{"id":1568,"date":"2021-11-02T18:18:08","date_gmt":"2021-11-02T17:18:08","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1568"},"modified":"2021-12-14T18:25:05","modified_gmt":"2021-12-14T17:25:05","slug":"der-traum-ist-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1568","title":{"rendered":"Der Traum ist aus"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\"><strong> Linke Utopien setzen auf materiellen Wohlstand f\u00fcr alle. \u00d6kokollaps und Endlichkeit von Energieressourcen erfordern ein Umdenken<\/p>\n<p><\/strong><\/div>\n<div>\n<p class=\"has-drop-cap\">Es dauerte eine halbe Milliarde Jahre, bis sich fossile Brennstoffe bilden konnten. Aber es wird nur wenige Jahrhunderte dauern, bis Kohle, Erd\u00f6l und Erdgas verheizt sind. Bis zum Beginn der Industrialisierung lebten die Menschen auf der Erde von den vorhandenen Energiefl\u00fcssen des Planeten. Erst mit dieser wurden die Energiereserven angetastet. \u00d6l, Kohle und Gas, in geologischer Vorzeit entstanden aus toten Pflanzen oder Tieren, sind nichts anderes als gespeicherte Sonnenenergie. Im Vergleich zur zerstreut auf die Erde einstrahlenden Sonnenenergie haben sie eine enorm hohe Energiedichte. Ohne fossile Brennstoffe w\u00e4re die gewaltige Zunahme von Wirtschaftswachstum, stofflichem Reichtum und Wohlstand des industriellen Kapitalismus nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div>\n<p>Aber seit Anfang der 1970er Jahre ist ins \u00f6ffentliche Bewusstsein ger\u00fcckt, dass es Grenzen des Wachstums gibt, und seit mindestens drei Jahrzehnten ist klar: Die Verbrennung von fossilen Brennstoffen hat massenhaft CO<sub>2<\/sub> freigesetzt und nimmt Einfluss auf das Klima. Katastrophenszenen infolge des Klimawandels gibt es mittlerweile auch in den fr\u00fchindustrialisierten Staaten, das Thema ist ins Zentrum der Politik ger\u00fcckt (nicht allerdings das der Endlichkeit der Ressourcen). Doch der herrschende Klimaschutz setzt auf Marktinstrumente, neue Technologien und den Ausbau von erneuerbaren Energien. Bis dato hat das noch nicht zur Reduktion von Emissionen gef\u00fchrt oder zur Vorbereitung auf das \u00bbEnde der Kohlenstoff-Zivilisation\u00ab. (1)<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass eine nicht auf fossilen Brennstoffen basierende Alternative zum Kapitalismus schwer mit Utopien wie Sozialismus oder Kommunismus in Einklang zu bringen ist, fehlt in der Linken.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Warum? Weil dem Handeln falsche Vorstellungen von Energie zugrunde liegen. Es wird so getan, als ob erneuerbare Energien im \u00dcberfluss vorhanden w\u00e4ren und sie fossile ersetzen k\u00f6nnten, ohne dass das fundamentale Auswirkungen f\u00fcr unsere Gesellschaftssysteme h\u00e4tte. Die Art und Weise des Produzierens und Konsumierens in der Kohlenstoff-Zivilisation, eine Anomalie in der Geschichte der Menschheit, wird mehr oder minder als selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr die Zukunft angesehen. Dabei ist klar, dass das nicht funktionieren kann. Irgendwann wird es kein \u00d6l f\u00fcr die Wirtschaft mehr geben, und vorher schon wird der Klimawandel die Erde in einen teils dystopischen Ort verwandeln.<\/p>\n<p>Auch die Linke ist auf die Doppelkrise von Klimakatastrophe und Endlichkeit der Energieressourcen schlecht eingestellt. Ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass eine nicht auf fossilen Brennstoffen basierende Alternative zum Kapitalismus schwer mit linken Utopien wie Sozialismus oder Kommunismus in Einklang zu bringen ist, fehlt. Zugespitzt formuliert: Nicht l\u00e4nger Wachstum und \u00dcberfluss sind Grundlage von Alternativen zum Kapitalismus, sondern Knappheit und Grenzen. (vgl. \u00bb<a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/bewegung\/bye-bye-ueberfluss\/\">Bye, bye \u00dcberfluss<\/a>) W\u00fcrden Konsummuster und Energieverbrauch der EU-Staaten global verallgemeinert, br\u00e4uchte es den Planeten Erde dreimal.<\/p>\n<h2>Linke Utopien ohne Grenzen des Wachstums<\/h2>\n<p>Die Utopien sozialistischer, anarchistischer oder marxistischer Provenienz \u2013 sie entstanden in einer Zeit, als von den biophysikalischen oder planetaren Grenzen der Erde noch keine Rede war. Auch die Marxsche Tradition entpuppt sich somit als Kind ihrer Zeit. Sie ist ideengeschichtlich an die Besonderheit der \u00bbKohlenstoff-Zivilisation\u00ab gebunden.<\/p>\n<p>Obwohl sie Zeitgenossen der Entstehung der Thermodynamik, der Wissenschaft von der Energie, waren, haben Marx und Engels das Studium der Energie nicht in ihre Analyse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte einbezogen. Sie haben mit ihrer Kategorie der Produktivkr\u00e4fte und der Dialektik von diesen und Produktionsverh\u00e4ltnissen an vielen Stellen Technikoptimismus und Fortschrittsglauben das Wort geredet; die Arbeiter*innenbewegungen griffen das dankbar auf. Und Fortschritt gab es ohne Zweifel, der fossile Kapitalismus schuf insbesondere in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts stofflichen Reichtum und Wohlstand nie gesehenen Ausma\u00dfes. Viele schwere k\u00f6rperliche Arbeiten wurden von Maschinen \u00fcbernommen. Lebensstandard und -erwartung stiegen deutlich an. Aber gleichzeitig wurde mit der Verbrennung von Kohle, \u00d6l und Gas der Grundstein f\u00fcr das Klimaproblem gelegt, und die Fortschritte w\u00e4ren ohne koloniale Ausbeutung nicht m\u00f6glich gewesen.<\/p>\n<p>So gesehen erweisen sich die Produktivkr\u00e4fte ebenso als Destruktivkr\u00e4fte. Das hat vor allem auch mit dem auf Privateigentum an den Produktionsmitteln beruhenden Konkurrenzprinzip kapitalistischer \u00d6konomien zu tun. Warum sollte ein Unternehmen, das einen effizienteren Maschinenpark angeschafft hat, den Output konstant halten, wenn es diesen auch steigern und so mehr Profit erzielen kann? Der weit verbreitete Glaube an Effizienz als Mittel, um Emissionen und Material zu sparen, ist eine Illusion. Als <a href=\"https:\/\/k1371.dyndns.org\/aksuche\/ak642\/18.htm\">Rebound-Effekt <\/a>wurde das immerhin in den letzten Jahren verst\u00e4rkt diskutiert, meist aber nicht, dass der Rebound-Effekt auch als spezifischer Ausdruck des kapitalistischen Gewinnstrebens interpretiert werden kann.<\/p>\n<p>Von den Destruktivkr\u00e4ften sprachen Marx und Engels explizit. Sie \u00e4u\u00dferten im \u00dcbrigen an vielen Stellen auch ein Bewusstsein davon, dass die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz zur Expansion \u00f6kologisch verheerende Folgen haben wird oder, wie sie es nannten, zum \u00bbRiss im Stoffwechsel mit der Natur\u00ab f\u00fchrt. Aber nat\u00fcrlich hatten sie keine Ahnung vom Klimawandel oder davon, dass der Verlust der Biodiversit\u00e4t infolge des immer weiteren Vordringens fossil-kapitalistischer Produktionsweisen in einer globalisierten Welt einmal zur Entstehung von Pandemien beitragen wird.