{"id":236,"date":"2011-02-01T17:53:36","date_gmt":"2011-02-01T15:53:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=236"},"modified":"2011-02-01T17:53:36","modified_gmt":"2011-02-01T15:53:36","slug":"rohe-burgerlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=236","title":{"rendered":"Rohe B\u00fcrgerlichkeit"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 9, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Suhrkamp, Berlin 2010, 348 S., 15,00 Euro<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Ver\u00f6ffentlichung der j\u00fcngsten Studie der Friedrich Ebert-Stiftung \u00bbDie Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2010\u00ab folgten zwei weitere Untersuchungen mit \u00e4hnlichen Fragestellungen: Zum einen stellten M\u00fcnsteraner Religionssoziologen ihre Resultate einer repr\u00e4sentativen Untersuchung in f\u00fcnf europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zu religi\u00f6ser Vielfalt vor. Zum anderen wurde der neue Band des Langzeitprojekts zum so genannten Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit (GMF) \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab publiziert. Ein gemeinsames zentrales Ergebnis aller drei Studien ist, dass die Islamfeindlichkeit in Deutschland signifikant zugenommen hat.<!--more--> Beachtenswert ist dies, weil die Folgen der Sarrazin-Debatte in diesen Ergebnissen noch nicht enthalten sind. Insofern liefern die drei Befragungsergebnisse weitere Belege f\u00fcr die Ausbreitung von \u00bbIdeologien der Ungleichwertigkeit\u00ab in der Mitte der deutschen Gesellschaft.<br \/>\nDie neue Heitmeyer-Untersuchung \u00fcberrascht hierbei mit dem Ergebnis, dass insbesondere in den h\u00f6heren Einkommensschichten (ab 2.598 Euro netto) die Bereitschaft schwindet, schwache Gruppen zu unterst\u00fctzen (20f.). Ebenso habe sich in dieser Gruppe das Empfinden durchgesetzt, ungerecht behandelt zu werden. Und das obwohl, wie der Elitensoziologe Michael Hartmann in seinem Beitrag \u00bbKlassenkampf von oben. Die gezielt soziale Desintegration\u00ab darlegt, die Umverteilung von unten nach oben zugenommen hat. Die in den Umfragen von 2010 konstatierte Zunahme von Islamophobie, Einforderung von Etabliertenvorrechten und tendenziell auch von fremdenfeindlichen Einstellungen geht insofern auf die Zunahme in den h\u00f6heren Einkommensschichten zur\u00fcck (23f.). Zwar sei es weiterhin so, dass die meisten gruppenbezogenen Abwertungen von Menschen nach wie vor in den unteren Schichten existierten, doch tendenziell vollziehe sich eine Angleichung. Der oftmals angenommene immunisierende Faktor Bildung scheint mithin derzeit in den oberen und besser gebildeten Schichten nicht mehr zu wirken. Das veranlasst die AutorInnen, von einer \u00bbrohen B\u00fcrgerlichkeit\u00ab zu sprechen, die ihren gepflegten Konservatismus unter dem Druck der Verh\u00e4ltnisse abzustreifen scheine. \u00bbZivilisierte, tolerante, differenzierte Einstellungen in h\u00f6heren Einkommensgruppen scheinen sich in unzivilisierte, intolerante \u2013 verrohte \u2013 Einstellungen zu wandeln.\u00ab Es gehe, so hei\u00dft es in der Presseinformation, um die Sicherung bzw. Steigerung eigener sozialer Privilegien durch Abwertung und Desintegration volkswirtschaftlich etikettierter Nutzloser sowie um die kulturelle Abwehr durch Abwertung (etwa hinsichtlich der Islamfeindlichkeit).<br \/>\nInsgesamt ergab die Befragung von 2.000 Personen, dass bei 20% von ihnen rechtspopulistische Einstellungen festzustellen seien. Unter rechtspopulistische Einstellungen werden dabei Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und autorit\u00e4re Aggression gefasst.