{"id":158,"date":"2008-01-29T13:43:19","date_gmt":"2008-01-29T11:43:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=158"},"modified":"2008-01-29T13:43:19","modified_gmt":"2008-01-29T11:43:19","slug":"abschliesendes-ritual","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=158","title":{"rendered":"Abschlie\u00dfendes Ritual"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">&#8222;Wo hat man eigentlich jemals in der Welt eine Nation gesehen, die Mahnmale zur Verewigung der eigenen Schande errichtet hat?&#8220; Diese Frage stellte der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, w\u00e4hrend einer Veranstaltung im th\u00fcringischen Landtag anl\u00e4sslich des Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der diesj\u00e4hrige Jahrestag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz f\u00e4llt zeitnah zusammen mit dem Jahrestag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar vor 75 Jahren. Das war und wird Anlass f\u00fcr diverse R\u00fcckblicke wie f\u00fcr Res\u00fcmees des Umgangs mit dieser Historie sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit seinem Lob der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung in Deutschland bringt Primor auf den Punkt, was f\u00fcr die Identit\u00e4tsbildung der Bundesrepublik nach der so genannten Wiedervereinigung immer pr\u00e4gender wurde: die \u00f6ffentliche Reflexion der historischen Schuld \u2013 nunmehr materialisiert im Berliner Holocaustmahnmal, von dem der Schriftsteller Martin Walser eine &#8222;Dauerrepr\u00e4sentation unserer Schande&#8220; bef\u00fcrchtete, w\u00e4hrend Ex-Kanzler Gerhard Schr\u00f6der sich einen netten Familienausflugsort w\u00fcnschte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Lob der deutschen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung freilich verkennt mehreres. Zun\u00e4chst einmal, dass es mehrere Jahrzehnte dauerte, dass von einer solchen \u00fcberhaupt die Rede sein konnte. Die Fr\u00fchphase der Bundesrepublik zeichnete sich vielmehr durch das Gegenteil aus. Der konservative Philosoph Hermann L\u00fcbbe nannte es das &#8222;kommunikative Beschweigen&#8220; der Vergangenheit. Eine Voraussetzung nicht nur f\u00fcr die Integration der Nazi-T\u00e4ter in die Bundesrepublik, sondern auch f\u00fcr die nahezu ungebrochen Elitenkontinuit\u00e4t vom deutschen Faschismus zur BRD. Abgesichert wurde diese Integration und Elitenkontinuit\u00e4t durch ein B\u00fcndel von politischen Ma\u00dfnahmen und Amnestien der Nazi-Verbrecher.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese &#8222;Politik der Milde&#8220; hat Norbert Frei in seinem Buch &#8222;Vergangenheitspolitik&#8220; beeindruckend beschrieben. \u00dcberdies war der fr\u00fche \u00f6ffentliche Diskurs \u00fcber den Nationalsozialismus zwar von einer normativen Abgrenzung charakterisiert, die jedoch im Zeichen des Antitotalitarismus auch antikommunistisch ausgerichtet war. So konnte ein Ideologieelement des Nazismus aufgegriffen werden. Infolgedessen hielten die meisten Deutschen einer Umfrage Anfang der 1960er Jahre zufolge das &#8222;SED-Regime&#8220; f\u00fcr schlimmer als die NS-Diktatur.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Des Weiteren zeichnete sich die \u00f6ffentliche Erinnerung durch eine aus heutiger Sicht erschreckenden Empathielosigkeit gegen\u00fcber den Opfern \u2013 ausgenommen den eigenen \u2013 aus, wobei manche wie die Sinti und Roma bis heute kaum im Bewusstsein pr\u00e4sent sind. Dar\u00fcber hinaus gab es eine Solidarit\u00e4t mit den von den Alliierten angeklagten Kriegsverbrechern, die wie eine &#8222;sekund\u00e4re Best\u00e4tigung der NS-Volksgemeinschaft&#8220; (Frei) wirkte. Und Schuld schien sowieso nur eine \u00fcberm\u00e4chtige Person gehabt zu haben: Hitler.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Erst Ende der 1950er, Anfang der 1960er Jahre, anl\u00e4sslich von mehreren Prozessen gegen Kriegsverbrechen und vor allem dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt, setzte der Prozess ein, der f\u00fcr die heutige Erinnerungskultur so pr\u00e4gend ist: der negative Bezug auf den Holocaust. Schlie\u00dflich wurde erst mit der 68er-Bewegung die stillschweigende Eingliederung der NS-Verbrecher kritisiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zudem wei\u00df jeder, der sich ein wenig mit der Geschichte der Gedenkst\u00e4tten in der Bundesrepublik besch\u00e4ftigt hat, dass es hartn\u00e4ckiger und beharrlicher Arbeit der Organisationen der ehemaligen H\u00e4ftlinge (wie der &#8222;Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes&#8220; u.a.), von Jugendverb\u00e4nden und Gewerkschaften bedurfte, die nicht selten auf heftige Widerst\u00e4nde der lokalen Beh\u00f6rden stie\u00df, um ein w\u00fcrdiges Andenken und nachhaltige Aufkl\u00e4rung zu erreichen. Die Geschichte der KZ-Gedenkst\u00e4tte Neuengamme in Hamburg, die in diversen Publikationen nachzulesen ist, markiert hier nur die Spitze des Eisbergs.