{"id":163,"date":"2007-08-09T13:55:50","date_gmt":"2007-08-09T11:55:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=163"},"modified":"2019-05-02T11:46:59","modified_gmt":"2019-05-02T09:46:59","slug":"behemoth-der-judenvernichtung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=163","title":{"rendered":"&#8222;Behemoth&#8220; der Judenvernichtung"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zum Tode Raul Hilbergs<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Raul Hilberg, der am 4.8. verstorben ist, ging es in seinem wissenschaftlichen Werk nicht um das Verurteilen des deutschen Faschismus. Das verstand sich f\u00fcr ihn, der 1938 mit seinen j\u00fcdischen Eltern vor den Nazis aus Wien \u00fcber Kuba in die USA geflohen war, von selbst. Er wollte, wie Arno Widmann in einem der interessanteren Nachrufe schreibt (FR vom 7.8.2007), begreifen, die Untaten verstehen, wissen, wie es funktionierte. Die Erforschung der Judenvernichtung sollte sein Lebensinhalt werden.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Doch sah Hilberg sich durch sein &#8222;Verstehen-Wollen&#8220; Vorw\u00fcrfen der mangelnden Empathie mit den Opfern ausgesetzt. Noch 1993 wurde ihm im &#8222;Spiegel&#8220; vorgeworfen, die Toten &#8222;mit Tonnen von Akten und M\u00f6rder&#8220; zugedeckt zu haben. Denn die Frage nach einer rationalen wissenschaftlichen Erkl\u00e4rung der Judenvernichtung auf der einen Seite und der (freilich notwendigen und selbstverst\u00e4ndlichen) moralischen \u00c4chtung auf der anderen durchzieht als ein immer wiederkehrendes zentrales Motiv die Diskussionen \u00fcber die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden. Hilberg jedoch beschloss ganz bewusst, &#8222;\u00fcber die deutschen T\u00e4ter zu schreiben&#8220;, wie er in seinen Memoiren &#8222;Unerbetene Erinnerung&#8220; ausf\u00fchrt: &#8222;Die Judenvernichtung war ein deutsches Werk, ausgedacht in deutschen Amtsstuben, in einer deutschen Kultur. F\u00fcr mich stand von Anfang an fest, dass man diese Geschichte nicht in allen ihren Ausma\u00dfen begreifen konnte, ohne die Ma\u00dfnahmen der T\u00e4ter nachzuvollziehen.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Politik- und Geschichtswissenschaftler Raul Hiberg war ein Sch\u00fcler des aus dem Umkreis der Frankfurter Kritischen Theorie stammenden und ebenfalls in die USA emigrierten Franz Neumanns. Dieser hatte bereits w\u00e4hrend der Nazi-Herrschaft seine auch heute noch als profunden Gesamt\u00fcberblick gesch\u00e4tzte Studie &#8222;Behemoth. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus&#8220; verfasst, die Hilberg als Student &#8222;mehrmals von vorne bis hinten&#8220; las. Aus dieser Faschismusanalyse \u00fcbernahm er die These, dass sich die deutsche Gesellschaft im Nationalsozialismus &#8222;in vier festgef\u00fcgte, zentralistisch organisierte Bl\u00f6cke mit F\u00fchrerprinzip und je eigener Gesetzgebung, Verwaltung und Gerichtsbarkeit untergliederte.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Bl\u00f6cke \u2013 Staatsapparat, Armee, Industrie und Partei -, so Hilberg, &#8222;konnten unabh\u00e4ngig voneinander arbeiten&#8220;, sodass die Gesellschaft im Prinzip ein organisiertes Chaos war, &#8222;jedoch mit der Freiheit, in v\u00f6llig unerforschte Handlungsr\u00e4ume vorzusto\u00dfen.&#8220; Mit diesen Grundannahmen im Gep\u00e4ck machte sich Hilberg an die Arbeit, den &#8222;Behemoth&#8220; der Judenvernichtung zu schreiben. Geplant als Dissertation, die Neumann mit den Worten kommentierte &#8222;Das ist Ihr Untergang&#8220;, wuchs sein Vorhaben weit dar\u00fcber hinaus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und sein Lehrer schien zun\u00e4chst recht zu behalten: Zwar konnte sich Hilberg mit der Arbeit f\u00fcr den akademischen Dienst qualifizieren \u2013 er \u00fcbernahm eine Professur in der Provinzstadt Burlington \u2013 doch blieb er akademischer Au\u00dfenseiter, zumal Neumann 1954 bei einem Autounfall verstarb. Hinzu kam, dass er f\u00fcr seine Arbeit zun\u00e4chst keinen Verlag finden konnte, da die USA im Kalten Krieg die Westdeutschen als Verb\u00fcndete gegen die Sowjetunion betrachteten und das Interesse der amerikanischen Juden sich auf Israel und die Araber richtete. Erst 1962, acht Jahre nach Einreichung der Dissertation, erschien sie in einem unbedeutenden Kleinverlag. Bis etwa eine deutsche \u00dcbersetzung publiziert wurde und Hilberg breite Anerkennung erfuhr, strichen noch einmal zwei bzw. bis zu drei Jahrzehnte ins Land.