{"id":271,"date":"2008-06-01T16:41:02","date_gmt":"2008-06-01T14:41:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=271"},"modified":"2018-05-17T13:36:34","modified_gmt":"2018-05-17T11:36:34","slug":"ketzerischer-konformismus2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=271","title":{"rendered":"Ketzerischer Konformismus"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Bereits vor 13 Jahren schrieb Oskar Negt \u201eim Zorn und gegen das Vergessen\u201c \u00fcber die sich selbst als 1968er bezeichnenden Intellektuellen. Sein Zorn richtete sich gegen sie, weil sie nunmehr meinten, alles abwerten zu k\u00f6nnen, wof\u00fcr sie sich einst h\u00e4tten schlagen lassen. F\u00fcr Negt lie\u00df das nur einen Schluss zu: \u201eDer Opportunismus ist die eigentliche Geisteskrankheit der Intellektuellen.\u201c[1] Und weiter: \u201eWo diese ihren Eigensinn, die bohrende und widerst\u00e4ndige Kraft ihrer Entwurfsphantasien einb\u00fc\u00dfen, werden sie zu abrufbaren Legitimationsproduzenten mit beschleunigten H\u00e4utungen, und am Ende bleibt nur die Haut \u00fcbrig, die man selbst zu Markte tragen mu\u00df.\u201c<!--more--><br \/>\nWelche Worte w\u00fcrde Oskar Negt wohl finden, um die neueste publizistische Intervention desjenigen zu beschreiben, der das Haut-zu-Markte-Tragen seit einigen Jahren beherrscht wie kein zweiter? N\u00e4mlich G\u00f6tz Aly, der einstige 68er- und Rote Hilfe-Aktivist, das Berufsverbotsopfer und der heute bekannte Historiker. Im Februar erschien sein Buch \u201eUnser Kampf. 1968 \u2013 ein irritierter Blick zur\u00fcck\u201c, in dem er die Parallelisierung von 68er- und Nazi-Bewegung konstruiert. Vorab durfte Aly seine Thesen ausgerechnet in der einstmals linksliberalen Frankfurter Rundschau (v. 30. Januar 2008) vorstellen. Dar\u00fcber hinaus brachte das Online-Magazin \u201ePerlentaucher\u201c einen vierteiligen Vorabdruck aus Alys \u2013 nennen wir es ruhig \u2013 Machwerk. Vierzig Jahre nach den weltweiten Ereignissen von 1968 ist es somit Aly gelungen, die deutsche Diskussion \u00fcber 1968 ma\u00dfgeblich zu pr\u00e4gen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Deutungshoheit \u00fcber \u201e68\u201c<\/strong><br \/>\nNun k\u00f6nnte man Alys Thesen als das bezeichnen, was sie in der Tat auch sind: n\u00e4mlich eine polemische Abrechnung eines Ex-68ers mit seiner Vergangenheit \u2013 und damit hat sich die Sache. Doch l\u00e4sst dies zweierlei unber\u00fccksichtigt: Erstens das Faktum, dass hinter Alys \u00dcberspitzung nur zum Vorschein kommt, was als hegemoniales Deutungsmuster bis weit in den linksliberalen feuilletonistischen wie wissenschaftlichen Mainstream hineinreicht: die Interpretation der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Vokabular der Totalitarismustheorie. Und zweitens die Bedeutung der politisch-kulturellen Hegemonie f\u00fcr die gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Dabei geht es im Wesentlichen auch um die Besetzung von Begriffen, was treffend Heiner Geissler auf den Punkt gebracht hat: \u201eRevolutionen werden heute nicht mehr herbeigef\u00fchrt, indem man Telegraphen\u00e4mter und Bahnh\u00f6fe besetzt, sondern indem man Begriffe besetzt.\u201c[2]<br \/>\nDie Frage ist also: Mit welchem Inhalt wird das \u201eChiffre 1968\u201c oder \u201eder Assoziationsraum 1968 gesellschaftlicher Zuschreibungen und auktorialer Selbstdeutungen\u201c (Norbert Frei) besetzt. Denn \u201eauch nach vier Jahrzehnten ist \u201a68\u2019 noch nicht ausgedeutet, sondern weiter in Bewegung, noch immer eher Gegenwart als Geschichte.\u201c[3]<br \/>\nEinige Interpretationen seien hier nur angedeutet, um den Kontext zu skizzieren, in welche die Debatte um Alys Deutung einzuordnen ist: Ist 1968 zum Beispiel nach J\u00fcrgen Habermas als Fundamentalliberalisierung \u2013 obzwar entgegen den Intentionen der damaligen Akteure \u2013 aufzufassen? War es lediglich ein romantischer Aufstand im jugendlichen \u00dcberschwang, wie etwa Marion Gr\u00e4fin D\u00f6nhoff und Richard L\u00f6wenthal meinten (und nun auch Wolfgang Kraushaar meint)? Oder waren die Ereignisse von 1967\/68 lediglich \u201edas Betriebsger\u00e4usch\u201c eines Prozesses, welches dadurch entstand, dass eine neue Massenschicht \u2013 die Intelligenz sich auf ihren Platz im politischen und gesellschaftlichen System dr\u00e4ngelte, wie Georg F\u00fclberth schreibt? War die APO weniger der Katalysator einer umfassenden Liberalisierung, Demokratisierung oder gar Verwestlichung der bundesdeutschen Gesellschaft als vielmehr ein durch den zuvor einsetzenden sozialen Wandel selbst geschaffenes, ja \u00fcberhaupt erst erm\u00f6glichtes Ph\u00e4nomen. Zugespitzt: War der Studentenprotest, wie die j\u00fcngere sozialgeschichtliche Forschung \u2013 z.B. von Detlef Siegfried zeigt \u2013 lediglich ein Nachhutgefecht?<br \/>\nOder trifft mit Kraushaar zu, dass die Jugendrevolte als eine soziokulturelle Nachgr\u00fcndung der Bundesrepublik zu verstehen ist, gleichzeitig aber auch einen Flirt mit dem Totalitarismus darstellte, der zwangsl\u00e4ufig in den Terror der RAF m\u00fcnden musste? Oder aber muss vor allem mit Immanuel Wallerstein ihr globaler Charakter unterstrichen werden, f\u00fcr den 1968 eine Weltrevolution darstellt, in welcher die Forderung der vergessenen V\u00f6lker der Welt nach ihrem rechtm\u00e4\u00dfigen Platz in der Machtstruktur des Weltsystems zum Ausdruck gekommen sei.