{"id":1592,"date":"2022-04-16T11:03:49","date_gmt":"2022-04-16T09:03:49","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1592"},"modified":"2022-09-21T10:12:32","modified_gmt":"2022-09-21T08:12:32","slug":"ueber-kurz-oder-lang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1592","title":{"rendered":"\u00dcber kurz oder lang"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\">\n<p><strong>In den Zusammenfassungen zum Weltklimaratbericht fiel Wachstumskritik unter den Tisch<\/strong><\/p>\n<\/div>\n<p class=\"has-drop-cap\">Im September 2021 leakten die Scientists for Future einen Teil des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPPC). <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/inland\/gesellschaft\/scientist-rebellion-101.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Sie\u00a0hatten Sorge<\/a>, dass die Politik den \u00bbsystemkritischen\u00ab Gehalt des Berichts verw\u00e4ssern wird. So k\u00f6nnte die Aussage kassiert werden, dass das Wirtschaftswachstum unseren Planeten zerst\u00f6re. Ihre Bef\u00fcrchtungen waren nicht unbegr\u00fcndet. Denn die Praxis bei der Erstellung der IPPC-Berichte ist komplex. \u00dcber Jahre werten Hunderte Wissenschaftler*innen Tausende Studien zum Klimawandel aus und fassen diese auf Tausenden von Seiten zusammen. Und zum Schluss beraten Politiker*innen aller 195 Mitgliedsregierungen \u00fcber Zusammenfassungen f\u00fcr die Entscheidungstr\u00e4ger*innen. Vorteil: Die Politik muss sich intensiv mit dem Gesamtbericht auseinandersetzen. Nachteil: Sie kann entscheiden, was in der Zusammenfassung unter den Tisch f\u00e4llt. <!--more--><\/p>\n<p>Ende Februar wurde der zweite Teil des sechsten IPPC-Berichts ver\u00f6ffentlicht. Zentrale Aussage: Die Folgen des Klimawandels sind <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/ipcc-bericht-das-zeitfenster-steht-auf-kipp\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">noch katastrophaler als angenommen<\/a>. Anfang April erschien dann der dritte und vorab geleakte letzte Teil. Er befasst sich mit der voraussichtlichen Entwicklung der globalen Erw\u00e4rmung bis zum Jahr 2100 und damit, wie Emissionen verringert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In der Kurzfassung ist von Systemkritik tats\u00e4chlich keine Rede mehr. Im Gegenteil, alle Szenarien gehen davon aus, dass die Minderung der Emissionen bei Zunahme des Bruttoinlandsprodukts (BIP) m\u00f6glich ist. Insofern haben die Scientists for Future einerseits Recht behalten. Andererseits hat die Wachstumskritik in der exakt 2.913 Seiten starken Langfassung des dritten Teils tats\u00e4chlich Einzug gehalten. (Auch im zweiten Teil war sie bereits enthalten.) Der englische Begriff \u00bbDegrowth\u00ab taucht knapp 30 Mal auf. An einer Stelle hei\u00dft es: \u00bbAuch die Degrowth-Bewegung mit ihrem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit statt Rentabilit\u00e4t hat das Potenzial, den Wandel durch alternative Praktiken wie die F\u00f6rderung des Austauschs nichtmonet\u00e4rer G\u00fcter und Dienstleistungen zu beschleunigen.\u00ab Zudem werden Studien angef\u00fchrt, die zeigen, dass nur mit einem geringeren BIP das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen ist.<\/p>\n<p>Nur: Leider spielte die komplette Fassung in der Medienberichterstattung kaum eine Rolle, fast alle\u00a0bezogen sich auf\u00a0die Zusammenfassung. Zwar kommt auch in dieser zur Sprache, dass Emissionsreduktionen nur gelingen, wenn Finanzm\u00e4rkte und \u00d6konomien umgestaltet werden und alle verf\u00fcgbaren Instrumente angewendet werden. Aber im Wesentlichen wird der Common Sense in der Klimapolitik wiedergegeben: Die Lage ist verdammt ernst, aber nicht hoffnungslos. Die Instrumente zum effektiven Klimaschutz seien da, m\u00fcssten nur rascher angewendet werden. Mit neuen Technologien, Energieeffizienz sowie dem Ausbau erneuerbarer Energien k\u00f6nnen bis 2050 die Treibhausgas-Emissionen um 40 bis 70 Prozent reduziert werden. Die einzelnen Szenarien setzen dabei alle darauf, dass der Atmosph\u00e4re wieder Emissionen entzogen werden. Die Nachteile dieses Ansatzes liegen aber auf der Hand: Sie setzen nicht an der Ursache \u2013 der Entstehung der Treibhausgase in der Industrie oder im Verkehr \u2013 an. CO<sub>2<\/sub> soll nach der Emission unter hohem Energieaufwand herausgefiltert und in der Erde verpresst werden. Methoden, die im gro\u00dfen Ma\u00dfstab ihre Funktionalit\u00e4t noch nicht bewiesen haben.<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt auf, was in der Zusammenfassung nicht thematisiert wird: Deutliche Emissionsreduktionen gab es bis dato nur, als das BIP wie 2009 und 2020 zur\u00fcckging. Denn das Setzen auf Energieeffizienz und neue Technologien in kapitalistischen \u00d6konomien f\u00fchrt nur sehr bedingt zu Einsparungen von Ressourcen, sondern zu sogenannten Rebound-Effekten. Unternehmen nutzen Effizienzgewinne nicht, um ihren Aussto\u00df bei geringerem Input zu verringern, sondern sie vergr\u00f6\u00dfern ihn angesichts des Renditezwangs. An dieser Stelle offenbart sich auch eine Schw\u00e4che des kompletten Berichts. Zwar mag die Wachstumskritik erstmals in ihm Einzug gehalten haben, aber nicht die Kapitalismuskritik. Das Wort \u00bbcapitalism\u00ab findet sich lediglich in den Fu\u00dfnoten. Das ist auch ein Problem der Degrowth-Bewegung, die oft vor Kapitalismuskritik zur\u00fcckscheut.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/politik\/weltklimarat-ippc-bericht-wachstumskritik-systemkritik\/\">681<\/a>, 12. April 2022<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den Zusammenfassungen zum Weltklimaratbericht fiel Wachstumskritik unter den Tisch Im September 2021 leakten die Scientists for Future einen Teil des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPPC). Sie\u00a0hatten Sorge, dass die Politik den \u00bbsystemkritischen\u00ab Gehalt des Berichts verw\u00e4ssern wird. 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