{"id":215,"date":"2010-10-01T21:51:10","date_gmt":"2010-10-01T19:51:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=215"},"modified":"2019-05-02T11:56:41","modified_gmt":"2019-05-02T09:56:41","slug":"bohrende-fragen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=215","title":{"rendered":"Bohrende Fragen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zwei neue Studien stellen linke Gewissheiten in Frage<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em>Holger Knothe, Eine andere Welt ist m\u00f6glich \u2013 ohne Antisemitismus?. Antisemitismus und Globalisierungskritik bei Attac, transcript-Verlag, Bielefeld 2009, 213 S., 24,80 Euro; Marcus Meier, \u00bbGewerkschaftsm\u00e4\u00dfig k\u00f6nnten die sich ja vor allem f\u00fcr Deutsche einsetzen\u00ab. Rechte Orientierungen unter jungen Gewerkschaftsmitgliedern, Peter Lang-Verlag, Frankfurt\/M. u.a. 2010, 212 S., 34,80 Euro.<\/em><\/p>\n<p>\u00a0Antisemitismus bei Attac? Rechte Einstellungen bei jungen Gewerkschaftern? Man stutzt \u2013 handelt es sich doch bei beiden Organisationen um Akteure, die dem linken politischen Spektrum zugeordnet werden, w\u00e4hrend Antisemitismus und rechte Einstellungen per se mit linken Einstellungen und Programmatiken unvereinbar sind \u2013 sollte man zumindest annehmen. Die hier zu besprechenden B\u00fccher zeigen, dass es nicht ganz so einfach ist.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Selbstredend geb\u00fchrt den Autoren nicht der Verdienst, darauf zum ersten Mal aufmerksam gemacht zu haben. So war die Kritik des linken Antisemitismus nicht nur Gegenstand etwa der B\u00fccher von Thomas Haury, sondern gar ein wesentlicher Faktor f\u00fcr die Entstehung der so genannten antinationalen bzw. sp\u00e4ter dann antideutschen Str\u00f6mung innerhalb der bundesdeutschen radikalen Linken. Und diese verd\u00e4chtigt auch Attac immer mal wieder des Antisemitismus. Durch ihr inquisitorisches Verhalten, ihre Verabsolutierung eines Aspektes und insbesondere mit ihrer Unterst\u00fctzung der US-Kriege gegen Afghanistan und Irak desavouierten sich die Antideutschen bald selbst. Gl\u00fccklicherweise. Gleichwohl muss ihnen zugute gehalten werden, dass sie mit ihrer Kritik durchaus wichtige, bislang unterbelichtete Fragen innerhalb der Linken aufgeworfen haben.<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[1]<\/span><\/span><\/a> Das Thema rechte Einstellungen bzw. Rechtsextremismus bei Gewerkschaftern ist bereits Gegenstand mehrerer sozialwissenschaftlicher Studien gewesen und auch innerhalb der Organisationen \u2013 sicher nicht in angemessenem Umfang \u2013 thematisiert worden.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[2]<\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Holger Knothe, der nicht dem antideutschen Spektrum zuzurechnen ist, betritt insofern Neuland, als seine Dissertation zum ersten Mal das Thema Antisemitismus und Attac wissenschaftlich analysiert. Vergewissern wir uns zun\u00e4chst, was empirische Untersuchungen \u00fcber die Verbreitung von Antisemitismus in Deutschland herausgefunden haben, was wiederum R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Verortung des Akteurs Attac innerhalb eines spezifischen gesellschaftlichen Rahmens zul\u00e4sst.