[4]<br \/>\nSchlie\u00dflich: Waren die Studentenproteste der Anfang vom Verfall b\u00fcrgerlicher Werte, wie die Konservativen meinen beklagen zu m\u00fcssen. Und wie steht es mit der These, wonach die 68er-Bewegung mit ihrer \u201eK\u00fcnstlerkritik\u201c (Boltanski\/Ciapello) \u2013 wenngleich unfreiwillig \u2013 Sch\u00fctzenhilfe f\u00fcr die Durchsetzung des Neoliberalismus leistete?<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Alys Thesen<\/strong><br \/>\nDiesen Interpretationen f\u00fcgt Aly nun seine \u00fcber die \u00c4hnlichkeiten von Nazi- und 68er-Bewegung hinzu. Bereits in einer Rezension zu Wolfgang Kraushaars Buch \u201eDie Bombe im J\u00fcdischen Gemeindehaus\u201c hatte er in der konservativen Die Welt vom 16.7.2005 geschrieben: \u201eDie deutschen Achtundsechziger waren ihren Eltern auf elende Weise \u00e4hnlich \u2013 vor allem im Antisemitismus.\u201c Ebenfalls in der Rezension ist bereits in deutlichen Worten formuliert, welchen Seitenwechsel Aly vollzogen hat. Er verortet sich ex post auf Seiten des von ihm damals noch bek\u00e4mpften repressiven Staates und legitimiert die konservativen Zeitungskampagnen, die nicht davor zur\u00fcckschreckten, \u00e4hnliche Analogien herzustellen (Dutschke in Hitlerpose etc.) wie heute Aly: \u201eWenn es langfristig \u00fcberhaupt positive Auswirkungen des Achtundsechziger-Protests gegeben haben sollte, dann nur deshalb, weil es den Gegenkr\u00e4ften gelang, diese zutiefst intolerante und antidemokratische Bewegung mit Hilfe der Staatsgewalt und einer entschlossenen Publizistik zu stoppen.\u201c<br \/>\n\u201eUnser Kampf\u201c f\u00fchrt diese Argumentation fort, die im \u00dcbrigen bereits vor zehn Jahren der CSU-Rechtsau\u00dfen Peter Gauweiler vertrat und bereits 1965 der Publizist und Historiker Joachim Fest im Gespr\u00e4ch mit Ulrike Meinhof in \u00e4hnlicher Form formulierte. Anhand der Analysen der damaligen Gegner, das Bundeskanzleramt das Innenministerium und konservative Intellektuelle, wird die 68er-Bewegung \u2013 so eine Kernaussage \u2013 \u201eals sehr deutscher Sp\u00e4tausl\u00e4ufer des Totalitarismus\u201c interpretiert.[5]<br \/>\nErw\u00e4hnter Text in der FR \u2013 ganz im Sinne seiner totalitarismustheoretischen Gleichsetzung von NS- und 68er-Bewegung symbolisch am Tag der Macht\u00fcbertragung an Hitler unter der \u00dcberschrift \u201eDie V\u00e4ter der 68er\u201c publiziert \u2013 fasst die angeblichen Parallelen zusammen, die zwischen den \u201epolitischen Sturm- und Drangjahren\u201c der \u201etatendurstigen Gefolgsleute der NSDAP\u201c und ihren T\u00f6chtern und S\u00f6hnen der 68-Bewegung best\u00fcnden.<br \/>\nAly offenbart sich folgende Analogie: Beide sahen sich selbst als \u201eBewegung\u201c an, die das \u201eSystem\u201c der Republik als historisch \u00fcberholt erachteten und infolgedessen die Macht im Staat ergreifen wollten. Das ist nicht ganz falsch, allerdings ist mit einer negativen Abgrenzung von etwas noch gar nichts \u00fcber das positiv angestrebte Ziel ausgesagt. Es macht schon einen Unterschied, die Republik durch ein rassistisch-antisemitisches, auf Eroberungskrieg und Holocaust dr\u00e4ngendes Regime oder etwa durch eine R\u00e4tedemokratie ersetzen zu wollen. Und worin besteht der Aussagewert, dass es beiden Bewegungen um die Macht gegangen sei? Worin geht es in der Politik sonst? Mit diesem Argument k\u00f6nnte man auch die SPD oder die CDU mit der NS-Bewegung vergleichen.<br \/>\nDes Weiteren macht Aly eine generationenspezifische antib\u00fcrgerliche Haltung aus, die sowohl die Mehrheit der 33er- als auch den 68er-Studierenden zu eigen gewesen sei. So h\u00e4tten beide Studentenbewegungen \u201egegen den Muff von tausend Jahren\u201c protestiert und dabei die Konfrontation mit der Staatsgewalt gesucht. Erneut ist damit noch gar nichts \u00fcber die gesellschaftlichen Ziele oder \u00fcber die Motivation ausgesagt, aus der heraus die politischen K\u00e4mpfe aufgenommen wurden. Die Demokratisierung der Hochschulen oder die Errichtung rassekundlicher Lehrst\u00fchle einzufordern, macht denn doch einen nicht ganz unerheblichen Unterschied.<br \/>\nG\u00f6tz Aly schreibt selbst von \u201e\u00c4hnlichkeiten in den politischen Ausdrucks<em>formen<\/em>\u201c (Hervorhebung, d. Verf.), nicht also von \u00c4hnlichkeiten den politischen Inhalt betreffend. Doch eine inhaltliche Bestimmung der bislang referierten formalen Parallelen f\u00fchrt Aly dann doch ins Feld. Und zwar mit Rekurs auf Kurt Georg Kiesinger, ehemaliges NSDAP-Mitglied und Mitarbeiter im Goebbelschen Propagandaministeriums, sp\u00e4terer Bundeskanzler der Gro\u00dfen Koalition von 1966-69. \u201eAn die Stelle des extrem schuldbehafteten Nationalismus der Eltern setzten sie den Internationalismus.\u201c Ebenso gut k\u00f6nnte man aber, wie im Freitag (8.2.2008) zu lesen war, eine Parallele zwischen einem Mordkommando und einem Krankenwagen ziehen. Beide haben es n\u00e4mlich mit dem Verh\u00e4ltnis von Leben und Tod zu tun, wenn auch in umgekehrter Richtung. Wenn man Alys Argument konsequent zu Ende denkt, l\u00e4uft es darauf hinaus, die angeblich \u201erassische\u201c und wirtschaftliche \u00dcberlegenheit einer Nation inklusive der in ihr potenziell angelegten kriegerischen Aggressionsbereitschaft mit dem gerade als Konsequenz aus eben jenem Nationalismus gezogenen Internationalismus gleichzusetzen, der die \u00dcberwindung von Chauvinismus und internationalen Ausbeutungsstrukturen anstrebt.