{"id":275,"date":"2011-12-01T17:17:30","date_gmt":"2011-12-01T15:17:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=275"},"modified":"2011-12-01T17:17:30","modified_gmt":"2011-12-01T15:17:30","slug":"artikulation-des-bruchs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=275","title":{"rendered":"Artikulation des Bruchs"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Colin Crouch, Das befremdliche \u00dcberleben des Neoliberalismus, Suhrkamp, Berlin 2011, 248 S., 19,90 Euro<br \/>\n<\/em><br \/>\nColin Crouchs 2004 im Englischen und 2008 im Deutschen erschienenes Buch \u201ePostdemokratie\u201c wurde auch aufseiten der Linken zu einem der meist zitierten politikwissenschaftlichen Texte der letzten Jahre. Und das zu Recht, verdichten sich in diesem schmalen Essay doch die Debatten um Politikverdrossenheit, Sozialabbau und Privatisierung auf pr\u00e4gnante Weise. Insofern beginnt man mit Spannung die Lekt\u00fcre des neuen Bandes des an der Warwick Business School Lehrenden Professors.<!--more--> Ist die Lekt\u00fcre beendet, stellt sich Entt\u00e4uschung ein. Zwar wirft Crouch richtige Fragen auf, benennt wichtige Probleme und kritisiert bislang nicht gen\u00fcgend beachtete Widerspr\u00fcche des Neoliberalismus. Doch kommt er vor dem Hintergrund eines idealisierten Verst\u00e4ndnisses von liberaler Marktwirtschaft zu zweifelhaften Antworten.<br \/>\nAber der Reihe nach: Ausgangsfrage von Crouch ist \u2013 der Titel bringt es auf den Punkt \u2013 das befremdliche \u00dcberleben des Neoliberalismus angesichts der von ihm selbst herbeigef\u00fchrten globalen Finanz- und Weltwirtschaftskrise von 2008\/09. Crouch macht dieses \u00dcberleben an der Tatsache fest, dass die Banken nach der Krise noch h\u00f6here Risiken eingehen, weil sie wissen, dass der Staat sie \u201eraushauen\u201c, sprich ihre Rettung auf Kosten der breiten Bev\u00f6lkerung finanzieren wird (148). Dies ist eine Beobachtung, die sich angesichts der drohenden Griechenland-Pleite und der daraus resultierenden erneuten Bankenrettungen derzeit (Mitte Oktober 2011) als sehr hellsichtig erwiesen hat. Crouch beklagt des Weiteren, dass von der geplanten Re-Regulierung der Finanzm\u00e4rkte nichts \u00fcbrig geblieben ist. Im Gegenteil: Im Jahr 2010 seien alle Praktiken auf den sekund\u00e4ren M\u00e4rkten wieder in Kraft gewesen (172).<br \/>\nWie aber ist das zu erkl\u00e4ren? Den Kern hierzu sieht Crouch in der marktbeherrschenden Rolle der gro\u00dfen Konzerne und des damit verbundenen Einflusses in Gestalt des Lobbyismus. Er kritisiert die gegenw\u00e4rtige politische Debatte, weil sie sich auf die Frage Staat oder Markt konzentriert und damit \u00fcbersieht, dass die eigentliche Gefahr von den Gro\u00dfkonzernen ausgeht. Entgegen der neoliberalen Rhetorik und Ideologie von der freien Marktwirtschaft w\u00fcrde de facto Raum f\u00fcr eine Verflechtung von Staat und Wirtschaft geschaffen, die \u201eernsthafte Probleme sowohl f\u00fcr den freien Markt als auch f\u00fcr die Redlichkeit \u00f6ffentlicher Institutionen aufwerfe\u201c (37).<br \/>\nDen Lobbyismus von Unternehmensvertretern z.B. macht Crouch zumindest zum Teil f\u00fcr die steigenden Einkommensunterschiede, h\u00e4ufigere Entlassungen und zunehmende Wirtschaftskorruption verantwortlich (101). Auch die Verw\u00e4sserung der Reform des Gesundheitswesens ist Crouch zufolge auf den Einfluss von amerikanischen Krankenversicherern, Krankenh\u00e4usern und Pharmakonzernen zur\u00fcckzuf\u00fchren. Er zitiert den ehemaligen Chef\u00f6konomen des IWF Simon Johnson, der meinte, die Finanzbranche kontrolliere die US-Regierung inzwischen auf eine Weise, die man sonst nur von Entwicklungsl\u00e4ndern kenne (103). Insgesamt f\u00fchre diese Entwicklung \u201enicht wie im Faschismus oder Kommunismus zur Entstehung eines totalit\u00e4ren Systems, aber doch zu einer Instrumentalisierung des Staats im Sinne jener Konzerne\u201c. (104) Crouch spricht daher an einer Stelle vom Neoliberalismus als \u201eKlassenprojekt der Finanzkapitalisten\u201c (160).