{"id":186,"date":"2011-04-01T20:42:48","date_gmt":"2011-04-01T18:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=186"},"modified":"2012-12-23T19:05:18","modified_gmt":"2012-12-23T18:05:18","slug":"brotaufstande-rohstoffspekulanten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=186","title":{"rendered":"Brotaufst\u00e4nde &#038; Rohstoffspekulanten"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Die Ereignisse in den Maghreb-Staaten und Nordafrika halten die Welt weiter in Atem. Zu Recht \u2013 denn das ist gegenw\u00e4rtig vordringlich \u2013 liegt der Fokus dabei auf den politischen Auseinandersetzungen und im Falle Libyens auf den b\u00fcrgerkriegs\u00e4hnlichen K\u00e4mpfen sowie dem Luftkrieg der westlichen Staaten. In dieser Wahrnehmung geht jedoch unter, dass auch soziale und polit-\u00f6konomische Ursachen f\u00fcr die Dynamik der Proteste vorhanden waren \u2013 und noch sind. Diese Faktoren entscheiden perspektivisch dar\u00fcber, ob L\u00e4nder wie \u00c4gypten, Tunesien und ggf. Libyen \u00fcberhaupt Spielr\u00e4ume f\u00fcr eine alternative sozial-\u00f6konomische Entwicklung im Rahmen einer neoliberalen Weltwirtschaftsordnung haben, deren Prinzipien durch die Finanz- und Weltwirtschaftskrise allenfalls angekratzt sind.<!--more--> Das indes w\u00e4re eine Voraussetzung daf\u00fcr, eine gerechtere Einkommensverteilung und die bessere Befriedigung elementarer menschlicher Bed\u00fcrfnisse zu erreichen. Zu diesen Bed\u00fcrfnissen geh\u00f6rt zuv\u00f6rderst die ausreichende Versorgung der Menschen mit Lebensmitteln. Vor dem Hintergrund, dass in den wenig entwickelten Staaten der Erde die H\u00e4lfte bis zu 80 bis 90% der Eink\u00fcnfte nur f\u00fcr Nahrungsmittel ausgegeben werden, w\u00e4hrend es in den entwickelten kapitalistischen Staaten lediglich ca. 10 bis 15% sind, ist dies ein existenzielles Problem. Das wurde den Nachrichtenzuschauern in der Ersten Welt vor rund drei Jahren erneut schlagartig bewusst, als die Welt von so genannten Hungeraufst\u00e4nden ersch\u00fcttert wurde, die zum Teil sogar zu Regierungsst\u00fcrzen f\u00fchrten. Und so waren ebenso bei den Protesten in Tunesien und \u00c4gypten im Januar und Februar drastische Preissteigerungen von Nahrungsmitteln ein Faktor, der die Menschen auf die Stra\u00dfe trieb.<br \/>\nIm ersten Monat dieses Jahres etwa waren die Preise f\u00fcr Nahrungsmittel auf einem Niveau, das sogar noch \u00fcber dem von 2008 lag. Auch andere Rohstoffpreise sind infolge der arabischen Rebellionen in die H\u00f6he geschossen. Das gilt insbesondere f\u00fcr das Roh\u00f6l. Schon warnt Nouriel Roubini, einer der wenigen \u00d6konomen, die den Finanzcrash von 2008 vorhersagten, vor der Gefahr einer Stagflation infolge der arabischen Revolten, die insbesondere durch einen \u00d6lpreisschock hervorgerufen werden k\u00f6nnte.<br \/>\nAls Gr\u00fcnde f\u00fcr die pl\u00f6tzlichen und drastischen Preissteigerungen wurden vor drei Jahren viele genannt: die Verwendung von Mais, Zuckerrohr und Weizen f\u00fcr Biokraftstoffe (\u00bbTank statt Teller\u00ab), der Hunger der chinesischen und indischen Mittelschichten auf h\u00f6herwertige Nahrungsmittel wie Fleisch, Wetterkapriolen, niedrige Lagerbest\u00e4nde, eine wachsende Weltbev\u00f6lkerung, Wassermangel, Desertifikation, ein hoher Roh\u00f6lpreis und Spekulation auf den Agrarrohstoffm\u00e4rkten. Jeder dieser Faktoren spielte und spielt eine Rolle, doch eine reine Aufz\u00e4hlung sagt noch nichts \u00fcber die Gewichtung aus \u2013 und vor allem muss unterschieden werden, welche