<\/p>\n<h2>Reduzierung der Energie- und Stofffl\u00fcsse<\/h2>\n<p>Die Analyse des Energieeinsatzes in wirtschaftlichen Prozessen trieb insbesondere der Mathematiker und \u00d6konom <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/bewegung\/radikaler-pessimist\/\">Nicholas Georgescu-Roegen<\/a> voran. Er \u00fcbertrug den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik, das Entropiegesetz, auf \u00f6konomische Prozesse. Stets wird dabei verf\u00fcgbare Energie (Kohle, \u00d6l) in unverf\u00fcgbare Energie (Abw\u00e4rme, Emissionen) transformiert, so dass das Ma\u00df hierf\u00fcr, die Entropie, irreversibel ansteigt. Einmal genutzte Energie kann daher kein zweites Mal in Arbeit umgewandelt werden, ein einmal verwendeter Stoff nur erneut genutzt werden, wenn er mit h\u00e4ufig sehr hohem Material- und Energieaufwand recycelt wird. \u00bbJede Nutzung nat\u00fcrlicher Ressourcen f\u00fcr die Befriedigung unwesentlicher Bed\u00fcrfnisse bedeutet eine geringere Menge Leben in der Zukunft\u00ab, stellte er pessimistisch fest.<\/p>\n<p>Aber k\u00f6nnen Sonnenenergie und Windkraft nicht die fossilen Brennstoffe ersetzen, gibt es nicht l\u00e4ngst eine Energiewende? Nun ja. Rund 80 Prozent der globalen Prim\u00e4renergie, der urspr\u00fcnglich vorkommenden Energiequellen wie Kohle, Mineral\u00f6l oder Sonne und Wind, sind immer noch fossil. Wenn \u00fcberhaupt von einer Wende die Rede sein kann, dann von einer Stromwende in einigen L\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Problem bei erneuerbaren Energien ist, dass Solarmodule oder Windturbinen immer noch auf fossile Brennstoffe und Infrastrukturen angewiesen sind. Zudem haben \u00bbgr\u00fcne Energien\u00ab eine viel geringere Energiedichte und k\u00f6nnen nicht wie \u00d6l oder Kohle transportiert werden. Und vor allem ist der sogenannte Erntefaktor, der EROI (energy returned on energy invested), bei Sonne, Wind und Wasserkraft viel schlechter als bei fossilen Energien. Laut einer <a href=\"https:\/\/www.researchgate.net\/publication\/327346201_Dynamic_EROI_of_the_global_energy_system_in_future_scenarios_of_transition_to_renewable_energies\">Studie<\/a> w\u00fcrde sich schon bei einem hypothetischen Anteil von erneuerbaren Energien von 50 Prozent im globalen Energiesystem der Erntefaktor von 6:1 auf 3:1 halbieren.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Vergesellschaftete Industrien k\u00f6nnen keine Naturgesetze au\u00dfer Kraft setzen oder fossile Brennstoffe aus dem Nichts schaffen.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Nur die Eigentumsfrage in den Mittelpunkt der \u00f6kologischen Frage zu stellen, wie es die Linke noch weitgehend tut, reicht daher nicht aus. Die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln ist gewiss eine notwendige Bedingung f\u00fcr eine Produktions- und Lebensweise innerhalb der biophysikalischen Grenzen der Erde. Aber vergesellschaftete Industrien k\u00f6nnen keine Naturgesetze au\u00dfer Kraft setzen oder fossile Brennstoffe aus dem Nichts schaffen und sto\u00dfen weiter Treibhausgase aus. Eine weitere Bedingung muss hinzukommen: die drastische Begrenzung der Energie- und Stofffl\u00fcsse, eine geplante wirtschaftliche Schrumpfung der energie- und ressourcenreichen Sektoren zuv\u00f6rderst in den fr\u00fchindustrialisierten Staaten. Das allerdings geht zwangsl\u00e4ufig mit einer Reduzierung des stofflichen Reichtums sowie von Mobilit\u00e4t einher.