{"id":204,"date":"2009-11-01T21:35:56","date_gmt":"2009-11-01T19:35:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=204"},"modified":"2019-05-03T11:36:43","modified_gmt":"2019-05-03T09:36:43","slug":"geben-und-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=204","title":{"rendered":"Geben und Nehmen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Von Johannes B\u00e4hr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto sowie Kim C. Priemel, Harald Wixforth, hrsg. durch das Institut f\u00fcr Zeitgeschichte M\u00fcnchen-Berlin im Auftrag der Stiftung Preu\u00dfischer Kulturbesitz, M\u00fcnchen 2008, 1018 S., 64,80 Euro \u00a0<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Stern der Bundesrepublik Deutschland im 60. Jahr ihrer Existenz k\u00f6nnte nicht heller strahlen. Einen besseren deutschen Staat scheint es nie gegeben zu haben. Das vorherrschende Muster dieser Interpretation erfolgt dabei folgenderma\u00dfen: Umso schlechter man die so genannten beiden deutschen Diktaturen \u2013 Nationalsozialismus und DDR \u2013 zeichnet, umso besser erscheint die Bundesrepublik. <!--more-->Kritische Stimmen gibt es nur selten, Anl\u00e4sse zur Kritik indes reichlich. Zum Beispiel im Umgang der BRD mit dem Nazi-Faschismus, als dessen Rechtsnachfolger sie sich versteht. Blenden wir zehn Jahre zur\u00fcck: In der \u00d6ffentlichkeit tobte damals \u2013 f\u00fcnf Jahrzehnte zu sp\u00e4t und erst als Sammelklagen aus den USA drohten \u2013 eine Debatte \u00fcber die Entsch\u00e4digung der Zwangsarbeiter w\u00e4hrend der faschistischen Diktatur. Immerhin gingen die Opfer diesmal nicht ganz leer aus \u2013 vorausgesetzt sie hatten bis dahin noch nicht das Zeitliche gesegnet. Doch ging es der deutschen Industrie und der Politik weniger um diese viel zu geringe Entsch\u00e4digung als vielmehr um die \u00bbRechtssicherheit\u00ab vor weiteren Klagen. Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski zeigt in seiner Studie \u00bbBrosamen vom Herrentisch\u00ab (Berlin 2004), dass sich der Gewinn durch Lohnraub auf ca. 40% der w\u00e4hrend des Krieges get\u00e4tigten deutschen Bruttoinvestitionen bel\u00e4uft. Mit anderen Worten: Das, was heute im Supergedenkjahr 2009 erneut als deutsches Wirtschaftswunder gefeiert wird, beruht auch auf der t\u00f6dlichen Auspressung der ausgebeuteten Zwangsarbeiter. Nicht die vereinbarten 8,1 Mrd. DM Entsch\u00e4digung, sondern bis zu 228 Mrd. DM vorenthaltene L\u00f6hne st\u00e4nden den ehemaligen Arbeitssklaven insofern zu. Dass die 8,1 Mrd. der deutschen Industrie noch zu viel waren und manche die Zahlung (Empfehlung: ein Tausendstel des Jahresumsatzes!) verweigerten, verwundert daher nicht.<br \/>\nProminentestes Beispiel war der Neffe und Erbe des Gr\u00fcnders des Flick-Konzerns, Friedrich Christian Flick. Dabei steht der Flick-Konzern wie kaum ein anderer f\u00fcr die Komplizenschaft der deutschen (Gro\u00df)Industrie mit den Verbrechen der Nazis. Das kann man detailliert in der volumin\u00f6sen mit vielen Quellen ausgestatteten Studie \u00bbDer Flick-Konzern im Dritten Reich\u00ab nachlesen. Die Autoren beschreiben, wie der Unternehmenspatriarch Friedrich Flick seinen Konzern durch die Weltwirtschaftskrise von 1929ff. brachte: durch die geschickte Streuung von Ger\u00fcchten, dass die Gefahr einer ausl\u00e4ndischen \u00dcbernahme drohe. Damit erzwang er, dass die Reichsregierung Teile des Konzerns zu \u00fcberh\u00f6hten Preisen aufkaufte. Als 1933 die Nazis die Macht \u00fcbergeben bekamen \u2013 die Studie benutzt