{"id":1571,"date":"2021-10-28T18:25:44","date_gmt":"2021-10-28T16:25:44","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1571"},"modified":"2021-12-14T18:28:54","modified_gmt":"2021-12-14T17:28:54","slug":"druck-im-kessel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1571","title":{"rendered":"Druck im Kessel"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Gaspreisschock weitet sich zur europ\u00e4ischen Energiekrise aus<\/strong><\/p>\n<p>Ohne CO<sub>2<\/sub>-Versorgung wird Weihnachten abgesagt\u00ab, <a href=\"https:\/\/www.foodmanufacture.co.uk\/Article\/2021\/09\/17\/2-Sisters-Food-Group-owner-on-CO2-crisis-industry-at-breaking-point\">brachte es<\/a> Ranjit Boparan, der Eigent\u00fcmer der 2 Sisters Food Group, des gr\u00f6\u00dften H\u00fchner- und Putenzuchtunternehmens Gro\u00dfbritanniens plakativ auf den Punkt. Der Grund: Der Schlachtindustrie fehlt es an CO<sub>2<\/sub> zur Bet\u00e4ubung, Verpackung und K\u00fchlung von Truth\u00e4hnen. Das Kohlendioxid entsteht als Nebenprodukt bei der Herstellung von D\u00fcnger, f\u00fcr die gro\u00dfe Mengen an Erdgas ben\u00f6tigt werden. Doch die Erdgaspreise explodieren derzeit, seit Anfang des Jahres haben sie sich verdreifacht (allerdings aufgrund der Wirtschaftskrise infolge der Coronapandemie von einem geringen Ausgangsniveau). An den Spotm\u00e4rkten, wo Gas kurzfristig zum aktuellen Preis gehandelt wird, kostete der Kubikmeter Gas zeitweise zehnmal mehr als zu Jahresbeginn. Deshalb hat der US-D\u00fcngemittelhersteller CF Industries, der 60 Prozent des britischen Bedarfes f\u00fcr CO<sub>2<\/sub> deckt, k\u00fcrzlich vor\u00fcbergehend die Betriebe stilllegen m\u00fcssen. <!--more--><\/p>\n<p>Weihnachten ohne Weihnachtsbraten \u2013 das ist nur eine kuriose Folge des Gaspreisschocks, der die Politik in Europa derzeit besch\u00e4ftigt und sich zu einer Energiekrise ausweitet, weil in der EU die Preise auf dem Gro\u00dfhandelsmarkt f\u00fcr Strom an die teuersten Kraftwerke gekoppelt sind. Zurzeit sind das die Gasmeiler. Hunderttausenden Menschen mit wenig Einkommen drohen h\u00f6here Kosten f\u00fcrs Heizen \u2013 oder kalte Wohnungen. Das gilt insbesondere f\u00fcr L\u00e4nder, in denen die Preise f\u00fcr die Endkund*innen schnell auf die Preise des Gro\u00dfhandels reagieren. Schon jetzt sch\u00e4tzt die EU-Kommission, dass 34 Millionen Menschen in Europa von Energiearmut betroffen sind. In Deutschland sind langfristig laufende Vertr\u00e4ge die Regel. Aber auch hierzulande rechnen Verbrauchersch\u00fctzer*innen damit, dass es im Winter verst\u00e4rkt zum Durchschlagen der gestiegenen Gro\u00dfhandelspreise kommen wird. Teure Preise f\u00fcr Energie \u2013 das ruft gerade in Frankreich aus Sicht der Regierung unangenehme Erinnerungen an die Gelbwesten-Proteste wach.<\/p>\n<p>Was sind die Gr\u00fcnde f\u00fcr den enormen Anstieg der Erdgaspreise? Vor allem ist die schneller und kr\u00e4ftiger anziehende Konjunktur nach den Corona-Lockdowns in Asien zu nennen. Die h\u00f6here Nachfrage dort und die Bereitschaft, mehr f\u00fcr das Gas zu zahlen, l\u00e4sst hierzulande die Preise steigen. Zumal in Europa selbst das Angebot geringer ist. Die Niederlande mussten aufgrund von Erdbebengefahr ihre Gasf\u00f6rderung reduzieren. Hinzukommt, dass infolge eines kalten Fr\u00fchlings die Speicherst\u00e4nde in Europa niedriger als sonst sind. F\u00fcr die in Gro\u00dfbritannien besonders krass gestiegenen Preise sind Sonderfaktoren zu nennen: Aus der Nordsee wird weniger Gas gef\u00f6rdert, die Speicherkapazit\u00e4ten wurden in der Vergangenheit abgebaut und \u00e4ltere Atomkraftwerke mussten pl\u00f6tzlich wegen Wartungsarbeiten abgeschaltet werden. Denkbar auch, dass der Brexit ein Faktor ist. Der Energie-Binnenmarkt, dem London nun nicht mehr angeh\u00f6rt, federt gewisse Preisschwankungen ab.