{"id":1582,"date":"2022-03-01T13:34:18","date_gmt":"2022-03-01T12:34:18","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1582"},"modified":"2022-03-24T13:38:56","modified_gmt":"2022-03-24T12:38:56","slug":"das-leben-als-schulterzucken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1582","title":{"rendered":"Das Leben als Schulterzucken"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\">\n<p><strong>\u00c9douard Louis\u2019 Buch \u00fcber seine Mutter handelt von patriarchaler Zerst\u00f6rung \u2013 und von Befreiung<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p>Das Vorg\u00e4ngerbuch \u00fcber den Vater war eine von Rachegef\u00fchlen getriebene Anklage. Es schlug f\u00f6rmlich mit S\u00e4tzen wie \u00bbJacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt\u00ab oder \u00bbEmmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller\u00ab um sich. In \u00c9douard Louis\u00b4 Pendant zur Mutter fehlt diese plakative Wut weitgehend, sie ist einem einf\u00fchlsamen, behutsamen Ton gewichen. Das hei\u00dft nicht, dass die Gesellschaftskritik aus Louis\u2019 Text verschwunden ist. Die von der Klassengesellschaft und von m\u00e4nnlicher Herrschaft ausgehende Gewalt ist fast auf jeder Seite von \u00bbDie Freiheit einer Frau\u00ab pr\u00e4sent.<!--more--><\/p>\n<p>In dem schmalen und mit wenigen, aber aussagekr\u00e4ftigen Fotos der Protagonistin illustrierten Buch beschreibt der 30-j\u00e4hrige franz\u00f6sische Autor eine Emanzipationsgeschichte. Es ist die seiner Mutter. Mit 16 geht die aus einer Arbeiterfamilie stammende Monique auf eine Hotelfachschule, sie will K\u00f6chin werden, ihr Traum \u2013 wenn auch nur die Fortsetzung dessen, was sie umgibt: Frauen kochen und bedienen. Doch sie wird bald schwanger. Es folgen: der Abbruch der Ausbildung, die Heirat um des sch\u00f6nen Scheins willens, Hausfrau mit 18 und mit 20 zweifache Mutter. Der Mann entpuppt sich bald als schwerer Alkoholiker, der fremd geht. Sie verl\u00e4sst ihn. Der erste Ausbruchsversuch scheitert schnell, weil sie auf einen Mann angewiesen ist, der Geld nach Hause bringt. Und dieser \u2013 der Vater des Autors \u2013 ist \u00e4hnlich wie der erste. Er trinkt, dem\u00fctigt sie vor anderen, zw\u00e4ngt sie ein in die eigenen vier W\u00e4nde; er verbietet ihr, den F\u00fchrerschein zu machen, verhindert, dass sie ihre eigene Familie besuchen kann. Der Unterschied: Monique bleibt fast zwanzig Jahre bei ihm \u2013 mit R\u00fccksicht auf die gemeinsamen Kinder, die noch geboren werden.<\/p>\n<p>Dann, als es der mit Louis in Eins zu setzende Ich-Erz\u00e4hler schon fast nicht mehr glauben mag, packt sie die Sachen ihres Mannes in M\u00fclls\u00e4cke, schmei\u00dft diese vor das Haus und sperrt ihn aus. Sie verl\u00e4sst ihn, verliebt sich neu, zieht zu dem neuen Partner nach Paris und wird \u2013 endlich \u2013 so etwas wie gl\u00fccklich.<\/p>\n<h2>Klassenanalytische Reflexionen<\/h2>\n<p>Die Art, wie Louis \u00fcber seine Erinnerungen an das Leben seiner Mutter schreibt, macht das Besondere des Textes aus. Gedanken \u00fcber das eigene Schreiben, Rekonstruktionen einschneidender Begebenheiten mit der Mutter, die Einbettung in eine klassenanalytische und soziologische Reflexion geh\u00f6ren ebenso dazu wie pointierte Formulierungen wie \u00bbIhr Leben war ein einziges Schulterzucken geworden\u00ab. Sie bringen auf den Punkt, wof\u00fcr andere Autor*innen etliche Seiten ben\u00f6tigen.<\/p>\n<p>An \u00dcberzeugungskraft gewinnt das Buch auch durch die ehrliche Weise, wie Widerspr\u00fcchlichkeiten im Verh\u00e4ltnis zu Monique zur Sprache kommen. Obgleich der Autor zum Zeitpunkt des Schreibens seiner Mutter sehr zugetan ist, war das in seiner Kindheit und Jugend nicht immer so. Louis bezeichnet sich selbst gar als einen der Akteure der Zerst\u00f6rung, die seine Mutter so zugesetzt haben. Als die Mutter einmal betrunken zu den Scorpions sang \u2013 einer der raren Momente, wo sich Freude auf ihrem Gesicht fand \u2013 schreit er sie an: \u00bbMach das Lied aus.