{"id":268,"date":"2012-03-01T16:35:50","date_gmt":"2012-03-01T14:35:50","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=268"},"modified":"2012-03-01T16:35:50","modified_gmt":"2012-03-01T14:35:50","slug":"lenin-stalin-und-der-terror","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=268","title":{"rendered":"Lenin, Stalin und der Terror"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Richard Buchner, Terror und Ideologie. Zur Eskalation der Gewalt im Leninismus und Stalinismus (1905 bis 1937\/1941), Leipziger Universit\u00e4tsverlag, Leipzig 2011, 546 S., 44 Euro<br \/>\n<\/em><br \/>\nDieses Buch liegt quer \u2013 in mehrerer Hinsicht. Den traditionellen Kommunisten wird es zu viel Schatten auf die Sowjetunion werfen. Antikommunisten wird die Anerkennung der humanen Ziele des Marxismus und die Berechtigung von Kapitalismuskritik aufsto\u00dfen. Marxisten wird der Bezug auf die Totalitarismustheorie st\u00f6ren. Akademische Historiker d\u00fcrften sich an den ungen\u00fcgenden Belegen und den moralischen Impetus reiben, w\u00e4hrend der historisch-politisch Interessierte mit durchschnittlichen Sprachkenntnissen die Ber\u00fccksichtigung neuester russischer Studien zu sch\u00e4tzen wei\u00df.<!--more--> Kulturpessimisten schlie\u00dflich werden an dem offensichtlich nicht vorhandenen Lektorat Indizien f\u00fcr den Niedergang des deutschen Verlagswesens entdecken.<br \/>\nDer Autor, promovierter Zeithistoriker, Ex-Lehrbeauftragter am Berliner Otto-Suhr-Institut, jahrzehntelanger Studienrat und heute ehrenamtlich in der Gedenkst\u00e4tten- und Zeitzeugenarbeit aktiv, beginnt sein Buch mit der Biografie Stalins. Es folgen als Kernst\u00fccke die Kapitel &#8222;Zur Eskalation der Gewalt im Leninismus&#8220; und &#8222;Die Eskalation des Terrors im Stalinismus&#8220;. Ein weiterer Abschnitt widmet sich der &#8222;Entfesselung des Zweiten Weltkrieges und seinen Folgen&#8220;. Schlie\u00dflich res\u00fcmiert Buchner seine Erkenntnisse im namentlich an Hannah Arendt angelehnten, de facto aber Carl Joachim Friedrichs und Zbigniew Brzezinskis Thesen fortschreibenden Abschnitt &#8222;Zw\u00f6lf Elemente totaler Herrschaft \u2013 aus der Sicht einer Analyse des Stalinismus&#8220;.<br \/>\nAls Schwerpunkt seiner Argumentation k\u00f6nnte man zweierlei herausstreichen: Zum einen geht es ihm um eine Entmystifizierung der Person und Rolle Lenins. Zum anderen ist ihm daran gelegen, das wahre Ausma\u00df des stalinistischen Terrors ins Bewusstsein zu rufen, um auf diese Weise den Opfern ein w\u00fcrdiges Gedenken zu bereiten, welches nicht die Singularit\u00e4t des Holocaust in Zweifel zieht, wie der Autor nicht m\u00fcde wird zu wiederholen. So gelte es aus deutscher Sicht als erstes der NS-Opfer und an zweiter Stelle der Stalinismus-Opfer zu gedenken (482).