Faktoren f\u00fcr die langfristige Preisentwicklung der M\u00e4rkte und welche f\u00fcr die in kurzer Zeit extrem schwankenden Preise verantwortlich sind. \u00dcberdies muss die Erkl\u00e4rung f\u00fcr die Preissteigerungen von Rohstoffen zusammengedacht werden mit einem finanzialisierten Modus kapitalistischer Akkumulation, der in den Jahren 2007-2009 in seine bislang schwerste Krise geraten ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Extreme Preisschwankungen und ihre Ursachen<\/strong><br \/>\nDie globale Hungerkrise von 2008, die zu einer Zunahme der hungernden Menschen auf der Welt auf \u00fcber eine Milliarde f\u00fchrte, hat Wissenschaftler und Institutionen zu vielf\u00e4ltiger Forschung \u00fcber die Ursachen angeregt. Das China-Argument entlarvt sich dabei, wenn man insbesondere die kurzfristige Preisvolatilit\u00e4t betrachtet, als Ausdruck der Angst der f\u00fchrenden kapitalistischen Staaten vor einem aufstrebenden Konkurrenten. Denn wie will erkl\u00e4rt werden, dass die Nachfrage aus China (und Indien) die Preise im Fr\u00fchjahr 2008 auf einen H\u00f6chststand klettern lie\u00df, um sie kurz darauf wieder in den Keller fallen zu lassen? Auch langfristig wird das Argument der steigenden Nachfrage durch Schwellenl\u00e4nder infrage gestellt. So schreiben die Wissenschaftler Br\u00fcmmer u.a. (2008: 656) in ihrer Untersuchung \u00fcber den Weltgetreidemarkt, dass zum einen in China der Weizenverbrauch seit einigen Jahren stagniere und zum anderen China den R\u00fcckgang der Weizenproduktion, der vornehmlich durch einen R\u00fcckgang der Anbaufl\u00e4che entstanden sei, durch Abbau der Lagerbest\u00e4nde ausgeglichen habe. W\u00f6rtlich hei\u00dft es: \u00bbDie Vergangenheit hat gezeigt, dass China stets bem\u00fcht war, die Importe von Weizen gering zu halten. Gleiches gilt f\u00fcr Reis.\u00ab Zwar importiere China zunehmend Futtergetreide, aber die Menge sei vergleichsweise unbedeutend. \u00c4hnliches halten die Agrarwissenschaftler f\u00fcr Indien fest (vgl. auch Feyder 2010: 44f.)<br \/>\nEbenso wird die Verwendung von Weizen, Mais und Zuckerrohr f\u00fcr die Produktion von Biokraftstoffen, zumindest in Hinblick auf die kurzfristigen Volatilit\u00e4ten, relativiert. \u00bbBereits die derzeitige Produktion an Biotreibstoffen zieht erhebliche Mengen an Getreide und um Ackerfl\u00e4chen konkurrierende Produkte von den M\u00e4rkten ab\u00ab. Insofern nehmen Br\u00fcmmer u.a. zwar an, dass die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen Einfluss auf die Preisentwicklung des Weizenmarktes nimmt, indes: Die Preisexplosion von 2008 ist damit nicht zu erkl\u00e4ren. \u00c4hnlich sieht es Olivier De Schutter, UN-Sonderbeauftragter f\u00fcr das Recht auf Ern\u00e4hrung. Die F\u00f6rderung von Bioethanol und andere Nachfrageschocks seien relativ unbedeutende Katalysatoren gewesen, die jedoch eine gigantische Spekulationsblase in einer angespannten und zunehmend verzweifelten globalisierten Finanzwelt in Gang setzten (Schutter 2010: 3). In dieselbe Richtung argumentiert ein Report der britischen Entwicklungsorganisation \u00bbWorld Development Movement\u00ab (2010: 21f.): Die Nachfrage nach Biokraftstoffen sei anhaltend hoch geblieben, doch die Preise fielen Mitte des Jahres 2008, um dann wieder anzusteigen. F\u00fcr die starken Preisschwankungen kann der Faktor Biokraftstoffe also vernachl\u00e4ssigt werden. Der Report zieht des Weiteren das Lieblingsargument von Marktwirtschaftlern in Zweifel: dass n\u00e4mlich Angebot und Nachfrage f\u00fcr die Preisgestaltung verantwortlich sind. Wenn dem aber so sei, wie ist dann die folgende globale Entwicklung der Getreide- und Weizenproduktion von 2006 bis 2008 zu erkl\u00e4ren? Die Getreideproduktion fiel im Jahr 2006 um 1,3%, w\u00e4hrend sie 2007 um 4,7% wuchs. Der R\u00fcckgang der Weizenproduktion 2006 war mit 4,5% h\u00f6her, dem ein Anstieg um knapp 2% im darauffolgenden Jahr folgte. 