{"id":1647,"date":"2023-05-08T11:14:30","date_gmt":"2023-05-08T09:14:30","guid":{"rendered":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1647"},"modified":"2023-06-20T11:17:56","modified_gmt":"2023-06-20T09:17:56","slug":"produktivitaet-ist-zerstoerung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=1647","title":{"rendered":"Produktivit\u00e4t ist Zerst\u00f6rung"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-ak-unterzeile\">\n<p><strong>Der \u00f6komarxistische Autor Kohei Saito pl\u00e4diert f\u00fcr einen Degrowth-Kommunismus<\/strong><\/p>\n<p class=\"has-drop-cap\">Das hat es wohl noch nie gegeben: Ein marxistischer Autor verkauft von einem Buch so viele Exemplare, wie es sonst nur von Harry-Potter-B\u00e4nden der Fall ist. Doch der 36-j\u00e4hrige Kohei Saito hat es in Japan geschafft. Sein auf Japanisch geschriebenes Buch \u00bbCapital in the Anthropocene\u00ab erschien 2020 und verkaufte sich mehr als eine halbe Million Mal. Klingt der Haupttitel zun\u00e4chst sperrig-akademisch f\u00fcr einen Bestseller, so enth\u00e4lt der Untertitel \u00bbTowards the Idea of Degrowth Communism\u00ab sogar zwei Begriffe, die in Japan und in anderen kapitalistischen L\u00e4ndern Reizw\u00f6rter f\u00fcr den liberalen Konsens schlechthin sind<!--more-->Dass sein Manifest f\u00fcr eine kommunistische Postwachstumsgesellschaft dennoch ein so gro\u00dfes Publikum fand, erstaunt Saito bis heute. In einem Interview mit der <a href=\"https:\/\/www.woz.ch\/2251\/kohei-saito\/marx-dachte-oekologisch\/!V147W650SSPE\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Schweizer WOZ<\/a> erkl\u00e4rt er den Erfolg mit der Corona-Pandemie. Diese habe die soziale und \u00f6kologische Krise sichtbar gemacht. Die Menschen seien schlicht schockiert gewesen, wie schlecht das System funktioniere. Und dem Spiegel, der Saito f\u00fcr seine zwischen den Jahren erschienene Titelgeschichte \u00bb<a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/wirtschaft\/gruener-kapitalismus-die-chance-auf-eine-nachhaltigere-wirtschaftsordnung-a-00f49cb5-6509-456f-94ad-f420fab94200\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hatte Marx doch recht?<\/a>\u00ab interviewte, sagte er: Seine Altersgenoss*innen k\u00e4mpften schon l\u00e4nger mit wirtschaftlicher Instabilit\u00e4t und den \u00bbExzessen der Globalisierung\u00ab. Sie seien offen f\u00fcr einen \u00bbneuen Lebensstil\u00ab, der sich von Arbeit, Geldverdienen und Konsum unterscheidet.<\/p>\n<p>Hinzu kommt ein weiterer Faktor: In Japan ist die Diskussion um die Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) im Vergleich zu hier ein Riesenthema. Und in seinem Buch kritisiert Saito, der als Professor an der Uni Tokio arbeitet, diese Ziele, weil sie nicht mit dem Wachstumsparadigma brechen.<\/p>\n<div class=\"wp-block-quote-container\"><\/div>\n<div class=\"wp-block-quote-container\">\n<blockquote class=\"wp-block-quote\"><p>Saito liefert eine theoretische Grundlage f\u00fcr die Konvergenz von \u00d6kosozialismus und Degrowth.<\/p><\/blockquote>\n<\/div>\n<p>Eine spanische \u00dcbersetzung von Saitos Bestseller ist inzwischen erschienen, eine englische in Vorbereitung und <a href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/systemsturz-44316\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">eine deutsche f\u00fcr Ende August<\/a> angek\u00fcndigt. Was allerdings k\u00fcrzlich in englischer Sprache auf den Buchmarkt kam, ist eine akademische Variante des Erfolgstitels mit einem verbl\u00fcffend \u00e4hnlichen Titel: \u00bbMarx in the Anthropocene. Towards the Idea of Degrowth Communism\u00ab. Saito kn\u00fcpft darin an seine auf Deutsch verfasste Dissertation \u00bbNatur gegen