{"id":188,"date":"2011-11-01T20:49:21","date_gmt":"2011-11-01T18:49:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=188"},"modified":"2019-05-02T11:38:28","modified_gmt":"2019-05-02T09:38:28","slug":"im-zweifel-fur-ernst-nolte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=188","title":{"rendered":"Im Zweifel f\u00fcr Ernst Nolte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mathias Brodkorbs misslungener Versuch, den Historikerstreit zu bilanzieren<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gemeinhin gilt der Ausgang des Historikerstreits als klar: Die sozialdemokratische und liberale Linke um J\u00fcrgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler fuhr einen Punktsieg gegen Ernst Nolte (und andere neurechte Historiker) ein, der den Holocaust mit der These vom \u00bbkausalen Nexus\u00ab zwischen bolschewistischen Verbrechen und Auschwitz aus der Kontinuit\u00e4t deutscher Geschichte entfernen wollte. Im Zuge des Historikerstreits konnte sich die These von der Singularit\u00e4t des Holocaust etablieren, die freilich mehre Bedeutungen hat. <!--more-->Ein spezifisches \u2013 sakralisiertes \u2013 Verst\u00e4ndnis der Singularit\u00e4tsthese ist heute allgemein anerkannt, ja sie kann als inoffizielle Staatsdoktrin der Bundesrepublik gelten. Angesichts des \u00bbkommunikativen Beschweigens\u00ab (H. L\u00fcbbe) und der so genannten \u00bbzweiten Schuld\u00ab (R. Giordano) der westdeutschen Nachkriegszeit sowie der im Historikerstreit erstmals offensichtlichen Revisionsbestrebungen ist dies einerseits zu begr\u00fc\u00dfen. Andererseits geht mit dieser Etablierung des Singularit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses der Verlust eines insbesondere infolge von 1968 etablierten (neo)marxistischen Faschismusverst\u00e4ndnisses einher, welches die NS-Vernichtungspolitik im Rahmen seiner kapitalistischen und imperialistischen Kontinuit\u00e4ten zu analysieren versuchte. Allerdings gelang es diesem nicht, den spezifischen Charakter des Judenmordes angemessen zu erfassen.<br \/>\nParallel zur Etablierung des sakralisierten Singularit\u00e4tsverst\u00e4ndnisses hat indes mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus eine gegenl\u00e4ufige Tendenz Fu\u00df fassen k\u00f6nnen: Die Renaissance der Totalitarismustheorie war der Startschuss f\u00fcr einen munteren Vergleichswettbewerb nicht nur von Stalinismus und Faschismus, sondern auch von DDR und Hitler-Reich \u2013 auf den Punkt gebracht in der kaum mehr hinterfragten Formel von den zwei deutschen Diktaturen auf deutschen Boden. Des Weiteren r\u00fcckten in den vergangenen zwei Jahrzehnten die deutschen Opfer von \u00bbKrieg und Gewaltherrschaft\u00ab in den Fokus der Aufmerksamkeit. Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie (2008: 52) hat diese widerspr\u00fcchlichen Tendenzen in folgende Worte gefasst: \u00bbMan skandalisierte im Historikerstreit den dicken Schlussstrich \u2013 um ihn danach umso feiner ziehen zu k\u00f6nnen. Logisch oder historiographisch mag das eine Unm\u00f6glichkeit sein, aber faktisch koexistiert das besondere Augenmerk auf dem Mord an den europ\u00e4ischen Juden heute mit der Hervorhebung deutscher Leiden und Opfer in einer Gesamtperspektive.\u00ab<br \/>\nDiese verwirrende Gemengelage nahm das einstige PDS-Mitglied und der jetzige SPD-Politiker Mathias Brodkorb zum Anlass, der bedeutendsten Debatte der alten BRD einer kritischen Bilanz zu unterziehen. Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, dass die Anlage des Bandes deutlich zugunsten Ernst Noltes ausf\u00e4llt. Der Herausgeber Brodkorb hatte das urspr\u00fcnglich nicht so geplant. Anl\u00e4sslich des 25. Jubil\u00e4ums des Historikerstreits wollte er die beiden Protagonisten von damals zu einem Dialog bewegen. Doch J\u00fcrgen Habermas beschied dem designierten Bildungsminister von Mecklenburg-Vorpommern mit einer Absage. Anders Ernst Nolte, der Brodkorb zu einem Gespr\u00e4ch in seine \u00bbb\u00fcrgerliche Berliner Stadtwohnung\u00ab einlud. Brodkorb lie\u00df sich von so viel Zuvorkommenheit offensichtlich beeindrucken. W\u00e4hrend er eine gewisse Sympathie f\u00fcr die Person Nolte nicht verbergen kann, reagiert er auf Habermas beleidigt: Er will diesen gegen sich selbst, sprich die Theorie des kommunikativen Handelns gegen seinen Erfinder verteidigen.<br \/>\nNach einer knappen Kritik an Habermas wird ausf\u00fchrlich die Position Ernst Noltes dargelegt; zun\u00e4chst in einem einleitenden Beitrag vom Herausgeber pers\u00f6nlich, sodann in Noltes eigenen Worten in Gestalt des erw\u00e4hnten Interviews und abschlie\u00dfend in einem langen Beitrag \u00fcber \u00bbErnst Nolte und die Singularit\u00e4t von Auschwitz\u00ab \u2013 ebenfalls aus der Feder Brodkorbs. Dem zur Seite gestellt sind zumeist k\u00fcrzere Texte oder Gespr\u00e4che von bzw. mit dem ehemaligen Sch\u00fcler Noltes, Wolfgang Wippermann, den Historikern Christian Meier, J\u00f6rn R\u00fcsen und Heinrich August Winkler sowie den Journalisten J\u00fcrgen Kaube (FAZ) und Alan Posener (Die Welt). Zudem enth\u00e4lt der Band den polemischen und eindeutig in einer neurechten Tradition stehenden Beitrag von Egon Flaig, der vorab gek\u00fcrzt in der FAZ abgedruckt worden ist und umgehend harsch von Micha Brumlik, Wolfgang Wippermann u.a. kritisiert wurde. Konzipierung des Bandes und politische Verortung der Autoren \u2013 bis auf Wippermann alle eher dem konservativen Spektrum zuzuordnen \u2013 deuten somit auf eine Aufwertung der Position Noltes hin.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Relativierung trotz Singularit\u00e4t<\/strong><br \/>\nDoch findet sich diese Tendenz auch in den Beitr\u00e4gen selbst? Ja, aber nicht ausschlie\u00dflich. So ist Brodkorb um eine differenzierte und kleinteilige Darstellung der Position Noltes bem\u00fcht. Er weist auf entsprechende Passagen in Noltes Hauptwerk aus den 1960er Jahren hin, in denen dieser die Singularit\u00e4t von Auschwitz ausdr\u00fccklich anerkennt, was er im \u00dcbrigen noch bis heute tut. So f\u00fchrt Nolte im Gespr\u00e4ch mit Brodkorb aus: \u00bbDie Singularit\u00e4t von Auschwitz besteht in meinen Augen allein in der Ideologie, die ihr zugrundelag.\u00ab (43) Interessanterweise gilt Nolte manchen rechten Publizisten daher auch eher als linker Historiker. Andererseits gibt Brodkorb Habermas \u00bbin gewisser Hinsicht\u00ab Recht, wenn dieser behauptet, Nolte habe die Singularit\u00e4t von Auschwitz bezweifelt, auch wenn Habermas hierf\u00fcr keine Argumente vortrug, vielleicht auch nicht vortragen konnte (158, vgl. auch 175). Recht in \u00bbgewisser Hinsicht\u00ab insofern, weil sich Noltes Definition der Singularit\u00e4t eben nur auf die ideologische Ebene beziehe, nicht jedoch auf die tats\u00e4chlichen Geschehnisse.