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[3]<\/span><\/span><\/a> W\u00e4hrend der manifeste Antisemitismus seit Jahrzehnten kontinuierlich zur\u00fcckgeht, verharrt der so genannte sekund\u00e4re bzw. latente Antisemitismus auf einem relativ hohen Niveau. Eine zentrale Aussage des auch Antisemitismus nach Auschwitz genannten sekund\u00e4ren Antisemitismus ist, dass die Deutschen es Leid seien, immer wieder an die deutschen Verbrechen an den Juden erinnert zu werden. Diesem Satz stimmen 62% der Deutschen zu. Auch einer weiteren Aussage, der die Schuldabwehr der Deutschen durch eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehrung ausdr\u00fcckt, stimmen mehr als die H\u00e4lfte der Deutschen zu: der Gleichsetzung von israelischer Besatzungspolitik und NS-Politik. Insgesamt \u2013 das bekr\u00e4ftigt z.B. auch die neueste Folge der von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen Langzeituntersuchung \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab \u2013 kann von etwa 10% manifestem Antisemitismus und von \u00fcber bis zu einem Drittel latenten bzw. sekund\u00e4ren Antisemitismus gesprochen werden.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[4]<\/span><\/span><\/a> Auch Marcus Meier (S. 184) f\u00fchrt entsprechende Werte an: Die Studie \u00bbVom Rand zur Mitte \u2013 Rechtsextreme Einstellungen und ihre Einflussfaktoren in Deutschland\u00ab kommt zu dem Schluss, dass ca. 15 bis 20% der Deutschen S\u00e4tzen wie dem folgenden zustimmen: \u00bbAuch heute noch ist der Einfluss der Juden zu gro\u00df\u00ab, \u00bbDie Juden haben einfach etwas Besonderes und Eigent\u00fcmliches an sich und passen nicht so recht zu uns.\u00ab Besonders brisant dabei: Bei acht Prozent der Nichtgewerkschaftsmitglieder, aber bei elf Prozent der Gewerkschaftsmitglieder seien stabile antisemitische Einstellungen festzustellen.<\/p>\n<p>Die Relevanz von Knothes Thema wird dadurch unterstrichen, dass sich zwei Artikel des aktuellsten Bandes von \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab mit dem Zusammenhang von Antiamerikanismus und Antisemitismus infolge der Kritik am krisenhaften Finanz-Kapitalismus besch\u00e4ftigen. Allerdings konnten die Autoren in der Heitmeyer-Studie feststellen, dass im Gegensatz zum Antiamerikanismus der sekund\u00e4re Antisemitismus bei sich selbst als links bezeichnenden Personen geringere Zustimmungswerte aufweist als bei Personen, die sich politisch rechts verorten und sich der Mitte zugeh\u00f6rig f\u00fchlen. Nichts desto trotz zeigt dies, dass der Akteur Attac in einem gesellschaftlichen Umfeld agiert, welches durch latent antisemitische Einstellungsmuster mitgepr\u00e4gt wird; Knothe fasst dies mit dem Begriff Post-Holocaust-Deutschland zusammen.<\/p>\n<p>Knothes Buch \u2013 und das ist das \u00c4rgerliche \u2013 suggeriert indes bereits durch den Titel, dass es Antisemitismus bei Attac gebe. Liest man es jedoch, so relativiert sich das. So ist es \u00bbunbestritten, dass die globalisierungskritische Bewegung und ihr prominentester Protagonist Attac nicht per se als antisemitisch bezeichnet werden kann\u00ab (S. 133). Andererseits will Knothe aufzeigen, dass innerhalb zentraler globalisierungskritischer Narrative bedeutende und wichtige Anschl\u00fcsse hin zu antisemitischen Stereotypen und ideologischen Elementen des Antisemitismus best\u00fcnden. Gelingt ihm das? Im Gro\u00dfen und Ganzen wird man das bejahen m\u00fcssen. Aber nur, wenn man seiner Definition von Antisemitismus folgt, die er nach einer knappen wie kenntnisreichen Zusammenfassung diverser Antisemitismustheorien (Krisen- und Deprivationstheorien, psychosoziale Ans\u00e4tze, Korrespondenz- und Differenztheorien etc.) herausarbeitet. Diese Definition ist eine sehr weite, die weniger auf einen manifesten, als vielmehr auf einen latenten, sich permanent wandelnden und in Partikel aufl\u00f6senden Antisemitismus zielt, der auch im Unterbewusstsein verankert sei. Dabei folgt der Autor der Kritischen Theorie mit ihrem Fokus auf latente Sinnstrukturen und Denkformen. Als anschlussf\u00e4hig f\u00fcr antisemitische Diskurse