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Publikationsgeschichte seines Hauptwerkes &#8222;Die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden&#8220; ist somit eine Auseinandersetzung um die Auseinandersetzung mit dem Holocaust \u2013 ein Begriff \u00fcbrigens, den Hilberg distanziert gegen\u00fcberstand -, in dem sich &#8222;stets gesellschaftliche Tabus oder Bed\u00fcrfnisse&#8220; wiederspiegeln. Das l\u00e4sst sich insbesondere anhand der deutschen \u00dcbersetzung und der Tatsache, dass eine hebr\u00e4ische nicht erschienen ist, erkennen. Ein entscheidender Grund f\u00fcr die Ignoranz gegen\u00fcber Hilbergs opus magnum h\u00e4ngt in Deutschland mit der Tatsache zusammen, dass er die &#8222;gesamte organisierte Gesellschaft Deutschlands&#8220; f\u00fcr die Verbrechen verantwortlich macht. Insbesondere in der Betonung der Rolle der B\u00fcrokratie f\u00fcr die Vernichtungspolitik der Nazis werden Kontinuit\u00e4ten \u00fcber den deutschen Faschismus hinaus sichtbar. Erkl\u00e4rungen, die f\u00fcr die herrschenden Kreise der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft, deren Historiker mehrheitlich einer hitlerzentristischen intentionalistischen und\/oder totalitarismustheoretischen Schule zuzurechnen waren (bzw. noch sind) nicht gerade angenehm waren, da sie dem Bed\u00fcrfnis nach Verdr\u00e4ngung durch Schuldprojektion auf die Person Hitlers und wenige Nazigr\u00f6\u00dfen entgegenstanden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass die erste deutsche \u00dcbersetzung 1982 in dem linken Verlag Olle &amp; Wolter erschien, d\u00fcrfte eben auch in dieser kontinuit\u00e4tstheoretischen B\u00fcrokratiekritik begr\u00fcndet liegen, wenngleich der Verleger Ulf Wolter schlicht angab, alle seine B\u00fccher kreisten um das Thema Ungerechtigkeit, da d\u00fcrfe das von Hilberg doch nicht fehlen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Grund f\u00fcr die bis dato nicht erfolgte Publikation in Israel ist auf Hilbergs Fokussierung auf die deutschen T\u00e4terstrukturen und der damit einhergehenden Geringsch\u00e4tzung der Rolle des j\u00fcdischen Widerstands zur\u00fcckzuf\u00fchren. F\u00fcr den Staat Israel ist indes gerade der Bezug auf den j\u00fcdischen Widerstand und die Empathie mit den Opfern zentrale Legitimationsquelle. Verbittert kommentierte Hilberg die Ablehnung seines Manuskriptes durch die Holocaust-Gedenkst\u00e4tte Yad Vaschem aus dem Jahr 1958: &#8222;Hier war das erste negative Urteil \u00fcber mein Manuskript, und diese Kugeln kamen aus Jerusalem. Zehn Jahre lang hatte ich gehofft, dass Juden und gerade Juden meinen Text lesen w\u00fcrden. [&#8230;] Und dann so etwas.&#8220; In diesem Kontext ist auch Hilbergs sp\u00e4tere Parteinahme f\u00fcr den (nicht zu Unrecht) umstrittenen Norman Finkelstein zu sehen, der die &#8222;Instrumentalisierung&#8220; des Holocaust seitens US-amerikanischer j\u00fcdischer Organisationen f\u00fcr Entsch\u00e4digungszahlen scharf kritisierte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Heutzutage gilt &#8222;Die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden&#8220; als Standardwerk und erfuhr, nachdem es der Fischer Verlag 1990 in einer dreib\u00e4ndigen Taschenbuchausgabe herausgab \u2013 als Voraussetzung hatte Hilberg im \u00dcbrigen gemacht, dass auch Neumanns &#8222;Behemoth&#8220; neupubliziert wurde \u2013 hohe Auflagen. Hilberg selbst gibt als Grund f\u00fcr das sp\u00e4te aufkeimende Interesse an, dass die T\u00e4ter nunmehr tot oder