<br \/>\nImmerhin: Ein Unterschied zwischen 68er- und Nazibewegung ist Aly auch aufgefallen: \u201eDie Revolte der einen f\u00fchrte rasch zur Macht, zu furchterregenden Karrieren und Konsequenzen; die der anderen endete ebenso rasch in der Niederlage, zumindest in der Zersplitterung. \u2026 Verglichen mit der NS-Zeit sind die Folgen der 68er-(Un-)Taten belanglos.\u201c<br \/>\nKonsequenterweise l\u00e4sst sich Aly nicht \u00fcber die g\u00e4nzlich verschiedenen historisch-konkreten Kontexte aus, so dar\u00fcber, dass die NS-Bewegung allein durch ein B\u00fcndnis mit den traditionellen Eliten aus Konservatismus, Beamtentum, Reichswehr und Kapital in die Lage versetzt wurde, die Macht im Staat zu \u00fcbernehmen und zu behaupten, w\u00e4hrend die 68er-Bewegung hingegen von den traditionellen Eliten bek\u00e4mpft wurde. Bis in die Wortwahl ist bei Aly die Macht\u00fcbertragung an Hitler aus seinem historischen Zusammenhang gel\u00f6st. So etwa wenn er schreibt, die \u201eM\u00f6glichkeit zur Macht\u00fcbernahme war der NSDAP im Fr\u00fchjahr 1933 \u2026 zugefallen.\u201c Alys Argumentation folgend ist es dann wohl reiner Zufall, dass der 68er-Bewegung die Macht nicht zugefallen ist.<br \/>\nInsgesamt gesehen handelt es sich bei Alys Thesen um eine typische totalitarismustheoretische Argumentationsweise. Deren Mangel ist es ja gerade, lediglich formale \u00c4hnlichkeiten der Herrschaftsaus\u00fcbung oder einer Bewegung zu beschreiben, nicht jedoch solche, die Aussagen \u00fcber die Ziele, den sozialen Inhalt oder den historischen Gesamtzusammenhang treffen. Eine Komponente der Dichotomie Inhalt\/Form wird v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt, n\u00e4mlich Inhalt, Zweck und Intention, um gleichzeitig die andere Komponente umso st\u00e4rker hervorzuheben: Form, Mittel und Umsetzung von Herrschaftsprinzipien. Das Niveau wissenschaftlicher Analyse und Erkl\u00e4rung wird somit nicht erreicht, da die Aufgabe von Wissenschaft die Erkl\u00e4rung von Kausalbeziehungen und historischen Prozessen sein sollte. Ein Blick in die Geschichte der Totalitarismustheorie zeigt zudem, dass ihre Verbreitung in erster Linie auf ihrer politischen Instrumentalisierung als antikommunistische Waffe im Kalten Krieg beruht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Der Renegat<\/strong><br \/>\nAly indes dient die Totalitarismustheorie als Mittel, um mit seiner eigenen Vergangenheit abzurechnen, daher auch sein (g)eifernder Ton. Einem Journalisten erz\u00e4hlte er, dass er einem totalit\u00e4ren Glauben verfallen gewesen sei. Wenn er sich mit dem totalit\u00e4ren Glauben seiner Eltern besch\u00e4ftige, forsche er auch \u00fcber sich. Er wolle den Totalitarismus verstehen, ob von rechts oder von links (Die Zeit 19.5.2005). Anlass des Gespr\u00e4chs war sein vorheriges \u2013 ebenfalls intensiv diskutiertes \u2013 Buch \u201eHitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus\u201c. In ihm hatte Aly, damals noch subtiler argumentierend und durchaus bislang vernachl\u00e4ssigte Gesichtspunkte ins Licht r\u00fcckend, den deutschen Faschismus quasi als sozialdemokratische \u201eGef\u00e4lligkeitsdiktatur\u201c beschrieben, in dem die Integration der Lohnabh\u00e4ngigen durch sozialpolitische Ma\u00dfnahmen erkauft worden sei. Nicht die herrschende Klasse, insbesondere das Kapital, seien Nutznie\u00dfer und F\u00f6rderer des Hitlerfaschismus gewesen, sondern die abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten. Der Holocaust m\u00fcsse insofern als der gr\u00f6\u00dfte Massenraub in der Geschichte gedeutet werden. Nicht im Buch selbst, sondern in Interviews sprach er explizit aus, welche politische, gleichsam \u201eantifaschistische\u201c Schlussfolgerung aus diesen Erkenntnissen zu ziehen sei: Der Abbau des Sozialstaates m\u00fcsse als Beseitigung der letzten \u00dcberreste der NS-Vergangenheit interpretiert werden. Thomas Kuczynski sprach daher in seiner Rezension zu \u201eHitlers Volksstaat\u201c von einer modernisierten Totalitarismustheorie (Jungle World 20.4.2005).<br \/>\nNun zeichnet sich die Geschichte linker Intelligenz im Gegensatz zur rechten durch nur wenig Konsequenz und Kontinuit\u00e4t aus. \u201eViele, die als linke Intellektuelle beginnen, enden, nach den erstaunlichsten Wandlungsprozessen, nicht selten sogar am entgegengesetzten Pol des ideologischen Spektrums.\u201c[6] Ein Grund f\u00fcr diese H\u00e4utungen wurde bereits eingangs erw\u00e4hnt: der Opportunismus, meist hervorgerufen durch ein kurzfristiges, aber umso intensiveres Mystifizieren revolution\u00e4rer Ziele, welchem auf dem Fu\u00df die Entt\u00e4uschung, Desillusionierung und Resignation folgt. Vermutlich ist diese Erkl\u00e4rung im Wesentlichen zutreffend. Das w\u00fcrde auch erkl\u00e4ren, warum es f\u00fcr rechte Intellektuelle bislang wenig Anlass gab, die politischen Fronten zu wechseln. Wovon sollten sie auch entt\u00e4uscht werden? Es l\u00e4uft doch im Gro\u00dfen und Ganzen gut f\u00fcr sie.<br \/>\nDas Ph\u00e4nomen des Konvertitentums bzw. \u2013 um einen Begriff aus der kommunistischen Propaganda aufzunehmen \u2013 des Renegaten hat mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus und der darauf hin einsetzenden Renaissance der Totalitarismustheorie \u201ezur hegemonialen Ideologie der BRD\u201c[7] eine neue Komponente erfahren. Der Begriff Renegat wird nunmehr von den Vertretern des Totalitarismuskonzeptes, wie auch von ehemaligen Linken wie Wolfgang Kraushaar, Gerd Koenen, Jan Philipp Reemtsma und eben G\u00f6tz Aly, positiv zur Charakterisierung eines Emanzipationsprozess benutzt.