{"id":220,"date":"2011-02-01T17:36:11","date_gmt":"2011-02-01T15:36:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=220"},"modified":"2019-04-29T11:19:00","modified_gmt":"2019-04-29T09:19:00","slug":"politische-deprivation-und-rechter-antikapitalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=220","title":{"rendered":"Politische Deprivation und rechter Antikapitalismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zur neuen \u00bbMitte\u00ab-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung<\/strong><\/p>\n<p>Als eine \u00bbausgesprochene linke Kampfschrift gegen liberale und konservative Auffassungen und die hiesige Gesellschaftsordnung\u00ab bezeichnete der Politikwissenschaftler und Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, die Studie \u00bbDie Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010\u00ab (Tagesspiegel, 21.10.2010). Andere Reaktionen auf die von der Friedrich Ebert-Stiftung herausgegebene Erhebung stellten die gestiegene Verbreitung von ausl\u00e4nderfeindlichen Einstellungen und die mehrheitsf\u00e4hige Islamfeindlichkeit heraus (vgl. dazu auch den Kasten). <!--more-->W\u00e4hrend Schroeder durch die Untersuchung von Oliver Decker, Marliese Wei\u00dfmann, Johannes Kiess und Elmar Br\u00e4hler wohl seine eigene politische Weltanschauung diskreditiert sieht und mit Bei\u00dfreflexen und schwachen Gegenargumenten \u2013 zu diesen sp\u00e4ter \u2013 reagiert, stellen die anderen Berichte zwar zu Recht neben den bereits erw\u00e4hnten Aspekten die Bef\u00fcrwortung einer rechtsautorit\u00e4ren Diktatur, Politikverdrossenheit, das Potenzial f\u00fcr eine Partei rechts der Union etc. ins Zentrum. Unber\u00fccksichtigt bleiben indes Aspekte wie Nationalismus, v\u00f6lkischer Antikapitalismus sowie die Herausforderung, dass die im Oktober ver\u00f6ffentlichte Studie sich durch eine theoretische Reflexion zentraler Begrifflichkeiten und einer gr\u00f6\u00dferen Einordnung (Prekarisierung, Krise der Arbeitsgesellschaft, Warenfetischismus) ihrer Befunde auszeichnet. Und das vor allem auch im Vergleich zu den beiden Vorg\u00e4ngerstudien \u00bbVom Rand zur Mitte\u00ab (2006) und \u00bbEin Blick in die Mitte\u00ab (2008).<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>Die empirischen Ergebnisse interessieren freilich auch hier und sollen kurz zusammengefasst werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Die Befunde<\/strong><\/p>\n<p>Die fr\u00fcheren \u00bbMitte\u00ab-Studien hatten gezeigt, dass rechtsextreme Einstellung in allen gesellschaftlichen Gruppen, in allen Altersgruppen sowie im Westen und Osten zu finden sind \u2013 eben bis in die Mitte der Gesellschaft hinein (24). Rechtsextreme Denkmuster machen die Leipziger Forscher an Zustimmungswerten zu folgenden Themen fest: Bef\u00fcrwortung einer rechtsautorit\u00e4ren Diktatur, Chauvinismus (\u00fcbersteigertes Nationalgef\u00fchl), Ausl\u00e4nderfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus sowie Verharmlosung des Nationalsozialismus.<\/p>\n<p>Wie sehen nun die Ergebnisse f\u00fcr das Jahr 2010 aus? Hohe Werte fanden die Aussagen zur Bef\u00fcrwortung einer rechtsautorit\u00e4ren Diktatur mit v\u00f6lkischer Begr\u00fcndung: So stimmten 13,2% der befragten Deutschen der Aussage zu, \u00bbWir sollten einen F\u00fchrer haben, der Deutschland zum Wohle aller mit starker Hand regiert\u00ab, und 23,6% dem Satz, \u00bbWas Deutschland jetzt braucht, ist eine einzige starke Partei, die die Volksgemeinschaft insgesamt verk\u00f6rpert.\u00ab (76)<\/p>\n<p>Mut zu einem starken Nationalgef\u00fchl w\u00fcnschen sich 37,6%, nur wenige Prozentpunkte geringer liegt die Zustimmung zu der Aussage, \u00bbwas unser Land heute braucht, ist ein hartes und energisches Durchsetzen deutscher Interessen gegen\u00fcber dem Ausland\u00ab. Die Aufwertung der eigenen Gruppe geht mit einer Abwertung von Fremdgruppen einher: Fast die H\u00e4lfte der Ostdeutschen und 34,3% der Westdeutschen sind der Ansicht, dass die \u00bbAusl\u00e4nder nur hierher kommen, um unseren Sozialstaat auszunutzen. Die Bundesrepublik als gef\u00e4hrlich \u00fcberfremdet bezeichnen 43,3 der Ost- und 35,6 der Westdeutschen. In puncto Ausl\u00e4nderfeindlichkeit weichen die Zustimmungswerte deutlich zuungunsten der Ostdeutschen ab, in Sachen Antisemitismus \u2013 jede\/r zehnte Deutsche stimmt antisemitischen Vorurteilen zu \u2013 und Verharmlosung des Nationalsozialismus (3,7 bzw. 1,8%) weisen die Bewohner der neuen Bundesl\u00e4nder geringf\u00fcgig weniger Zustimmung auf. Doch insgesamt seien die Unterschiede zwischen Ost und West kleiner als innerhalb der jeweiligen Gruppe, und genauso k\u00f6nne man Stadtstaaten und Fl\u00e4chenstaaten unterscheiden (81).