in Altersheimen sa\u00dfen, sodass die nachfolgenden Generationen unbefangener Fragen nach der Nazizeit stellen konnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die zunehmende Akzeptanz des funktionalistischen oder strukturalistischen Ansatzes von Historikern wie Hans Mommsen, Martin Broszat u.a. d\u00fcrfte ferner ihren Teil beigetragen haben. Hilbergs folgende Zusammenfassung seiner Deutung des Holocaust weist Parallelen zu genannten Historikern auf: &#8222;Aber was 1941 begann, war kein im Voraus geplanter, von einem Amt zentral organisierter Vernichtungskrieg. Es gab keine Pl\u00e4ne und kein Budget f\u00fcr diese Vernichtungsma\u00dfnahmen. Sie erfolgt Schritt f\u00fcr Schritt, einer nach dem anderen. Dies geschah daher nicht etwa durch die Ausf\u00fchrung eines Planes, sondern durch ein unglaubliches Zusammentreffen der Absichten, ein \u00fcbereinstimmendes Gedankenlesen einer weit ausgreifenden B\u00fcrokratie.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hilbergs Streben, Gr\u00fcnde f\u00fcr die Ingangsetzung der Shoah zu finden, wenngleich er betonte, dass bislang nur etwa 20% \u00fcber die Geschichte des Judenmords bekannt seien, r\u00fcckt ihn in die N\u00e4he von j\u00fcngeren Forschern, die, wie etwa G\u00f6tz Aly (&#8222;Vordenker der Vernichtung&#8220;) oder Christian Gerlach, ebenfalls einem rationalistischen Paradigma verpflichtet sind \u2013 sprich bev\u00f6lkerungs\u00f6konomische und wirtschaftliche Faktoren als eine wesentliche Ursache betrachten und damit die alte marxismustheoretische Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Faschismus und Kapitalismus ber\u00fchren. Hilbergs Thesen k\u00f6nnten somit der gerade beginnenden Diskussion um Adam Toozes Buch &#8222;\u00d6konomie der Zerst\u00f6rung&#8220; Impulse geben, welches &#8222;das seit langem heftig umstrittene Problem des Verh\u00e4ltnisses von kapitalistischer Wirtschaft zum NS-Regime auf denkbar breiter empirischer Basis und in ein eindringlichen Analyse souver\u00e4n&#8220; kl\u00e4rt (Hans-Ulrich Wehler).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nachdem sich Hilberg in &#8222;Die Vernichtung der europ\u00e4ischen Juden&#8220; in erster Linie den strukturellen Voraussetzungen der nazistischen Vernichtungspolitik gewidmet hatte, r\u00fcckte er in seinem Buch &#8222;T\u00e4ter, Opfer, Zuschauer&#8220; (1992) nun die Personen und Gruppen in den Vordergrund, die aktiv oder passiv am Vernichtungsprozess beteiligt waren. Diese Erweiterung der Perspektive wirft insbesondere ein Licht auf die sich heute wieder ausbreitende &#8222;Bystander-Mentalit\u00e4t&#8220; in weiten Teilen der deutschen Gesellschaft, ohne die eine sich radikalisierende Ausgrenzungs- und &#8222;Ausmerzungspolitik&#8220; nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Bis auf weiteres wird Hilbergs Beschreibung der Vernichtungsprozesse ma\u00dfgeblich sein. Nach seinem Tod am 4. August 2007 sind nunmehr j\u00fcngere Forscher gefragt, in Hilbergs Sinne das Wissen \u00fcber die Judenvernichtung der Nazis zu vervollst\u00e4ndigen. Gerade seine b\u00fcrokratietheoretische Kontinuit\u00e4tsthese bietet f\u00fcr marxistische Forschungen wichtige Anregungen. Seine Analyse, dass die Vernichtung der Juden &#8222;ein nationaler Akt&#8220; gewesen sei, in den die Deutschen &#8222;als Volk verstrick waren&#8220;, wie ein Rezensent die Grundthese der Hilbergschen Analyse zusammenfasste, ist vor dem Hintergrund der aktuellen Tendenzen in Deutschland, in der &#8222;Erinnerung&#8220; die deutschen Opfer von Bombenkrieg und Flucht in das Zentrum r\u00fccken, umso wichtiger geworden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6563&amp;tx_ttnews[tt_news]=11399&amp;tx_ttnews[backPid]=6580\">www.sozialismus.de<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zum Tode Raul Hilbergs Raul Hilberg, der am 4.8. verstorben ist, ging es in seinem wissenschaftlichen Werk nicht um das Verurteilen des deutschen Faschismus. 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