2008 stieg die Produktion von Weizen um 14%. Offensichtlich ist, dass diese Ver\u00e4nderungen und ihre Auswirkungen auf die Getreidevorr\u00e4te eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr die schrittweise Erh\u00f6hung der Preise in 2006 und 2007 anbieten. Aber sie k\u00f6nnen nicht die gro\u00dfen Schwankungen der Getreidepreise in den Jahren 2007 und 2008 im Vergleich zu 2006 erkl\u00e4ren.<br \/>\nDiese drei Studien (wie auch weitere) f\u00fchren als wichtigsten Faktor f\u00fcr die extremen Preisschwankungen in kurzer Frist somit die Rolle von spekulativ ausgerichtetem Kapital an. Das gilt im \u00dcbrigen auch f\u00fcr den Roh\u00f6lpreis, der sich parallel zur Entwicklung der Nahrungsmittelpreise verh\u00e4lt und einen gro\u00dfen Einfluss auf diese hat \u2013 durch Vorprodukte wie D\u00fcnger, zu deren Produktion auch \u00d6l ben\u00f6tigt wird, oder durch Transportkosten. Im April 2010 gab es eine Umfrage unter Banken, H\u00e4ndlern und \u00d6lfirmen. Das Ergebnis: 70% nannten als Grund f\u00fcr den steigenden \u00d6lpreis die Spekulation.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Spekulation auf den Agrarrohstoffm\u00e4rkten<\/strong><br \/>\nDie Studien f\u00fchren \u00fcberzeugende Belege f\u00fcr die Rolle der Spekulation ins Feld. Wie sehen diese im Einzelnen aus? Zun\u00e4chst: Spekulation mit Nahrungsmitteln gibt es schon lange (vgl. zum Folgenden World Development Movement 2010: 8f.). Im 19. Jahrhundert wurden die so genannten Futures in den USA erfunden. Future-Vertr\u00e4ge erm\u00f6glichen es Farmern, zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft f\u00fcr einen garantierten Preis ihre Ernte zu verkaufen. Das ist f\u00fcr sie von Vorteil, weil sie so eine feste kalkulatorische Grundlage haben. Im fr\u00fchen 20. Jahrhundert wurde der Markt durch Finanzanleger interessant, denen es nicht um den Erwerb von Rohstoffen ging, sondern darum, Future-Kontrakte zu kaufen, um sie dann mit einer Gewinnmarge wieder zu verkaufen. Die Aktivit\u00e4ten dieser Anleger schlugen sich auf den tats\u00e4chlichen Preis der Rohstoffe nieder: Die Volatilit\u00e4t stieg an.<br \/>\nIm Gefolge der Weltwirtschaftskrise von 1929ff. wurden die Preisschwankungen infolge des massiven Zuwachses des Handels mit Future-Kontrakten im Rahmen der New-Deal-Reformen der Roosevelt-Regierung unterbunden \u2013 z.B. durch Position Limits. Darunter versteht man die H\u00f6chstzahl von gehaltenen Futures- und Futures-Optionskontrakten. Gesetze, die dieses zum Ziel hatten, waren der Securities Act von 1933, der Securities Exchange Act von 1934 und der Commoditiy Exchange Act von 1936. Diese Regulierungsvorschriften hatten \u00fcber Jahrzehnte bis in die 1990er und 2000er Jahre bestand. \u00c4hnlich wie mit dem Siegeszug des Neoliberalismus ab Ende der 1970er Jahre Regulierungen f\u00fcr andere M\u00e4rkte abgeschafft wurden, erfolgte dies, wenngleich sp\u00e4ter, mit den Rohstoffm\u00e4rkten. In den 1990er Jahren startete die Investmentbank Goldman Sachs eine erfolgreiche Lobbyarbeit, die nicht nur die Regulierungen aus den 1930er Jahren aufhob, sondern auch die Zulassung f\u00fcr weitaus kompliziertere Future-Kontrakte