<br \/>\nBrodkorb geht indes noch einen Schritt weiter: Nicht nur eine Relativierung der NS-Verbrechen stellt er bei Nolte fest, sondern auch eine gewisse logische Verwandtschaft mit der Argumentation der Nationalsozialisten. So z.B., wenn Nolte dem Antisemitismus ein \u00bbgewisses Ausma\u00df von Recht\u00ab zuspricht (158). An anderer Stelle spricht der Philosoph und Gr\u00e4zist Brodborb sogar davon, dass Nolte die Verbrechen der Bolschewiki f\u00fcr schlimmer als die der Nazis zu halten scheint und mit \u00bbemotionalem Engagement\u00ab ausschlie\u00dflich \u00fcber die \u00bbFolterungen und T\u00f6tungsweisen der Bolschewiki\u00ab spricht (169). Brodkorbs Fazit lautet: \u00bbDass seine Argumentation vor diesem Hintergrund manch einem als NS-apologetischer Revisionismus erscheinen mag, d\u00fcrfte daher nicht nur \u203averstehbar\u2039, sondern in Teilen sogar \u203averst\u00e4ndlich\u2039, wenn auch vielleicht nicht ganz \u203agerechtfertigt\u2039 sein.\u00ab<br \/>\n\u00bbMag\u00ab, \u00bbd\u00fcrfte\u00ab, \u00bbvielleicht\u00ab \u2013 ganz sicher ist er sich also nicht. Diese Unbestimmtheit schl\u00e4gt in der Erwiderung Brodkorbs auf eine Kritik von Wolfgang Wippermann an dem oben erw\u00e4hnten Beitrag von Egon Flaig in der Wochenzeitung der Freitag (5.8.2011) denn auch in eine Pro-Nolte-Position um. In dieser hat l\u00e4sst er die in seinen eigenen Beitr\u00e4gen und hier referierte Widerspr\u00fcchlichkeit zwischen Anerkennung der Singularit\u00e4tsthese und NS-Relativierung der Noltes\u2018schen Position unter dem Tisch fallen. Der Herausgeber schreibt, dass aus der Noltes&#8217;schen These, wonach Hitler auf Stalin reagiert habe, mitnichten folge, dass Stalins Taten schlimmer gewesen sein m\u00fcssen als die Hitlers. \u00bbH\u00e4tte n\u00e4mlich Hitler \u00fcberreagiert, lie\u00dfe sich Noltes Theorie vom \u203akausalen Nexus\u2039 ganz ohne Widerspruch mit dem Postulat von der \u203aSingularit\u00e4t von Auschwitz\u2039 kombinieren. Man muss kein Spezialist sein, um zu wissen, dass genau dies Noltes Position war und bis heute ist.\u00ab<br \/>\nAbgesehen davon, dass selbst der Nicht-Spezialist Brodkorb die Widerspr\u00fcchlichkeit von Noltes Position an anderer Stelle herausgearbeitet hat, f\u00e4llt Folgendes auf: Zwar ist das Argument richtig, dass die angenommene Beziehung zwischen Stalin und Hitler nicht zwangsl\u00e4ufig bedeuten muss, dass die Verbrechen der Bolschewiki schlimmer als die der Nazis gewesen seien. Aber die angebliche Relation selbst wird nicht infrage gestellt. Doch gerade dies ist ein zentrales Argument von Geschichtswissenschaftlern. Die Unsinnigkeit der Konstruktion des \u00bbkausalen Nexus\u00ab demonstriert in dem Band \u00bbSingul\u00e4res Auschwitz?\u00ab Alan Posener. Nolte sei nur dann Recht zu geben, wenn er wie Hitler tats\u00e4chlich meinte, es g\u00e4be so etwas wie eine j\u00fcdische Essenz. Dann aber werde aus Noltes Einf\u00fchlung eine Identifikation mit Hitler und den Nazis (126).<br \/>\nPoseners Fazit findet auf der einen Seite die Zustimmung Brodkorbs, denn er referiert es in eigenen Worten. Auf der anderen Seite meint er, bei Nolte handele es sich lediglich um einen Denkfehler, nicht jedoch um NS-Apologie oder Antisemitismus (161) \u2013 was im merkw\u00fcrdigen Widerspruch zu seiner konstatierten \u00bblogischen Verwandtschaft\u00ab von Noltes Argumentation mit der der Nazis nur drei Seiten zuvor steht (158).<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Singul\u00e4r? Pr\u00e4zedenzlos? Einzigartig?<\/strong><br \/>\nBrodkorbs Widerspr\u00fcchlichkeit hat neben der pers\u00f6nlichen Antipathie gegen Habermas und der insgeheimen Sympathie f\u00fcr Nolte noch eine weitere Ursache: den Umgang mit der so genannten Singularit\u00e4tsthese des Holocaust. Das herk\u00f6mmliche Verst\u00e4ndnis dieser These besagt, dass der Holocaust ein einzigartiges, singul\u00e4res Ereignis war und somit nicht mit anderen Verbrechen oder Genoziden verglichen werden d\u00fcrfe. Tue man dies, sei quasi schon der Rubikon zur Relativierung der NS-Verbrechen \u00fcberschritten.