{"id":1553,"date":"2021-08-15T19:27:19","date_gmt":"2021-08-15T17:27:19","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1553"},"modified":"2021-09-09T19:30:14","modified_gmt":"2021-09-09T17:30:14","slug":"ach-so-achtsam-in-den-burn-out","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1553","title":{"rendered":"Ach so achtsam in den Burn-out"},"content":{"rendered":"<h2>Fall f\u00fcr die innere K\u00fcndigung: Clemens Bruno Gatzmagas Deb\u00fct \u00bbJacob tr\u00e4umt nicht mehr\u00ab taucht tief ins moderne, neoliberale Agenturleben<\/h2>\n<p>Er verflucht die Banker, die Anzugtr\u00e4ger, die Marketingmenschen &#8211; und vor allem sich selbst. Jacob, Ende 20, arbeitet in einer Agentur, die Unternehmen bei ihren Digitalstrategien unterst\u00fctzt. Und das ziemlich erfolgreich. Ein paar Jahre noch und ihm ist eine Stelle im Management sicher. Doch dann l\u00e4uft alles aus dem Ruder.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Anruf vom Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer, kurz vor dem Daily Stand-up-Meeting. Er fragt, ob Jacob und sein Team sich an der Ausschreibung einer gro\u00dfen Bank f\u00fcr ein Smart-Banking-Programm, im Agenturslang: an einem sogenannten Pitch, beteiligen k\u00f6nnen. L\u00e4ssig sagt Jacob zu &#8211; und hat dann richtig Stress. Brainstorming bis nach Mitternacht, auch die folgenden Tage Arbeit bis weit in die Abendstunden.<\/p>\n<p>Er postet bei Instagram ein Bild von sich mit Pizzakarton im Hintergrund und den Worten \u00bbLast man standing\u00ab. Als er sp\u00e4tnachts ins Bett geht, kann er nicht schlafen, der Pitch geht ihm nicht aus dem Kopf. Dann wird er krank, hat Fieber, aber nat\u00fcrlich schleppt er sich weiter zur Arbeit. Privatleben? Der geplante Urlaub mit der Freundin Stella muss dann eben warten.<\/p>\n<p>Der Leser ahnt fr\u00fch, das kann nicht gut gehen &#8211; und tut es auch nicht. Auf dem Weg zur Pr\u00e4sentation in der Bankzentrale bekommt das Romandeb\u00fct von Clemens Bruno Gatzmaga pl\u00f6tzlich traumhaft-unwirkliche Z\u00fcge. Der Protagonist \u00f6ffnet einen Gullydeckel und taucht in die Kanalisation ab. Im Bankgeb\u00e4ude verl\u00e4uft er sich und findet sich in einem Wald wieder. \u00bbEtwas stimmt nicht mit mir, dachte ich, zu wenig Schlaf, zu viel zu tun. Alles ging zu schnell, geriet durcheinander.\u00ab Doch Jacob findet zur\u00fcck in den Konferenzraum und zieht die Pr\u00e4sentation bravour\u00f6s durch &#8211; trotz massiv pochender Schl\u00e4fen. Zum Abschied hei\u00dft es \u00bbBis dahin, keep innovating\u00ab.<\/p>\n<p>Dazu kommt es nicht: Auf dem R\u00fcckweg bricht Jacob zusammen, als er eine Mail aus der Buchhaltung erh\u00e4lt, die moniert, dass die Leistungsdaten seines Teams nicht stimmen. Er findet sich im Krankenhaus wieder, wo er zwei Wochen bleibt. Burn-out. Davon aber kein Wort zu den Kollegen.<\/p>\n<p>Nach der R\u00fcckkehr in die Agentur dauert es nicht lange, bis er im alten Modus aus To-do-Listen-Abarbeiten, F\u00fchrungskr\u00e4fte-Jour-Fixes und Achtsamkeitstraining ist. Bis ihm vom Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer mitgeteilt wird, dass der Pitch verloren ist. \u00bbSchei\u00dfe. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Die ganze Arbeit, der ganze Stress, der gecancelte Urlaub, alles f\u00fcr die Katz.