[8] Mit diesem Gestus tritt auch Aly auf. Dabei gilt nicht nur f\u00fcr ihn, was bereits Anfang der 1990er Wolfgang Pohrt treffend \u00fcber die ehemaligen Marxisten schrieb: \u201eDeshalb legen die Konformisten Wert darauf, als Ketzer zu erscheinen. Je lauter einer mit den W\u00f6lfen heult, desto lieber mag er sich dabei als Tabubrecher und Querdenker bewundern. Je \u00e4lter das Rezept, desto penetranter spielt sich sein Anpreiser als Neuerer auf.\u201c[9]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Weitere Beispiele: Kraushaar und Reemtsma<\/strong><br \/>\nDas Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung, vor allem in Gestalt des \u201eChronisten der 68er-Bewegung\u201c Wolfgang Kraushaar, ist hierf\u00fcr ein weiteres Beispiel. Bereits Ende der 1990er analysierte Karl-Heinz Roth anhand des \u201eProjektes 1995\u201c, welches den Zusammenhang von Zivilisation und Gewalt am Beispiel von Auschwitz, Gulag und Hiroshima zu kl\u00e4ren beabsichtigte, \u201ewie die zun\u00e4chst aus reiner methodologischer Aporie aufgegriffene Totalitarismusdoktrin auch zu einem Vehikel wurde, um im Zeichen des allgemeinen Wertewandels unter die bisherige h\u00f6chstpers\u00f6nlich politische Sozialisationsgeschichte einen Schlussstrich zu setzen.\u201c[10] Sein Fazit lautet: \u201eDie im Hamburger Institut f\u00fcr Sozialforschung mit nicht wenigen ehemaligen Kommunisten koexistierenden Pr\u00e4zeptoren einer totalitarismusges\u00e4ttigten neokonservativen Wende auf der inneren Linie der Rest-Linken sind mit ihrem Anliegen \u2013 zumindest im Kontext dieser Rest-Linken \u2013 weitgehend unter sich geblieben.\u201c[11]<br \/>\nF\u00fcr die Rest-Linke mag das auch heute noch zutreffen, doch wie steht es mit dem (links)liberalen Mainstream \u2013 vor allem vor dem Hintergrund, dass das Hamburger Institut seit Mitte der 1990er Jahre eine Reihe von weiteren Studien publizierte? Wolfgang Kraushaar etwa gef\u00e4llt sich seit l\u00e4ngerem in der Rolle des Mythen-Zerst\u00f6rers von 68. In zahlreichen Publikationen versucht er, die linke Protestbewegung zu diskreditieren. Sei es, indem er sie als Produkt der Stasi denunziert, oder ihr Antisemitismus und Nationalismus unterstellt, oder aber Rudi Dutschkes Gewaltverst\u00e4ndnis problematisiert. Freilich geschieht auch das mit totalitarismustheoretischen Bez\u00fcgen. So auch in seinem aktuellen Buch \u201eAchtundsechzig. Eine Bilanz\u201c.[12] Dort ist von einem hartn\u00e4ckigem Flirt mit dem kommunistischen Totalitarismus, von totalit\u00e4rem Gr\u00f6\u00dfenwahn und von stalinistisch-totalit\u00e4ren Positionen die Rede. Am Beispiel Horst Mahlers wird ausgef\u00fchrt, dass seine Person \u201eein Symptom f\u00fcr einen lange Zeit verdeckt gebliebenen Transmissionszusammenhang dar[stellt], der mit seiner Trias Antiamerikanismus, Antisemitismus und Antiparlamentarismus ein Schlaglicht auf mehr als nur eine Addition bestimmter Namen aus dem Kontext der Achtundsechzigerbewegung wirft.\u201c[13]<br \/>\nVermeintliche \u00dcbereinstimmungen zwischen rechts und links hat Kraushaar auch im Auge, wenn er dem Mentor der Studierendenbewegung, Johannes Agnoli, eine Kontinuit\u00e4t seines antiparlamentarischen Denkens von seiner faschistischen Jugend bis hin zum marxistischen Verfasser der 68er-Bibel \u201eDie Transformation der Demokratie\u201c vorwirft. Kern dieses Vorwurfs ist dabei weniger die Wandlung vom Faschisten zum radikalen Sozialisten, sondern, dass die Parlamentarismuskritik der APO (pr\u00e4)faschistische Wurzeln habe und ihr Inhalt politisch sozusagen nur die Seite gewechselt habe.[14] In \u00dcbereinstimmung mit totalitarismustheoretischen Argumenten gilt Kraushaar somit jegliche Kritik an Liberalismus und Parlamentarismus als totalit\u00e4re Abweichung von einer vermeintlichen \u201egesunden\u201c Mitte.<br \/>\nSein F\u00f6rderer Jan Philipp Reemtsma schl\u00e4gt in eine \u00e4hnliche Kerbe. In einem Beitrag f\u00fcr den von Kraushaar herausgegebenen Band \u201eDie RAF und der linke Terrorismus\u201c schreibt Reemtsma, man verstehe nichts von der Geschichte der RAF, wenn man nicht insbesondere die Gewaltlockung erkenne, die in der Idee eines nicht entfremdeten, authentischen Lebens liege. \u201eSolidarit\u00e4t respektive Kameradschaft [\u2026] sind f\u00fcr solche, die das b\u00fcrgerliche Leben nicht aushalten, weil es sie \u00fcberfordert.\u201c[15] In seiner treffenden Kommentierung arbeitet Franz Schandl den Kern von Reemtsmas Argumentation heraus: \u201eDas b\u00fcrgerliche Leben ist auszuhalten. Wer mit Markt und Staat, Arbeit und Geld nicht klarkommt, ist selber schuld, \u201a\u00fcberfordert\u2019, letztlich ein pathologischer Fall. Unbehagen, Aufbegehren, Widerstand werden somit zum pers\u00f6nlichen Manko. Was die Gesellschaft verlangt, wird hingegen idealisiert. Jeder ist doch seines Gl\u00fcckes Schmied, sagt der gemeine Menschenverstand, und Reemtsma als wendiger wie gewendeter Ideologe \u00fcbersetzt die marktliberalen Plattheiten ins Akademische.\u201c[16] Die strikte Personalisierung der Tat fungiere somit als Freispruch f\u00fcr das gesellschaftliche System.