<br \/>\nDie Bild Lenins wird mit dem ehemaligen sowjetischen Generaloberst und sp\u00e4teren \u2013 durchaus umstrittenen \u2013 Historiker Dimitrij Wolkogonow gezeichnet. Demzufolge sei Lenin nicht der geniale Revolution\u00e4r gewesen, sondern Putschist, der seine bzw. die Ziele der Bolschewiki mit verbrecherischer H\u00e4rte durchsetzte. Buchner beschreibt Lenin als Schreibtischm\u00f6rder (261), der eigenh\u00e4ndig Mordlisten unterschrieben hat und im September 1918 die Einrichtung von Konzentrationslagern anordnete, sowie den Leninismus als Pr\u00e4-Stalinismus (257). Diese Revision des Lenin-Bildes, die eine &#8222;positive W\u00fcrdigung \u2026 nicht mehr \u2013 selbst wenn man dem jungen Lenins Bewunderung nicht versagt&#8220; (258) m\u00f6glich macht, gehe vor allem auf eine Vielzahl von neuen Archivfunden seit 1990 zur\u00fcck: &#8222;Wie negativ, in Wahrheit desastr\u00f6s diese Bilanz des Leninismus durch den heutigen internationalen Forschungsstand ausf\u00e4llt, wenn man sich dem neuen Beweismaterial aus den Geheimarchiven nicht verweigert, war auch f\u00fcr mich selbst (trotz einiger Insider-Kenntnis \u00fcber das Alltagsleben in der UdSSR), nach jahrelanger wissenschaftlicher Recherche teilweise erstaunlich,&#8220; schreibt Buchner.<br \/>\nEr st\u00f6\u00dft damit in ein \u00e4hnliches Horn wie die 2010 aus dem Nachlass herausgegebene Leninbiografie des bekannten DDR-Historikers und langj\u00e4hrigen Gulag-H\u00e4ftlings Wolfgang Ruge.<br \/>\nDas wahre Ausma\u00df der stalinistischen Verbrechen ist jenseits abstrakter Zahlen immer noch nicht wirklich pr\u00e4sent, was auch daran liegt, dass die geschichtliche Forschung mit der \u00d6ffnung der Archive im Zuge der Implosion des sowjetischen Reiches im Fluss ist und viele Ergebnisse nur zeitverz\u00f6gert ins Deutsche \u00fcbertragen werden. So gelten, auch diesen Aspekt greift Buchner auf, die Jahre 1937\/38 zwar als Jahre des Gro\u00dfen Terrors. Doch \u00fcberwiegend werden damit gemeinhin lediglich die Schauprozesse gegen die alte bolschewistische Garde verkn\u00fcpft. Der Gro\u00dfe Terror war jedoch vielmehr ein Gro\u00dfer Terror, weil er sich z.B. in Gestalt des Befehls 00447, auch Kulakenoperation genannt, gegen einfache sowjetische B\u00fcrger richtete. Allein aufgrund dieses Befehls wurden 350.000 bis 445.000 Menschen erschossen. Zusammengenommen mit den sogenannten Nationalit\u00e4tenoperationen (vor allem gegen Polen) wurden in diesen beiden Jahren bis zu 700.000 Menschen ermordet.[1] Alle Zahlenangaben, betont Buchner, sind dabei mit Vorsicht zu genie\u00dfen, denn eindeutige Angaben lassen sich im Nachhinein nicht mehr machen.<br \/>\n\u00dcber die verheerende Kollektivierung der Landwirtschaft ab 1932 wei\u00df Buchner mit Bezug auf Churchill zu berichten, dass dieses Jahr die schwerste Zeit Stalins Lebens gewesen sein soll \u2013 schwieriger selbst noch als das Jahr 1941. Dieser soll im Gespr\u00e4ch mit Churchill sogar eine ungef\u00e4hre Zahl der Opfer infolge der gewaltsamen Kollektivierung genannt haben: Zehn Millionen (287) sollen demzufolge den Tod gefunden haben. Bis 1991 habe sich die sowjetische Landwirtschaft nicht von diesem Schrecken erholen k\u00f6nnen (281).<br \/>\n1941 \u2013 das Jahr des \u00dcberfalls der Wehrmacht Hitlers auf die UdSSR: Buchner besch\u00f6nigt keineswegs den Charakter des deutschen Vernichtungskriegs und die unz\u00e4hligen Opfer, die die Sowjetunion durch diesen zu beklagen hatte. Er argumentiert indes, dass die Politik Stalins das zun\u00e4chst schnelle Vordringen der deutschen Truppen erm\u00f6glicht habe. Denn 1937\/38 &#8222;s\u00e4uberte&#8220; Stalin auch innerhalb der Roten Armee. Sein Motiv dabei war, nach den Machtfaktoren Partei