<br \/>\nEine so verstandene Singularit\u00e4ts-These wirft indes Probleme auf, weil sie, wie Leggewie (2008: 67) ausf\u00fchrt, \u00bbden Mord an den europ\u00e4ischen Juden als au\u00dferhistorisches Ereignis konstruiert und damit dem Vergleich entzieht.\u00ab Die Herausl\u00f6sung des Judenmordes aus den geschichtlichen Kontinuit\u00e4ten und Kontexten geht insofern einher mit einer Sakralisierungstendenz. Zugespitzt lautet das Argument dann: Der Holocaust ist singul\u00e4r, weil er die Abwesenheit von Rationalit\u00e4t verk\u00f6rperte und damit entziehe er sich auch einer rationalen Erkl\u00e4rung.<br \/>\nDiese Ansichten allerdings sind problematisch, weil sich hier verschiedene Ebenen vermischen, die es auseinanderzuhalten gilt (vgl. Berlekamp 1992). Auf einer wissenschaftlichen Ebene muss verglichen, in Beziehung gesetzt, differenziert und historisiert werden. Wie sonst sollte das als singul\u00e4r postulierte als tats\u00e4chlich einzigartig charakterisiert werden? Auf der anderen Seite ist auf einer politisch-moralischen Ebene die Anerkennung der Singularit\u00e4t von Auschwitz \u2013 sofern die wissenschaftliche Analyse dieses denn best\u00e4tigt hat (dazu weiter unten) \u2013 unabdingbar, um sich von neu rechten Bestrebungen abzugrenzen, die \u2013 indem sie einer revisionistischen Historisierung das Wort reden \u2013 \u00bbAuschwitz vom negativen Sockel\u00ab sto\u00dfen wollen, um ein normalisiertes deutsches Nationalbewusstsein zu bef\u00f6rdern. In Brodkorbs Band dr\u00fcckt dieses Bed\u00fcrfnis beispielhaft Egon Flaig aus. Zwar schreibt er zu Recht, dass Erkennen nur m\u00f6glich sei, wenn kontextualisiert, relationalsiert, relativiert und revidiert wird (92). Doch ist sein geschichtspolitisches Motiv die Gleichsetzung von Holocaust mit anderen Genoziden. Und zu diesem Zweck bleiben wissenschaftliche Argumente und Studien unber\u00fccksichtigt, die genau dies bestreiten und die Spezifika des Judenmordes unterstreichen.<br \/>\nDoch das Problem der Singularit\u00e4tsthese f\u00e4ngt schon damit an, dass keine allgemein verbindliche Definition existiert, sondern ganz Unterschiedliches unter ihr verstanden wird. Das sieht auch Brodkorb so, und er verwirft mit gutem Grund die Definition \u00fcber \u00bbeine blo\u00df faktische Singularit\u00e4t\u00ab, da im \u00bbstrikten Sinne jedes historische Ereignis singul\u00e4r\u00ab sei (164). Ebenso zu Recht bestreitet Brodkorb die Definition der Singularit\u00e4t \u00fcber eine quantitative Dimension, d.h. \u00fcber die Zahl der Opfer \u2013 ein Verfahren \u00fcbrigens, welches der Herausgeber des \u00bbSchwarzbuches des Kommunismus\u00ab, St\u00e8phane Courtois, w\u00e4hlte, um die Einzigartigkeit von Auschwitz zu bestreiten und die Verbrechen des Kommunismus als die schlimmeren hinzustellen. Bleibt also nur noch die qualitative Dimension. Hier zitiert Brodkorb die klassische Bestimmung von Eberhard J\u00e4ckel, f\u00fcr den der Holocaust singul\u00e4r ist, \u00bbweil noch nie zuvor ein Staat mit der Autorit\u00e4t seines verantwortlichen F\u00fchrers beschlossen hatte, eine bestimmte Menschengruppe einschlie\u00dflich der Alten, der Frauen, der Kinder und der S\u00e4uglinge m\u00f6glichst restlos zu t\u00f6ten, und diesen Beschlu\u00df mit allen nur m\u00f6glichen staatlichen Machtmitteln in die Tat umsetzte.\u00ab Gegen diese hat Brodkorb nicht viel auszusetzen, er verweist lediglich auf J\u00fcrgen Kocka, der den industriellen Charakter der Shoah hervorhebt (168).