betrachtet Knothe <i>erstens<\/i> eine manich\u00e4ische Aufteilung der Welt in Gut und B\u00f6se, <i>zweitens<\/i> die Konstruktion abstrakter Herrschaftsverh\u00e4ltnisse und <i>drittens<\/i> die Tendenz zur Personalisierung dieser abstrakten Herrschaftsverh\u00e4ltnisse. D.h. es geht ihm weniger um eine inhaltliche als vielmehr um eine formale Definition f\u00fcr die Anschlussf\u00e4higkeit von Antisemitismus. Dar\u00fcber mag man diskutieren; einen Schritt weiter vermag man Knothe allerdings nicht zu folgen: dann n\u00e4mlich, wenn er Antisemitismus als Erkl\u00e4rungsmodell f\u00fcr die nicht verstandenen Entwicklungstendenzen der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft insgesamt deutet (S. 29). Das ist so weit gefasst, dass es konturlos wird.<\/p>\n<p>Im Anschluss untersucht Knothe das globalisierungskritische Umfeld von Attac im Hinblick auf (sekund\u00e4r) antisemitische Tendenzen und \u00c4u\u00dferungen. Dieses Kapitel ist das schw\u00e4chste des Buches, weil es aus einer willk\u00fcrlichen Zusammenstellung \u2013 zugegebenerma\u00dfen h\u00f6chst problematischer und durchaus antisemitischer \u2013 Zitate besteht. Daraus wird die Schlussfolgerung gezogen, dass \u00bbdas Argument der strukturellen Affinit\u00e4t zu antisemitischen Weltbildern und der sekund\u00e4r antisemitischen Elemente insbesondere in der Wahrnehmung des Nahostkonflikts gehaltvoll\u00ab sei (S. 134). Auf \u00e4hnliche Weise lie\u00dfen sich indessen auch Zitate anf\u00fchren, die eine ganz andere Quintessenz nahelegen, wie der Autor im Fazit selbst einr\u00e4umt (S. 133).<\/p>\n<p>Weitaus fundierter ist das folgende Kapitel: In ihm untersucht Knothe mittels einer qualitativen Inhaltsanalyse die Dokumente von Attac Deutschland und \u00d6sterreich, die sich mit den Antisemitismus-Vorw\u00fcrfen auseinandersetzen \u2013 zu Recht gemachten Vorw\u00fcrfen, wenn in einem Attac-Flugblatt von \u00bbder faschistischen israelischen Regierung\u00ab und \u00bbSharons Endl\u00f6sung\u00ab die Rede war, oder eine Puppe von Donald Rumsfeld mit Judenstern auf einer Demo gezeigt wurde. Knothe arbeitet heraus, dass die Vorw\u00fcrfe von Attac \u00d6sterreich \u2013 wenngleich von einer breiten Debatte auch hier nicht die Rede sein kann \u2013 intensiver wahrgenommen und reflektiert wurden, w\u00e4hrend bei Attac Deutschland die Bem\u00fchung \u00fcberwog, die Kritiker als bewusste oder unbewusste Gegner der globalisierungskritischen Bewegung zu delegitimieren (S. 170). Knothe nennt hierf\u00fcr drei Gr\u00fcnde: Zun\u00e4chst f\u00fchre die Fixierung auf <i>das<\/i> Movens Globalisierung, die als von au\u00dfen verursacht gilt, zu einer Verh\u00e4rtung und Fundamentalisierung, zu einer manich\u00e4isch, moralisch aufgeladenen Weltsicht. Hier taucht allerdings das bereits erw\u00e4hnte Problem auf, ob das eine angemessene Beschreibung der Weltsicht von Attac-Mitgliedern ist, oder sich nicht aus anderen Zitaten etwas anderes ableiten lie\u00dfe. Des weiteren pl\u00e4diert der Autor indirekt f\u00fcr eine Art Reformismus und M\u00e4\u00dfigung von Attac, wenn er m.E. f\u00e4lschlicherweise unterstellt, dass Attac ins Grunds\u00e4tzlich ausweiche und nicht mehr auf konkrete Probleme und erreichbare Ziele bezogen sei. Zumindest heute, wo etwa eine Finanztransaktionssteuer selbst von der herrschenden Elite gefordert wird, erscheint dies als unzutreffend.