<\/p>\n<p>Tabelle 1 (82: Tabelle 3.1.3) fasst die Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen in West- und Ostdeutschland 2010 zusammen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tabelle 1: Rechtsextreme Einstellungen in West- und Ostdeutschland, 2010 (in %)<\/strong><\/p>\n<table width=\"643\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"2\">\n<colgroup>\n<col width=\"158\" \/>\n<col width=\"156\" \/>\n<col width=\"156\" \/>\n<col width=\"156\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\"><\/td>\n<td width=\"156\">Gesamt (N = 2.411)<\/td>\n<td width=\"156\">West (N = 1.907)<\/td>\n<td width=\"156\">Ost (N = 504)<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Bef\u00fcrwortung Diktatur<\/td>\n<td width=\"156\">5,1<\/td>\n<td width=\"156\">4,6<\/td>\n<td width=\"156\">6,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Chauvinismus<\/td>\n<td width=\"156\">19,3<\/td>\n<td width=\"156\">19,6<\/td>\n<td width=\"156\">19,8<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Ausl\u00e4nderfeindlichkeit<\/td>\n<td width=\"156\">24,7<\/td>\n<td width=\"156\">21,9<\/td>\n<td width=\"156\">35<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Antisemitismus<\/td>\n<td width=\"156\">9,7<\/td>\n<td width=\"156\">9<\/td>\n<td width=\"156\">7,7<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Sozialdarwinismus<\/td>\n<td width=\"156\">4<\/td>\n<td width=\"156\">3,4<\/td>\n<td width=\"156\">6,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"158\">Verharmlosung Nationalsozialismus<\/td>\n<td width=\"156\">* 3,3<\/td>\n<td width=\"156\">3,7<\/td>\n<td width=\"156\">1,8<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Der hinl\u00e4nglich bekannte Einfluss des Faktors Bildung wird auch in \u00bbDie Mitte in der Krise\u00ab best\u00e4tigt: Je gebildeter, desto weniger ist die Neigung vorhanden, (extrem) rechten Aussagen zuzustimmen (die immunisierende Wirkung von Bildung wird indes in der neuen Heitmeyer-Studie relativiert, vgl. Kasten). Insbesondere f\u00fcr Linke interessant sind \u00fcberdies zwei weitere Ergebnisse: Gewerkschaftsmitglieder unterscheiden sich hinsichtlich der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen nicht von Nichtmitgliedern, wie es noch in den 1980er Jahren der Fall war.<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> Das d\u00fcrfte nach der Untersuchung \u00bbGewerkschaften und Rechtsextremismus\u00ab von Bodo Zeuner u.a. nicht mehr \u00fcberraschen. Und auch das Faktum, dass die Anh\u00e4nger (nicht die Mitglieder) der Partei DIE LINKE sich im Westen zu 20% und im Osten gar zu einem Viertel als ausl\u00e4nderfeindlich eingestellt zeigen, wurde bereits in den Vorg\u00e4ngerstudien festgestellt. Die Differenzierung nach Parteien zeigt im \u00fcbrigen, warum eine Partei rechts der Union (noch) kaum eine Chance auf Wahlerfolge hat. CDU und SPD integrieren das ausl\u00e4nderfeindliche Potenzial vorz\u00fcglich (vgl. 85).<\/p>\n<p>Das Fazit lautet: \u00bbDie hier vorgestellten Befunde sind rein beschreibend. Sie illustrieren, dass die rechtsextreme Einstellung in allen gesellschaftlichen Gruppen, in allen Altersstufen, unabh\u00e4ngig vom Erwerbsstatus und Bildungsgrad und bei beiden Geschlechtern in hohem Ma\u00dfe zu finden ist.\u00ab (89).<\/p>\n<p>Nun zu einem Vorwurf des eingangs erw\u00e4hnten Klaus Schroeder, der aber auch von anderen in Bezug auf \u00e4hnliche Untersuchungen immer wieder erhoben wird: Die Fragen seien doch suggestiv, w\u00fcrden den Befragten die Antworten in den Mund legen. Nat\u00fcrlich sind Decker u.a. nicht so naiv, diesen Vorwurf nicht zu reflektieren. Sie haben in ihren Frageb\u00f6gen eine \u00bbteils-teils-Antwort\u00ab aufgenommen, die den Befragten durchaus die M\u00f6glichkeit gibt, sich der Stimme zu enthalten \u2013 wie sie \u00fcberdies ihre v\u00f6llige oder \u00fcberwiegende Ablehnung vermerken k\u00f6nnen (Schroder behauptet stattdessen wahrheitswidrig, man habe nur mit \u00bbJa\u00ab oder \u00bbNein\u00ab antworten k\u00f6nnen). Bemerkenswert ist, wie diese \u00bbteils-teils-Antworten\u00ab, die mitunter einen gro\u00dfen Anteil ausmachen, im Sinne der sozialen Erw\u00fcnschtheit interpretiert werden. Das hei\u00dft, ein nicht \u00bbn\u00e4her zu beziffernder, aber auch kam zu \u00fcbersch\u00e4tzender Anteil dieser Antworten muss als verdeckte Zustimmung gewertet werden\u00ab (75). Best\u00e4tigung f\u00fcr diese These fanden die Autoren in den qualitativen Interviews der Studie \u00bbEin Blick in die Mitte\u00ab: Nicht nur diejenigen, die in den Frageb\u00f6gen teils-teils-Antworten gegeben hatten, sondern auch jene, die bspw. ausl\u00e4nderfeindlichen Aussagen ablehnend gegen\u00fcberstanden, \u00e4u\u00dferten sich in den Interviews ausl\u00e4nderfeindlich.