<\/p>\n<h2>Ist Moskau schuld?<\/h2>\n<p>In der Politik wird mit dem Finger h\u00e4ufig auf Russland gezeigt. Aus Russland stammt rund die H\u00e4lfte der deutschen Gasimporte. Der harte Vorwurf lautet: Moskau und Gazprom <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/ausland\/gedrosselte-produktion-eu-abgeordnete-verdaechtigen-gazprom-der-marktmanipulation\/27623912.html\">manipulierten<\/a> den Markt, der schwache Vorwurf, Gazprom k\u00f6nnte doch einfach mehr Gas liefern und somit durch ein gr\u00f6\u00dferes Angebot den Druck aus dem Markt nehmen. F\u00fcr beide Vorw\u00fcrfe gibt es wenig Belege. Die Bundesregierung <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/russland-gas-103.html\">stellt fest<\/a>, dass sich Russland zumindest an die vereinbarten Vertr\u00e4ge halte, und die EU-Kommission <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/konjunktur\/eu-gaspreise-101.html\">sieht keine Belege<\/a> daf\u00fcr, dass Russland die Gasmenge verknappt. Oliver Hermes, Vorstandschef des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, ist gar <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/asien\/russland-gas-103.html\">der Ansicht<\/a>, dass Gazprom 40 Prozent mehr Gas geliefert hat als im Vorjahreszeitraum und russisches Gas auf dem Spotmarkt aktuell sogar g\u00fcnstiger sei.<\/p>\n<p>Das hat auch Russlands Pr\u00e4sident Putin bemerkt, der gen\u00fcsslich kommentierte: Die hohen Gaspreise in Europa seien das Ergebnis einer marktbasierten Preisentwicklung, die sich \u00bbSchlauk\u00f6pfe\u00ab in der EU-Kommission ausgedacht h\u00e4tten. <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/erdgaspreise-russlands-riskantes-spiel-mit-erdgas-17548252.html\">Der Hintergrund<\/a> sind Bestrebungen der EU, den Energiemarkt zu diversifizieren, um von Russlands Gas unabh\u00e4ngiger zu werden. Das f\u00fchrte dazu, dass Russlands Gas nicht ausschlie\u00dflich durch langfristige Liefervertr\u00e4ge, sondern zus\u00e4tzlich durch Handel auf dem Spotmarkt nach Europa gelangt.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Die hohen Energiepreise spielen den Bef\u00fcrworter*innen der Atomkraft in die H\u00e4nde.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Dass Russland wiederum der Gaspreisschock auf dem globalen Markt mehr als gelegen kommt, ist unstrittig. Hat die russische F\u00fchrung doch nun einen Hebel in der Hand, die Konzession f\u00fcr die Inbetriebnahme der h\u00f6chst umstrittenen und bereits fertig gestellt Pipeline Nord Stream 2 fr\u00fcher zu erwirken. Schon wurde mit der \u00bbtechnischen\u00ab Bef\u00fcllung begonnen, eine Art Testballon, wie weit man ohne Konzession bereits gehen kann. Und in der deutschen Politik werden erste vereinzelte Rufe laut, die genau das fordern, um die Preise zu dr\u00fccken: eine schnelle Inbetriebnahme von Nord Stream 2.<\/p>\n<p>Mehrere EU-Staaten haben derweil bereits Ma\u00dfnahmen ergriffen, weil sie merken, dass Energiearmut zum sozialen Z\u00fcndstoff in ihren L\u00e4ndern werden k\u00f6nnte. Spanien, Italien und Griechenland haben Notfallpl\u00e4ne verabschiedet, Frankreich deckelte bis zu den Pr\u00e4sidentschaftswahlen im April 2022 die Preise f\u00fcr Gas. In Deutschland hat der erste Gasversorger seinen Betrieb eingestellt, in Gro\u00dfbritannien sind es bereits zw\u00f6lf. Dessen Kund*innen m\u00fcssen sich nun neuer Anbieter suchen \u2013 zu h\u00f6heren Preisen.