{"id":155,"date":"2008-05-01T13:40:25","date_gmt":"2008-05-01T11:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=155"},"modified":"2008-05-01T13:40:25","modified_gmt":"2008-05-01T11:40:25","slug":"ein-ungeheuer-betritt-die-politische-buhne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=155","title":{"rendered":"Hunger \u2013 Ein Ungeheuer betritt die politische B\u00fchne"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Seit Jahrzehnten sterben t\u00e4glich 20.000 Menschen an den Folgen von Hunger. Doch sie hungern und sterben nicht etwa, weil es zu wenig Lebensmittel gibt, sondern weil sie deren Marktpreise nicht zahlen k\u00f6nnen. \u00bbHungerkatastrophen sind (demnach) soziale Krisen, die das Versagen spezifischer \u00f6konomischer und sozialer Systeme widerspiegeln,\u00ab wie der Begr\u00fcnder der \u00bbpolitischen \u00d6kologie des Hungers\u00ab Michael Watts schreibt. Die Normalit\u00e4t kapitalistischer Verh\u00e4ltnisse taugt freilich nicht, um etwa die Agenda einer Tagung des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (mit)zubestimmen. Dazu kommt es erst, wenn der Gang der kapitalistischen \u00d6konomie dazu f\u00fchrt, dass infolge der drastisch gestiegenen Lebensmittelpreise und Hungerrevolten Regierungen gest\u00fcrzt werden \u2013 so wie j\u00fcngst in Haiti \u2013 und \u00fcberdies \u00e4hnliches f\u00fcr eine weitere Reihe von Staaten bef\u00fcrchtet wird. So warnte der IWF-Vorsitzende Dominique Strauss-Kahn auf der Fr\u00fchjahrstagung des IWF vor einer Gef\u00e4hrdung des Friedens und den Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften. Der deutsche Finanzminister Peer Steinbr\u00fcck sprach gar von einem Ungeheuer, welches die politische B\u00fchne betreten habe.<!--more--><br \/>\nDies zeigt erneut: Der stumme Zwang der \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse kommt erst dann zur Sprache, wenn er so dr\u00e4ngend wird, dass es zu politischen Unruhen kommt.<br \/>\nWas ist der Hintergrund f\u00fcr diese zu Recht drastischen Warnungen? Es ist der Anstieg der Preise f\u00fcr landwirtschaftliche Roherzeugnisse. Auch die BewohnerInnen der priviligierten kapitalistischen Staaten der Nordhalbkugel bekommen ihn zu sp\u00fcren, wenn sie im Supermarkt tiefer f\u00fcr Milch und Brot in die Tasche greifen m\u00fcssen. Doch f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung der Entwicklungsstaaten, die z.T. bis zu 80% ihres Einkommens f\u00fcr Lebensmittel ausgibt, wird dies schnell zu einer Frage des \u00dcberlebens. Vor allem wenn der Anstieg so rapide verl\u00e4uft wie seit einem Jahr. So ist der von der UNO-Organisation f\u00fcr Ern\u00e4hrung und Landwirtschaft (FAO) ermittelte Food-Price-Index innerhalb von zw\u00f6lf Monaten um 57% gestiegen. Reis ist in den letzten zehn Monaten sogar um 75% teurer geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Welche verheerenden Konsequenzen das hat, verdeutlicht eine Sch\u00e4tzung von Agrarforschern von der University of Minnesota. Sie sch\u00e4tzen, dass die Verteuerung von Grundnahrungsmitteln um ein Prozent die Zahl der Hungernden auf der Welt um 16 Millionen vergr\u00f6\u00dfert.<br \/>\nAls Faktoren f\u00fcr diesen Preisanstieg geltend gemacht werden in den Mainstream-Medien in der Regel mehrere. Die Neue Z\u00fcrcher Zeitung (13.4.2008) hat diese pr\u00e4gnant zusammengefasst.<br \/>\n\u00bbEnergie: Hohe \u00d6l- und Gaspreise verteuern Produktion, Verarbeitung und Transport von Nahrungsmitteln.<br \/>\nAppetit: In China, Indien und anderen Schwellenl\u00e4ndern mit hohem Wirtschaftswachstum \u00e4ndern sich die Ern\u00e4hrungsgewohnheiten. Je gr\u00f6\u00dfer die Nachfrage nach Fleisch, desto mehr Getreide wird verf\u00fcttert.<br \/>\nUrbanisierung: Das verf\u00fcgbare Ackerland schwindet, die Zahl der urbanen Konsumenten steigt. Ende 2008 werden laut Uno erstmals \u00fcber 50 Prozent der Weltbev\u00f6lkerung in St\u00e4dten leben.<br \/>\nBiotreibstoffe: Industrienationen f\u00f6rdern die Produktion von Biotreibstoffen, um ihre Abh\u00e4ngigkeit vom Erd\u00f6l zu mindern. Auf immer mehr Feldern w\u00e4chst statt Nahrung Rohmaterial f\u00fcr Treibstoff.<br \/>\nWetter: Hurrikane, \u00dcberschwemmungen, D\u00fcrreperioden: Umweltkatastrophen, ob vom Menschen mitverschuldet oder nicht, sorgen f\u00fcr Ernteausf\u00e4lle.