<\/p>\n<p>Welche Ver\u00e4nderungen stellt die Studie \u00bbDie Mitte in der Krise\u00ab im Vergleich zu vor zwei Jahren fest? Kurz gesagt: Die Werte in Bezug auf Bef\u00fcrwortung einer Diktatur, Chauvinismus und Ausl\u00e4nderfeindlichkeit haben sich leicht erh\u00f6ht, was als erste Reaktion auf die wirtschaftliche Krise gedeutet wird. Die Zustimmungswerte zu Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus seien hingegen in etwa gleich geblieben.<\/p>\n<p>Die Tabelle 2 (96) fasst die Entwicklung des geschlossenen rechtsextremen Weltbildes von 2002-2010 zusammen:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Tabelle 2: Geschlossenes rechtsextremes Weltbild von 2002-2010 (in Prozent)<\/strong><\/p>\n<table width=\"643\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"2\">\n<colgroup>\n<col width=\"104\" \/>\n<col width=\"102\" \/>\n<col width=\"102\" \/>\n<col width=\"102\" \/>\n<col width=\"102\" \/>\n<col width=\"103\" \/> <\/colgroup>\n<tbody>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"104\">Geschlossenes rechtsextremes Weltbild<\/td>\n<td width=\"102\">2002<\/td>\n<td width=\"102\">2004<\/td>\n<td width=\"102\">2006<\/td>\n<td width=\"102\">2008<\/td>\n<td width=\"103\">2010<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"104\">Gesamt<\/td>\n<td width=\"102\">9,7<\/td>\n<td width=\"102\">9,8<\/td>\n<td width=\"102\">8,6<\/td>\n<td width=\"102\">7,6<\/td>\n<td width=\"103\">8,2<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"104\">Ost<\/td>\n<td width=\"102\">8,1<\/td>\n<td width=\"102\">8,3<\/td>\n<td width=\"102\">6,6<\/td>\n<td width=\"102\">7,9<\/td>\n<td width=\"103\">10,5<\/td>\n<\/tr>\n<tr valign=\"TOP\">\n<td width=\"104\">West<\/td>\n<td width=\"102\">11,3<\/td>\n<td width=\"102\">10,1<\/td>\n<td width=\"102\">9,1<\/td>\n<td width=\"102\">7,5<\/td>\n<td width=\"103\">7,6<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Nachdem es von 2004 bis 2008 eine leichte Abnahme gegeben hat, so ist im Zeitraum von 2008 bis 2010 eine leichte Zunahme des geschlossenen rechtsextremen Weltbildes zu verzeichnen. Diese Trendwende ist im wesentlichen auf die Entwicklung in Ostdeutschland zur\u00fcckzuf\u00fchren, wo es einen Anstieg von 7,9 auf 10,5% gab, w\u00e4hrend die Entwicklung in den alten Bundesl\u00e4ndern stagnierte.<a href=\"#_edn3\" name=\"_ednref3\">[3]<\/a> Die Frage stellt sich jedoch, wie diese Aussage mit der Relativierung des Ost-West-Unterschiedes an anderer Stelle (80) zusammengeht.<br \/>\n<strong>Sozio\u00f6konomische und politische Faktoren<\/strong><\/p>\n<p>In einem weiteren Schritt stellen die Autoren ihre Ergebnisse zum Zusammenhang von sozio\u00f6konomischen Faktoren und rechtsextremen Denkmustern dar. Untersucht wurde sowohl die Einsch\u00e4tzung der wirtschaftlichen Lage der Einzelnen wie auch die allgemeine der Bundesrepublik Deutschland. \u00dcberdies wurde nach der subjektiven politischen, wirtschaftlichen und sozialen Deprivation (Lebenszufriedenheit, Arbeitslosigkeit, Sorge um den Arbeitsplatz, Zustimmung zur Demokratie) gefragt. In Bezug auf die politische Deprivation stellt die Studie erneut ein erschreckendes Ausma\u00df fest: Nur fast jeder\/e Zehnte findet es lohnend, sich politisch zu engagieren. Die Werte h\u00e4tten sich seit 2006 kaum ver\u00e4ndert. Adornos Befund von 1959, wonach sich Demokratie nicht derart eingeb\u00fcrgert habe, dass die Menschen diese wirklich als ihre eigene Sache erfahren, werde, wie die Verfasser bereits in der Einleitung betonen, erneut best\u00e4tigt. Festgestellt wird ein grunds\u00e4tzliches Unverst\u00e4ndnis gegen\u00fcber der Funktionsweise der Demokratie. Auch mehr Partizipation \u00bbbringe\u00ab es nicht, da es an einem Grundverst\u00e4ndnis mangele (99) bzw. die Befragten sich nicht als Subjekt politischer Prozesse betrachten. Gleichwohl wird der Demokratie als Idee und ihre Verankerung in der Verfassung der BRD eine hohe Zustimmung entgegengebracht.<\/p>\n<p>Wirtschaftliche Benachteiligung: Die Ergebnisse zu diesem Aspekt sind m.E. die wichtigsten und interessantesten: Zwar l\u00e4sst sich allgemein eine deutliche Korrelation von Arbeitslosigkeitserfahrung und rechtsextremen Einstellungen feststellen, die individuelle \u00f6konomische Deprivation hat im Jahr 2010 jedoch deutlich abgenommen. Dieses Ergebnis verwundert, sollte man doch annehmen, dass die wirtschaftliche Krisensituation ihre Spuren hinterlassen hat. Doch die Zufriedenheit mit den Einkommen sowie der beruflichen Situation stieg sogar \u2013 und das, obwohl die Einkommen objektiv gesunken sind. Dieser Befund des Widerspruchs zwischen objektiver \u00f6konomischer Entwicklung und subjektiver Wahrnehmung verlangt nach einer Erkl\u00e4rung. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass immer wieder ein schlichter kausaler Zusammenhang von wirtschaftlich schlechter Lage und der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen hergestellt wird. Die Autoren bieten folgende verschiedenen Erkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten an: \u00bbZum einen scheint sich die objektive, individuelle wirtschaftliche Lage nicht direkt auf die subjektive Wahrnehmung auszuwirken. Zum anderen machen sich Einschr\u00e4nkungen in Lebensbereichen bemerkbar, die nicht unmittelbar mit \u00f6konomischem Wohlstand verbunden sind. Diese Diskontinuit\u00e4t kann als eine verschobene Reaktion auf die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen interpretiert werden, deren Verrechnungskosten nicht am Ort des Geschehens, daf\u00fcr aber im privaten Lebensbereich bezahlt werden.\u00ab (104)<\/p>\n<p>Das zentrale Ergebnis zum Zusammenhang von \u00d6konomie und rechtsextremen Einstellungen lautet infolgedessen, dass weder die individuelle wirtschaftliche Situation noch das Gef\u00fchl pers\u00f6nlicher wirtschaftlicher Benachteiligung noch die Sorge um den Arbeitsplatz auf die Ausbildung rechtsextremer Anschauungen einen signifikanten Einfluss habe, sondern dass andere Faktoren moderierend wirken (116, 119). Welcher Faktor aber hat einen signifikanten Einfluss auf die Verbreitung rechtsextremer Einstellungen? Es ist die \u00bbgef\u00fchlte Deprivation f\u00fcr die gesamte Wirtschaft Deutschlands, die rechtsextreme Einstellung signifikant erh\u00f6ht&#8230;\u00ab Somit scheine \u00bbdie Wahrnehmung eines Verlustes des Wohlstandes auf der nationalen Ebene Deutschlands relevanter zu sein als Verluste auf individueller Ebene.\u00ab (119)<\/p>\n<p>Allein, der Teufel steckt bekanntlich im Detail: Im Osten verh\u00e4lt es sich anders als im Westen, denn dort spiele die individuelle Situation eine gr\u00f6\u00dfere Rolle als im Westen der Republik. An dieser Stelle nun muss der zentrale Begriff der \u00bbnarzisstischen Plombe\u00ab erl\u00e4utert werden, wird doch dieser Sachverhalt damit erkl\u00e4rt, dass \u00bbdie zwei Seiten der narzisstischen Plombe sich in Ost und West ungleich verteilt darstellen. So hei\u00dft es: \u00bbW\u00e4hrend die Verf\u00fcgung \u00fcber G\u00fcter, also der individuelle Wohlstand, im Osten st\u00e4rker mit der Gesellschaft verbindet, ist es im Westen die Identifikation mit dem funktionierenden Wirtschaftssystem.\u00ab (121) Mit narzisstischer Plombe ist die Gratifikation durch Wohlstand gemeint, die die narzisstische Kr\u00e4nkung des verlorenen Krieges und die in der Figur des \u00bbF\u00fchrers\u00ab verdichtete Gr\u00f6\u00dfenfantasie kompensierte. Auf diese Weise trug die Wohlstandserfahrung im Wirtschaftswunderdeutschland dazu bei, die Anerkennung von Schuld und Scham wegen der Nazi-Verbrechen zu verhindern.<\/p>\n<p>Der Zusammenhang von Identifizierung mit der deutschen Wirtschaft und der Verbreitung von rechtsextremen Denkmustern wird auch durch die Dissertation \u00bbPrekarisierung und Ressentiments\u00ab von Bernd Sommer unterst\u00fctzt.<a href=\"#_edn4\" name=\"_ednref4\">[4]<\/a> Dieser st\u00fctzt sich zwar nicht auf eigene empirische Forschungen, sondern auf eine Sekund\u00e4ranalyse anderer Studien unter der Fragestellung, ob und inwieweit die Prekarisierung von Arbeits- und Lebensverh\u00e4ltnissen zu rechtsextremen Einstellungen f\u00fchrt. Seine re-analysierten Forschungen sind die Publikationen des europ\u00e4ischen Forschungsprojekts Socio-Economic Change, Individual Reactions and the Appeal of the Extreme Right (SIREN), die vom Forschungsinstitut Arbeit, Bildung, Partizipation (FIAB) an der Ruhruniversit\u00e4t Bochum durchgef\u00fchrte qualitative Untersuchung \u00bbPrek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse \u2013 Ursache von sozialer Desintegration und Rechtsextremismus?\u00ab, die Langzeituntersuchung zur Erforschung Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) unter der Leitung von Wilhelm Heitmeyer sowie die Daten der Allgemeinen Bev\u00f6lkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS). Als Ergebnis seiner Re-Interpretation h\u00e4lt Sommer fest, dass \u00bbentgegen der popul\u00e4ren Annahme in den hier ausgewerteten quantitativen Studien mehrheitlich kein besonders ausgepr\u00e4gter statistischer Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit oder der Angst vor Arbeitslosigkeit und dem Niveau rechtsextremer Einstellungen gemessen werden konnte\u00ab (288) \u2013 eine Aussage \u00fcbrigens, die im Widerspruch zum Ergebnis der FES-Studie steht. Vielmehr sei bemerkenswert, dass Personen mit einer fremdenfeindlichen oder rechtsextremen Orientierung vor allem die (wirtschaftliche) Lage Deutschlands negativ einsch\u00e4tzen (227). Sommer macht des weiteren ein Gef\u00fchl der sozio\u00f6konomischen Verwundbarkeit, f\u00fcr das Hartz IV steht, prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse, eine allgemeine Orientierungslosigkeit sowie ein Gef\u00fchl der Machtlosigkeit f\u00fcr die Ausbreitung von extrem rechten Einstellungen verantwortlich.