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Totalitarismustheorie<\/strong><br \/>\nDass das Totalitarismus-Konzept bzw. positiv bestimmt der antitotalit\u00e4re Konsens der Konformismus unserer Tage ist, erkannte bereits 1992 der rechte Historiker Ernst Nolte. Mit Genugtuung stellte er fest: \u201eNie hat eine scheinbar theoretische Konzeption einen so \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg im allt\u00e4glichen Leben errungen wie der Begriff des Totalitarismus, denn er taucht in allen relevanten \u00c4u\u00dferungen auf, die im ehemaligen Ostblock bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gemacht werden.\u201c Heute hat sich an diesem Befund nur insofern etwas ge\u00e4ndert, als das Totalitarismus-Konzept nun auch f\u00fcr die Auseinandersetzung mit dem islamischen Fundamentalismus genutzt wird. Dabei steht die exzessive Benutzung des Wortes \u201etotalit\u00e4r\u201c im umgekehrten Verh\u00e4ltnis zur Reflexion dar\u00fcber, was die Totalitarismustheorie eigentlich als Theorie leistet bzw., ob sie \u00fcberhaupt als solche bezeichnet werden kann.<br \/>\nBezeichnenderweise \u2013 man ist geneigt zu sagen, kurioserweise \u2013 stellen ihr gerade jene Vertreter, die sich in ernstzunehmender Weise mit der von ihr vertretenen Theorie besch\u00e4ftigt haben, ein erstaunlich schlechtes Zeugnis aus. So zum Beispiel Clemens Vollnhals, Mitarbeiter des mit \u00fcppigen \u00f6ffentlichen Finanzmitteln ausgestatteten Hannah-Arendt-Instituts f\u00fcr Totalitarismusforschung. Er konstatiert das Fehlen einer theoretisch befriedigenden, die historischen Unterschiede nicht verwischenden Totalitarismustheorie.[17] Oder Gerhard Besier, seines Zeichens Professor f\u00fcr Totalitarismusforschung an der Technischen Universit\u00e4t Dresden und Direktor des Hannah-Arendt-Instituts. Quintessenz seines Interviews mit der \u201eWelt\u201c lautete: \u201eDie Totalitarismustheorie ist gescheitert\u201c (1.11.2006). Oder schlie\u00dflich Wolfgang Kraushaar. Sein Fall ist insofern ein besonderer, weil er sich in seinem Buch \u201eLinke Geisterfahrer. Denkanst\u00f6\u00dfe f\u00fcr eine antitotalit\u00e4re Linke\u201c in der Tat auf hohem Niveau mit verschiedenen Totalitarismustheorien besch\u00e4ftigt. Und insbesondere ist er einer der wenigen, die die fundamentale Kritik von Hans J. Lietzmann an dem bekanntesten Modell des Totalitarismus, dem von Carl Joachim Friedrich, ernst nimmt. Lietzmann hatte nachweisen k\u00f6nnen, dass gerade die Entgegensetzung von parlamentarischer Demokratie und totalit\u00e4rer Herrschaft sich eben nicht auf Friedrich berufen k\u00f6nne. Denn, so Lietzmann: \u201eFriedrich zeichnet sein Bild der \u201atotalit\u00e4ren Diktatur vielmehr aus der Perspektive seiner Option f\u00fcr eine \u201akonstitutionelle\u2019 Diktatur. Seiner Kerntheorie eines \u201abenevolent despotism\u2019 liegt aber gerade keine Demokratietheorie zugrunde.\u201c[18] Sein Fazit lautet infolgedessen, dass \u201eeine pluralistische Theorie der Demokratie \u2013 die umgangssprachlich als Alternative des Totalitarismus gemeint wird \u2013 auf ihrer Basis nicht zu haben (ist). Sie hat einen durch und durch autorit\u00e4ren Kern.\u201c[19] Antitotalitarismus kann somit per se nicht demokratisch sein.<br \/>\nRes\u00fcmierend schreibt Wolfgang Kraushaar, dass \u201ezumindest im deutschsprachigen Raum die Ans\u00e4tze zu einer Reformulierung der Totalitarismustheorien eher in eine Sackgasse gef\u00fchrt [haben].\u201c[20] Freilich jedoch h\u00e4lt auch er am Totalitarismus-Begriff fest, was mehr mit politischen denn mit wissenschaftlichen Gr\u00fcnden zu tun haben d\u00fcrfte.<br \/>\nDen Bef\u00fcrwortern der Totalitarismustheorie ist die Schw\u00e4che ihrer \u201eTheorie\u201c auch deshalb bewusst, weil sie f\u00fcr die Hochkonjunktur ihres Ansatzes nach 1990 eben nicht theoretische oder empirische Fortschritte verantwortlich machen, sondern ver\u00e4nderte politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingen: n\u00e4mlich das Verschwinden einer realen gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus. Welche Funktion f\u00e4llt der Totalitarismustheorie dadurch zu? Ihr antikommunistischer Kern hat sie f\u00fcr den kapitalistischen Westen als Legitimationsideologie jahrzehntelang unverzichtbar gemacht. Mit dem Ende des Realsozialismus schien aber dem \u201eWir\u201c des \u201eWestens\u201c das \u201eAndere\u201c als Projektionsfl\u00e4che abhanden gekommen zu sein. Nur noch zur ideologischen Absicherung der Abwicklung der DDR und ihrer Eliten in der Berliner Republik und zur prophylaktischen Diskreditierung jedweder Systemalternative fand der Totalitarismus-Begriff nun noch Verwendung. Fehlt jedoch das \u201eAndere\u201c, droht eine L\u00fccke in der Selbstbeschreibung des \u201eWir\u201c. Sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 schlie\u00dft sich diese L\u00fccke wieder. Der \u201etotalit\u00e4re Islamismus\u201c, der \u201eFundamentalismus\u201c \u00fcbernimmt nun die Funktion des fr\u00fcheren Kommunismus. \u201eDer Islam wird nun nicht nur als ideologische Antithese gegriffen, sondern als gesamtkulturelle Antithese zum \u201eWesten\u201c und zu seinem universalistischen Anspruch. Der Islam ger\u00e4t so zur Begr\u00fcndung des Gegen-Westens, zur Gegen-Moderne, ja zur Gegen-Zivilisation\u201c, sah Reinhard Schulze bereits 1991 diese Entwicklung voraus.