<\/p>\n<h2>Klimaschutz hat es nun noch schwerer<\/h2>\n<p>Auch auf Ebene der EU-Kommission w\u00e4chst der Druck. EU-Kommissionspr\u00e4sidentin Ursula von der Leyen <a href=\"https:\/\/www.sueddeutsche.de\/wirtschaft\/gaspreis-strompreis-1.5431224\">k\u00fcndigte<\/a> \u00dcberlegungen an, ob und wie der Strom- vom Gaspreis entkoppelt werden k\u00f6nne. Auch \u00fcber die gemeinsame Beschaffung beim Gas wird nachgedacht, analog zur Beschaffung von Impfstoffen in der Coronapandemie. Auf diese Weise k\u00f6nnte die EU in den Verhandlungen mit den Lieferanten bessere Konditionen herausschlagen.<\/p>\n<p>Der Gaspreisschock hat eine weitere Konsequenz: Er legt die Schw\u00e4chen des marktbasierten Klimaschutzes offen. Die EU plant, den Emissionshandel auf Geb\u00e4ude und Verkehr auszuweiten. Angesichts der Preisrally auf den Energiem\u00e4rkten w\u00fcrde das \u00e4rmere Menschen weiter belasten. Daher mehrt sich der Widerstand gegen diese Pl\u00e4ne, Victor Orban etwa macht den Green Deal der EU f\u00fcr die Preissteigerungen verantwortlich (da ist, wie die obigen Ausf\u00fchrungen zeigen, nur wenig dran). Gleichzeitig spielt der Gaspreisschock Bef\u00fcrworter*innen der Atomkraft in die H\u00e4nde. Frankreich zum Beispiel, wo Atomkraft traditionell eine wichtige Rolle spielt, <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/wirtschaft\/klima-energie-und-umwelt\/eu-soll-wegen-hoher-energiepreise-gemeinsam-strom-und-gas-kaufen-17566236.html\">spricht sich<\/a> f\u00fcr die Klassifizierung von Atomenergie als nachhaltige Energieform in der sogenannten EU-Taxonomie aus und hat Mitte Oktober angek\u00fcndigt, eine Milliarde Euro in die Entwicklung von Mini-Kraftwerken zu investieren. Insgesamt sprechen sich zehn EU-L\u00e4nder f\u00fcr Atomenergie als \u00dcbergangsl\u00f6sung auf dem Weg zur Klimaneutralit\u00e4t aus; darunter neben Frankreich Ungarn, Polen und Finnland.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien \u00fcbrigens sprang die Regierung dem D\u00fcngemittelhersteller mit Geldern zur Hilfe. Allerdings zun\u00e4chst nur f\u00fcr drei Wochen. Ob also ausreichend CO<sub>2<\/sub> als Nebenprodukt anf\u00e4llt, um Truth\u00e4hne in ausreichender Menge f\u00fcr den Weihnachtsbraten zu schlachten, ist noch nicht gesichert.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/der-gaspreisschock-weitet-sich-zur-europaeischen-energiekrise-aus\/\">675<\/a>, 19. Oktober 2021<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Gaspreisschock weitet sich zur europ\u00e4ischen Energiekrise aus Ohne CO2-Versorgung wird Weihnachten abgesagt\u00ab, brachte es Ranjit Boparan, der Eigent\u00fcmer der 2 Sisters Food Group, des gr\u00f6\u00dften H\u00fchner- und Putenzuchtunternehmens Gro\u00dfbritanniens plakativ auf den Punkt. Der Grund: Der Schlachtindustrie fehlt es &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1571\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Der Gaspreisschock weitet sich zur europ\u00e4ischen Energiekrise aus","footnotes":""},"categories":[95],"tags":[94],"class_list":["post-1571","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-oekonomie","tag-energiepolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1571","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1571"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1571\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1572,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1571\/revisions\/1572"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1571"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1571"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1571"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}