<\/p>\n<p>Zweitens f\u00fchre die heterogene und plurale Struktur von Attac im Interesse einer breiten Mobilisierung zu einer schwammigen Grenzziehung, und drittens lege der nationale Rahmen des Post-Holocaust-Deutschlands eine sekund\u00e4r-antisemitische Reaktionsbildung nahe. Letzter Punkt l\u00e4sst unber\u00fccksichtigt, dass \u2013 wie erw\u00e4hnt \u2013 andere Studien besagen, dass Linke weniger (nicht generell) sekund\u00e4r-antisemitisch sind als Rechte und Personen, die sich der Mitte zuordnen. Und \u00fcberdies, dass es ja gerade die Linke, nicht zuletzt in Gestalt der 68er-Bewegung, war, die eine Thematisierung der NS-Verbrechen in der breiten \u00d6ffentlichkeit durchsetzte.<\/p>\n<p>Knothe bel\u00e4sst es nicht bei diesem Fazit, er zeigt abschlie\u00dfend drei Ansatzpunkte auf, wie die Auseinandersetzung um Antisemitismus als Chance begriffen werden k\u00f6nne, die Globalisierungskritik so auszubuchstabieren, dass rechte Gruppierungen gar nicht mehr auf die Idee kommen, sich einer Attac-Demo anzuschlie\u00dfen. Genau das wurde auch bei Attac \u00d6sterreich versucht. Einerseits m\u00fcsse ein Verst\u00e4ndnis von Globalisierung gewonnen werden, dass diese nicht als von au\u00dfen kommend, sondern als widerspr\u00fcchlichen Prozess beschreibt, den die Subjekte selbst reproduzieren. Damit zusammenh\u00e4ngend r\u00e4t Knothe Attac zu einem Verzicht auf eine angeblich fundamental utopische und universalistische Perspektive (S. 192) und zu einer realistischen Auffassung der Ver\u00e4nderungspotenziale. Letzteres schadet nie \u2013 aber warum ein Verzicht auf eine utopische Perspektive, die es so ja nicht gibt? Vielmehr m\u00fcsste es Attac darum gehen, die Globalisierungskritik zu einer ad\u00e4quaten Kritik des Kapitalismus an sich auszubauen, die von den sozialen und \u00f6konomischen Verh\u00e4ltnisse ausgeht, die die Menschen pr\u00e4gen, die aber auch von den Menschen ver\u00e4ndert werden. \u00c4hnliches \u2013 freilich nicht auf Attac beschr\u00e4nkt \u2013 wird in der aktuellen Folge von \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab mit der Frage nahegelegt, ob eine systembezogene \u00d6konomiekritik die Zunahme von \u00bbGruppenbezogener Menschenfeindlichkeit\u00ab verhindern k\u00f6nne.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[5]<\/span><\/span><\/a> Die zwei weiteren Punkte \u2013 Aufarbeitung der Tradition des linken Antisemitismus und Reflexion der grundlegenden Mechanismen der Schuldabwehr \u2013 erscheinen indes als sinnvoll.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Rassismus und Nationalismus bei jungen Gewerkschaftern<\/strong><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Knothe einem herk\u00f6mmlichen liberalen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis verpflichtet ist, Distanz zu seinem Untersuchungsgegenstand wahrt, und kaum \u00fcber seine normativen wie politischen Standpunkte Auskunft gibt, folgt Marcus Meiers Dissertation einem kritischen Wissenschaftsverst\u00e4ndnis. Er selbst ist Akteur innerhalb seines Untersuchungsgegenstandes gewesen: als Teamer in der Jungendbildungsarbeit der Gewerkschaften. Die dort gemachten Erfahrungen \u2013 die Konfrontation mit rassistischen und nationalistischen Einstellungen bei jungen Gewerkschaftsmitgliedern \u2013 haben ihn auf sein Forschungsthema gesto\u00dfen. Insofern verfolgt Meier nicht prim\u00e4r ein akademisches, sondern ein politisches Anliegen: Wie l\u00e4sst sich die Praxis der Gewerkschaften insoweit \u00e4ndern, als dass es zu einer angemessenen Reflexion der Praktiken exkludierender Solidarit\u00e4t, ethnisierender und ausgrenzender Ideologien und schlie\u00dflich zu einer Entwicklung von inkludierender Solidarit\u00e4t kommt? Dies sieht Meier als m\u00f6glichen Ausgangspunkt \u00bbim Ringen um gesellschaftliche Hegemonie, in der es um die Deutungshoheit und Erkl\u00e4rungskraft der Ursachen von Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen im neoliberalen Kapitalismus