<br \/>\nWorum es in der Singularit\u00e4tsdebatte Brodkorb zufolge eigentlich gehe, sei die Frage, ob die historischen Ereignisse in Auschwitz im Vergleich zu jenen im Gulag von gleichartiger regressiver moralischer Qualit\u00e4t waren oder von herausgehobener (42). Dazu jedoch sei eine ethische Theorie mit anthropologischer Fundierung notwendig: \u00bbOhne Menschenbild ist die Frage, ob Auschwitz singul\u00e4r war, nicht l\u00f6sbar.\u00ab F\u00fcr Brodkorb macht sich die Definition folglich an dieser Frage fest: \u00bbWas [sei] im Angesicht des Erfordernisses eines universalistischen Normensystems eigentlich schlimmer \u2013 der gef\u00fchllose B\u00fcrokrat, die kalte Seele oder der l\u00fcsterne Schl\u00e4chter, die hei\u00dfe Seele?\u00ab (178) Das nicht beantwortet zu haben, wirft er abschlie\u00dfend J\u00fcrgen Habermas vor.<br \/>\nAllein: Dieser Gegen\u00fcberstellung liegt eine weitverbreitete Fehlannahme \u00fcber die tats\u00e4chlichen Abl\u00e4ufe der Judenvernichtung zugrunde: Das Spezifische der Shoah liegt n\u00e4mlich nicht im industrialisierten Morden begr\u00fcndet. Nur rund die H\u00e4lfte der ermordeten Juden fand in Gaskammern den Tod, die andere H\u00e4lfte wurde auf \u00bbherk\u00f6mmliche\u00ab Art und Weise ermordet, zumeist erschossen. Der Historiker Ulrich Herbert spricht daher davon, dass \u00bbder Holocaust vielmehr zu einem ganz erheblichen Teil eine Menschenvernichtung in sehr traditionellen, nachgerade archaischen Formen [war].\u00ab (zit. n. Smith 2010: 11)<br \/>\nBrodkorbs Fokus auf die moralisch-ethische Frage ist also f\u00fcr die Herleitung der Singularit\u00e4t von Auschwitz nicht weiterf\u00fchrend. Im Gegenteil, sie leistet einer Gleichsetzung von Genoziden und Holocaust Vorschub: \u00bbEine rationale Antwort auf die Frage, warum es in der Wissenschaft unzul\u00e4ssig sein soll, nicht nur den Holocaust mit anderen Genoziden zu vergleichen, sondern hinsichtlich seiner regressiven Qualit\u00e4t mit diesen gleichzusetzen, blieb Habermas schuldig und bleibt er \u2013 und mit ihm viele Debattenteilnehmer \u2013 bis heute schuldig.\u00ab Mit dieser Argumentation baut sich Brodkorb gleich zwei Pappkameraden auf: Zum einen verkennt er, dass der Historikerstreit nicht ein Streit auf wissenschaftlicher Ebene, sondern vielmehr eine (geschichts)politische Auseinandersetzung \u00fcber das Selbstverst\u00e4ndnis der Bundesrepublik vor dem Hintergrund der \u00bbgeistig-moralischen Wende\u00ab der Kohl-\u00c4ra war. Geschichtspolitische Motive kann er allenfalls bei Michael St\u00fcrmer erkennen, nicht aber bei Ernst Nolte, der ihm viel zu sehr Wissenschaftler ist (146f.). Insofern l\u00e4uft auch folgende rhetorische Frage ins Leere: \u00bbWenn Christian Meier und Eberhard J\u00e4ckel aber Recht haben mit ihrer These, dass sich auch im Falle der Nicht-Singularit\u00e4t von Auschwitz im Grunde gar nichts \u00e4nderte \u2013 nichts an der Schuld der T\u00e4ter, nichts am Leid der Opfer, nichts an der politischen Verantwortung aller nachfolgenden Generationen \u2013, so dr\u00e4ngt sich doch die Frage auf, warum Habermas und seine F\u00fcrsprecher mit so gro\u00dfer Wucht und teils au\u00dferwissenschaftlichen Instrumentarien das Singularit\u00e4tspostulat verteidigt haben. Was ist das au\u00dferwissenschaftliche Motiv daf\u00fcr, eine Sache zu betreiben, die es im Grunde nicht braucht oder die \u203aam Ende so entscheidend\u2039 nicht ist?\u00ab<br \/>\nZum zweiten existiert das von ihm unterstellte Vergleichsverbot in der Wissenschaft nicht, was in \u00bbSingul\u00e4res Auschwitz?