<\/p>\n<p>Kurzum und in eigenen Worten: Die nationale und damit Interessengegens\u00e4tze ignorierende Identifizierung mit der deutschen Wirtschaft, dem Modell oder Standort Deutschland scheint in weitaus gr\u00f6\u00dferem Ma\u00dfe mit (extrem) rechten Denkmustern zusammenzuh\u00e4ngen als die eigene \u00f6konomische Situation.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Volksgemeinschaftlicher Antikapitalismus<\/strong><\/p>\n<p>Kommen wir zu einem weiteren h\u00f6chst interessanten Ergebnis der \u00bbMitte\u00ab-Studie: der hohen Verbreitung von kapitalismus- und globalisierungskritischen, ja gar antikapitalistischen Meinungen in der Bev\u00f6lkerung. Diese sind so hoch, dass das gegenw\u00e4rtige Wirtschaftssystem in Deutschland infrage gestellt wird. So sind, um nur wenige Beispiele zu nennen, 72,2% der Befragten West- und 77% der Ostdeutschen der Meinung, dass die internationalen Finanzm\u00e4rkte Schuld an der weltweit wachsenden sozialen Ungleichheit sind. Dem Satz \u00bbDer Sozialismus ist im Grunde eine gute Idee, die nur schlecht ausgef\u00fchrt wurde\u00ab stimmen 43,4% der Bewohner der alten und 55,6% der neuen Bundesl\u00e4nder zu. Insgesamt stellen die Autoren einen Anteil von 63,2% Kapitalismuskritiker\/innen, 83,6% Globalisierungskritiker\/innen und von 42,6% Antikapitalist\/innen fest (126). Dies sind in der Tat \u00bbirritierend\u00ab hohe Werte und f\u00fcr Linke scheint das auf den ersten Blick recht erfreulich zu sein. Doch der zweite Blick zeigt Ern\u00fcchterndes. So verbreitet die kapitalismuskritischen und antikapitalistischen Stimmungen sind, so wenig ist eine Alternative zu den realen kapitalistischen Verh\u00e4ltnissen im emanzipatorischen Sinne in Sicht. Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass der Kapitalismus von rechts infrage gestellt wird, dass wir es mit einem volksgemeinschaftlichen Antikapitalismus zu tun haben (128). Daher wurden in der Studie, \u00bbum den Zusammenhang von Rechtsextremismus, Kapitalismuskritik und Globalisierungsgegnerschaft abzubilden, der Zusammenhang mit der rechtsextremen Einstellung mittels \u00bbProdukt-Moment-Korrelationen\u00ab untersucht. Das Ergebnis: Es gibt eine hohe Korrelation, lediglich die Dimension Antiamerikanismus korreliert wenig mit (extrem) rechten Einstellungen. Die Autoren schlussfolgern, dass sowohl die zunehmende Beurteilung von \u00bbFremden\u00ab nach N\u00fctzlichkeitskriterien, aber auch die Diskreditierung von angeblich \u00bbArbeitsscheuen\u00ab f\u00fcr die Vermutung einer v\u00f6lkischen Alternative als Referenz hinter diesem Antikapitalismus spreche (vgl. 129). Dar\u00fcber hinaus wird ein enger Zusammenhang zwischen Antisemitismus und antikapitalistischen Stimmungen ermittelt. Die Verfasser beobachten eine Verdichtung antidemokratischer Einstellungen in der Kapitalismuskritik, die auch deutlich von antisemitischen Ressentiments getragen werde. Scheinbar werde gegenw\u00e4rtig das Bild zwischen einem guten \u00bbschaffenden\u00ab Kapital mit nationalen Wurzeln und einem schlechten, \u00bbraffenden\u00ab Kapital der internationalen Finanzm\u00e4rkte wiederbelebt (148). Kritisch anzumerken bleibt, dass der Begriff volksgemeinschaftlicher oder v\u00f6lkischer Antikapitalismus die Assoziationen zum Nationalsozialismus weckt; dieser kann aber nicht mit heute vorherrschenden Einstellungen in eins gesetzt werden. Eine genauere Herausarbeitung der Kontinuit\u00e4ten und Br\u00fcche w\u00e4re somit w\u00fcnschenswert gewesen.<a href=\"#_edn5\" name=\"_ednref5\">[5]<\/a><br \/>\n<strong>Korrelationen \u2013 aber was ist mit den Ursachen?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn also der Einfluss von sozialen, politischen und \u00f6konomischen Faktoren nur wenig mit rechten Einstellungen korreliert, was ist dann den Verfassern der Mitte-Studien zufolge f\u00fcr die Ausbildung von rechtsextremen Einstellungen verantwortlich? Die Ursache sehen sie in autorit\u00e4ren Orientierungen, wie sie es bereits in ihrer ersten Untersuchung von 2006 dargelegt hatten. Hier reflektieren sie nun theoretisch den von Adorno und Horkheimer gepr\u00e4gten Begriff des Autorit\u00e4ren Charakters, den die Exponenten der Kritischen Theorie wie folgt definiert hatten: \u00bbDiese Autorit\u00e4tsgebundenheit bedeutet \u2026 die bedingungslose Anerkennung dessen, was ist und Macht hat, und den irrationalen Nachdruck auf konventionelle Werte \u2026 und entsprechend auf konventionelles, unkritisches Verhalten\u00ab (zit. nach 29). Nun