<br \/>\nSo interessant Crouchs Sto\u00dfrichtung gegen den Neoliberalismus als Klassenprojekt und gegen die marktbeherrschende Rolle der Gro\u00dfunternehmen ist, destso fragw\u00fcrdiger ist seine Argumentationsbasis. Im Kern scheint diese n\u00e4mlich in einer Art zivilgesellschaftlich-liberaler Position zu bestehen, die den Markt nicht prinzipiell infrage stellt, sondern \u00fcber dessen M\u00f6glichkeiten und Grenzen aufkl\u00e4ren, und \u201einsbesondere das Ph\u00e4nomen des Marktversagens besser verstehen m\u00f6chte\u201c (54). Auf der anderen Seite grenzt sich der Autor explizit gegen sozialistische und sozialdemokratische Positionen ab, die bei der Alternative \u201eStaat oder Markt\u201c auf Ersteren setzen: \u201eWir m\u00fcssen den Anspruch des Staates, da\u00df in erster Linie er in moralischen Fragen das Sagen hat, ebenso infrage stellen wie den der Konzerne, die privilegierten Zugang zum Staat verlangen und fordern, da\u00df in Fragen des Gemeinwohls allein ihrem Urteil zu vertrauen sei.\u201c (212)<br \/>\nCrouchs Ansatzpunkt zur L\u00f6sung der analysierten Problemlage ist die St\u00e4rkung der viel beschworenen Zivilgesellschaft. Es sei nicht seine Absicht, einer Abschaffung der Gro\u00dfkonzerne das Wort zu reden. Der amerikanische Liberalismus der Jefferson-\u00c4ra und der europ\u00e4ische Marxismus, die, ansonsten ziemlich uneins, etwas Derartiges fordern w\u00fcrden, seien Tr\u00e4ume der Vergangenheit. Crouch pl\u00e4diert stattdessen f\u00fcr \u201edas Eingreifen einer vierten Kraft, n\u00e4mliche einer engagierten, kampflustigen, vielstimmigen Zivilgesellschaft, die die Nutznie\u00dfer des neoliberalen Arrangements mit ihren Forderungen unter Druck setzt und ihre Verfehlungen anprangert.\u201c (14) Freilich ist er sich der Gefahr bewusst, dass auch zivilgesellschaftliche Organisationen von staatlichen Institutionen kooptiert werden k\u00f6nnen, doch sein Begriff von Zivilgesellschaft bleibt im Fahrwasser des normativen Liberalismus. Gramscis analytischer Zugang zu diesem Thema findet nicht einmal Erw\u00e4hnung. Das muss man einem zivilgesellschaftlichen Liberalen nicht zum Vorwurf gereichen. F\u00fcr in der marxistischen oder Kritischen Theorie stehende LeserInnen ist Crouchs Text neben der streckenweisen fundierten \u2013 allerdings nicht weit genug gehenden \u2013 Marktkritik mithin nur insofern interessant, als dieser auf theoretischer Ebene einen Bruch im b\u00fcrgerlichen Lager artikuliert, der mit der erneuten Zuspitzung der Schuldenkrise noch an Dramatik hinzugewinnen wird: Es geht um die Frage, ob sich Teile des B\u00fcrgertums endlich zu einer Positionierung in Worten und Taten gegen die Finanzm\u00e4rkte werden aufraffen k\u00f6nnen bzw. vielmehr von sozialen Protestbewegungen dazu getrieben werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/topic\/28.ausgabe-88-dezember-2011.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a> Nr. 88, Dezember 2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Colin Crouch, Das befremdliche \u00dcberleben des Neoliberalismus, Suhrkamp, Berlin 2011, 248 S., 19,90 Euro Colin Crouchs 2004 im Englischen und 2008 im Deutschen erschienenes Buch \u201ePostdemokratie\u201c wurde auch aufseiten der Linken zu einem der meist zitierten politikwissenschaftlichen Texte der letzten &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=275\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"zu Colin Crouch, Das befremdliche \u00dcberleben des Neoliberalismus","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[61],"class_list":["post-275","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung","tag-neoliberalismus"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/275","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=275"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/275\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=275"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=275"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=275"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}