erreichte. Die Anzahl von Rohstoff-Derivaten nahm rapide zu. Im Jahr 1991 wurden auch die Rohstoff-Indexfonds erschaffen. Diese Indexfonds bestehen aus einem Portfolio aus oft 20 verschiedensten Anlagen in Rohstoffen wie Gold, \u00d6l, Kupfer, Weizen etc. Eine Besonderheit dieser Indexfonds ist, dass sie im Vergleich zu den Future-Kontrakten nicht an den gro\u00dfen Rohstoffb\u00f6rsen, z.B. in Chicago, gehandelt werden, und damit keiner Kontrolle unterliegen. Man nennt diesen au\u00dferb\u00f6rslichen Handel \u00bbover the counter\u00ab (OTC). Neben Goldman Sachs sind die gr\u00f6\u00dften Banken mit Indexfonds die Bank of America, Citybank, Deutsche Bank, HSBC, Morgan Stanley und JP Morgen. Durch diese Anlagem\u00f6glichkeit verschafften sich zudem institutionelle Investoren wie Pensionsfonds, Hedgefonds etc. Zugang zu den Rohstoffm\u00e4rkten.<br \/>\nWie viel spekulatives Kapital auf diesem Wege auf die Rohstoffm\u00e4rkte floss, dar\u00fcber gibt es nur Sch\u00e4tzungen, eben weil ein Gro\u00dfteil der Derivate, Annahmen zufolge 85-90% (IATP 2008: 6) au\u00dferb\u00f6rslich gehandelt wird. Es wird f\u00fcr wahrscheinlich gehalten, dass sich die Anzahl der Rohstoff-Derivate in den Jahren zwischen 2002 und 2008 um mehr als verf\u00fcnft- bis versechsfacht hat. Bevor die Lehman Brothers-Bank im September 2008 bankrottging und die globale Finanzkrise ausl\u00f6ste, ver\u00f6ffentlichte sie noch eine Studie, die die Zunahme des Volumens der Indexfonds-Spekulation zwischen 2003 und dem M\u00e4rz 2008 auf 1900% sch\u00e4tzte (vgl. Schutter 2010: 3). Der US-\u00d6konom Timothy A. Wise (2011) nennt folgende Zahlen: \u00bbAuf einen Betrag von 9 Billionen Dollar bel\u00e4uft sich der Handel mit Rohstoffderivaten. Davon sind 80-90% au\u00dferb\u00f6rslicher Handel&#8230; F\u00fcnf Banken kontrollieren 96% des Derivategesch\u00e4fts; somit haben einige wenige Akteure entscheidende Marktmacht. Das Verh\u00e4ltnis von nichtkommerziellen Spekulanten zu kommerziellem Hedging (also diejenigen, die ein kommerzielles Interesse an den gehandelten Rohstoffen haben) liegt sch\u00e4tzungsweise bei 4:1.\u00ab Es liegt mithin eine Umkehrung des Verh\u00e4ltnisses von vor zehn Jahren vor, als Spekulanten 20% der Aktivit\u00e4t ausmachten.<br \/>\nDass die Agrarrohstoffpreise zu einem erheblichen Anteil spekulativ \u00fcberzeichnet sind, geben die Akteure der Finanzm\u00e4rkte auch offen zu. Ein Hedgefonds-Manager sagte zu Beginn des Preisbooms 2008: \u00bbDa str\u00f6mt gerade so viel Geld auf die Rohstoffm\u00e4rkte, dass es v\u00f6llig egal ist, was die so genannten Fundamentals aussagen.\u00ab Und der Altmeister der Spekulation George Soros meinte: \u00bbJede Spekulation ist auch in der Realit\u00e4t verwurzelt&#8230;, doch Spekulanten erschaffen die Blase, die \u00fcber allem liegt. Ihre Erwartungen, ihr Gl\u00fccksspiel auf Futures helfen, die Preise hochzutreiben, ihr Gesch\u00e4ft verzerrt die Preise, was besonders auch f\u00fcr Rohstoffe gilt. Es ist wie das Horten von Lebensmittel inmitten einer Hungersnot, nur um Gewinne aus steigenden Preisen zu erzielen. Das sollte nicht m\u00f6glich sein.\u00ab<br \/>\nHinzu kommt, dass die dominierenden Indexfonds oft nur zu h\u00f6chstens einem Drittel aus Agrarrohstoffen bestehen. Beim gr\u00f6\u00dften Fonds, dem S&amp;P Goldman Sachs Commodity Index, der einen Marktanteil von 64% hat, sind es nur 10% im Verh\u00e4ltnis zu 75% Energierohstoffe. Das hei\u00dft Wise zufolge, dass die Indexfonds vom \u00d6lpreis getrieben werden, \u00bbganz gleich, wie es sich mit Angebot und Nachfrage f\u00fcr Soja oder Mais verh\u00e4lt.