Kapital. Marx\u2018 \u00d6kologie in seiner unvollendeten Kritik des Kapitalismus\u00ab (2016) an. Daf\u00fcr hatte er bisher unver\u00f6ffentlichte Exzerpthefte von Karl Marx ausgewertet und war zu einem \u00fcberraschenden Ergebnis gekommen: Marx hatte viel \u00f6kologischer gedacht als bisher angenommen. Durch die Lekt\u00fcre agrar- und naturwissenschaftlicher Schriften erkannte Marx beispielsweise, dass der Einsatz von D\u00fcngemitteln und Maschinen die Bodenertr\u00e4ge zwar kurzfristig steigert, langfristig aber sinken l\u00e4sst. Zunehmend thematisierte er mit dem physiologischen Begriff des \u00bbStoffwechsels\u00ab das Verh\u00e4ltnis von Mensch und Natur \u2013 und begann, dessen St\u00f6rung als Widerspruch zum Kapitalismus und seiner unendlichen Verwertungsbewegung zu kritisieren. Marx sei bewusst geworden, dass seine optimistische These vom emanzipatorischen Potenzial der Produktivkraftentwicklung nicht mit den stofflichen Naturgrenzen der menschlichen Produktion in Einklang zu bringen sei. Es entstehe ein irreparabler Riss im von der Arbeit vermittelten Prozess des Stoffwechsels von Mensch und Natur. Und deshalb fordert Marx bereits im ersten Band des \u00bbKapital\u00ab als zentrale Aufgabe des Sozialismus die bewusste Regulierung des Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kritik \u00f6komodernistischer Autoren<\/h2>\n<p>Damit hatte Saito sich in die Reihe von \u00f6komarxistischen Autoren wie John Bellamy Foster und Paul Burkett gestellt, die schon l\u00e4nger eine \u00f6kologische Lesart des Marxschen Werkes propagieren \u2013 und Stellung beziehen gegen zentrale Thesen des orthodoxen Marxismus. Wie zum Beispiel, dass das industriell-kapitalistische Stadium hin zum Sozialismus\/Kommunismus durchlaufen werden m\u00fcsse, dass Produktivkr\u00e4fte per se fortschrittlich und vorkapitalistische Produktionsweisen primitiv seinen. Letzteres offenbart eine eurozentristische Perspektive, die Marx, wie Saito in seinem neuen Buch \u00bbMarx in the Anthropocene\u00ab ausf\u00fchrlich darlegt, ab den sp\u00e4ten 1860er Jahren durch seine intensive Besch\u00e4ftigung mit nicht-westlichen l\u00e4ndlichen Gemeinschaften, die auf kollektiver Produktion von Gebrauchswerten basierten, zunehmend selbst in Frage stellte.<\/p>\n<p>Zudem geht Saito ausf\u00fchrlich auf andere marxistische Autor*innen ein. Es geht um Engels, um Georg Luk\u00e1cs und um den selbst unter marxistischen Expert*innen nicht allzu bekannten Istv\u00e1n M\u00e9sz\u00e1ros. Au\u00dferdem geht es um eine Kritik an \u00f6komodernistischen Autoren im marxistischen Gewand wie Paul Mason, Nick Srnicek oder Aaron Bastani, die auf neue Informationstechnologien und Roboter setzen, um eine postkapitalistische Gesellschaft oder gar einen vollautomatischen Luxuskommunismus zu erreichen. Saito wendet sich gegen solche zeitgen\u00f6ssischen Utopien, die \u00bbnur die Effizienz und den \u00dcberfluss an G\u00fctern und Dienstleistungen im Auge haben, ohne die qualitativen und materiellen Aspekte der Produktion, d.h. die Autonomie und Unabh\u00e4ngigkeit der Arbeiter und die Nachhaltigkeit der nat\u00fcrlichen Umwelt, ausreichend zu ber\u00fccksichtigen\u00ab.<\/p>\n<p>F\u00fcr Saito ist gerade angesichts des Klimawandels klar, dass wir uns in einer \u00bbneuen historischen Situation\u00ab befinden. Es sei naiv zu glauben, \u00bbdass die Entwicklung der Produktivkr\u00e4fte im westlichen Kapitalismus angesichts der globalen \u00f6kologischen Krise als emanzipatorischer Motor der Geschichte wirken k\u00f6nnte\u00ab. W\u00fcrde eine sozialistische Gesellschaft ihre Produktivkr\u00e4fte weiter steigern, um alle menschlichen Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, w\u00e4re das eine Katastrophe f\u00fcr die Umwelt, lautet Saitos Argument.