tats\u00e4chlich den Begriff Macht\u00fcbergabe, und deutet damit implizit an, dass es ohne das B\u00fcndnis zwischen Konservativen und Nazis nie so weit gekommen w\u00e4re \u2013 hatte Flick diese schon seit einem Jahr in seine politische Landschaftspflege miteinbezogen, wenngleich er die Konservativen weitaus st\u00e4rker bedachte. Gleichwohl z\u00f6gerte er keinen Augenblick, sich den Nazis anzudienen; 1937 wurde Flick Parteimitglied. Er erkannte fr\u00fcher als andere, dass der Nazi-Spuk nicht von kurzer Dauer sein w\u00fcrde. Sein Verh\u00e4ltnis zu den Faschisten verstand er als eines von Geben und Nehmen. Das zahlte sich aus: Flick war im Dritten Reich so erfolgreich wie kein anderer Eigent\u00fcmerunternehmer. Herausragende Beispiele daf\u00fcr sind etwa die Arisierungen des Hochofenwerkes L\u00fcbeck und die \u00dcbernahme der Petschek-Konzerne. \u00bbKein anderer Vertreter der privaten Schwerindustrie hat von der nationalsozialistischen Rassenpolitik so sehr und so bedenkenlos profitiert wie Friedrich Flick bei diesen Gesch\u00e4ften\u00ab, stellen die Autoren fest. Die Raffinesse Flicks bestand bei der Petschek-\u00dcbernahme darin, darauf zu dr\u00e4ngen, den Konzern von den staatseigenen Reichswerken \u00fcbergeben zu bekommen, so als ob er sich des verbrecherischen Aktes bewusst war und eine eventuelle strafrechtliche Verfolgung voraussah. Auf diese Weise konnte er auf staatlichen Druck verweisen, der ihm den Konzern quasi aufgen\u00f6tigt habe. Genau das sollte er in dem N\u00fcrnberger Nachfolgeprozess u.a. zu seiner Verteidigung anf\u00fchren.<br \/>\nFlick antizipierte die nationalsozialistische Politik nicht nur und arbeitete ihr nicht nur entgegen, in manchen F\u00e4llen trieb er sie gar voran. So nach dem Anschluss \u00d6sterreichs: Der \u00bbAriseur mit staatlichem Mandat\u00ab dr\u00e4ngte nun auf die beschleunigte Einf\u00fchrung von Bestimmungen, die die Arisierung nochmals forcierten. Umgehend lie\u00df er seinen Anw\u00e4lten einen entsprechenden Gesetzesentwurf ausarbeiten. Und siehe da: Kurz darauf erhielt er durch die Naziregierung tats\u00e4chlich Gesetzeskraft. Allerdings mussten Flicks Bestrebungen auch R\u00fcckschl\u00e4ge hinnehmen. Bei den Eroberungen im Osten kam er nicht in der Weise zum Zuge, wie er es gern h\u00e4tte. Vorrang im schwerindustriellen Sektor hatten hier die staatseigenen Reichswerke Hermann G\u00f6ring. Im Gegensatz zu den Berliner Gro\u00dfwerken konnte er, wie auch die anderen Montankonzerne, die Ausbeutung der eroberten Gebiete nicht wesentlich mitgestalten. Keineswegs hei\u00dft das, dass er nicht etwa von der Versklavung der dortigen Bev\u00f6lkerungen profitierte. Im Gegenteil: Die enorme Ausweitung der R\u00fcstungsproduktion sorgte daf\u00fcr, dass Flick seine Betriebe ohne den Einsatz der so genannten Fremdarbeiter gar nicht aufrechterhalten konnte. Im Schnitt bestand die H\u00e4lfte der Belegschaft in den Kriegsjahren aus Zwangsarbeitern, in absoluten Zahlen 60-65.000.<br \/>\nFlicks Verh\u00e4ltnis zum NS-Regime l\u00e4sst sich nicht auf eine Formel bringen. Er durchschaute die NS-Herrschaftsstruktur als \u2013 wie es in der NS-Forschung hei\u00dft \u2013 polykratische. Das hei\u00dft, dass neben offiziellen \u00c4mtern, Ministerien etc. neue auf pers\u00f6nliche Erm\u00e4chtigungen von Hitler beruhende Machtinstanzen entstanden. In der Studie wird die Beziehung zu Hermann G\u00f6ring, dem Chef der Reichswerke, als Musterbeispiel beschrieben. Das hatte er anderen Unternehmern voraus, und deshalb profitierte er \u00fcberdurchschnittlich, obgleich seinem Einfluss dadurch auch Grenzen gesetzt waren. Zu Albert Speer etwa konnte Flick keinen guten Draht aufbauen.