{"id":23,"date":"2012-08-16T16:12:54","date_gmt":"2012-08-16T14:12:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=23"},"modified":"2013-05-22T15:07:04","modified_gmt":"2013-05-22T13:07:04","slug":"die-produktion-des-hungers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=23","title":{"rendered":"Die Produktion des Hungers"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>D\u00fcrren in den USA und Russland lassen die Agrarrohstoffpreise steigen. Es droht eine weitere Versch\u00e4rfung der Hungerkatastrophe.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">W\u00e4hrend in Deutschland derzeit viel \u00fcber den schlechten Sommer gemosert wird, zeigt sich die Sonne \u00fcber Nordamerika seit Wochen von ihrer gnadenlosen Seite. In Presseberichten finden sich immer mehr Schreckensnachrichten \u00fcber die D\u00fcrre in den USA. Heraufbeschworen werden die Dirty Thirties \u2013 jener Zeit, als die Jahrhundertd\u00fcrre mit der Weltwirtschaftskrise zusammenfiel und die in John Steinbecks \u00bbFr\u00fcchte des Zorns\u00ab literarisch verarbeitet wurde. Hinzu kommen j\u00fcngst noch Meldungen aus Russland, das ebenfalls unter einer D\u00fcrre leidet.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Zu bef\u00fcrchten ist, dass die extremen Hitzeperioden erhebliche Ernteausf\u00e4lle zur Folge haben und die Lebensmittelpreise erneut ansteigen, was zu Hungeraufst\u00e4nden wie in den Jahren 2008 und 2011 f\u00fchren k\u00f6nnte. Vor f\u00fcnf Jahren kam es in mehr als 25 L\u00e4ndern Afrikas, Asiens, Amerikas und der Karibik zu sogenannten food riots. Besonders betroffen waren Burkina Faso, Kamerun, Senegal, Haiti, Mauretanien, \u00c4gypten und Marokko. Und auch die Aufst\u00e4nde in arabischen L\u00e4ndern vor mehr als einem Jahr hatte ihre Ursache nicht zuletzt in einer erneuten Preissteigerung bei Lebensmitteln. Die Bilder von \u00e4gyptischen Demonstrantinnen und Demonstranten mit Brot in den H\u00e4nden veranschaulichten das.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die gegenw\u00e4rtigen Sorgen resultieren aus der Tatsache, dass die Vereinigten Staaten und Russland zu den wichtigsten Exporteuren vor allem von Weizen geh\u00f6ren. Tats\u00e4chlich sind die Preise in den vergangenen Wochen bereits gestiegen, Weizen verteuerte sich im Juli um 22 Prozent. Auf die Lebensmittelpreise f\u00fcr die Endverbraucher wirken sich Ver\u00e4nderungen der Agrarrohstoffpreise in der Regel nach drei Monaten aus. Ebenfalls etwa ein Vierteljahr sp\u00e4ter f\u00fchren steigende Weizen- und Sojapreise oft auch zu steigenden Reispreisen, da jene Lebensmittel teils durch Reis substituiert werden und sich entsprechend die Nachfrage erh\u00f6ht. F\u00fcr die Armen der S\u00fcdhalbkugel, die bis zu 80 Prozent ihres Einkommens f\u00fcr das t\u00e4gliche Brot ausgeben, steht also in der Tat zu bef\u00fcrchten, dass viele weitere Millionen an Hunger und Unterern\u00e4hrung leiden werden. Die letzten starken Anstiege der Lebensmittelpreise 2007\u20132008 und 2010\u20132011 lie\u00dfen Sch\u00e4tzungen zufolge 100 bzw. 40 Millionen Menschen mehr hungern; die Gesamtzahl der Hungernden betr\u00e4gt derzeit rund eine Milliarde. Im Grunde handelt es sich um eine seit Jahrzehnten andauernde Hungerkatastrophe, die in den vergangenen Jahren immer schlimmer wurde. Wohl gemerkt bei einer Lebensmittelproduktion, die jedem Menschen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation rechnerisch 2\u2009700 Kalorien Tag zur Verf\u00fcgung stellen k\u00f6nnte \u2013 und somit mehr als die etwa 2\u2009200 ben\u00f6tigten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun lie\u00dfe sich einwenden, dass es D\u00fcrren schon immer gegeben hat. Und so wenig wie der Mensch veranlassen kann, dass der Regen von unten nach oben f\u00e4llt, kann er D\u00fcrren oder andere sogenannte Naturkatastrophen beeinflussen (ob die D\u00fcrre auf den menschengemachten Klimawandel zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, lassen wir hier unber\u00fccksichtigt). Die entscheidenden Fragen sind jedoch: Welche Schutzmechanismen hat eine Gesellschaft, um sich auf \u00bbNaturkatastrophen\u00ab vorzubereiten? Und was sind die Ursachen f\u00fcr die steigenden Preise und vor allem f\u00fcr das neue Ph\u00e4nomen der heftigen Preisschwankungen, Volatilit\u00e4t genannt?