geht\u00ab (S. 198). Ein politischer Forschungsantrieb muss nichts mit mangelnder Wissenschaftlichkeit zu tun haben. Im Gegenteil: Das Bild eines objektiven, unpolitischen Wissenschaftsbildes ist selbst Ideologie, weil es die stets vorhandenen subjektiv-politischen Vorannahmen negiert und somit politisch wirkt, indem \u2013 sei es bewusst oder unbewusst \u2013 ein solches Wissenschaftsverst\u00e4ndnis auf die Apologie des Bestehenden hinausl\u00e4uft. \u00dcberdies schlie\u00dft eine politische Herangehensweise keineswegs eine streng wissenschaftliche methodische Arbeitsweise aus, das zeigt Meier mit seiner Arbeit aufs Neue.<\/p>\n<p>Meier beginnt seine Dissertation mit einem \u00dcberblick \u00fcber die bisherige Forschung zur Verbreitung von (extrem) rechten Einstellungen im Allgemeinen und im Besonderen bei gewerkschaftlich organisierten wie nicht organisierten Jugendlichen. Mit (extrem) rechten Einstellungen sind hier in erster Linie Rassismus und Nationalismus gemeint, da eine Ber\u00fccksichtigung von weiteren rechten Einstellungsmustern den Forschungsrahmen sprengen w\u00fcrde. In Anschluss diskutiert Meier die diversen in der Literatur diskutierten Ursachen f\u00fcr die hohe Verbreitung von (extrem) rechten Einstellungen. Seine Herangehensweise hebt sich von anderen ab, weil sie in einer komplex verstandenen kritisch-materialistischen Manier die subjektiven Einstellungen bzw. Verarbeitungsformen im Kontext von sich wandelnden Arbeitsverh\u00e4ltnissen diskutiert. Hierf\u00fcr wird auf Theoretiker wie Gramsci, Bourdieu, Holzkamp und andere zur\u00fcckgegriffen. Meier zeigt, wie sich der \u00bbWechselwirkungsprozess von subjektiven Deutungen und objektiven Strukturen vor dem Hintergrund einer massiven Verunsicherung\u00ab infolge des neoliberalen Kapitalismus an den Orten der Erwerbsarbeit verdichtet (S. 120). Die Erfahrung des zunehmenden Wettbewerbs wecke das Bed\u00fcrfnis nach Begrenzung der Konkurrenz, nach Sicherheit und kollektiver Identit\u00e4t. Und gerade diese legitimen Anliegen spr\u00e4che der Rechtspopulismus mit stereotypisierenden und stigmatisierenden Phraseologien der Ideologie der Ungleichheit an. Im empirischen Teil seiner Arbeit wertet Meier die gef\u00fchrten qualitativen Einzelinterviews und Gruppendiskussionen mit Gewerkschaftsjugendlichen aus der IG BAU und der IG Metall aus. Der Autor stellt ein \u00fcberraschendes Ausma\u00df an Stigmatisierung von Hartz-IV Empf\u00e4ngern und gegen\u00fcber Migrantinnen fest. Da die Befragten zum Teil langj\u00e4hrige Jugendfunktion\u00e4re der Gewerkschaften sind, r\u00fcckt im Folgenden der Umgang von Gewerkschaften mit dem Problem von rechten Einstellungen und den sie f\u00f6rdernden Praxen in den Fokus der Studie. Das Selbstverst\u00e4ndnis der Gewerkschaften ist zweifelsohne durch ihr antifaschistisches Engagement gekennzeichnet, doch dieser so genannte Beschlussantifaschismus beziehe sich ausschlie\u00dflich auf einen \u00e4u\u00dferen Feind \u2013 den Neonazi mit Springerstiefel und Glatze \u2013, w\u00e4hrend die fremdenfeindlichen Tendenzen in der eigenen Organisation nicht angemessen thematisiert w\u00fcrden (S. 160). Meier argumentiert \u00e4hnlich wie Knothe im Hinblick auf Attac, dass Gewerkschaften ihre Kapitalismuskritik auf die Finanzsph\u00e4re konzentrierten, die von der kapitalistischen Produktionsweise abgespalten werde (S. 184). Dieses Kritikmuster blende aber die der kapitalistischen Produktionsweise immanenten Macht- und Herrschaftsverh\u00e4ltnissen, denen sich der Lohnarbeiter durch seinen Verkauf der Ware Arbeitskraft und damit mit der Schaffung des Mehrwerts f\u00fcr den Unternehmer tagt\u00e4glich unterwirft, aus. Schlimmer noch: Die M\u00e4chte in der \u00d6konomie werden bisweilen auf ausl\u00e4ndische M\u00e4chte projiziert. Bestes Beispiel hierf\u00fcr war das IG Metall-Cover vom Mai 2005, worauf eine Karikatur einer Stechm\u00fccke mit US-amerikanischen Zylinder abgebildet war.