunehmen gegen die R\u00fcstungsproduktion, gegen die Rohstoffverschwendung f\u00fcr Luxus in den Industriel\u00e4ndern, gegen die schrecklichen Ungleichheiten zwischen den Nationen.<\/p>\n<p>Er selbst bevorzugte den Begriff Bio\u00f6konomie und stellte entsprechend ein bio\u00f6konomisches Minimalprogramm mit dem Ziel vor, die Entropiezunahme merklich zu verlangsamen. Die wichtigsten Punkte: Stopp von Kriegen und Kriegsproduktion sowie Verzicht auf Mode und Luxuskonsum. Zudem sollten die Industriel\u00e4nder den sogenannten Entwicklungsl\u00e4ndern einen annehmbaren Lebensstandard erm\u00f6glichen und das ungebremste Bev\u00f6lkerungswachstum m\u00fcsse ein Ende haben, damit die Menschheit sich durch organische Landwirtschaft ern\u00e4hren k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Begrenzung des Bev\u00f6lkerungswachstums, zur\u00fcck zur Scholle? Georgescu-Roegen scheute sich nicht, radikale Folgerungen zu ziehen, die mit linken Positionen in Konflikt geraten. Als Linker sah er sich ohnehin nicht. Sein Verdienst ist es, die \u00f6kologischen Folgen der Industrialisierung in ihrer ganzen Tragweite durchdacht zu haben \u2013 und das zu einer Zeit, in der vom Klimawandel, dem gravierendsten Umweltproblem, noch gar nicht die Rede war. Bis die Wolkenkratzer zerbr\u00f6selt sind, sollte man also nicht warten, um sich mit \u00bbThe Entropy Law and the EconomicProcess\u00ab und weiteren Texten von Georgescu-Roegen wie \u00bbEnergy and Economic Myths\u00ab zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/bewegung\/radikaler-pessimist\/\">672<\/a>, 15. Juni 2021<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer noch der Zeit voraus: Vor 50 Jahren erschien das Hauptwerk von Nicholas Georgescu-Roegen, einem Vordenker der Degrowth-Bewegung Der Nobelpreistr\u00e4ger Paul Samuelson sagte einmal, dass man sich f\u00fcr die Ideen seines Freundes Nicholas Georgescu-Roegen (1906-1994) noch interessieren werde, wenn die &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1547\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Immer noch der Zeit voraus: Vor 50 Jahren erschien das Hauptwerk von Nicholas Georgescu-Roegen, einem Vordenker der Degrowth-Bewegung","footnotes":""},"categories":[84],"tags":[89],"class_list":["post-1547","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okologie","tag-wachstumskritik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1547"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1550,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1547\/revisions\/1550"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1547"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1547"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1547"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}