[21]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Neue B\u00fcrgerlichkeit<\/strong><br \/>\nDiese Reformulierung der Totalitarismustheorie ordnet sich in den Kampf \u00fcber die Deutung von \u201e68\u201c in Deutschland ein, der wiederum in einen l\u00e4ngeren Prozess der Verschiebungen im politisch-kulturellen \u00dcberbau betrachtet werden muss, der f\u00fcr die vergangenen Jahrzehnte an dieser Stelle lediglich mit den Stichworten geistig-moralische Wende, Historikerstreit, \u201eEnde der Geschichte\u201c (Fukuyama) und Ende des utopischen Zeitalters (Joachim Fest) angedeutet werden kann. Ein zentraler Gedanke dieser Diskussionen war, dass jegliche Alternative zum Kapitalismus und zur parlamentarisch-repr\u00e4sentativen Demokratie, jegliches Festhalten an einer (konkreten) Utopie quasi zwangsl\u00e4ufig in totalit\u00e4re Gewalt und Terror m\u00fcnden m\u00fcsse. Die tendenzielle Gleichsetzung von Gewalt und Protest negiert auf diese Weise pauschal jeglichen gesellschafts- und systemkritischen Impuls. In den 1970er hatten dies nur rechtskonservative Politiker und Intellektuelle vertreten.<br \/>\nOskar Negt und Alexander Kluge hatten die Verschiebungen Anfang der 1990er Jahre folgenderma\u00dfen pointiert auf den Punkt gebracht: \u201eVieles von dem, was man in den letzten Jahrzehnten der Vergangenheit zuzuschlagen entschlossen und bereit war, erlebt pl\u00f6tzlich eine gewaltige Aufwertung und einen geradezu erdr\u00fcckenden Realit\u00e4tszuwachs: Staat, Nation, Kapital, Religion und Geld assoziieren sich nun in einer Weise mit Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie, als h\u00e4tte es die Blutlinie dieser Begriffe im 20. Jahrhundert nie gegeben. Dem Bedeutungs- und Erkl\u00e4rungsgewinn dieser Worte der herrschenden Gruppen entspricht die Entleerung von Begriffen wie Solidarit\u00e4t, Gemeinwesen, Gemeinwirtschaft, vern\u00fcnftige gesellschaftliche Organisation.\u201c[22]<br \/>\nDieser Wandel der kulturellen Hegemonie, in dem sich noch zus\u00e4tzlich neoliberale Deutungsmuster einschreiben, fand in den letzten Jahren seine Fortsetzung in der Debatte \u00fcber die so genannte neue B\u00fcrgerlichkeit. Albrecht von Lucke z.B. beschreibt die derzeitige Auseinandersetzung \u00fcber 1968 vor dem Hintergrund der zunehmenden sozialen Polarisierung (Hartz IV etc.) und der damit einhergehenden Unterschichts- und Prekariats-Diskussionen, kurz: vor dem Hintergrund einer neuen Klassengesellschaft.[23] Damit korrespondiere in b\u00fcrgerlichen Schichten ein bemerkenswerter Wertewandel, der seit geraumer Zeit unter dem Stichwort \u201eNeue B\u00fcrgerlichkeit\u201c firmiere und sich explizit gegen \u201e68\u201c richte. Der Kern des Wertewandels bestehe in einem Comeback der Familie, mithin in der Entpolitisierung des Privaten, also gerade der Umkehrung der Politisierung des Privaten den 1970er Jahre, und der Renaissance b\u00fcrgerlicher respektive konservativer Werte. Protagonisten dieser sich vornehmlich im Feuilleton abspielenden Debatte sind etwa Paul Nolte, Udo di Fabio, Frank Schirrmacher, Arnulf Baring, Bernhard Bueb und Eva Herman.<br \/>\nHinter dieser Diskussion verbirgt sich von Lucke zufolge ein Streit \u00fcber den Stellenwert der Trias Freiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit.[24] Da allerdings die historische Schuld des deutschen B\u00fcrgertums \u2013 nur mit ihm kam Hitler an die Macht \u2013 unbestritten sei, kommen in letzter Zeit Bestrebungen zum Ausdruck, die eben jene Komplizenschaft des B\u00fcrgertums mit dem Dritten Reiches durch die Konstruierung einer Kontinuit\u00e4tsthese einer angeblich verh\u00e4ngnisvollen Bewegungspolitik von 1933 bis 1968 gegen das B\u00fcrgertum zu relativieren suche. Von Lucke zeigt dies vor allem anhand der Diskussion \u00fcber G\u00fcnter Grass Bekenntnis, in jungen Jahren Mitglieder der Waffen-SS gewesen zu sein. Den \u201eZeit\u201c-Autor Jens Jessen verleitete Grass positive Schilderung des angeblich \u201eAntib\u00fcrgerlichen\u201c des Nationalsozialismus zu der Frage, \u201eob dieser sich von dem Hokuspokus der nationalsozialistischen Propaganda befreit\u201c habe, um diesen Gedanken sogleich gegen 68 zu wenden. \u201eUnd in der Tat war das ja die Verhei\u00dfung der Studentenbewegung nach 1968, die sich gegen die Spie\u00dfigkeit der Elterngeneration wandte, genauso wie Grass es seinerzeit tat, als er sich zum Wehrdienst meldete.\u201c[25]<br \/>\nG\u00f6tz Alys Abrechnungsschrift spitzt diese Lesart, wonach 1933 und 1968 dieselben antib\u00fcrgerlichen Wurzeln haben, lediglich zu. Wenn das B\u00fcrgertum somit von rechts wie links in die Zange genommen wird, nimmt es nicht wunder, wenn parallel Argumentationen auftauchen, die das B\u00fcrgertum als immun gegen diese Extreme erscheinen lassen, die kleinb\u00fcrgerlichen und proletarischen Massen hingegen nicht. So verlief etwa die Rezeption von Joachim Fests autobiografischen Buch mit dem programmatischen Titel \u201eIch nicht. Erinnerungen an Kindheit und Jugend\u201c. In einem Kommentar der Welt (30.8.2006) hie\u00df es: \u201eJoachim Fest steht kurz davor, von den Propagandisten der \u201aneuen B\u00fcrgerlichkeit\u2019 als Galionsfigur vereinnahmt zu werden\u2026\u201c<br \/>\nDas Aufkommen des citoyen in Deutschland Ende der 1960er Jahre, so Albrecht von Lucke, \u201espeiste sich also gerade aus dem Entsetzen \u00fcber das deutsche Jahrhundertverbrechen und sein gesellschaftliches wie habituelles Fortwirken.\u201c Von einer direkten Kontinuit\u00e4t zwischen 1933 und 1968 k\u00f6nne schon deshalb keine Rede sein. \u201eDoch dieser moralisch-republikanische Ursprung der Studentenbewegung sollte in der Grass-Debatte vernebelt werden, eben durch Konstruktion einer verbrecherischen, ja m\u00f6rderischen antib\u00fcrgerlichen Traditionslinie.