\u00ab auch Wolfgang Wippermann konstatiert. Bereits Mitte der 1980er Jahre schrieb der Historiker Saul Friedl\u00e4nder: \u00bbEs bedarf keiner besonderen Erw\u00e4hnung, da\u00df versucht werden kann, die Menschenvernichtung der Nazis mit anderen F\u00e4llen von Vernichtung zu vergleichen, da\u00df man nach einer beliebigen Anzahl vergleichbarer Ereignisse Ausschau halten kann. Doch all das schlie\u00dft die Anerkennung einiger erheblicher Unterschiede nicht aus.\u00ab (Friedl\u00e4nder 2007: 76) Diesen Unterschied sieht er in Anschluss an Hannah Arendt darin begr\u00fcndet, dass die Nazis versucht h\u00e4tten zu entscheiden, wer die Welt bewohnen d\u00fcrfe und wer nicht. Man k\u00f6nne sich, so Friedl\u00e4nder, zwar eine noch gr\u00f6\u00dfere Zahl von Opfern und eine technologisch noch effizientere T\u00f6tungsart vorstellen, aber diese Grenze sei bislang nur durch die Nazis \u00fcberschritten worden.<br \/>\nDiesen Weg \u2013 gerade durch den Vergleich des Holocaust mit anderen Genoziden dessen Spezifik herauszuarbeiten \u2013 beschreiten weitere renommierte Historiker. So z.B. der israelische Historiker und zeitweilige Leiter des International Institute for Holocaust Research in Yad Vashem, Yehuda Bauer. In seinem Buch \u00bbDie dunkle Seite der Geschichte\u00ab (2001) vergleicht er die Shoah mit dem Mord an den Sinti und Roma sowie mit dem V\u00f6lkermord der T\u00fcrken an den Armeniern. Auf diese Weise arbeitet Bauer f\u00fcnf Elemente heraus, die die Einzigartigkeit des Holocaust definierten. Allerdings pr\u00e4feriert er anstelle von \u00bbSingularit\u00e4t\u00ab oder \u00bbEinzigartigkeit\u00ab den Begriff der \u00bbPr\u00e4zedenslosigkeit\u00ab. Und zwar deshalb, um dem auch von Brodkorb vorgetragenem spitzfindigen Argument, dass jedes historische Ereignis \u00bbeinzigartig\u00ab sei, zu entgehen. Bauers Definition von Genozid und Shoah lautet: \u00bbEin Genozid ist demnach der planvolle Versuch, eine nationale, ethnische oder \u203arassische\u2039 Gruppe mit Hilfe der von Lemkin und der UN-Konvention benannten Ma\u00dfnahmen zu vernichten, das hei\u00dft durch Ma\u00dfnahmen, die den selektiven Massenmord an den Mitgliedern der verfolgten Gruppe begleiten. Bei der Shoah handelt es sich um eine Radikalisierung des Genozids, um einen planvollen Versuch, jedes einzelne Mitglied einer verfolgten ethnischen, nationalen oder \u203arassischen\u2039 Gruppe physisch zu vernichten.\u00ab (30) Vergleichbar geht auch Steven T. Katz (1994) in seinem Buch \u00bbThe Holocaust in Historical Context Vol. 1\u00ab vor. Er historisierte den Holocaust, um dessen Einzigartigkeit gerade im Vergleich mit anderen Massent\u00f6tungen herauszuarbeiten. Dabei kommt er zu einer vergleichbaren Singularit\u00e4ts-Definition wie Eberhard J\u00e4ckel.<br \/>\nKurzum: Gerade dadurch, dass Historiker den Holocaust mit anderen V\u00f6lkermorden verglichen haben, konnten sie zeigen, warum dieser sich von anderen Genoziden unterscheidet und insofern zu Recht als singul\u00e4r, einzigartig oder charakterisiert wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>\u00bbSensibilit\u00e4t bestimmter Semantiken\u00ab<\/strong><br \/>\nWorum l\u00e4uft Brodkorbs Argumentation also hinaus? Pointiert bringt das folgender Auszug aus seinem Gespr\u00e4ch mit Ernst Nolte zum Ausdruck: Auf seine Frage, ob der Anspruch, f\u00fcr immer und radikal dem \u203aGuten\u2039 zum Durchbruch zu verhelfen, nicht ebenso vermessen und \u00fcbermenschlich sei wie der Anspruch, f\u00fcr immer und radikal das \u203aB\u00f6se\u2039 auszul\u00f6schen sei, erwidert der rechte Historiker verdutzt: \u00bbSie gelangen aber zu einer erstaunlichen Gleichsetzung mit Ihrer Frage, ob der Versuch der Bolschewisten, das \u203aParadies auf Erden zu errichten\u2039, nicht \u203aebenso vermessen und \u00fcbermenschlich\u2039 sei wie die nationalsozialistische GegenIntention.