\u00ab<\/p>\n<p>Daraufhin k\u00fcndigt Jacob zun\u00e4chst innerlich, dann richtig. Bis hierhin, ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte des Textes, lebt der Roman des in Wien lebenden Digitalexperten, Texters und Journalisten Gatzmaga von den Einblicken in die Arbeitswelt moderner Agenturen. Englische Begriffe wie Pitch oder Project Lead, Wendungen wie \u00bbmehr Power in die Sales Pipe\u00ab oder \u00bbmehr Commitment gew\u00fcnscht\u00ab vermitteln authentisch, wie das neoliberale Versprechen auf Selbstverwirklichung mit \u00dcberforderung, der Entgrenzung von Arbeit sowie narzisstischer Online-Selbstdarstellung einhergeht.<\/p>\n<p>Anspr\u00fcchen, denen Jacob trotz des Achtsamkeitstrainings in der Agentur bald nicht mehr gen\u00fcgen kann. Oder gerade deswegen? Schlie\u00dflich steht Achtsamkeit im Ruf, nur eine besonders perfide Variante der neoliberalen Selbstoptimierung zu sein. Ein Verdacht, der durch Gatzmagas Buch best\u00e4tigt wird.<\/p>\n<p>Die Romanszenen, in der Jacobs Selbsteinsch\u00e4tzung und sein Wahrnehmungskorridor gepr\u00fcft werden und er vom \u00bbFitnesstrainer f\u00fcr Emotionen\u00ab Feedback zur \u00bbemotionalen Standortbestimmung\u00ab bekommt oder in Atem\u00fcbungen unterrichtet wird, zeugen davon und erinnern an Sekten. New Work, Mindfulness und agile Leitungssysteme &#8211; sie dienen dazu, die Besch\u00e4ftigten mit Haut und Haar auf das Unternehmensziel einzuschw\u00f6ren. Wer Zweifel erkennen l\u00e4sst, wie Jacob, ger\u00e4t auf das Abstellgleis. Der Ausbootung kommt Jacob durch seine K\u00fcndigung zuvor.<\/p>\n<p>Der zweite Teil des Buches beschreibt, wie Jacob sich neu orientiert, vergeblich einen Job im Non-Profit-Bereich sucht, einen, der wirklich Sinn macht, und angesichts von Arbeitslosigkeit mit zunehmenden Selbstzweifeln zu k\u00e4mpfen hat. Und es wird beschrieben, wie Jacob zu seiner Gro\u00dfmutter aufs Dorf f\u00e4hrt, wo er viele Jahre seiner Jugend verbracht hat. Der Leser erf\u00e4hrt in einer R\u00fcckblende von seiner Kindheit, dem fr\u00fchen Tod der Mutter und dem Vater, der von diesem Schicksalsschlag schwer gezeichnet ist.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich endet das Buch mit einer erneuten surrealen Szene: Jacob verl\u00e4uft sich im kleinen Waldst\u00fcck der Kindheit und versinkt in einem Moor. Tr\u00e4umt Jacob, der das Tr\u00e4umen verlernt hatte, nun doch? Sind es Albtr\u00e4ume, die ihn heimsuchen?<\/p>\n<p>Die Grenzen zwischen Realit\u00e4t und Unwirklichem verschwimmen. Clemens Bruno Gatzmaga hat mit seinem Deb\u00fct einen eindr\u00fccklichen Roman aus der modernen Arbeitswelt vorgelegt. Im Gegensatz zur ersten H\u00e4lfte wei\u00df die zweite nicht ganz so zu \u00fcberzeugen. Manche Entwicklungen und Entscheidungen sind dem Autor etwas zu unvermittelt geraten. Dennoch ein lesenswerter Roman.<\/p>\n<p><i>Clemens Bruno Gatzmaga: Jacob tr\u00e4umt nicht mehr. Karl-Rauch-Verlag, 176 S., geb., 20 \u20ac.<\/i><\/p>\n<p>aus: <a href=\"https:\/\/www.nd-aktuell.de\/artikel\/1155099.jacob-traeumt-nicht-mehr-ach-so-achtsam-in-den-burn-out.html?sstr=Speckmann\">nd<\/a>, 30.07.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fall f\u00fcr die innere K\u00fcndigung: Clemens Bruno Gatzmagas Deb\u00fct \u00bbJacob tr\u00e4umt nicht mehr\u00ab taucht tief ins moderne, neoliberale Agenturleben Er verflucht die Banker, die Anzugtr\u00e4ger, die Marketingmenschen &#8211; und vor allem sich selbst. 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