\u201c[26] Eine Fortsetzung findet diese Argumentation in Alys Abrechnungsschrift.<br \/>\nIn der Debatte \u00fcber die neue B\u00fcrgerlichkeit \u2013 und hier zeigt sich insbesondere auch ihre neoliberale Komponente \u2013 steht vor allem eins unter Generalverdacht: der Egalitarismus. Erneut wird zur Diskreditierung des Anspruchs auf soziale Gerechtigkeit oder Gleichheit \u201eeine erstaunliche Kontinuit\u00e4tsthese gezogen, und zwar wiederum unter dem Label der antib\u00fcrgerlichen \u201aBewegung\u2019: von der v\u00f6lkischen Gleichmacherei des Dritten Reiches \u00fcber die sozialistische Gleichmacherei des real-existierenden Sozialismus der DDR bis hin zur angeblichen Gleichmacherei des bundesrepublikanischen Sozialstaates.\u201c[27] Wiederum war G\u00f6tz Aly hier einer der ersten ehemaligen Linken, der dieses Argument vorbrachte. Was hier durchschimmert und wo klassische Konservative, 68er-Renegaten und Neoliberale trotz sonstiger erheblicher Unterschiede eine gemeinsame Schnittmenge bilden ist das uralte konservative Ressentiment gegen\u00fcber dem Versprechen der b\u00fcrgerlichen Revolution von libert\u00e9, \u00e9galit\u00e9, fraternit\u00e9 sowie gegen\u00fcber der Massengesellschaft. Die konservativ-neoliberale Krisendiagnostik lautet wie folgt: Die BRD leide im Gegensatz zu anderen modernen Staaten an einem zuviel an Egalitarismus, habe einen \u201egleichmacherischen Umverteilungsstaat\u201c, der breite Bev\u00f6lkerungsschichten alimentiere. Wirtschaftliche Leistungsf\u00e4higkeit werde infolgedesen eingeschr\u00e4nkt. Um dieser indessen erneut zum Durchbruch zu verschaffen, sei eben mehr Ungleichheit und Differenz das Gebot der Stunde. Die alte Klassengesellschaft werde gleichsam von rechts wieder eingef\u00fchrt, um damit das bundesrepublikanische System der Umverteilung zu delegitimieren, so Albrecht von Lucke.[28] Am prononciertesten hat dieses Argument der ehemalige BDI-Vorsitzende Hans-Olaf Henkel vorgetragen, dem das Motto der Franz\u00f6sischen Revolution \u201eFreiheit, Gleichheit, Br\u00fcderlichkeit\u201c bereits als Ursprung totalit\u00e4rer Pervertierung gilt. Forderungen nach Gleichheit m\u00fcnden ihm zufolge stets im totalit\u00e4ren Terror. Der Kampf um die Deutung von \u201e68\u201c kreist insofern um die Alternative \u201eFreiheit versus Gleichheit\u201c oder \u201eFreiheit und Gleichheit\u201c. Ist 1968 in erster Linie als ein Ereignis der Individualisierung, ja der romantischen Anti- und Asozialit\u00e4t im Sinne der Selbstentfaltung und -befreiung zu verstehen? Oder aber als ein Ereignis der Solidarisierung, das auf soziale und globale Gerechtigkeit abzielte? Eine \u00e4sthetisch-kulturrevolution\u00e4re, die aktuell die Oberhand gewinnt, steht einer politischen Lesart von 1968 entgegen.[29]<br \/>\nZur\u00fcck zu Aly und den anderen Renegaten: Ihre spezifische Funktion besteht darin, dass sie unter den Bedingungen einer fehlenden Systemalternative zum Kapitalismus einen weitaus bedeutenderen Beitrag f\u00fcr die Durchsetzung des \u201estillen Siegs\u201c des Totalitarismus-Begriffs leisten, der im Kern die Aufgabe von sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit impliziert, als die herk\u00f6mmlichen konservativen Intellektuellen. Denn nichts ist f\u00fcr eine Theorie \u00fcberzeugender, als wenn sich ehemalige (linke) Kritiker zu ihr bekennen. Aly und Co. fungieren somit als Kronzeugen gegen die Linke. Es bleibt die Frage, die ein rechter Publizist mit Bezug auf die H\u00e4utungen von Joseph Fischer in folgende Worte fasste: \u201eWeshalb [wird] pl\u00f6tzlich als neue Einsicht verk\u00fcndet, was wir \u203aRechten\u2039 schon immer wu\u00dften&#8230; Was sollen wir eigentlich von der Urteilsf\u00e4higkeit eines Politikers halten, dessen bisherige Analysen alle falsch waren und der dem verdutzten Publikum nunmehr die Positionen des politischen Gegners als neueste Einsichten anpreist?\u201c[30]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Herausforderungen<\/strong><br \/>\nF\u00fcr die Linke stellen sich infolgedessen mehrere Herausforderungen: Zum einen gilt es, die zeitgeschichtlichen Symptome einer geistig-moralischen Wende, die bereits seit Anfang der 1980er Jahre immer st\u00e4rker auf eine politische Neuorientierung nach rechts dr\u00e4ngt, ideologiekritisch zu hinterfragen.<br \/>\nDes Weiteren ist die Struktur, in der sich solche Entwicklungen vom \u00fcbereifrigen Revolution\u00e4r zum Renegaten immer wieder vollziehen, zu analysieren. \u00dcberdies stellt sich die Aufgabe, \u2013 in Abgrenzung zur traditionellen Vorgehensweise der Diskreditierung des Renegaten als Verr\u00e4ter \u2013 sich mit seiner Autokritik ernsthaft auseinanderzusetzen. Und schlie\u00dflich vor allem muss sie durch eine Besch\u00e4ftigung mit der Geschichte herauszuarbeiten, welches grenz\u00fcberschreitende Denken, welche vorerst gescheiterte Utopie die Akteure von 1968 antrieb. Mit Walter Benjamin geht es darum, die Vorstellung eines wie auch immer versch\u00fctteten, entstellten revolution\u00e4ren Moments wach zu halten, an dem gerade im Bewusstsein des Scheiterns aller Utopien und einer st\u00e4ndigen Antastbarkeit der W\u00fcrde des Menschen festzuhalten ist. Anderenfalls droht das, was bereits Adorno als dr\u00fcckende Hypothek empfand, und was Oskar Negt in seiner Auseinandersetzung mit den 68-er-Renegaten als \u00e4u\u00dferst bedrohlich empfand: eine Menschheit ohne gesellschaftliche Erinnerungsf\u00e4higkeit, die eben ohne Aufbewahrung ihrer wenn auch historisch gescheiterten Befreiungsversuche nur schwerlich einen neuen wird beschreiten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><br \/>\n[1]\u00a0\u00a0 Oskar Negt, Achtundsechzig. Politische Intellektuelle und die Macht, G\u00f6ttingen 1995, S. 9<br \/>\n[2]\u00a0\u00a0 Zit. nach Oskar Negt\/Alexander Kluge, Ma\u00dfverh\u00e4ltnisse des Politischen. 