bezieht sich Adornos und Horkheimers Begriff der autorit\u00e4ren Pers\u00f6nlichkeit nicht unwesentlich auf die Freudsche Psychoanalyse, was kritisiert wird, weil sie zu sehr auf die Kindheit fixiert sei und neue Sozialisationsinstanzen, wie z.B. die Schule, Peer-Groups und Medien, unber\u00fccksichtigt lasse (36). Deshalb sei der Begriffswandel weg vom psychoanalytisch fundierten Begriff des Autorit\u00e4ren Charakters hin zum beschreibenden Begriff des Autoritarismus zu Recht erfolgt, schreiben die Autoren. Der Begriff sei somit zugleich veraltet und immer noch g\u00fcltig, indem der Mechanismus der Identifizierung mit einer m\u00e4chtigen Autorit\u00e4t f\u00fcr die erfahrene Unterwerfung entsch\u00e4dige. Bereits Herbert Marcuse sei der Ansicht gewesen, dass Identifikation mit dem F\u00fchrer in einer autorit\u00e4ren Gesellschaft durch etwas Abstrakteres \u2013 Nationalstolz, starke D-Mark oder Kapitalismus \u2013 ersetzt werden kann. \u00bbGenau diese Entwicklung\u00ab, so hei\u00dft es, \u00bbhaben wir in unserer Studie 2008 dokumentiert und mit der Denkfigur vom Wohlstand als \u203anarzisstischer Plombe\u2039 beschrieben. Erledigt hat sich der Autorit\u00e4re Charakter damit also nicht, die Identifikation mit einer Autorit\u00e4t stabilisiert und entsch\u00e4digt f\u00fcr die t\u00e4gliche Anerkennung der Fremdbestimmtheit.\u00ab (40) Wenn jedoch wirtschaftlicher Wohlstand eine narzisstische Plombe sei, so werde die Ambivalenz gegen\u00fcber der Gesellschaft, \u00bbdie die Unterwerfung unter ihre Prinzipien mit dieser Identifikation entlohnt, in dem Moment sichtbar, im dem dieser Lohn nicht mehr ausgezahlt wird\u00ab (ebd.).<\/p>\n<p>Die Zentralit\u00e4t der autorit\u00e4ren Einstellungen als Erkl\u00e4rung f\u00fcr rechtsextremes Denken findet sich auch in vergleichbaren Forschungen. So hei\u00dft es in einem Beitrag der Folge 7 der von Wilhelm Heitmeyer herausgegebenen \u00bbDeutschen Zust\u00e4nde\u00ab, dass der Autoritarismus ein wesentliches Erkl\u00e4rungskonzept f\u00fcr das so genannte Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit ist.<a href=\"#_edn6\" name=\"_ednref6\">[6]<\/a> Auf der anderen Seite sollte das Konzept in seiner Erkl\u00e4rungskraft nicht \u00fcbersch\u00e4tzt werden, in dem Sinne, dass von direkten Kausalketten auszugehen ist.<a href=\"#_edn7\" name=\"_ednref7\">[7]<\/a><br \/>\n<strong>Kapitalismustheoretische Fundierung<\/strong><\/p>\n<p>Ein weiteres Novum der neuen \u00bbMitte\u00ab-Studie der FES ist ihre ambitionierte und durchaus kapitalismuskritische Fundierung. Allerdings verharrt diese \u00e4hnlich wie in der Kritischen Theorie auf der Ebene der Kritik des Warenfetischismus bzw. des Konsums. Den Autoren zufolge entscheidet der Konsum von Waren \u00fcber \u00bbWohl und Wehe\u00ab der Verfasstheit einer demokratischen Gesellschaft. Insbesondere in der BRD nach 1945 habe die Integrationskraft der Demokratie in dem Aufstiegsversprechen, symbolisiert im Konsum, bestanden. Auf die Kurzformel gebracht: Die Demokratie wurde akzeptiert, weil sie florierte. Den Konsum, und in dessen Zentrum die Waren, bezeichnen die Autoren als narzisstisches Regulativ. Mit Rekurs auf Max Weber beschreiben sie die kapitalistische \u00d6konomie als s\u00e4kularisierte Gnadenwahl. \u00bbDie Verf\u00fcgung \u00fcber die Warenwelt wurde so zur Versicherung der Erw\u00e4hltheit, zun\u00e4chst jener durch den christlichen Gott\u00ab (53) und dann \u00fcber den akkumulierten Reichtum. In der Waren produzierende Gesellschaft und der scheinbaren Diesseitigkeit der Gnadenwahl \u00fcbernehme nun der Markt gleichsam die Funktion eines Gottes, der erw\u00e4hlen und versto\u00dfen kann. Nicht mehr die Identifikation und die Unterwerfung unter eine Autorit\u00e4t gew\u00e4hren Schutz, sondern der Markt als einzig verbliebene Autorit\u00e4t lasse als Schutz scheinbar nur noch die Aggression gegen jene zu, die nicht mehr dazugeh\u00f6ren (55).<\/p>\n<p>Wenn aber seit Jahrzehnten bereits, so das Argument, der gesellschaftliche Inklusionsmechanismen der Gesellschaft \u2013 im Kapitalismus der gelungene Verkauf der Ware Arbeitskraft \u2013 zunehmend versagt (ob er je funktionierte, ist eine andere Frage), gleichzeitig aber die Anerkennung weiterhin \u00fcber das in Lohn- und Brot-Stehen erfolgt, setzt folgender von Jan Weyand beschriebene Prozess ein: \u00bbErzwingen die Erfordernisse der Selbsterhaltung unter Bedingungen kapitalistischer Produktion die \u00fcberm\u00e4\u00dfige narzisstische Besetzung der eigenen Person, so wird diese durch die Unsicherheit der gesellschaftlichen Bedingungen der Selbsterhaltung besch\u00e4digt, und zwar permanent besch\u00e4digt &#8230;\u00ab Darin bestehe die Dialektik des Narzissmus. \u00bbDie Unm\u00f6glichkeit, die Bedingungen der eigenen Existenz zu kontrollieren, weil diese in der bestehenden Gesellschaft nicht von den Subjekten, sondern in einer in jedem Einzelfall undurchschaubaren Weise von einem ihnen fremden gesellschaftlichen Zusammenhang abh\u00e4ngen, erzeugt Angst, Existenzangst.