und Geheimpolizei nunmehr auch die Armee unter seine Kontrolle zu bringen. Stalin habe mit diesen Massenmorden de facto sogar die Existenz der Sowjetunion aufs Spiel gesetzt (382). Der Verfasser f\u00fchrt neben dem Motiv Machtsicherung- und -ausbau noch ein zweites an: Stalins &#8222;m\u00f6rderischer Antisemitismus&#8220;, ja gar &#8222;eliminatorischer Antisemitismus&#8220;. (ebd.) Insbesondere die Charakterisierung des Stalinschen Antisemitismus als eliminatorisch muss aber widersprochen werden. Wenngleich Stalin insbesondere in seinen sp\u00e4ten Jahren antisemitisch Einstellungen offenbarte, so ist diese Beschreibung, die durch Goldhagens Buch &#8222;Hitlers willige Vollstrecker&#8220; gepr\u00e4gt ist, irref\u00fchrend und hat den Ruch des Relativierenden. Nicht nur an dieser Stelle stellt sich die Frage, ob der wiederholende Verweis auf die Singularit\u00e4t der Naziverbrechen, nur ein Lippenbekenntnis ist.<br \/>\nH\u00f6chst zweifelhaft ist des Weiteren, ob man die bekannte Warnung vor Hitlers Kriegsabsichten (Wer Hitler w\u00e4hlt, w\u00e4hlt den Krieg) auf Stalin \u00fcbertragen kann (377). Zwar ist es richtig, auf die gemeinsame Zerschlagung und Besetzung Polens etc. durch die Sowjetunion und Deutschland hinzuweisen. Doch ber\u00fccksichtigt der Autor zu wenig, dass die politische F\u00fchrung der Sowjetunion sich seit ihrer Gr\u00fcndung quasi als belagerter Festung wahrnahm \u2013 bedroht durch imperialistische Interventionen, wei\u00dfen konterrevolution\u00e4ren Terror und sp\u00e4ter durch das faschistische Deutschland. Dieser Hinweis soll nicht die Politik Stalins rechtfertigen, sondern nur den Hintergrund andeuten, vor dem sich das Handeln Stalins vollzog.<br \/>\nMan k\u00f6nnte an Buchners Argumentation im Detail noch vielerlei kritisieren. Das Res\u00fcmee an dieser Stelle ist, dass das etwas sperrige, unstrukturierte und eigenwillig gelayoutete Werk durch die Pr\u00e4sentation vieler neuer, gerade auch russischsprachiger Publikationen, einen guten \u00dcberblick \u00fcber die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte gibt, zur Korrektur herk\u00f6mmlicher Sichtweisen beitr\u00e4gt, aber auch zu Widerspruch herausfordert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[1]\u00a0\u00a0 Vgl. dazu auch Rolf Binner, Bernd Bonwetsch, Marc Junge, Massenmord und Lagerhaft: Die andere Geschichte des Gro\u00dfen Terrors, Berlin 2009, sowie dies. (Hrsg.), Stalinismus in der sowjetischen Provinz 1937-1938. Die Massenaktion aufgrund des operativen Befehls No 00447, Berlin 2010.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/topic\/29.ausgabe-89-maerz-2012.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a> Nr. 89, M\u00e4rz 2012)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Richard Buchner, Terror und Ideologie. Zur Eskalation der Gewalt im Leninismus und Stalinismus (1905 bis 1937\/1941), Leipziger Universit\u00e4tsverlag, Leipzig 2011, 546 S., 44 Euro Dieses Buch liegt quer \u2013 in mehrerer Hinsicht. Den traditionellen Kommunisten wird es zu viel Schatten &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=268\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"zu Richard Buchner, Terror und Ideologie. 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