\u00ab (46)<br \/>\nZwar argumentiert Brodkorb an anderen Stellen etwas differenzierter (vgl. 154f.), das aber deutet nur darauf hin, dass das einstige Mitglied der Kommunistischen Plattform in der PDS auf seinen Weg in die politische rechte Mitte noch etwas unentschlossen ist. Die Tendenz freilich ist klar, was auch seine \u00dcbernahme des in der Tradition des Totalitarismusparadigmas stehenden Extremismuskonzeptes sowie seine Interventionen zugunsten neurechter Publizisten (vgl. AIB 86, 1\/2010; der Freitag, 11.8.2011) zeigt. Dass der FAZ die Sto\u00dfrichtung des jungen Ministers sehr genehm ist und dies mit zwei Vorabdrucken \u00bbbelohnte\u00ab, verwundert nicht. Dazu passt, dass sie bereits vor einem Jahr ein sympathisierendes Portr\u00e4t \u00fcber ihn ver\u00f6ffentlichten haben (FAZ 11.8.2010). In diesem wird wohlwollend hervorgehoben, dass Brodkorb der CDU vorhalte, ihre rechte Flanke zu vernachl\u00e4ssigen und sich dementsprechend f\u00fcr in die Kritik geratene rechte CDU-Leute einsetze.<br \/>\nSaul Friedl\u00e4nder warnte in seiner Auseinandersetzung mit Martin Broszat \u00fcber die Historisierung des Nationalsozialismus davor, dass \u00bbin der gegenw\u00e4rtig vorherrschenden Kontextuierung jene Historiker, die die Bedeutung des Nazismus relativieren und seinen Vernichtungscharakter zu historisieren beabsichtigen, eben jenen Begriff der \u203aHistorisierung\u2039 instrumentalisieren &#8230;, um zu jener nur scheinbar lange Zeit hinausgeschobenen \u203aobjektiven\u2039 Sicht der Vergangenheit zu gelangen.\u00ab Diese Warnung sollte man sich in der gegenw\u00e4rtigen Kontextuierung \u2013 Renaissance von Totalitarismustheorie, Erhebung eines spezifischen Verst\u00e4ndnisses der Singularit\u00e4tsthese zu inoffiziellen Staatsdoktrin sowie \u00bbRenationalisierung des Denkens\u00ab infolge der Eurokrise \u2013 vor Auge f\u00fchren.<br \/>\nDas hei\u00dft allerdings nicht, von einer Historisierung an sich und von einem spezifischen Verst\u00e4ndnis der Singularit\u00e4tsthese Abstand zu nehmen. Historisierung muss vielmehr aus kritischer Perspektive erfolgen (vgl. Berlekamp 1992). Dies hatte der Historiker Detlev Peukert im Sinne, als er schrieb, dass Historisierung das Interesse auf gesellschaftliche Strukturen lenken m\u00fcsse, sodass geschichtliche Erfahrungen durch die Herstellung von Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcgen wach gehalten werden k\u00f6nnen. Der Nazi-Faschismus erscheine dann nicht als das Produkt von pathologischen Personen, mit deren Tod die Gefahr der Wiederholbarkeit ausgeschlossen sei. Vielmehr r\u00fccken ins Zentrum des Untersuchungsinteresses gerade jene Elemente der westlich-kapitalistischen Moderne, die den Weg in die Katastrophe wiesen. Denn der Holocaust war kein Bruch mit dieser Moderne, sondern ihre Schattenseite \u2013 worauf auch Enzo Traverso (2003) in seinem Essay \u00bbModerne und Gewalt\u00ab \u00fcber die europ\u00e4ische Genealogie des Nazi-Terrors hinwies. Freilich darf bei dieser Herangehensweise nicht das Spezifische des Holocaust eingeebnet werden. Doch mit einer Dialektik von Kontinuit\u00e4t und Bruch ist dem beizukommen.