<br \/>\nSpekulanten: An der B\u00f6rse versuchen Investoren, von der starken Nachfrage nach Agrarprodukten zu profitieren. Oft treibt dies die Preise weiter hoch.<br \/>\nVorr\u00e4te: Viele Staaten haben ihre Getreidevorr\u00e4te aufgebraucht und sich von Importen abh\u00e4ngig gemacht.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch diese Aufz\u00e4hlung vernachl\u00e4ssigt entscheidende Aspekte. Einerseits hat die jahrzehntelange neoliberale Politik von IWF und Weltbank mit ihren Strukturanpassungsprogrammen daf\u00fcr gesorgt, dass die landwirtschaftliche Produktion der Kleinbauern der S\u00fcdhalbkugel einseitig auf den Export ausgerichtet wurde. Gleichzeitig wurden die Agro-Konzerne subventioniert, die ihre \u00dcberschussproduktion in die \u00bbDritte Welt\u00ab exportierten. Die Folge: die Vernichtung der dortigen lokalen Produktion, da diese nicht mit den Weltmarktpreisen konkurrieren konnte. Im Gefolge dieser Prozesse haben weltweit 20 bis 30 Millionen Menschen ihr Land verloren.1<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zudem wird noch nichts dar\u00fcber ausgesagt, welches Gewicht den einzelnen Faktoren zukommt, die insgesamt zu dem Bild des \u00bbperfekten Sturms\u00ab beitrugen, mit dem die Direktorin des Weltern\u00e4hrungsprogramms, Josette Sheeran, die j\u00fcngsten Ereignisse charakterisierte. Und die Experten sind sich derzeit auch nicht einig, ob eine Gewichtung der einzelnen Faktoren \u00fcberhaupt sinnvoll ist. Um das an einem Beispiel zu problematisieren: Sicher trifft es zu, dass die Nachfrage in China und Indien nach Fleisch steigt. Doch wird dabei \u00fcbersehen, dass die dortige Fleischproduktion zum Teil auch f\u00fcr europ\u00e4ische und US-amerikanische Konsumenten erfolgt. So f\u00fchrt China mehr Fleisch aus, als es importiert und das Land deckt seinen Bedarf an den meisten Getreidesorten selbst. Mehr noch: Weizen und Mais werden sogar exportiert.2 So ist das China-ist-uns-alles-weg-Argument wohl eher einem westlichen Unbehagen \u00fcber den Aufstieg dieses Staates geschuldet. Denn: Die entwickelten L\u00e4nder dieser Erde verbrauchen immer noch ein Vielfaches an Fleisch und Energie als die Schwellenl\u00e4nder. W\u00fcrde in Europa und den USA nur auf drei Prozent des Fleischkonsums verzichtet, so k\u00f6nnte man mit dem eingesparten Getreide etwa eine Milliarde Menschen ern\u00e4hren. Vor Augen halten muss man sich auch die verheerende Kalorienbilanz der Fleischproduktion. Um ein Kilo Fleisch zu produzieren, ben\u00f6tigt man sieben Kilo Getreide als Futtermittel. Hinzu kommt, wie der emeritierte Agronomieprofesser Marcel Mazoyer mit dem abgekl\u00e4rt n\u00fcchternen Blick eines Wirtschaftshistorikers zeigt, dass die Nachfrage schon seit 200 Jahren stetig um ca. zwei Prozent pro Jahr steigt. Von einer aktuellen Explosion der Nachfrage k\u00f6nne insofern keine Rede sein. Im Gegenteil: Insgesamt steigt die Nachfrage nach Nahrungsmitteln heute weniger stark als noch vor 30 Jahren.3<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die jetzige Preisexplosion muss also eine andere Ursache haben \u2013 und diese hat mit der Funktionsweise des von Menschen gemachten kapitalistischen Weltmarktes zu tun. Durch den kapitalistischen Mark und der (neo)liberalen Ideologie des Freihandels werden v\u00f6llig unterschiedliche Landwirtschaften zueinander in Konkurrenz gesetzt. Somit ist die Preisexplosion, so Mazoyer, eine direkte Folge der tiefen Preise. Denn was geschieht, wenn die Weltmarktpreise \u2013 wie in den letzten Jahren \u2013 niedrig sind? Es wird weniger investiert und irgendwann k\u00f6nnen die Ertr\u00e4ge nicht mehr mit der steigenden Nachfrage mithalten. Dann wird versucht, das Getreide noch aus den entlegensten Regionen dem Markt einzuverleiben, die Preise steigen und k\u00f6nnen von einem Teil der Bev\u00f6lkerung nicht mehr bezahlt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diesen Prozess hat schon der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi beschrieben: \u00bbDie Schwierigkeit bestand jedoch darin, dass die Menschen nicht in der Lage waren, die rapide angestiegenen Getreidepreise zu bezahlen, die sich auf einem freien, aber schlecht organisierten Markte als Reaktion auf den Mangel einstellen mu\u00dften.