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[6]<br \/>\n<\/span><\/span><\/a><\/p>\n<p>Meier begn\u00fcgt sich freilich nicht mit dieser wenig erfreulichen Bestandsaufnahme, sondern ihm geht es \u2013 gerade weil er Gewerkschaften f\u00fcr unverzichtbar im Ringen f\u00fcr mehr Emanzipation h\u00e4lt \u2013 um die Entwicklung eines inkludierenden universellen gewerkschaftlichen Solidarit\u00e4tsbegriffs. Sollten Gegenstrategien erfolgreich sein, so f\u00fchrt er aus, m\u00fcssen Gewerkschaften eine strukturelle Konzeption ihrer Organisation hin zu einer nicht-rassistischen\/antirassistischen Grundausrichtung in den Mittelpunkt r\u00fccken, die \u00fcber Aufrufe zu Multikulturalismus und V\u00f6lkerverst\u00e4ndigung hinausreichen (S. 185). Vielmehr muss diese Ausrichtung Teil der Alltagskultur werden. Meier wei\u00df aus eigener Praxis nur zu gut, dass das schnell gesagt, sich in der Alltagspraxis aber als sehr m\u00fchselig erweist, weil n\u00e4mlich die Umsetzung herk\u00f6mmliche Gewissheiten des gewerkschaftlichen Selbstverst\u00e4ndnisses infrage stellt. Sie seien nicht Teil der L\u00f6sung, sondern Teil des Problems. Ein Beispiel: Hierarchien in der Arbeitswelt und vor allem auf dem Weltmarkt w\u00fcrden als selbstverst\u00e4ndlich wahrgenommen und zementierten damit ungleiche Wertigkeiten, die an Menschen nicht-deutscher Herkunft vergeben werden. Wenn nach gewerkschaftlichen Handlungsans\u00e4tzen gefragt werde, so \u00bbgehen wir oft unbewusst von einer Norm aus, die die Belange derer, die nicht deutsch, m\u00e4nnlich, wei\u00df und in ein regul\u00e4res Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnis integriert sind, in den Hintergrund treten l\u00e4sst\u00ab, f\u00fchrt der Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit des DGB-Th\u00fcringen aus. Und weiter: \u00bbIst das schon Rassismus? Vielleicht nicht, aber vielleicht legt es die Grundlage, aus denen Rassismus entsteht\u00ab. (zit. n. S. 193f.) Der Punkt hierbei ist nicht, Menschen, die diese Einstellungen reproduzieren, als Rassisten zu denunzieren, sondern ein Bewusstsein zu schaffen, aus welchen Einstellungen jener entstehen kann. Und auf ein weiteres Problem macht Meier aufmerksam, welches gerade infolge der Weltwirtschaftskrise an Brisanz gewonnen hat: die so genannte Standortpolitik, in der Gewerkschaften gemeinsam mit Staat und Unternehmen scheinbar kollektiv gemeinsam Entwicklungen planen (S. 196). Ausgerechnet diese vermeintliche harmonische und nicht-antagonistische Politik rekurriere \u00bbauf eine der st\u00e4rksten Feindbildkonstruktionen, die es im politischen Feld gibt: die andere Wirtschaftsnation\u00ab (ebd.), die immer nationalistisch aufgeladen sei. Abschlie\u00dfend betont Meier nochmals den Ansatzpunkt der Kultur als unausgesch\u00f6pftes Potenzial, einen Weg hin zu einer kollektiven Identit\u00e4t einzuschlagen, die auf einer inkludierenden Solidarit\u00e4t beruht.<\/p>\n<p>Ein Fazit f\u00e4llt schwer: Beide B\u00fccher sind unbequem, weil sie die Gewissheiten von Attac und Gewerkschaften infrage stellen, beide argumentieren mehr (Meier) oder minder (Knothe) \u00fcberzeugend und beiden geht es um eine Kritik, die eben nicht anschlussf\u00e4hig f\u00fcr rechte Einstellungen oder Antisemitismus ist. Man tut gut daran, sich an diesen B\u00fcchern zu reiben.