\u00ab Dennoch wird die Rolle der spekulationsgetriebenen Preise nicht nur etwa von EU-Institutionen, b\u00fcrgerlichen Zeitungen und Wissenschaftlern, sondern auch von kritischen \u00d6konomen wie Paul Krugman bestritten. Der Grund hierf\u00fcr ist, dass der \u00bbover-the-Counter\u00ab-Handel nicht in die Untersuchungen miteinbezogen wird, doch macht gerade dieser wie gesagt einen gro\u00dfen Teil des Gesamthandels aus (IATP 2008: 8).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Finanzialisierter Kapitalismus und Rohstoffe<\/strong><br \/>\nDie einseitige Schuldzuweisung an Spekulanten greift indessen zu kurz, wenn nicht ein Zusammenhang zwischen einem finanzialisierten, deregulierten und neoliberalen Kapitalismus hergestellt wird, der u.a. durch einen riesigen \u00dcberschuss an anlagesuchendem Kapital gekennzeichnet ist. Diese \u00dcberakkumulation von Kapital ergibt sich aus dem Widerspruch zwischen sinkenden Investitionsquoten und steigenden Profiten trotz sinkender Lohnquoten. Kapital str\u00f6mt infolgedessen mangels produktiver Anlagem\u00f6glichkeiten auf die Finanzm\u00e4rkte. Wird dieses Problem und allgemein das der kapitalistischen Produktionsweise nicht mitgedacht, verharrt man auf dem Niveau b\u00fcrgerlicher Kapitalismuskritik, wie sie derzeit der franz\u00f6sische Pr\u00e4sident Nicolas Sarkozy betreibt, der seine G20-Pr\u00e4sidentschaft zur Eind\u00e4mmung der Rohstoffspekulation nutzen m\u00f6chte.<br \/>\nDrei Jahre nach der Kernschmelze des neoliberalen Finanzmarktkapitalismus ist offenkundig, dass der Keynesianismus und die Re-Regulierungsabsichten der globalen Elite nicht viel mehr waren als Rhetorik. Schlimmer noch: Der Preis f\u00fcr die Rettungsma\u00dfnahmen des Finanzsystems in Gestalt von Bankenrettungen, Flutung der M\u00e4rkte mit Notenbankgeld und die Senkung des Zinsniveaus vergr\u00f6\u00dferte jene Probleme, \u00bbdie f\u00fcr die besondere Tiefe der Krise verantwortlich waren: die Inflation der Verm\u00f6genswerte und Hypertrophie der Finanzm\u00e4rkte\u00ab (Goldberg 2011: 35).<br \/>\nDas Problem des \u00bbZuviels\u00ab an Liquidit\u00e4t auf den Finanzm\u00e4rkten besteht demnach weiter fort; und es gilt auch f\u00fcr die Rohstoffm\u00e4rkte, f\u00fcr die noch zweierlei hinzukommt: Zum einen ist dieser Markt relativ klein etwa im Vergleich zum Aktienmarkt. Bereits mit relativ wenig Kapital, der Rohstoff-Analyst der Commerzbank nennt die Summe von einer Milliarde Dollar, kann man Einfluss auf die Preisentwicklung nehmen (FAZ, 19.3.2011). Zum anderen gelten Rohstoffe als Ausweichanlagem\u00f6glichkeit, wenn in anderen M\u00e4rkten eine Blase geplatzt ist. Denn Rohstoffe wie Kupfer, \u00d6l oder Weizen und Mais werden immer ben\u00f6tigt, weil sie zur Produktion industrielle Waren und zur Befriedigung grundlegender menschlicher Bed\u00fcrfnisse notwendig sind. So l\u00e4sst sich nachweisen, wie mit der Immobilienkrise in den USA ab 2007 zunehmend Kapital aus diesem Markt in die Rohstoffm\u00e4rkte umgeschichtet wurde. Als die Lehman Brothers Bank implodierte und die Panik im Finanzsystem ausbrach, wurde dann aus allen M\u00e4rkten Kapital abgezogen, was auch den vor\u00fcbergehenden Fall der Agrarrohstoffpreise in der zweiten Jahresh\u00e4lfte von 2008 erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Neoliberale Exportorientierung<\/strong><br \/>\nDoch nicht nur der Zusammenhang von spekulationsgetriebenen Preisen und dem Modus finanzkapitalistischer Akkumulation sollte ber\u00fccksichtigt werden, sondern \u00fcberdies die neoliberale Umstrukturierung der agrarischen Produktionsstrukturen in den vergangenen Jahrzehnten. Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren ist verantwortlich f\u00fcr die rasante Zunahme der Hungernden weltweit. Der luxemburgische Diplomat Jean Feyder (2010: 65ff.), der auch Pr\u00e4sident der UNCTAD (Konferenz der Vereinten Nationen f\u00fcr Handel und Entwicklung) war, hat in seinem im Herbst letzten Jahres erschienenen Buch \u00bbMordshunger\u00ab erneut auf diese Umst\u00e4nde verwiesen. Die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen W\u00e4hrungsfonds (IWF) haben daf\u00fcr gesorgt, dass die landwirtschaftliche Produktion der Kleinbauern der S\u00fcdhalbkugel einseitig auf den Export ausgerichtet wurde. Die von der globalen Elite vorangetriebene Liberalisierung des Welthandels schlie\u00dft dabei immer auch die Beseitigung von Importquoten und die Senkung und Vereinheitlichung von Z\u00f6llen ein. Ma\u00dfnahmen, die in vielfach gut dokumentierten F\u00e4llen zum Zusammenbruch des heimischen, f\u00fcr den Binnenmarkt produzierenden Fertigungssektors f\u00fchrten, w\u00e4hrend die erw\u00fcnschte Belebung des Exports zumeist auf der Strecke blieb. Insbesondere f\u00fcr die landwirtschaftlichen Sektoren der wenig entwickelten L\u00e4nder hatte das verheerende Konsequenzen, da ihre Binnenabsatzm\u00e4rkte nun von der Ausschussware der f\u00fchrenden kapitalistischen Staaten \u00fcberflutet wurden. Hier offenbart sich einmal mehr die Doppelmoral des Westens, weil die EU und die USA ihre agrarischen Sektoren und damit auch den Export von landwirtschaftlichen Waren subventionieren und sie entgegen ihrer Freihandelsrhetorik Einfuhrz\u00f6lle erheben. Laut UNCTAD liegen die durchschnittlichen Zolls\u00e4tze der entwickelten L\u00e4nder bei 34%, w\u00e4hrend sie bei den Entwicklungsl\u00e4ndern auf 25% gesch\u00e4tzt werden (ebd.: 72). Zu dieser Heuchelei geh\u00f6rt auch das mangelnde Wissen dar\u00fcber, dass die entwickelten L\u00e4nder diese Praxis historisch gesehen schon eine lange Zeit betreiben, und dies der Grund ist, warum sie sich durch Protektion ihrer Binnenm\u00e4rkte, durch geplante staatliche Investitionen etc. \u00fcberhaupt erst zu diesen haben entwickeln k\u00f6nnen (vgl. Chang 2007; Reinert 2007). Ihre Fortsetzung findet diese unehrliche Politik seitens der EU gegenw\u00e4rtig in der so genannten Rohstoffinitiative. Ein wesentliches Element sind dabei die Verhandlungen \u00fcber Freihandelsabkommen mit den Entwicklungsl\u00e4ndern. Die Nichtregierungsorganisation WEED (2010) hat in einem Report aufgezeigt, wie \u00bbdie EU-Handels- und Rohstoffpolitik Entwicklung bedroht\u00ab.<br \/>\nDie \u00dcberflutung der M\u00e4rkte des globalen S\u00fcdens hatte verheerende Folgen: Im Gefolge dieser Prozesse, so wird vermutet, haben weltweit 20 bis 30 Millionen Menschen ihr Land verloren (McMichael 2007: 175) und fristen nun ihr Dasein in den Megaslums der Dritten Welt. Die Umstrukturierung des Agrarsektors der wenig entwickelten Staaten hin zu exportorientierten Cash Crops, also von Produkten, die \u00fcberwiegend industriell mit hohem Einsatz von D\u00fcnger und anderen Vorprodukten f\u00fcr den globalen Welthandel angebaut werden, hat die Ern\u00e4hrungssouver\u00e4nit\u00e4t vieler L\u00e4nder untergraben. Sie wurden in vielen F\u00e4llen von Nahrungsmittelexporteuren zu -importeuren.