<br \/>\nF\u00fcr eine kritische Positionierung zur Singularit\u00e4tsthese ergibt sich somit Folgendes: Im Anschluss an Yehuda Bauer erscheint der Begriff der Pr\u00e4zedenslosigkeit besser geeignet zu sein. Des Weiteren muss das Verst\u00e4ndnis der Pr\u00e4zedenslosigkeit in kritische Auseinandersetzung mit drei herk\u00f6mmlichen Interpretationen erfolgen. Nur so ist es m\u00f6glich, der \u00bbSensibilit\u00e4t bestimmter Semantiken\u00ab gerecht zu werden. Erstens muss das vorherrschende sakralisierende Singularit\u00e4tsverst\u00e4ndnis kritisiert werden, weil dieses mit einer Entkontextualisierung der Geschichte einhergeht und damit zu einem unpolitischen, die Kontinuit\u00e4ten mit gegenw\u00e4rtigen gesellschaftlichen Spaltungslinien ausblendenden Gedenken f\u00fchrt. Zweitens muss, um revisionistischen oder normalisierenden Bestrebungen entgegenzuwirken, auf eben das Pr\u00e4zedenzlose des Judenmordes im Vergleich zu anderen V\u00f6lkermorden bestanden werden. Und drittens muss in Auseinandersetzung mit \u00f6konomistisch-marxistischen Deutungen auf die Besonderheit von Antisemitismus und Judenvernichtung insistiert werden, weil diese Auschwitz zumeist entweder kaum zur Kenntnis nahmen bzw. wenn doch, sie auf unmittelbare \u00f6konomische Ausbeutungsinteressen zur\u00fcckzuf\u00fchren suchten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nBauer, Yehuda (2001): Die dunkle Seite der Geschichte. Die Shoah in historischer Sicht. Interpretationen und Re-Interpretationen, Frankfurt\/M.<br \/>\nBerg, Nicolas (2003): Der Holocaust und die westdeutschen Historiker. Erforschung und Erinnerung, G\u00f6ttingen.<br \/>\nBerlekamp, Brigitte (1992): Rassismus, Holocaust und die \u203aHistorisierung\u2039 des Nationalsozialismus \u2013 Zu einem nicht beendeten Disput, in: Werner R\u00f6hr (Hrsg.): Faschismus und Rassismus \u2013 Kontroverse um Ideologie und Opfer, Berlin.<br \/>\nFriedl\u00e4nder, Saul (2007): Nachdenken \u00fcber den Holocaust, M\u00fcnchen.<br \/>\nJones, Adam (2011): Genocide. A Comprehensive Introduction. Second Edition, London\/New York.<br \/>\nKatz, Steven T. (1994): The Holocaust in Historical Context, Vol. 1. The Holocaust and Mass Death before the Modern Age, New York\/Oxford.<br \/>\nLeggewie, Claus, Historikerstreit \u2013 transnational, in: Steffen Kailitz (Hrsg.): Die Gegenwart der Vergangenheit. Der \u00bbHistorikerstreit\u00ab und die deutsche Geschichtspolitik, Wiesbaden 2008, S. 56.<br \/>\nSmith, Helmut Walser (2010): Fluchtpunkt 1941. Kontinuit\u00e4ten der deutschen Geschichte, Stuttgart.<br \/>\nTraverso, Enzo (2003): Moderne und Gewalt. Eine europ\u00e4ische Genealogie des Nazi-Terrors, K\u00f6ln.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2011\/heft_nr_11_november_2011\/\">Sozialismus 11\/2011<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mathias Brodkorbs misslungener Versuch, den Historikerstreit zu bilanzieren Gemeinhin gilt der Ausgang des Historikerstreits als klar: Die sozialdemokratische und liberale Linke um J\u00fcrgen Habermas und Hans-Ulrich Wehler fuhr einen Punktsieg gegen Ernst Nolte (und andere neurechte Historiker) ein, der den &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=188\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Mathias Brodkorbs misslungener Versuch, den Historikerstreit zu bilanzieren","footnotes":""},"categories":[4,5,7],"tags":[48],"class_list":["post-188","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","category-faschismus-und-rechtsradikalismus","category-geschichtspolitik","tag-historikerstreit"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=188"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1352,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/188\/revisions\/1352"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}