{"id":1590,"date":"2022-05-20T10:59:29","date_gmt":"2022-05-20T08:59:29","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1590"},"modified":"2022-06-21T11:03:28","modified_gmt":"2022-06-21T09:03:28","slug":"wirken-die-sanktionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1590","title":{"rendered":"Wirken die Sanktionen?"},"content":{"rendered":"<p class=\"has-drop-cap\">Man kann die im Titel gestellte Frage rasch beantworten. Nein, die Strafma\u00dfnahmen des Westens gegen Russland wirken nicht, wenn man sich von ihnen erhofft hatte, dass sie den Krieg in der Ukraine beenden. Sie wirken auch nicht, wenn man von ihnen einen Ruin der russischen Wirtschaft erwartet hatte. Nach dem ersten Schock, der sich vor allem im Verfall des Au\u00dfenwerts des Rubels ausgedr\u00fcckt hatte, gelang es der russischen Zentralbank mit einem B\u00fcndel von Ma\u00dfnahmen, dessen Kurs zu stabilisieren. In der Folge konnte es sich die Bank sogar leisten, den unmittelbar nach dem Verh\u00e4ngen der Sanktionen auf 20 Prozent heraufgesetzten Leitzins in zwei Schritten auf 14 Prozent zu senken. <!--more--><\/p>\n<p>Hintergrund: Die Ma\u00dfnahmen der Zentralbank \u2013 neben der Zinserh\u00f6hung u.a. strikte Kapitalverkehrskontrollen und die Pflicht f\u00fcr russische Importeure, 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen in Rubel zu konvertieren \u2013 hatten den Rubelkurs erfolgreich gest\u00fctzt.<\/p>\n<p>Auch von der anfangs erwarteten Staatspleite ist inzwischen nicht mehr viel die Rede. Ohnehin ging es dabei immer nur um einen sogenannten \u00bbtechnischen\u00ab Zahlungsausfall. Russland k\u00f6nnte theoretisch die ausstehenden Zinsen bedienen, darf es aber aufgrund des weitgehenden Ausschlusses aus dem Finanzsystem nicht. Und \u00fcberhaupt ist Russlands Staatsverschuldungsquote mit unter 20 Prozent in Relation zum Bruttoinlandprodukt viel niedriger als in westlichen Staaten.<\/p>\n<p>Hinzu kommt: Moskau profitiert zurzeit paradoxerweise davon, dass sich die westlichen Staaten von russischen fossilen Energien l\u00f6sen wollen. Durch den Sturm auf alternative Lieferl\u00e4nder steigen die Energiepreise insgesamt, und da Russland immer noch eine Menge \u00d6l und Gas an die EU liefert, nimmt es auch mehr ein. \u00bbDas Land k\u00f6nnte dadurch finanziell sogar mit der H\u00e4lfte der bisherigen \u00d6lexportmenge auskommen\u00ab,\u00a0<a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/politik\/konjunktur\/russland-sanktionen-russlands-staatsverschuldung-ist-geradezu-winzig\/28314004.html\">stellt<\/a>\u00a0Rolf J. Langhammer vom Kieler Institut f\u00fcr Weltwirtschaft fest.<\/p>\n<p>\u00dcberdies tragen viele L\u00e4nder, darunter China als wichtigster Einzelabnehmer Russlands, die Sanktionen nicht mit. So hat Russland die M\u00f6glichkeit, vor allem \u00d6l, weil es leichter zu transportieren ist, in andere Staaten zu verkaufen. Insofern wird auch das EU-\u00d6lembargo, das sich bei Redaktionsschluss dieser ak-Ausgabe noch in der Abstimmung befand, die russische \u00d6konomie kaum in die Knie zwingen. Es sei denn, den USA (und der EU) gel\u00e4nge es, China dazu zu bewegen, ebenfalls Russland zu sanktionieren. Das ist aber unrealistisch.<\/p>\n<p>Die kurzfristigen Auswirkungen der Sanktionen sind insofern \u00fcberschaubar. Doch die mittel- und langfristigen haben es in sich. Schon jetzt prognostiziert der IWF dem Land f\u00fcr dieses Jahr einen Einbruch der Wirtschaftsleistung um 8,5 Prozent und im kommenden Jahr um 2,3 Prozent. Russische Bankenexpert*innen sch\u00e4tzen den R\u00fcckgang noch etwas h\u00f6her ein. Die Inflation wird ihnen zufolge dieses Jahr auf 22 Prozent\u00a0<a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/wirtschaft\/weltwirtschaft\/russland-zentralbank-22-prozent-inflation-101.html\">ansteigen<\/a>. F\u00fcr die Breite der Bev\u00f6lkerung ist dies ein Problem, k\u00f6nnen sie sich doch weniger f\u00fcr ihr Geld leisten.<\/p>\n<p>Richtig problematisch d\u00fcrfte indes der Exportbann von Hightechg\u00fctern durch westliche Staaten f\u00fcr Russland werden. Die dortige \u00d6konomie basierte bis zum Kriegsbeginn im Februar im Wesentlichen darauf, durch die hohen Rohstofferl\u00f6se den Import von insbesondere hochwertigen G\u00fctern zu finanzieren. Nun mehren sich die Nachrichten, dass Fabriken aufgrund fehlender Komponenten und Ersatzteile aus dem Westen ihre Tore schlie\u00dfen m\u00fcssen, teils betrifft das auch R\u00fcstungsbetriebe.<\/p>\n<p>Die russische Nationalbank geht davon aus, dass das bis zum Jahresende ein breites Ph\u00e4nomen sein wird. Erwerbslosigkeit und soziale Verelendung werden die Folge sein. Und es geht dabei nicht nur um Computerchips, sondern beispielsweise auch um Ersatzteile, die ben\u00f6tigt werden, um in B\u00e4ckereien Brot zu backen. 90 Prozent der B\u00e4ckereien sollen auf importierte Teile\u00a0<a href=\"https:\/\/www.vox.com\/23049187\/russia-sanctions-ukraine-ruble\">angewiesen sein<\/a>.<\/p>\n<p>Auch die russische Autoproduktion ist von westlichen Konzernen abh\u00e4ngig. Die hat sich aber gr\u00f6\u00dftenteils aus dem Land zur\u00fcckgezogen. Ohne Renault, VW oder Mercedes w\u00fcrden sich die Russen auf dem technologischen Stand der Nachkriegszeit bewegen, so der Experte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich verlassen junge, gut ausgebildete Russ*innen zu Tausenden das Land. Ber\u00fccksichtigt man diesen Brain Drain, erscheinen Prognosen, dass sich Russland langfristig auf Lebensstandards aus Sowjetzeiten wird einstellen m\u00fcssen, nicht ausgeschlossen. Putins Willen, den Krieg fortzusetzen, scheint das indes nicht zu beeinflussen.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/russlands-wirtschaft-wirken-die-sanktionen\/\">682<\/a>, 17. Mai 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Man kann die im Titel gestellte Frage rasch beantworten. Nein, die Strafma\u00dfnahmen des Westens gegen Russland wirken nicht, wenn man sich von ihnen erhofft hatte, dass sie den Krieg in der Ukraine beenden. 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