{"id":1556,"date":"2021-09-24T17:56:07","date_gmt":"2021-09-24T15:56:07","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1556"},"modified":"2021-10-11T17:58:33","modified_gmt":"2021-10-11T15:58:33","slug":"co2-preise-richtet-es-doch-der-markt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1556","title":{"rendered":"CO2-Preise: Richtet es doch der Markt?"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">ielerorts ist es seit geraumer Zeit zu lesen: Der Markt und das Europ\u00e4ische Emissionshandelssystem (ETS) richten es doch! Die Preise f\u00fcr den Aussto\u00df von CO<sub>2<\/sub> sind in letzter Zeit so stark gestiegen, dass sie den Betrieb von Kohlekraftwerken bald unrentabel machen w\u00fcrden \u2013 lange bevor laut Kohleausstiegsgesetz das letzte Kraftwerk 2038 seine Tore schlie\u00dfen wird.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei galt das ETS seit seiner Einf\u00fchrung 2005 lange Zeit als v\u00f6llig wirkungsloses Instrument zur Minderung der Kohlendioxidemissionen. Die Grundidee des ETS ist folgende: Wer klimasch\u00e4dliche Gase in die Luft bl\u00e4st, muss daf\u00fcr bezahlen. Doch wenn stromintensive Industrie- und Energieunternehmen billig an Zertifikate kommen, k\u00f6nnen sie weitermachen wie bisher. Und genau das ist der Fall, weil ein Teil der Zertifikate von der EU verschenkt wird. Daher d\u00fcmpelten die Preise f\u00fcr die Verschmutzungsrechte bei wenigen Euro herum, 2017 waren es noch f\u00fcnf Euro pro Tonne. Doch seit 2018 steigen die Preise, j\u00fcngst <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/strom\/rekord-beim-co-preis-geknackt\">\u00fcberschritten<\/a> sie sogar die 60-Euro-Marke.<\/p>\n<p>Nun, so das Argument, k\u00f6nnte ein Punkt erreicht werden, an dem Unternehmen anfangen, in klimafreundlichere Techniken zu investieren. Und f\u00fcr die Braunkohleverstromung wird <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/gesellschaft\/das-ende-der-kohleverstromung-wie-wir-sie-kennen\">prognostiziert<\/a>, dass sich diese bald nicht mehr lohnen w\u00fcrde. So <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/unternehmen\/die-co2-preise-explodieren-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">erwarten Analyst*innen<\/a>, dass noch dieses Jahr der Preis f\u00fcr den Aussto\u00df einer Tonne CO<sub>2<\/sub> auf \u00fcber 100 Euro steigen k\u00f6nnte. Das Potsdam-Institut f\u00fcr Klimafolgenforschung rechnet mit einem Ende der Kohleverstromung in Europa bis 2030. Sorgt der marktgetriebene Kohleausstieg daher f\u00fcr einen schnelleren Ausstieg als ordnungspolitische Vorschriften?<\/p>\n<p>Ganz so leicht ist es nicht. Erstens ist der Grund f\u00fcr die Preissteigerung von CO<sub>2<\/sub>-Zertifikaten selbst Resultat einer politischen Vorgabe: Die EU hat beschlossen, den Aussto\u00df von Treibhausgasen bis 2030 um 55 statt 40 Prozent im Vergleich zu 1990 zu senken. Deshalb sollen die Emissionszertifikate weiter verknappt werden. Darauf reagiert der Markt nun offenkundig. \u00dcbrigens sind auch spekulative Anleger*innen mit im Spiel, die Zertifikate in der Hoffnung auf steigende Preise halten.<\/p>\n<p>Zweitens wurde im ersten Halbjahr 2021 trotz gestiegener Preise f\u00fcr die Verschmutzungsrechte mehr Kohle verstromt als im Vorjahreszeitraum. Laut Statistischem Bundesamt <a href=\"https:\/\/www.destatis.de\/DE\/Presse\/Pressemitteilungen\/2021\/09\/PD21_429_43312.html\">betrug<\/a> dieser Anstieg 35,5 Prozent. Kohle machte damit 27,1 Prozent der insgesamt eingespeisten Strommenge aus. Insbesondere die Stromeinspeisung aus Windkraft war mit einem R\u00fcckgang \u00fcber 21 deutlich niedriger als im 1. Halbjahr 2020. Ursache: vor allem die k\u00fchle und windarme Witterung. Die Braunkohle profitierte dabei auch vom deutlichen Anstieg des Preises f\u00fcr Erd- und Fl\u00fcssiggas wegen der erh\u00f6hten Nachfrage aus Asien, wie die Agora Energiewende <a href=\"https:\/\/www.klimareporter.de\/images\/dokumente\/2021\/08\/a-ew-227-abschaetzung-klimabilanz-de-2021-web.pdf\">analysiert<\/a>. Die Folge: Im Vergleich zu Gaskraftwerken habe sich die Aussicht auf Profite bei Braunkohlekraftwerken verbessert, weil Braunkohlestrom g\u00fcnstiger ist als Strom aus Gaskraftwerken.<\/p>\n<p>Und viertens kommt hinzu, dass sich der Stromverbrauch im ersten Halbjahr 2021 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erh\u00f6ht hat (2020 war er infolge des ersten Corona-Lockdowns gesunken) und wieder auf dem Niveau von 2019 ist. Infolgedessen stieg der Preis an der B\u00f6rse auf bis zu sieben Cent pro Kilowattstunde (2020 waren es nur drei Cent). Das erm\u00f6glicht derzeit einen rentablen Betrieb der Kohlekraftwerke.<\/p>\n<p>Somit ist keineswegs ausgemacht, ob der marktgetriebene Kohleausstieg noch vor dem politischen 2038 kommt, weil es die eine Stellschraube am Markt nicht gibt. Die Preise auf dem Zertifikatemarkt steigen zwar, aber andere Marktentwicklungen \u2013 z.B. h\u00f6here Preise f\u00fcr Gas \u2013 k\u00f6nnen diesen Anstieg hintertreiben. Und vor allem: Wenn der Ausbau von erneuerbaren Energien weiter stockt, k\u00f6nnte Kohlestrom doch wieder daf\u00fcr herhalten, den prognostizierten <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/altmaier-stromverbrauch-deutschland-erhoeung-101.html\">erh\u00f6hten Energiebedarf<\/a> infolge der Elektrifizierung der Mobilit\u00e4t etc. zu decken.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Klima kommt 2030 oder 2038 ohnehin zu sp\u00e4t. 2021 werden die deutschen Emissionen gegen\u00fcber dem Vorjahr wieder erheblich ansteigen. Insofern f\u00fchrt der Fokus auf marktbasierte Klimaschutzinstrumente, wie er sich derzeit auch im Bundestagswahlkampf in der Diskussion um eine sozial gerechte CO<sub>2<\/sub>-Bepreisung \u00e4u\u00dfert, in die Irre. Sie greifen \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 zu sp\u00e4t und lassen viel wirksamere Ma\u00dfnahmen au\u00dfer Acht: Zum Beispiel die Abschaffung der milliardenschweren Subventionierung von fossiler Verstromung, den Ausbau erneuerbarer Energien oder die Diskussion, wie eine andere Produktions- und Lebensweise den Energie- und Ressourceneinsatz verringern k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/co2-preise-richtet-es-doch-der-markt\/\">674<\/a>, 21.09.2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>ielerorts ist es seit geraumer Zeit zu lesen: Der Markt und das Europ\u00e4ische Emissionshandelssystem (ETS) richten es doch! 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