\u00ab Und mit der Angst, so Weyand in seinem Text \u00fcber den Zusammenhang von Autoritarismus und kapitalistischer Produktionsweise weiter, gehe die reale Erfahrung der Ohnmacht einher, die sich in das Gef\u00fchl der Ohnmacht \u00fcbersetze und so in Widerspruch zur narzisstischen Besetzung der eigenen Person trete. Und darin bestehe das Gesetz des besch\u00e4digten Narzissmus: Er impliziere die Frage nach den Schuldigen. \u00bbBefriedigung wie Schuldige findet er im kollektiven Narzissmus der nationalen Glaubensgemeinschaft, in der sich noch der gr\u00f6\u00dfte Taugenichts, ohne irgend etwas daf\u00fcr tun zu m\u00fcssen, von der verkrachten Existenz zum Mitglied eines geschichtsm\u00e4chtigen Kollektivs erheben kann\u00ab.<a href=\"#_edn8\" name=\"_ednref8\">[8]<\/a><br \/>\n<strong>Politische Konsequenzen<\/strong><\/p>\n<p>Die politischen Konsequenzen, die die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zieht, sind mitunter etwas vage. Ziel ist die F\u00f6rderung von sozialer Solidarit\u00e4t und Demokratie. Dem entgegen stehen die Gefahr der Ressentiments, welche sich logischen Argumenten widersetzen, das herrschende Bild der Nation als Interessengemeinschaft mit den dazugeh\u00f6rigen chauvinistischen und rassistischen Einstellungen sowie die keine Alternative zulassende \u00f6konomische Rationalit\u00e4t. Um dem Ziel n\u00e4herzukommen, schlagen die Autoren \u00bbMehr Demokratie wagen\u00ab, neue Formen der politischen Partizipation und mehr Bildung vor, sodass sich die Menschen als Subjekte demokratischer Prozesse erfahren k\u00f6nnen. In Bezug auf die \u00f6konomische Dimension wird das Grundeinkommen ins Spiel gebracht, weil auf diese Weise die Anerkennung ausschlie\u00dflich \u00fcber die Lohnarbeit und die damit verbundene repressive Verteilung von Almosen \u00fcberwunden werden k\u00f6nne. \u00dcberdies wird eine Selbstverpflichtung der Medien, sich nicht an Diskriminierungen zu beteiligen, eine St\u00e4rkung der Politik gegen\u00fcber der \u00d6konomie sowie eine St\u00e4rkung der Zivilgesellschaft gefordert. Soweit so gut und bekannt. Interessanter wird es bei der Frage, wie der Surrogatcharakter der Ware als Ersatz f\u00fcr die nicht vollst\u00e4ndig erfolgte Abl\u00f6sung vom Gedanken der religi\u00f6sen Erw\u00e4hltheit \u00fcberwunden werden kann, denn hier n\u00e4hert man sich dem \u00bbWurzelgrund der kapitalistischen \u00d6konomie\u00ab. Und tats\u00e4chlich wird kurz mit explizitem Bezug auf Marx dessen Fetisch- und Arbeitswerttheorie referiert. Das Fazit daraus lautet: die Utopie einer Gesellschaft von Freien und Gleichen starkzumachen, eine nachholende Aufkl\u00e4rung zu vollziehen und eine demokratische Gesellschaft zu verwirklichen, die auf Anerkennung und der politischen Aushandlung von Interessengegens\u00e4tzen basiere. Freilich: F\u00fcr eine der SPD nahestehenden Stiftung und f\u00fcr die Gepflogenheiten des wissenschaftlichen Feldes ist das schon etwas. Andererseits bleiben Fragen bestehen: etwa die nach der Klassenzugeh\u00f6rigkeit und dem Autoritarismus,<a href=\"#_edn9\" name=\"_ednref9\">[9]<\/a> oder die nach einer kapitalismuskritischen Sichtweise, die neben dem Ph\u00e4nomen des Warenfetischismus auch Kategorien wie Macht, Herrschaft, Eigentum und Klassen ber\u00fccksichtigt. Dann n\u00e4mlich w\u00e4re besser herauszuarbeiten \u2013 Bernd Sommer deutet das an \u2013, dass und wie soziale Praxen, wie die des deutschen Staatsb\u00fcrgerschaftsrechts und die damit verbundene institutionelle Spaltung in Deutsche und Ausl\u00e4nder, und nicht eine Ideologie der Minderwertigkeit der Abwertung und Ausgrenzung zugrunde liegen. Als politische Konsequenz stehen infolgedessen dann andere Aspekte im Vordergrund: eine grunds\u00e4tzliche Kritik von Nation, Nationalismus und Kapitalismus und vor allem die Frage nach einer demokratisch-emanzipatorischen Alternative, die f\u00fcr die Individuen die Gestaltbarkeit ihrer sozio\u00f6konomischen und politischen Verh\u00e4ltnisse erfahrbar macht. Freilich stellt sich \u2013 wie zuletzt die Debatte \u00fcber den Kommunismus-Artikel von Gesine L\u00f6tzsch zeigte \u2013 das Problem, wie die als Alternative zum Kapitalismus verstandenen Begriffe \u00bbSozialismus\u00ab und \u00bbKommunismus\u00ab ihrer Kontaminierung durch die reale Geschichte entledigt werden k\u00f6nnen. Und die Kapitalismuskritik m\u00fcsste dabei eine Kritik des idealen Durchschnitts des Kapitalismus mit der konkreten historischen Kritik seines finanzdominierten Entwicklungsstandes verbinden.