\u00ab Nicht, weil er dieses furchtbar findet, sondern: \u00bbIch begriff nicht warum, aber ich hasste es, sie gl\u00fccklich zu sehen, ich hasste dieses L\u00e4cheln auf ihren Lippen, die pl\u00f6tzliche Nostalgie, die Zufriedenheit.\u00ab<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Aus Louis\u2019 neuem Buch ist die Wut verschwunden, nicht aber die Gesellschaftskritik.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Zur Sprache kommen auch Konflikte, die der Erz\u00e4hler wegen seines Schwul-Seins mit seiner Mutter hatte. Er versuchte ihr dies zu verheimlichen, lie\u00df Einladungen zu Schulveranstaltungen verschwinden, aus Furcht, dass seine Mutter miterleben muss, wie er zum Ziel von Spott und Gewalt wird. Als Monique ihm sagte, dass er als Kind doch immer gel\u00e4chelt habe, sieht er das als Zeichen des Triumphes: Sie wusste nicht, wie sehr er daran litt, schwul zu sein.<\/p>\n<p>Louis\u2019 klassenanalytische Sensibilit\u00e4t ist am beeindruckendsten, als er von der kurzzeitigen engen Freundschaft seiner Mutter zu einer depressiven, an Liebeskummer leidenden Frau erz\u00e4hlt. Als es dieser wieder besser geht, wendet sie sich von Monique ab, gr\u00fc\u00dft diese nicht mal mehr. Als der Ich-Erz\u00e4hler die Frau nach dem Warum fragt, antwortet diese, sie ertrage die Familie nicht mehr, die Tischsitten, den st\u00e4ndig laufenden Fernseher, die Art, wie der Vater mit ihr umgehe. Louis analysiert: \u00bbAls ob im Grunde der Liebeskummer, ein psychologischer Faktor, die sonst g\u00fcltigen gesellschaftlichen Gesetze au\u00dfer Kraft gesetzt h\u00e4tte \u2013 die Tatsache, dass die Angeh\u00f6rigen einer gesellschaftlichen Schicht stets nur Kontakt mit ebendieser Schicht haben, dass zwischen den Klassen so gut wie kein Austausch m\u00f6glich ist.\u00ab<\/p>\n<h2>Ein b\u00fcrgerliches Happy End?<\/h2>\n<p>Die Kluft zwischen den Klassen \u2013 sie wird auch sichtbar, als der Ich-Erz\u00e4hler aufs Gymnasium und auf die Universit\u00e4t geht. Erst, als er Kontakt mit der b\u00fcrgerlichen Welt hat, sieht er die patriarchale Gewalt, die im Arbeitermilieu auf dem Dorf herrschte. Wegen seiner Mutter sch\u00e4mt er sich, weil sie in der Nase bohrt und schlechtes Franz\u00f6sisch spricht. \u00bbDu kleiner Dreckskerl\u00ab, sagt sie zum Sohn, der ihre Ausdrucksweise korrigiert und ihr Benimmregeln beibringen will.<\/p>\n<p>Erst durch die Befreiung und Wandlung der Mutter zur Frau, \u00bbdie, wie sie es selber sagte, tut, was alle anderen Frauen tun: sich schminken, sich pflegen, sich frisieren\u00ab, verbessert sich das Verh\u00e4ltnis zwischen Sohn und Mutter. Doch selbst das vermeintliche Happy End wird relativiert durch die Existenz der Klassengesellschaft. Gl\u00fccklich in herk\u00f6mmlichen (b\u00fcrgerlichen?) Sinne ist die Mutter auch in Paris nicht: Frankreich hat sie noch nie verlassen, sie kauft ihre Nahrungsmittel in Armeleute-Superm\u00e4rkten, ist \u00f6konomisch weiter abh\u00e4ngig von einem Mann, und die b\u00fcrgerlichen Frauen blicken auf sie herab. Und dennoch: Sie selbst sagt, sie sei gl\u00fccklich und freut sich darauf, in zehn Jahren mit ihrem Partner im Wohnwagen durch Frankreich fahren zu k\u00f6nnen. So ist ihre Ver\u00e4nderung doch eine positive, auch \u00bbwenn sie in einem gewissen Ma\u00dfe von der Gewalt der Klassenordnung eingeschr\u00e4nkt wird\u00ab.<\/p>\n<section id=\"anmerkungen\" class=\"wp-block-ak-anmerkungen\">\n<div>\n<p>\u00c9douard Louis: Die Freiheit einer Frau. S. Fischer, Frankfurt\/Main 2021. 93 Seiten, 17 EUR.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/gesellschaft\/edouard-louis-freiheit-einer-frau-patriachat-befreiung\/\">678<\/a>, 18.02.2022<\/p>\n<\/div>\n<\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00c9douard Louis\u2019 Buch \u00fcber seine Mutter handelt von patriarchaler Zerst\u00f6rung \u2013 und von Befreiung Das Vorg\u00e4ngerbuch \u00fcber den Vater war eine von Rachegef\u00fchlen getriebene Anklage. 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