<\/p>\n<div id=\"edn1\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[1]<\/span><\/span><\/a> Die selbst dem gem\u00e4\u00dfigt antideutschen Spektrum zuzurechnende Zeitschrift <i>phase 2<\/i> hat in ihrer aktuellen Ausgabe eine bemerkenswert differenzierte Bilanz der antideutschen Str\u00f6mung ver\u00f6ffentlicht. Vgl. Mark Hachnik, Nach den Antideutschen, in: phase 2, Nr. 34, Dezember 2009, S. 32-36<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn2\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[2]<\/span><\/span><\/a> Vgl. Michael Ebenau: Es bleibt hoher Diskussionsbedarf. Zum Bericht der Kommission Rechtsextremismus des DGB, in: Sozialismus, Heft Nr. 7\/8 (Juli\/August 2000), vgl. Guido Speckmann, Alarmierende Ergebnisse, in Sozialismus, Heft Nr. 10 (Oktober 2007).<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn3\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[3]<\/span><\/span><\/a> Vgl. auch J\u00fcrgen Leibold\/Steffen K\u00fchnel: Einigkeit in der Schuldabwehr. Die Entwicklung antisemitischer Einstellungen in Deutschland nach 1989, in: Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 7, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Frankfurt\/M. 2009, S. 131-151.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn4\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[4]<\/span><\/span><\/a> Felix Knappertsbusch\/Udo Kelle, \u00bbMutterland des nomadisierenden Finanzkapitals\u00ab \u2013 Zum Verh\u00e4ltnis von Antiamerikanismus und Antisemitismus vor dem Hintergrund der Finanzkrise, in: Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 8, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Berlin 2010, S. 153.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn5\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[5]<\/span><\/span><\/a> Julia Becker\/Ulrich Wagner\/Oliver Christ, Ursachenzuschreibung in Krisenzeiten: Auswirkungen auf Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit, in: Deutsche Zust\u00e4nde, a.a.O., S. 140.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn6\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\"><span style=\"font-family: Calibri,sans-serif;\"><span style=\"font-size: small;\">[6]<\/span><\/span><\/a> Vgl. Samuel Salzborn, Zum antisemitischen Gehalt von Ungeziefer-Metaphern, in: Jungle World, 11.2.2010.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2010\/heft_nr_4_april_2010\/\">Sozialismus 4\/2010<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei neue Studien stellen linke Gewissheiten in Frage Holger Knothe, Eine andere Welt ist m\u00f6glich \u2013 ohne Antisemitismus?. Antisemitismus und Globalisierungskritik bei Attac, transcript-Verlag, Bielefeld 2009, 213 S., 24,80 Euro; Marcus Meier, \u00bbGewerkschaftsm\u00e4\u00dfig k\u00f6nnten die sich ja vor allem f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=215\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Zwei neue Studien stellen linke Gewissheiten in Frage","footnotes":""},"categories":[4,14],"tags":[21,24,45],"class_list":["post-215","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","category-politische-einstellungen-in-der-brd","tag-antisemitismus","tag-attac","tag-gewerkschaften"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/215","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=215"}],"version-history":[{"count":12,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/215\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1370,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/215\/revisions\/1370"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=215"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=215"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=215"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}