{"id":285,"date":"2007-04-01T19:25:13","date_gmt":"2007-04-01T17:25:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=285"},"modified":"2007-04-01T19:25:13","modified_gmt":"2007-04-01T17:25:13","slug":"filmkritik-das-wahre-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=285","title":{"rendered":"Filmkritik: Das wahre Leben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">\u00bbDie Franzosen haben uns geschluckt, ich bin arbeitslos\u00ab \u2013 mit diesen Worten er\u00f6ffnet der Risikomanager Roland Spatz (Ulrich Noethen) seiner sich die Langeweile mit einer Galerie vertreibenden Frau Sybille (Katja Riemann) und seinen S\u00f6hnen Charles und Linus eine unverhofft neue Lebenssituation \u2013 mit einschneidenden Konsequenzen. Denn die Familie hatte sich bereits seit Langem daran gew\u00f6hnt, dass der Vater vollkommen, emotional wie zeitlich, von seinem Job in Anspruch genommen wird.<!--more--> Nun aber schickt er sich an, sich (wieder) f\u00fcr sie zu interessieren und seine Autorit\u00e4t als Vater wiederherzustellen. Doch die patriarchalen Strukturen sind l\u00e4ngst durch das harte Businessleben und die zeit\u00f6konomische Durchdringung des Familienlebens ins Wanken geraten. Niemand braucht den Vater daheim, es kommt zur endg\u00fcltigen Entzweiung mit den S\u00f6hnen und zu einer handfesten Ehekrise. In einem heftigen Streit schleudert Sybille ihren Mann den Satz um die Ohren \u00bbDu behandelst uns wie deine Angestellten\u00ab, worauf Roland erwidert: \u00bbDie konnte ich wenigstens entlassen\u00ab. Und in der Tat veranschaulicht die Tragikkom\u00f6die am Beispiel einer Familie die Folgen der zunehmenden Unterordnung aller Lebensbereiche unter das Diktat des Finanzmarktkapitalismus. Roland, gefangen in seiner Managerrolle, ist unf\u00e4hig die Rolle eines Vaters oder Ehemanns einzunehmen. Wenn er es dennoch versucht \u2013 so wenn er etwa seinen Sohn Charles an einen vermeintlich tollen Segelurlaub erinnert \u2013, zeigt sich, dass er auch hier nur vor seinem Chef punkten wollte, dem die Segeljacht geh\u00f6rte. Auf Kosten Charles, den er zwang, das Steuer zu f\u00fchren, um so dem Chef zu demonstrieren, welche tapferen Sohn er habe. Die nett gemeinten Gespr\u00e4chsversuche enden in einem Fiasko: Roland wei\u00df seit Jahren nichts mehr \u00fcber seine S\u00f6hne. Weder ganz banale Dinge noch, dass Charles gerade sein Coming Out bei der Bundeswehr erlebt oder der wissenschaftlich Begabte Linus aus purer Langeweile Bomben baut und Postk\u00e4sten und Kitschskulpturen der Nachbarschaft in die Luft sprengt. Den Verlust seiner Autorit\u00e4t als Vater versucht er krampfhaft mit dem Verweis auf die Tatsache, dass er doch schlie\u00dflich alles bezahle zu kompensieren. Worin sich wiederum die \u00d6konomisierung seines Denkens offenbart.<br \/>\nIn der scheinbar heilen gehobenen Mittelschicht in einem Stuttgarter Vorort kommen die Konflikte mit der neuen Situation der Arbeitslosigkeit also an die Oberfl\u00e4che. Bei der neuen Nachbarsfamilie hingegen sind sie bereits tief in die Psyche eingegraben. Auf den pl\u00f6tzlichen Tod ihres Sohnes reagierte die Mutter mit Depressionen und Tablettensucht, die Tochter Florina (Hannah Herzsprung), zus\u00e4tzlich unter den Liebesentzug ihrer Mutter und allgemein an mangelnder Aufmerksamkeit \u2013 der Vater ist ein viel gereister Gesch\u00e4ftsmann \u2013 leidend, ist suizidgef\u00e4hrdet. Zugleich ist sie in dem Film des schweizer Nachwuchsregisseurs Alain Gsponer die einzige Figur, die die Fassade der Mittelstandsidylle zu durchschauen scheint und gegen sie, wenn auch mit selbstzerst\u00f6rerischen Aktionen, rebelliert. Der Mutter Spatz sagt sie offen ins Gesicht, dass sie sich die Galerie quasi als verl\u00e4ngerte therapeutische Ma\u00dfnahme von ihrem Mann finanzieren l\u00e4sst. Apropos Therapie: Das Klischee, wonach es in bestimmten gehobenen Kreisen schick sei, sich einen Psychologen anzuvertrauen, wird in kleinen Nebenszenen ins L\u00e4cherliche gezogen \u2013 wie \u00fcbrigens auch der Kunstbetrieb, der Journalismus sowie die Headhunter-Branche (\u00bbHaben Sie Erbkrankheiten\u00ab \u2013 \u00bbWas soll das?! Sagen Sie mir einfach, was ich tun soll!\u00ab).<br \/>\nDiese knappen, treffenden Dialoge, die hervorragenden Schauspieler und die Details in der Bildf\u00fchrung \u2013 etwa wenn die Kamera Rolands musternden Blick durch die Wohnung folgt, so als ob er sie das erste Mal bewusst sieht \u2013 machen den Film weitaus interessanter als so manch andere derzeit hochgelobte deutsche Filmproduktion. Allein, den etwas zu dick aufgetragenen Schluss h\u00e4tte der Regisseur sich sparen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6808\">Sozialismus 4\/2007<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbDie Franzosen haben uns geschluckt, ich bin arbeitslos\u00ab \u2013 mit diesen Worten er\u00f6ffnet der Risikomanager Roland Spatz (Ulrich Noethen) seiner sich die Langeweile mit einer Galerie vertreibenden Frau Sybille (Katja Riemann) und seinen S\u00f6hnen Charles und Linus eine unverhofft neue &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=285\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-285","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-filmkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=285"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}