\u00ab4<br \/>\nMit Blick auf die aktuelle Entwicklung f\u00fchrt Mazoyer dieses Argument fort: Das schwankende Angebot f\u00fchrt z.B. aufgrund von Witterungsverh\u00e4ltnissen zu Marktungleichgewichten, die die Preise schwanken lassen. Solche Schwankungen sind bereits innerhalb eines Landes erheblich, jedoch noch tausendmal schlimmer, wenn die ganze Welt ein einziger Markt ist. Mazoyer pl\u00e4diert insofern daf\u00fcr, die Preise \u00fcberall auf der Welt gem\u00e4\u00df den dort herrschenden Produktionsbedingungen festzulegen.<br \/>\nAuf diese Weise und durch die Erschlie\u00dfung von Landreserven, einer nachhaltigen Landwirtschaft , die den Prinzipien der Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t folgt, wie es von der internationalen Bewegung der Kleinbauern und Landarbeiter Via Campesina vertreten wird, k\u00f6nnten wie \u2013 zahlreiche Studien belegen \u2013 eine Verdoppelung der Ertr\u00e4ge erreicht und die Ern\u00e4hrung der wachsenden Weltbev\u00f6lkerung sichergestellt werden. Allerdings: Mit dem Anbau von Getreide f\u00fcr Agrotreibstoffe, deren \u00d6kobilanz sowieso mehr als zweifelhaft ist, und einem Fleischkonsum auf heutigem Niveau wird das wohl kaum gelingen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kurzfristig gilt es nat\u00fcrlich, die Betroffenen vor dem drohenden Hungertod zu bewahren. Dazu sind Hilfslieferungen, wie sie etwa vom IWF in H\u00f6he von 500 Millionen zugesagt wurden, unerl\u00e4sslich. Doch langfristig werden sie zum Teil des Problems, weil auf diese Weise die lokale Produktion untergraben wird. Langfristig f\u00fchrt an einer grundlegenden Ver\u00e4nderung der internationalen Handels- und Agrarpolitik kein Weg vorbei.<br \/>\nDar\u00fcber hinaus besteht in der jetzigen Situation der hohen Lebensmittelpreise die Gefahr, dass die internationalen Agro-Konzerne die Katastrophe nutzen, um sich zus\u00e4tzliche Bodenfl\u00e4chen zulasten der Kleinbauern anzueignen. So wird die industrialisierte Landwirtschaft, die mit einer fortschreitenden \u00bburspr\u00fcnglichen Akkumulation\u00ab einhergeht, fortgeschrieben.6 Dagegen gilt es ein Verst\u00e4ndnis von Hunger(katastrophen) stark zu machen, welches diese \u2013 wie Mike Davis es in Anschluss an Michael Watts eindrucksvoll in \u00bbDie Geburt der Dritten Welt\u00ab gezeigt hat \u2013 immer auch als Terrain f\u00fcr Klassenk\u00e4mpfe betrachtet.7<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><br \/>\n1) Vgl. Philip McMichael, Feeding the World: Agriculture, Development and Ecology, in: Socialist Register 2007. Coming to terms with Nature, London\/New York\/Halifax 2007, S. 175.<br \/>\n2) http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/17\/nahrungskrise-china-klima-gentechnik<br \/>\n3) Marcel Mazoyer, Eine hellgr\u00fcne Revolution. Interview mit Marcel H\u00e4nggi, in: WOZ. Die Wochenzeitung, 3.4.2008.<br \/>\n4) Karl Polanyi, The Great Transformation. Politische und \u00f6konomische Urspr\u00fcnge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, Frankfurt\/M. 1978, S. 221.<br \/>\n5) Vgl. Uwe Hoering, Agrar-Kolonialismus. Eine andere Landwirtschaft ist m\u00f6glich, Hamburg 2007.<br \/>\n6) Vgl. hierzu John P. Neelsen, Landwirtschaft und Ern\u00e4hrung \u2013 Stundenglas der kapitalistischen Produktionsweise, in: Helmut Arnold\/Gert Sch\u00e4fer (Hrsg.), Dann fangen wir von vorne an. Fragen des kritischen Kommunismus, Hamburg 2007, S. 171-190.<br \/>\n7) Vgl. Mike Davis, Die Geburt der Dritten Welt. Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter, Berlin 2004, in dem Davis beschriebt, wie die verheerenden Hungerkatastrophen Ende des 19. Jahrhunderts nicht allein auf Naturkatastrophen zur\u00fcckzuf\u00fchren sind, sondern auf das Zusammenspiel der ersten Welle der kapitalistischen Globalisierung und der Integration der b\u00e4uerlichen Subsistenzwirtschaft in den Weltmarkt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2008\/heft_nr_5_mai_2008\/\">Sozialismus 5\/2008<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit Jahrzehnten sterben t\u00e4glich 20.000 Menschen an den Folgen von Hunger. 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