<br \/>\nDer interessanten Frage, inwiefern die Krise sich auf die Verbreitung von z.B. rechtspopulistischen Einstellungen auswirkt, gehen die vornehmlich an der Uni Bielefeld t\u00e4tigen Forscher schon seit der vorletzten Folge von \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab nach. Vor einem Jahr hatten sie als zentrales Fazit festgestellt, dass die Krise noch kaum negative Entwicklungen offenbart habe. So sei z.B. die Abwertung von Langzeitarbeitslosen \u2013 allerdings ausgehend von einem hohen Niveau \u2013 leicht r\u00fcckl\u00e4ufig. Wie sieht es nun ein Jahr sp\u00e4ter bei weiter offiziell r\u00fcckl\u00e4ufigen Arbeitslosenzahlen aus? Vor dem Hintergrund eines Krisenkonzeptes, welches vier Stadien (Finanz-, Wirtschafts-, Fiskal- und Gesellschaftskrise) und die drei Komponenten gesellschaftliche Entwicklungen, subjektive Verarbeitung und Auswirkungen auf schwache Gruppen differenziert, wird ein disparates Ergebnis in den drei Bereichen konstatiert. Konkreter: Die auf acht europ\u00e4ische L\u00e4nder angewandte Forschungsfrage, ob Armut menschenfeindlich mache, ergibt den Befund, dass eine ung\u00fcnstige wirtschaftliche Gesamtsituation allein nicht ausreiche, um einen Anstieg der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit zu erkl\u00e4ren (102). Damit werden einmal mehr Ergebnisse best\u00e4tigt, die einen einfachen Zusammenhang von \u00f6konomischen Entwicklungen und subjektiven Einstellungen infrage stellen.<br \/>\nEin Schwerpunkt der neuesten Befragung liegt auf dem europ\u00e4ischem Vergleich. Untersucht wurde die Verbreitung von Ideologien der Ungleichwertigkeit in Gro\u00dfbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Portugal, Polen und Ungarn. Die Ergebnisse sind teils sehr unterschiedlich, teils recht \u00e4hnlich. Auf \u00e4hnlich hohem Niveau liegen die Islamfeindlichkeit, die feindlichen Einstellungen gegen\u00fcber Einwanderern sowie die Abwertung von Obdachlosen. Deutliche Unterschiede gibt es bei Antisemitismus (hier weist Deutschland \u00fcberdurchschnittliche Werte auf, allerdings liegen Polen, Ungarn und Portugal noch vor Deutschland), Sexismus und Homophobie. Mit Ausnahme der Vorurteile gegen\u00fcber behinderten Menschen werden in osteurop\u00e4ischen L\u00e4ndern und teilweise auch in Portugal und Italien st\u00e4rker verbreitete Syndrome der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit festgestellt. Deutschland liegt bis auf die Ausnahme Antisemitismus im Mittelfeld (56f.) Bei diesem artikuliere sich die Abwertung zunehmend \u00fcber den Umweg der Israelkritik.<br \/>\nDie \u00bbDeutschen Zust\u00e4nde\u00ab zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie in der \u00d6konomisierung der Gesellschaft einen N\u00e4hrboden f\u00fcr Ressentiments sehen. Im neuen Band werden f\u00fcr diese These neue Belege insbesondere f\u00fcr die elit\u00e4r motivierte Menschenfeindlichkeit dargelegt. \u00dcberdies ist hervorzuheben, dass die Darstellung der empirischen Umfrageergebnisse durch Fallgeschichten und journalistische Beispiele veranschaulicht werden. Ein besonderes Augenmerk legen die Autoren H. Prantl, A. von Lucke, M. Hartmann, M. Schobert sowie A. K\u00f6cher auf die Rolle der Eliten. Insgesamt bietet die Folge 9 der Langzeituntersuchung von Heitmeyer diesmal nicht nur einen guten \u2013 aber wenig erfreulichen \u2013 Einblick in die deutschen, sondern dar\u00fcber hinaus in die europ\u00e4ischen \u00bbZust\u00e4nde\u00ab. Sie zeigt, dass (extrem) rechte Einstellungen sich unabh\u00e4ngig von wirtschaftlichen Konjunkturen in der Mitte festgesetzt haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2011\/heft_nr_2_februar_2011\/\">Sozialismus 2\/2011<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Zust\u00e4nde, Folge 9, hrsg. von Wilhelm Heitmeyer, Suhrkamp, Berlin 2010, 348 S., 15,00 Euro Der Ver\u00f6ffentlichung der j\u00fcngsten Studie der Friedrich Ebert-Stiftung \u00bbDie Mitte in der Krise. 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