<\/p>\n<p>Wenn er jedoch das Wachstumsparadigma infrage stellt, hat er in erster Linie den Globalen Norden im Blick. Hier m\u00fcsse mit dem inakzeptablen Produktivismus und Ethnozentrismus gebrochen werden, der im Mainstream-Marxismus und auch bei Marx selbst bis in die 1860er Jahre zu finden ist.<\/p>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Konvergenz zwischen Rot und Gr\u00fcn<\/h2>\n<p>Saito interpretiert Marx als einen wachstumskritischen Kommunisten: \u00bbSeine letzte Vision des Postkapitalismus in den 1880er Jahren ging \u00fcber den \u00d6kosozialismus hinaus und kann angemessener als Degrowth-Kommunismus bezeichnet werden.\u00ab Das erscheint als etwas \u00fcberspitzt, gerade was die Begrifflichkeiten anbelangt. In der Sache ist Saitos Argumenten indes viel abzugewinnen. Und gerade das letzte Kapitel seines neuen Buches \u00fcber den \u00dcberfluss des Reichtums im \u00bbDegrowth Communism\u00ab bietet eine Perspektive, die bestehende Kluft zwischen dem gr\u00fcnen und dem roten Lager, zwischen \u00d6kologiebewegung und Arbeiter*innenbewegung sowie zwischen \u00d6kosozialismus\/-marxismus und Degrowth-Bewegung zu \u00fcberbr\u00fccken.<\/p>\n<p>Entsprechende Tendenzen dazu seien bereits zu beobachten. In der Degrowth-Bewegung sieht Saito in den letzten Jahren die <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/ausgaben\/678\/emanzipatorische-wachstumskritiken-degrowth-lektionen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Tendenz hin zu einer antikapitalistischen Wende<\/a>. Aber auch im \u00f6kosozialistischen Lager gebe es Tendenzen hin zur Wachstumskritik. Saitos Degrowth-Kommunismus, der als zentrale Elemente den Bruch mit dem Kapitalismus, die Reduktion der gesellschaftlich \u00fcberfl\u00fcssigen Produktion und deren sozial gerechte Umverteilung beinhaltet, bietet in der Tat die Chance, diese Schnittmengen zu vergr\u00f6\u00dfern und die Kluft zu verringern.<\/p>\n<p>Allerdings bleibt Saito in seinem Buch meist auf einer abstrakten Ebene. Klar, es soll eine Wachstumsr\u00fccknahme geben, aber was genau soll schrumpfen und wie? Da gibt es nur den Hinweis auf \u00bbunn\u00f6tige Produktionen\u00ab in Branchen wie Werbung, Marketing, Beratung und Finanzen. Ja, Green Deals, gr\u00fcner Kapitalismus und \u00f6komodernistische Visionen werden der neuen historischen Situation des Anthropoz\u00e4ns nicht gerecht. Aber immerhin haben sie eine \u2013 wenngleich schwache \u2013 realpolitische Basis. Wo ist die f\u00fcr Saitos kommunistische Postwachstumsgesellschaft? Wo sind die sozialen Tr\u00e4ger dieser Umw\u00e4lzung? Er verweist lediglich auf die Notwendigkeit einer \u00bbVolksfront zur Verteidigung des Planeten\u00ab.<\/p>\n<p>Dennoch: Saitos Buch liefert zumindest eine theoretische Grundlage f\u00fcr die Konvergenz von \u00d6kosozialismus und Degrowth, die zweifellos notwendig ist. Gerade marxistisch orientierte Leser*innen d\u00fcrften \u00bbMarx in the Anthropocene\u00ab mit Gewinn lesen, mit manchen Thesen hadern \u2013 und hoffentlich die Diskussion \u00fcber die politischen Schlussfolgerungen daraus er\u00f6ffnen.<\/p>\n<p>aus: analyse &amp; kritik <a href=\"https:\/\/www.akweb.de\/bewegung\/kohei-saito-oekosozalismus-degrwoth-kommunismus\/\">692<\/a>, 18.04.2023<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der \u00f6komarxistische Autor Kohei Saito pl\u00e4diert f\u00fcr einen Degrowth-Kommunismus Das hat es wohl noch nie gegeben: Ein marxistischer Autor verkauft von einem Buch so viele Exemplare, wie es sonst nur von Harry-Potter-B\u00e4nden der Fall ist. 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