<\/p>\n<p>So gewendet ist die Studie in der Tat \u00bbeine linke Kampfschrift\u00ab und Klaus Schroeders Kritik ein Kompliment.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr align=\"LEFT\" size=\"3\" width=\"250\" \/>\n<div id=\"edn1\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Alle drei Studien sind als pdf-Dokument im Internet unter www.fes-gegen-rechtsextremismus.de erh\u00e4ltlich. Im folgenden beziehen sich die Seitenangaben in () auf die j\u00fcngste Studie von 2010.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn2\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> Vgl. Richard St\u00f6ss, Rechtsextremismus im Wandel, Berlin 2005, S. 62<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn3\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref3\" name=\"_edn3\">[3]<\/a>In Bezug auf die Entwicklung der Verbreitung von rechtsextremen Einstellungen in Ostdeutschland seit dem Jahr der Wiedervereinigung bis heute l\u00e4sst sich zeigen, dass die gerne ge\u00e4u\u00dferte Ansicht, wonach \u00bbdie vom realen Sozialismus gepr\u00e4gten Ostdeutschen schon am Vorabend der Wiedervereinigung ausl\u00e4nderfeindlicher als die Westdeutschen eingestellt waren\u00ab (Schroeder), ein Vorurteil ist. Denn durch mehre Studien wurde belegt, dass die Ostdeutschen noch bis ca. Mitte der 1990er Jahre weniger ausl\u00e4nderfeindlich eingestellt waren als die Westdeutschen. Erst durch die Entt\u00e4uschung der im Zuge der Wiedervereinigung gemachten Versprechen kam es zu einem massiven Anstieg. Vgl. dazu St\u00f6ss, a.a.O., S. 62ff.; Detlef Oesterreich, Flucht in die Sicherheit. Zur Theorie des Autoritarismus und der autorit\u00e4ren Reaktion, Opladen 1996, S. 173.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn4\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref4\" name=\"_edn4\">[4]<\/a> Bernd Sommer, Prekarisierung und Ressentiments. Soziale Unsicherheit und rechtsextreme Einstellungen in Deutschland\u00ab, Wiesbaden 2010.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn5\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref5\" name=\"_edn5\">[5]<\/a> Zu diskutieren w\u00e4re z.B., ob und inwiefern die Gefahr eines v\u00f6lkischen Antikapitalismus nicht besser mit dem Begriff des \u00bbreaktiven Nationalismus\u00ab beschrieben werden k\u00f6nnte. Vgl. dazu Klaus D\u00f6rre, Marktsteuerung und Prekarisierung von Arbeit \u2013 N\u00e4hrboden f\u00fcr rechtspopulistische Orientierungen? Hypothese und empirische Befunde, in: J. Bischoff\/K. D\u00f6rre u.a., Moderner Rechtspopulismus. Ursachen, Wirkungen, Gegenstrategien, Hamburg 2004, S. 78-118, hier, S. 111f.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn6\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref6\" name=\"_edn6\">[6]<\/a>Andreas Zick\/P.J. Henry: Nach oben buckeln, nach unten treten. Der deutsch-deutsche Autoritarismus, in: W. Heitmeyer (Hrsg.), Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 7, Frankfurt\/M. 2009, S. 190.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn7\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref7\" name=\"_edn7\">[7]<\/a>J. Bischoff\/B. M\u00fcller, Moderner Rechtspopulismus, in: Bischoff\/D\u00f6rre u.a., a.a.O., S. 27.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn8\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref8\" name=\"_edn8\">[8]<\/a>Jan Weyand. Zur Aktualit\u00e4t der Theorie des autorit\u00e4ren Charakters, in: jour fixe initiative berlin (Hrsg.), Theorie des Faschismus \u2013 Kritik der Gesellschaft, M\u00fcnster 2000, S. 71. Vgl. auch Oesterreich, a.a.O., S. 173, der die autorit\u00e4re Pers\u00f6nlichkeit nach wie vor als ein Grundtypus der kapitalistisch gepr\u00e4gten Industriegesellschaft ansieht.<\/p>\n<\/div>\n<div id=\"edn9\" dir=\"LTR\">\n<p><a href=\"#_ednref9\" name=\"_edn9\">[9]<\/a> Vgl. dazu Michael Vester, Autoritarismus und Klassenzugeh\u00f6rigkeit, in: Alex Demirovic, Modelle kritischer Gesellschaftstheorie. Traditionen und Perspektiven der Kritischen Theorie, Stuttgart\/Weimar 2003, S. 195-224.<\/p>\n<\/div>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"https:\/\/www.sozialismus.de\/vorherige_hefte_archiv\/sozialismus\/2011\/heft_nr_2_februar_2011\/\">Sozialismus 2\/2011<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zur neuen \u00bbMitte\u00ab-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung Als eine \u00bbausgesprochene linke Kampfschrift gegen liberale und konservative Auffassungen und die hiesige Gesellschaftsordnung\u00ab bezeichnete der Politikwissenschaftler und Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat, Klaus Schroeder, die Studie \u00bbDie Mitte in der Krise. 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