15 Vorschl\u00e4ge zum Unterscheidungsverm\u00f6gen, Frankfurt\/M. 1992, S. 61.<br \/>\n[3]\u00a0\u00a0 Norbert Frei, 1968. Jugendrevolte und globaler Protest, M\u00fcnchen 2008, S. 210.<br \/>\n[4]\u00a0\u00a0 Vgl. auch Joscha Schmierer, Wider die Provinzialisierung und Verdeutschung von 68, in: Kommune 4\/2007, der ebenfalls den globalen Aspekt herausstreicht: \u201eDie B\u00fcndelung der Sto\u00dfkraft all dieser verschiedenen Bewegungen in Richtung Emanzipation und letztlich Sozialismus war das Metaereignis des rund um den Globus \u00e4u\u00dferst ereignisreichen Jahres.\u201c<br \/>\n[5]\u00a0\u00a0 G\u00f6tz Aly, Unser Kampf. 1968 \u2013 Ein irritierter Blick zur\u00fcck, Frankfurt am Main 2008, S. 8. Vgl. auch die gr\u00fcndliche Kritik von Joachim Bischoff\/Christoph Lieber, Mythos 68 \u2013 eine Deutung unter dem Blickwinkel des bundesdeutschen Spie\u00dfers. Zu G\u00f6tz Alys Vergangenheitsbew\u00e4ltigung, in: Sozialismus 2008\/4, S. 51-56.<br \/>\n[6]\u00a0\u00a0 Gilbert Ziebura, \u00dcber das Cham\u00e4leonhafte linker Intellektueller, in: Prokla 70, 18. Jg., M\u00e4rz 1988, S. 23.<br \/>\n[7]\u00a0\u00a0 Karl Heinz Roth, Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie, Hamburg 1999, S. 101<br \/>\n[8]\u00a0\u00a0 Vgl. Wolfgang Wippermann, Totalitarismustheorien, Die Entwicklung der Diskussion von den Anf\u00e4ngen bis heute, Darmstadt 1997, S. 58.<br \/>\n[9]\u00a0\u00a0 Wolfgang Pohrt, Kommunismus oder Barbarei, in: konkret 02\/1993, S. 22ff.<br \/>\n[10] Karl Heinz Roth, \u201eSich aufs Eis wagen. Zur Wiederbelebung der Totalitarismustheorie des Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung, in: Roth, a.a.O., S. 123.<br \/>\n[11] Ebd., S. 127.<br \/>\n[12] Wolfgang Kraushaar, Achtundsechzig. Eine Bilanz, Berlin 2008.<br \/>\n[13] Ebd., S. 252. 109 Mit Norbert Frei ist in Bezug auf diese Frage festzuhalten: \u201eDie transatlantische Beziehungsgeschichte dieses linken Pazifismus und Antikapitalismus steht im \u00fcbrigen der Vorstellung eines pauschalen Antiamerikanismus in der deutschen Studentenbewegung entgegen \u2013 politisch und mehr noch kulturell.\u201c Und: \u201eAber sie war weder per se antisemitisch noch in jenem kulturellen Sinne antiamerikanisch, wie das f\u00fcr die deutsche Rechte zum Teil auch \u00fcber 1945 hinaus gesagt werden kann.\u201c Frei, a.a.O., S. 109 u. 222.<br \/>\n[14] Vgl. Seitenwechsel und Ver\u00e4nderung, in: FAZ vom 12.12.2006. Vgl. auch Wolfgang Kraushaar, Agnoli, die Apo und der konstitutive Illiberalismus seiner Parlamentarismuskritik, in: Zeitschrift f\u00fcr Parlamentsfragen 1\/2007. Kritisch dazu: Clemens Nachtmann, Der Langweiler als Denunziant, in: Jungle World vom 3.1.2007.<br \/>\n[15] Jan Philipp Reemtsma, Was hei\u00dft \u201edie Geschichte der RAF verstehen\u201c? in: Wolfgang Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bd., Hamburg 2006, S. 1368.<br \/>\n[16] Franz Schandl, Fratze statt Mythos, in: Freitag vom 9.2.2007. Schandl pl\u00e4diert \u00fcbrigens nicht f\u00fcr eine Rehabilitierung der RAF oder von 1968, sondern lediglich f\u00fcr eine Realisierung des Kontextes und den Respekt vor den Motiven. \u201eDie Fragen, die damals aufgeworfen wurden, sind ja mitnichten erledigt. Da m\u00f6gen sich die ersten Antworten noch so blamiert, ja desavouiert haben.\u201c<br \/>\n[17] Clemens Vollnhals, Die Totalitarismustheorie im Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 39\/2006, S. 27.<br \/>\n[18] Hans J. Lietzmann, Politikwissenschaft im \u201eZeitalter der Diktaturen\u201c. Die Entwicklung der Totalitarismustheorie Carl Joachim Friedrichs, Opladen 1999, S. 299.<br \/>\n[19] Ebd., S. 303.<br \/>\n[20] Wolfgang Kraushaar, Linke Geisterfahrer. Denkanst\u00f6sse f\u00fcr eine antitotalit\u00e4re Linke, Frankfurt\/Main 2001, S. 242.<br \/>\n[21] Reinhard Schulze, Vom Antikommunismus zum Antiislamismus. Der Kuwait-Krieg als Fortschreibung des Ost-West-Konflikts, in: Peripherie Nr. 41, S. 7.<br \/>\n[22] Negt\/Kluge, a.a.O., S. 62f.<br \/>\n[23] Albrecht von Lucke, 68 oder neues Biedermeier. Der Kampf um die Deutungsmacht, Berlin 2008.<br \/>\n[24] Von Lucke, a.a.O., S. 51.<br \/>\n[25] Jens Jessen, \u201aUnd Grass wundert sich\u2019, in: Die Zeit, Nr. 34, 17.8.2006. Vgl. auch Guido Speckmann, Aus der Geschichte lernen? Grass-Debatte und G\u00f6tz Alys Bestandsaufnahme des Historikerstreits, in: Sozialismus 2006\/9.<br \/>\n[26] Von Lucke, a.a.O., S. 61.<br \/>\n[27] Ebd., S. 66.<br \/>\n[28] Ebd., S. 67.<br \/>\n[29] Vgl. Ebd. S. 68.<br \/>\n[30] Zit. nach Pohrt, a.a.O.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h074.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>\u00a0Nr. 74, Juni 2008; eine gek\u00fcrzte Vorfassung erschien in <a href=\"http:\/\/www.jungewelt.de\/2008\/04-15\/003.php\">junge Welt<\/a>, 15.4.2008)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bereits vor 13 Jahren schrieb Oskar Negt \u201eim Zorn und gegen das Vergessen\u201c \u00fcber die sich selbst als 1968er bezeichnenden Intellektuellen. 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