<br \/>\nDiese neoliberale Strukturierung der agrarischen Produktionsverh\u00e4ltnisse ist f\u00fcr die spekulationsbedingten extremen Volatili\u00e4ten umso anf\u00e4lliger; und dieses Zusammenspiel ist somit eine entscheidende Ursache f\u00fcr die Entstehung der globalen Hungerrevolten. Das l\u00e4sst sich z.B. auch an \u00c4gypten beobachten. Ray Bush (2010) zufolge f\u00fchrte Mubaraks Konterrevolution im Agrarbereich ab Ende der 1980er Jahre zu mehr l\u00e4ndlicher Armut und einer Stagnation der Produktivit\u00e4t, weil die redistributiven Reformen aus der Nasser-\u00c4ra zur\u00fcckgenommen worden sind (vgl. dazu im Detail Gretel 2010).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Malthus irrte sich<\/strong><br \/>\nFestzuhalten ist: F\u00fcr die heftigen Preisschwankungen, die in den letzten Jahren zu verzeichnen waren, ist vornehmlich spekulatives Kapital verantwortlich. Langfristig spielen allerdings auch Fundamentals wie Ver\u00e4nderungen von Angebot und Nachfrage eine Rolle. Gegen die Anf\u00e4lligkeiten der Agrarrohstoffm\u00e4rkte f\u00fcr spekulatives Kapital kann etwas getan werden. Regulierungen, wie sie jahrzehntelang galten, k\u00f6nnten wieder eingef\u00fchrt werden (entsprechende Initiativen, so von der G20, gibt es bereits). Allerdings werden damit die M\u00f6glichkeiten des anlagesuchenden Kapitals nur eingeschr\u00e4nkt, eine Korrektur des Missverh\u00e4ltnisses von Finanzkapital und investivem Kapital wird damit nicht erreicht. Ma\u00dfnahmen, die das Problem an der Wurzel fassen, m\u00fcssten auf die Dekommodifizierung, d.h. des Nicht-zur Ware-Werdens, gerade von im wahrsten Sinne des Wortes lebensnotwendigen Produkten wie Weizen, Reis und Mais abzielen. Als Schritt dahin m\u00fcsste insbesondere die Verkopplung von Regionen mit ganz unterschiedlichen Produktionsbedingungen durch den Weltmarkt unterbunden werden. Denn ein einziger Weltmarkt l\u00e4sst die Preise enorm schwanken und f\u00fchrt dazu, dass besonders die Kleinbauern aufgrund von Volatilit\u00e4ten Investitionen unterlassen und als Folge davon die Produktivit\u00e4t zur\u00fcckbleibt. Doch der Fokus sollte nicht zu sehr auf Investitionen und Produktivit\u00e4t liegen. Zwar ist es richtig, dass die weltweit wachsende Weltbev\u00f6lkerung auch ein \u00bbMehr\u00ab an Nahrungsmitteln ben\u00f6tigt, allerdings ist dies mit dem industrialisierten Agrobusiness nicht zu schaffen. Sie geht mit teuren Investitionen in Maschinen, Saatgut und D\u00fcnger einher, treibt den Klimawandel an und ist anf\u00e4llig gegen\u00fcber Klimaschwankungen. Vor allem hat sie die Kleinbauern nicht aus ihrer Not befreien k\u00f6nnen, einen Trickle-Down-Effekt gab es nicht. Im Gegenteil: Gerade mit einer nachhaltigen, \u00f6kologischen Landwirtschaft ist, wie Oliver De Schutter (2011) in einer Zusammenschau verschiedener Studien zeigt, innerhalb von f\u00fcnf bis zehn Jahren eine Verdoppelung der Nahrungsmittel zu schaffen \u2013 und das nicht nur unter Einschluss des Schutzes von Kleinbauern, die derzeit vom so genannten Landgrabbing betroffen sind (vgl. Fritz 2010), sondern gerade basierend auf ihren traditionellen Anbaumethoden. Beispielprojekte in 57 Entwicklungsl\u00e4ndern zeigten, dass mit nachhaltigem Bioanbau eine Ertragssteigerung von 80%, im afrikanischen Raum sogar von 116% m\u00f6glich ist. Ob also der seit ein paar Jahren zu beobachtende Trend des Anstiegs der Agrarrohstoffe und Lebensmittelpreise mit extremen kurzfristigen Schwankungen nach einer l\u00e4ngeren Periode niedriger Preise seine Fortsetzung finden wird, ist kein Naturgesetz, sondern vielmehr ein Terrain sozialer K\u00e4mpfe, die sich in erster Linie gegen die globalen Agrokonzerne und ihre industrialisierte exportorientierte Landwirtschaft sowie gegen die Freihandelspolitik richten m\u00fcssen (f\u00fcr die marxistische Theorie, den Kleinbauern nicht wohlgesonnen, ergeben sich hieraus neue Probleme, vgl. dazu Henninger 2010).