<\/p>\n<p>Nachgedacht wird dar\u00fcber immerhin in der Degrowth-Bewegung; Wachstumskritiker*innen diskutieren auch alternative Definitionen von Wohlstand. Allerdings \u00fcben sie mehrheitlich keine Kapitalismuskritik, vernachl\u00e4ssigen die Eigentums- und Klassenfrage. All das zusammenzudenken \u2013 das k\u00f6nnte einen Ausweg aus den Katastrophenszenarien weisen.<\/p>\n<p>Was indes kein Exit aus dystopischen Szenarien verspricht, sind Green New Deals, die von gr\u00fcnen, aber auch von linken oder sozialistischen Parteien vorgeschlagen werden. F\u00fcr sie sind Begrenzungen der Energie- und Stofffl\u00fcsse (bis auf Ausnahme des DIEM-Vorschlags) kein Thema. (2) Sie verwenden Begriffe wie \u00bbsaubere\u00ab oder \u00bbgr\u00fcne\u00ab Energien und erwecken den Eindruck, dass diese fossile ersetzen k\u00f6nnten, ohne den Energieeinsatz zu senken. Sie verkennen, dass eine schlichte Umstellung auf gr\u00fcne Energien eine starke Steigerung des Abbaus und der Aneignung von Ressourcen erfordert, die vor allem im Globalen S\u00fcden zu finden sind (Lithium, Kobalt etc.). (\u00bb<a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/die-falsche-hoffnung\/\">Die falsche Hoffnung<\/a>\u00ab) Sie setzen unkritisch auf Konzepte wie <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/warum-netto-null-emissionen-kein-weg-zur-klimagerechtigkeit-sind\/\">Klimaneutralit\u00e4t<\/a> oder Netto-Null, die gro\u00dfe Landfl\u00e4chen in abh\u00e4ngigen Staaten f\u00fcr mehr als zweifelhafte CO<sub>2<\/sub>-Kompensationen vorsehen und hierzulande den Druck mindern, die Emissionen zu senken.<\/p>\n<p>Und Green New Deals erwecken den Eindruck, dass der Naturverbrauch vom Wirtschaftswachstum entkoppelt werden kann \u2013 eine Hoffnung, die zuletzt vom Forschungsbericht \u00bb<a href=\"https:\/\/eeb.org\/library\/decoupling-debunked\/\">Decoupling debunked<\/a>\u00ab massiv entt\u00e4uscht wurde. In keinem der Konzepte findet sich eine Auseinandersetzung mit der Thermodynamik und dem Entropiegesetz. Kein Green-New-Deal-Konzept stellt Kapitalakkumulation und Wirtschaftswachstum in Frage oder ber\u00fccksichtigt die historische \u00f6kologische Schuld der fr\u00fchindustrialisierten L\u00e4nder. (3) Ihre Umsetzung w\u00e4re kein Griff zur Notbremse, sondern eine Beschleunigung der Fahrt in die \u00f6kologische Katastrophe.<\/p>\n<p><strong>Anmerkungen:<\/strong><\/p>\n<p>1) Samuel Alexander, Joshua Floyd: Das Ende der Kohlenstoff-Zivilisation. Wie wir mit weniger Energie leben k\u00f6nnen, M\u00fcnchen 2020.<\/p>\n<p>2) Tone Smith: Wie radikal ist der Green New Deal?, in: Prokla 202, M\u00e4rz 2021.<\/p>\n<p>3) Christian Zeller: Green New Deal als Quadratur des Kreises, in: Prokla 202, M\u00e4rz 2021, S. 48.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ausgaben\/675\/linke-utopien-klimakrise-und-grenzen-des-wachstumsder-traum-ist-aus\/\">675<\/a>, 19. Oktober. 2021<\/p>\n<\/div>\n<div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Linke Utopien setzen auf materiellen Wohlstand f\u00fcr alle. \u00d6kokollaps und Endlichkeit von Energieressourcen erfordern ein Umdenken Es dauerte eine halbe Milliarde Jahre, bis sich fossile Brennstoffe bilden konnten. 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