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die indischen \u00d6konomin Jayati Ghosh und ihr Kollege C.\u2009P. Chandrasekhar schreiben in dem Blog Triple Crisis, dass sich das Verh\u00e4ltnis von Angebot und Nachfrage in den vergangenen Jahren nicht wesentlich ge\u00e4ndert habe. Die Ursachen m\u00fcssen andere sein. Sie vermuten, dass der Einfluss von Ger\u00fcchten und damit zusammenh\u00e4ngend die Rolle der Medien hoch zu veranschlagen sei. So habe es seit Juni 2010, als die Preise auf dem Weltmarkt drastisch anstiegen, zahlreiche Medienberichte \u00fcber Missernten in der Ukraine und Russland, beides wichtige Weizenexporteure, gegeben; zudem wurde ausgiebig der russische Exportstopp f\u00fcr Weizen kritisiert. All das habe mit Sicherheit die Preiserwartungen auf den Future-M\u00e4rkten, wo mit abgeleiteten Finanzprodukten auf Rohstoffe (Derivaten) gehandelt wird, hochgetrieben. Interessanterweise hat die Ern\u00e4hrungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nachtr\u00e4glich festgestellt, dass die globale Weizenproduktion im besagten Zeitraum zugenommen hat, insbesondere dank einer guten Ernte in Asien.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Ein Gewinner dieser Entwicklung war der weltweit gr\u00f6\u00dfte Rohstoffh\u00e4ndler, die Unternehmensgruppe Glencore. Sie konnte im Jahr 2010 haupts\u00e4chlich aufgrund des Handels mit Weizen ihren Profit verdoppeln. Ghosh und Chandrasekhar vermuten, dass gegenw\u00e4rtig etwas \u00c4hnliches vor sich geht. Die Medien prognostizieren wegen der D\u00fcrre in den USA eine schlechte Ernte, die Preise steigen an, obwohl die FAO noch von einer weltweiten Rekordweizenernte f\u00fcr dieses Jahr ausgeht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">An dieser Argumentation ist etwas dran, sie ist jedoch unzureichend. Der Vergleich mit der Situation in den USA erscheint \u00fcberzogen. Offenkundig sind Ernteausf\u00e4lle wegen der extremen Trockenheit zu erwarten. Das US-amerikanische Landwirtschaftsministerium geht in seiner j\u00fcngsten Prognose bereits von verminderten Ernteertr\u00e4gen im Vergleich zum Vorjahr aus. Vor allem aber m\u00fcsste die Erkl\u00e4rung um die Bedeutung der Spekulation in einer deregulierten, von einer \u00dcberakkumulation an Kapital charakterisierten kapitalistischen \u00d6konomie erg\u00e4nzt werden. Der Journalist Harald Schumann, der im Auftrag der NGO Foodwatch die Studie \u00bbDie Hungermacher\u00ab verfasst hat, stellt fest: \u00bbDie Erkl\u00e4rung f\u00fcr all diese scheinbar widersinnigen Preisbewegungen ist nicht allein die vermehrte Spekulation an sich. Entscheidend ist vielmehr, dass die Finanzialisierung des Rohstoffhandels die M\u00e4rkte f\u00fcr Rohstoffe aller Art zu einem Teil des gesamten globalen Kapitalmarktes gemacht hat.\u00ab<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und damit stellt sich die entscheidende Frage \u2013 nach den Schutzmechanismen, die eine Gesellschaft f\u00fcr den Fall von \u00bbNaturkatastrophen\u00ab entwickelt hat, oder allgemeiner nach der Art, wie sie mit den lebensnotwendigen Nahrungsmitteln umgeht. Hier ist der Fall eindeutig: Eine Gesellschaft, die Mais, Weizen und Soja zum Spielball des nach neuen Verwertungsm\u00f6glichkeiten suchenden Kapitals macht sowie aus Nahrungsmitteln angeblich \u00f6kologische Treibstoffe f\u00fcr den Individualverkehr herstellt, sollte sich \u00fcber Hungerkatastrophen und soziale Unruhen nicht wundern. In dieser Konstellation fungieren die Nachrichten \u00fcber die gegenw\u00e4rtige D\u00fcrre in den USA als Ansto\u00df f\u00fcr die spekulativen Kapitalanleger, st\u00e4rker in die Rohstoffm\u00e4rkte zu investieren. Immer weitere Anleger folgen, was zu einer Blasenbildung f\u00fchrt; die Preise f\u00fcr Agrarrohstoffe schie\u00dfen in die H\u00f6he \u2013 bis die Blase wieder platzt und die Preise abst\u00fcrzen. Das zumindest ist das Ergebnis einer Studie des New England Complex Systems Institute, welche die beiden Faktoren Spekulation und Bioethanol-Produktion f\u00fcr die starke Volatilit\u00e4t und den l\u00e4ngerfristigen Anstieg der Rohstoffpreise der vergangenen acht Jahre verantwortlich macht. In einem Modell zeigen die Autoren, dass ohne das spekulative Kapital der Preisanstieg f\u00fcr die Agrarrohstoffpreise recht moderat w\u00e4re.