<br \/>\nSeit ca. 200 Jahren macht das von Thomas Robert Malthus gepr\u00e4gte Argument die Runde, wonach die Produktion von Lebensmitteln nicht mit der wachsenden Bev\u00f6lkerung Schritt halten kann. Ebenso lange wird diese Einsch\u00e4tzung stets aufs Neue widerlegt. Malthus hat Unrecht. Seine Verteidiger sprechen mit klarem Klassenstandpunkt: Nahrungsmittel sind Waren, die produziert werden, nicht um Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, sondern um Gewinne zu erzielen; existiert keine zahlungskr\u00e4ftige Nachfrage, so unterbleiben entsprechende Investitionen \u2013 ganz gleich, ob Menschen Hunger leiden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nBr\u00fcmmer, Bernhard, u.a. (2008): Weltgetreidemarkt: Anhaltender Boom oder kurzfristige Spekulationsblase?, in Wirtschaftsdienst, H. 10, S. 654-662.<br \/>\nBush, Ray (2010): Food Riots: Poverty, Power and Protest, in: Journal of Agrarian Change, Vol. 10, Nr. 1, Januar, S. 119-129.<br \/>\nChang, Ha-Joon (2007): Bad Samaritans. The Guilty secrets of rich nations &amp; the threat to global prosperitiy, London.<br \/>\nFeyder, Jean (2010): Mordshunger. Wer profitiert vom Elend der armen L\u00e4nder?, Frankfurt a.M.<br \/>\nFritz, Thomas (2010): Das gro\u00dfe Bauernlegen. Agrarinvestitionen und der Run aufs Land, Berlin, www.fdcl.org.<br \/>\nGoldberg, J\u00f6rg (2011): Die Welt der zwei Geschwindigkeiten, in: Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung Nr. 85, M\u00e4rz, S. 32-45.<br \/>\nGretel, J\u00f6rg (2010): Globalisierte Nahrungskrisen. Bruchzone Kairo, Bielefeld.<br \/>\nInstitute for Agriculture and Trade Policy (IATP) (2008): Commodities Market Speculation: The Risk to Food Security and Agriculture, Minneapolis.<br \/>\nHenninger, Max (2008): Marxismus und l\u00e4ndliche Armut, in: Sozial.Geschichte Online, H. 4, S. 82-112, www.stiftung-sozialgeschichte.de.<br \/>\nMcMichael, Philip (2007): Feeding the World: Agriculture, Development and Ecology, in: Socialist Register 2007. Coming to terms with Nature, London\/New York\/Halifax 2007, S. 175.<br \/>\nReinert, Erik S. (2007): How rich countries got rich&#8230; and why poor countries stay poor, London.<br \/>\nRoubini, Nouriel (2011): \u00d6konomische Konsequenzen der arabischen Revolte, in: Informationsbrief Weltwirtschaft &amp; Entwicklung, 18.3.2011.<br \/>\nSchutter, Olivier De (2010): Food Commodities Speculation and Food Price Crises. Regulation to reduce the risks of price volatility, Briefing Note 02 \u2013 September.<br \/>\nSchutter, Olivier De (2011): Agroecolgy and the Right to Food, www.srfood.org.<br \/>\nWeed (2010): Die neue Jagd nach Ressourcen: Wie die EU-Handel- und Rohstoffpolitik Entwicklung bedroht, online unter: www.weed-online.org.<br \/>\nWise, Timothy A. (2011): Die Finanzialisierung der Agrarm\u00e4rkte, in: Informationsbrief Weltwirtschaft &amp; Entwicklung, Februar.<br \/>\nWorld Development Movement (2010): Great hunger lottery: how banking speculation causes food crises, July.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2011\/heft_nr_4_april_2011\/\">Sozialismus 4\/2011<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ereignisse in den Maghreb-Staaten und Nordafrika halten die Welt weiter in Atem. 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