<br \/>\nDie US-Besatzungsmacht klagte Flick als Exponenten der Schwerindustrie an, verurteilte ihn zu sieben Jahre Gef\u00e4ngnis, von denen er nur f\u00fcnf absitzen musste. Der Konzernf\u00fchrer verstand es geschickt, seine Verteidigung auf eine \u00bbOpferkette\u00ab aufzubauen: Zun\u00e4chst sei er Opfer des Zwangs der Nazis (dazu diente u.a. das oben angesprochene Man\u00f6ver), dann der Sowjetunion, durch die er einen Gro\u00dfteil seiner Unternehmen in den von der Roten Armee besetzten Gebieten verloren hatte, und schlie\u00dflich der Siegerjustiz der Alliierten geworden. Der Kalte Krieg war bereits ausgebrochen, die Tradition des Antikommunismus in die Bundesrepublik \u00fcbergegangen. Die \u00d6ffentlichkeit war mithin nicht nur bereit, ihm hierin Recht zu geben, sondern sie und die Politik sprang Flick sogar tatkr\u00e4ftig zur moralischen Rehabilitierung bei. Er, die anderen Gro\u00dfkonzerne, ja eigentlich fast alle Deutsche waren doch alle irgendwie Opfer des totalit\u00e4ren Gewaltherrschers Hitlers geworden. Und im Osten \u2013 auf deutschem Boden \u2013 hatte ein zweiter Tyrann \u2013 Stalin \u2013 seine Herrschaft ausgebaut und konsolidiert, der es entgegenzutreten galt.<br \/>\nFlick verinnerlichte die Vorgaben der NS-Politik, pr\u00e4gte sie gelegentlich, doch er war kein \u00fcberzeugter Nationalsozialist und Antisemit. Und das ist im Grunde genommen das viel Erschreckendere: Sein grundlegendes Motiv war die Machtausweitung seines Konzerns. Dieser \u00f6konomischen Rationalit\u00e4t, die dem Konkurrenzkampf in kapitalistischen Gesellschaften entspringt, ordnete er alles unter. Insofern ist sein Verhalten gar nicht so verschieden von vor 1933 und nach 1945 gewesen. Diese Kontinuit\u00e4t arbeitet die Studie gut heraus. Man kann ihr, wie das geschehen ist (Deutschlandradio 30.7.2008), einen mangelnden anklagend-moralischen Ton vorwerfen \u2013 doch spricht die Aufbereitung dieser handlungsleitenden Kontinuit\u00e4t f\u00fcr sich: Sie ist uns wohlbekannt.<br \/>\nPostscriptum: Mittlerweile ist eine weitere Studie zu Flick erschienen: \u00bbFlick. Der Konzern, die Familie, die Macht\u00ab, verfasst von Norbert Frei u.a. (M\u00fcnchen 2009). Sofern das Interview mit Frei in der SZ (22.9.2009) die Quintessenz des Buches zusammenfasst, l\u00e4sst sich sagen: Das Buch unterst\u00fctzt viele der hier referierten Thesen, spitzt die Kritik an der Bundesregierung in Sachen Restitutionsverhandlungen aber zu, indem Frei von \u00bbantisemitischen Stimmungen\u00ab in der Adenauer-Regierung spricht. Und Frei weist zu Recht darauf hin, dass die D\u00e4monisierung der Einzelperson Flick verschleiere, dass die gesamte deutsche Gro\u00dfindustrie sich auf die Nazis eingelassen habe. Nach Adam Toozes hervorragenden Generaluntersuchung \u00fcber die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus (vgl. Sozialismus 2\/2008) liegen nun also zwei Einzelstudien vor, die auch der marxistischen Faschismusforschung neue Impulse geben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"https:\/\/www.sozialismus.de\/vorherige_hefte_archiv\/sozialismus\/2009\/heft_nr_11_november_2009\/\">Sozialismus 11\/2009<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Flick-Konzern im Dritten Reich. Von Johannes B\u00e4hr, Axel Drecoll, Bernhard Gotto sowie Kim C. 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