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie aber konnte das anlagesuchende Kapital einen solchen Einfluss gewinnen? In den neunziger Jahren begann die Investmentbank Goldman Sachs eine erfolgreiche Lobbyarbeit, mit der nicht nur die Aufhebung der Regulierungen aus den drei\u00dfiger Jahren, sondern auch die Zulassung weitaus komplizierterer Future-Kontrakte erreichte. Die Anzahl von Rohstoff-Derivaten nahm rapide zu. Im Jahr 1991 wurden auch die Rohstoff-Indexfonds erschaffen. Diese bestehen aus einem Portfolio aus oft 20 verschiedenen Anlagen in Rohstoffen wie Gold, \u00d6l, Kupfer, Weizen etc. Eine Besonderheit dieser Indexfonds ist, dass sie im Gegensatz zu den Future-Kontrakten nicht an den gro\u00dfen Rohstoffb\u00f6rsen, zum Beispiel in Chicago, gehandelt werden und deshalb keiner Kontrolle unterliegen. Man nennt diesen au\u00dferb\u00f6rslichen Handel \u00bbover the counter\u00ab (OTC). Durch diese Anlagem\u00f6glichkeit verschafften sich zudem institu\u00adtionelle Investoren wie Pensionsfonds, Hedgefonds etc. Zugang zu den Rohstoffm\u00e4rkten. Wie viel Kapital auf diesem Wege auf die Rohstoffm\u00e4rkte floss, kann nur gemutma\u00dft werden, eben weil ein Gro\u00dfteil der Derivate, Annahmen zufolge 85 bis 90 Prozent, au\u00dferb\u00f6rslich gehandelt wird. Als wahrscheinlich gilt, dass sich die Anzahl der Rohstoff-Derivate in den Jahren zwischen 2002 und 2008 mehr als verf\u00fcnffacht hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Freilich gibt es in der Flut von Untersuchungen \u00fcber die Ursachen der Preisanstiege und Volatilit\u00e4t zahlreiche, die die Rolle von spekulativem Kapital und Rohstoff-Futures als nicht ausschlaggebend betrachten. Als wichtiger werden Faktoren wie die steigende Nachfrage aus China und Indien, Kapriolen des Wetters, niedrige Lagerbest\u00e4nde, eine wachsende Weltbev\u00f6lkerung, Wassermangel, Exportstopps und Desertifikation angesehen. Zumeist handelt es sich indes um Studien, die den Einfluss des OTC-Handels nicht ber\u00fccksichtigen. Andererseits spielen einige dieser Faktoren langfristig tats\u00e4chlich eine Rolle. Kurzfristig sorgt die Spekulation f\u00fcr heftige Preisschwankungen, sie \u00fcberzeichnet und verst\u00e4rkt die Trends der sogenannten langfristigen Fundamentaldaten wie Angebot und Nachfrage.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hinzu gesellt sich ein weiterer Faktor, der f\u00fcr die Versch\u00e4rfung der Hungerkrisen der vergangenen Jahre bedeutsam ist: die neoliberale Umstrukturierung der agrarischen Produktionsstrukturen in den vergangenen Jahrzehnten durch die ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten Strukturanpassungsprogramme des Internationalen W\u00e4hrungsfonds. Diese sorgten daf\u00fcr, dass die landwirtschaftliche Produktion der Kleinbauern der S\u00fcdhalbkugel einseitig auf den Export ausgerichtet wurde. Lagerbest\u00e4nde und Schutzz\u00f6lle etwa wurden im Zuge dessen abgebaut, so dass subventionierte Agrarg\u00fcter aus den USA und Europa die dortigen Produzenten niederkonkurrierten.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Die Autoren des New England Complex Systems Institute geben somit einen d\u00fcsteren Ausblick: Die dritte Hungerkrise nach 2007\/08 und 2010\/11 wird f\u00fcr Ende des Jahres prognostiziert \u2013 hoffentlich ein Irrtum.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus:\u00a0<a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2012\/33\/46059.html\">Jungle World<\/a> Nr. 33,16.8.2012)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00fcrren in den USA und Russland lassen die Agrarrohstoffpreise steigen. Es droht eine weitere Versch\u00e4rfung der Hungerkatastrophe. 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