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit der geistig-moralischen Wende unter Kanzler Helmut Kohl freilich setzte eine Gegentendenz ein. Hier seien die Stichworte &#8222;Normalisierung&#8220; und &#8222;Ziehen eines Schlussstrichs&#8220; genannt, die Ausdruck in der wohl ber\u00fchmtesten vergangenheitspolitischen Debatte fanden: dem Historikerstreit. In dieser ging es im Kern um die so genannte Singularit\u00e4tsthese des Holocaust, die \u2013 berechtigterweise \u2013 relativierenden Vergleichen vorbeugen sollte. Doch ging mit der Postulierung derselben die Gefahr einher, dass der Judenmord aus dem geschichtlichen Fluss herausgel\u00f6st bzw. vermieden wird, etwa \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Schattenseiten und Errungenschaften der kapitalistischen Moderne nachzudenken.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Zusammenbruch des Realsozialismus 1989\/90 ver\u00e4nderte dann die Auseinandersetzung mit dem deutschen Faschismus fundamental. Denn nun sah sich die Bundesrepublik mit zwei Kapiteln einer dunklen Vergangenheit konfrontiert. Zwar blieb die Erinnerung an den Nationalsozialismus trotz weiterer Schlussstrichbem\u00fchungen \u2013 man denke an Martin Walsers Paulskirchenrede \u2013 und trotz deutscher Opferdiskurse weiterhin pr\u00e4gend. Doch mit der leichtfertigen und durch seri\u00f6se Betrachtungen nicht zu rechtfertigenden Parallelisierung des Nazi-Faschismus mit der untergegangene DDR (sechs Millionen ermordeter Juden sind eben nicht mit sechs Millionen Stasiakten zu vergleichen) vermischte sich die \u00f6ffentliche Erinnerung. Somit war stets die Gefahr der Relativierung der Nazi-Verbreuchen gegeben. Dies hatte Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrates der Sinti und Roma, im Sinne, als er in seiner Stellungnahme zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus anmahnte, st\u00e4rker zwischen Unrecht in der DDR und Nazi-Verbrechen zu unterscheiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und noch eine Konsequenz ergab sich, worauf Franziska Augstein hingewiesen hat. Dadurch dass im Diskurs der Bundesrepublik der Faschismus mit der DDR auf eine Stufe gestellt wird, wird die \u00dcberlegenheit der Bundesrepublik \u00fcber die DDR zementiert und die Erinnerung an den Nazi-Faschismus entsch\u00e4rft. Augstein hat das pointiert in folgende Worte gefasst: &#8222;Die Bundesrepublik braucht die DDR, um sich \u00fcber sie vom Nationalsozialismus abzusto\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf diese Weise setzte eine Normalisierung des deutschen Staates ein. Au\u00dfenpolitisch agiert man wie ein gew\u00f6hnlicher Staat \u2013 Kriegseins\u00e4tze einer rot-gr\u00fcnen Regierung, eben mit dem Verweis auf &#8222;Nie wieder Auschwitz&#8220;, eingeschlossen. Somit hat die &#8222;Inkorporierung der Erinnerung&#8220; in das nationale Selbstverst\u00e4ndnis keineswegs die &#8222;Dauerrepr\u00e4sentation unserer Schande&#8220; zur Folge, sondern wird mit dem Verweis auf die angeblich so gelungene und immer gro\u00dfspuriger daherkommende Vergangenheitsbew\u00e4ltigung selbst Quelle eines neuen nationalen Selbstbewusstseins. Es hat den Charakter eines abschlie\u00dfende Rituals, welches mal implizit oder explizit mit dem Verweis auf die nun jahrzehntelange demokratische und rechtsstaatliche Tradition der Bundesrepublik durch die \u00dcbernahme &#8222;westlicher Werte&#8220; einhergeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Bekenntnis zur T\u00e4terschaft und die Mahnung, die Verbrechen nicht zu vergessen, geschieht auf einer moralisch-abstrakten Ebene, die das Geschehene weitgehend enthistorisiert, entkontextualisiert und entkonkretisiert. \u00dcbersehen wird dabei, dass die westliche Moderne gerade nicht alleiniger Garant f\u00fcr Frieden und Freiheit ist, sondern gerade ihre Elemente den Weg in die Katastrophe wiesen. Der Holocaust war kein Bruch mit der kapitalistischen Moderne, sondern ihre Schattenseite. Ausgeschlossen werden somit Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge, die eine Verbindung von Vergangenem und Gegenw\u00e4rtigen herstellen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das Lob der deutschen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung erscheint insofern als etwas verfr\u00fcht. Es k\u00e4me darauf an, eben gerade kontinuit\u00e4tstheoretische Bez\u00fcge stark zu machen und parallel dazu ihre Vermittlung in die \u00f6ffentliche Diskussion zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=11188&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wo hat man eigentlich jemals in der Welt eine Nation gesehen, die Mahnmale zur Verewigung der eigenen Schande errichtet hat?&#8220; Diese Frage stellte der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, w\u00e4hrend einer Veranstaltung im th\u00fcringischen Landtag anl\u00e4sslich des Gedenktages &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=158\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[],"class_list":["post-158","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichtspolitik"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=158"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/158\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=158"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=158"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=158"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}