{"id":289,"date":"2007-07-01T19:30:49","date_gmt":"2007-07-01T17:30:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=289"},"modified":"2007-07-01T19:30:49","modified_gmt":"2007-07-01T17:30:49","slug":"filmkritik-full-metal-village","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=289","title":{"rendered":"Filmkritik: Full Metal Village"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Ein bekanntes Loblied \u00fcber die Errungenschaften der Bourgeoisie hebt unter anderem hervor, dass sie enorme St\u00e4dte geschaffen und \u201eso einen bedeutenden Teil der Bev\u00f6lkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen\u201c habe. Wer will, kann diesen Idiotismus anderthalb Jahrhunderte sp\u00e4ter in dem Dokumentarfilm \u201eFull Metal Village\u201c von Sung-Hyung Cho erkennen: In dem schleswig-holsteinischen Dorf Wacken, bekannt durch sein j\u00e4hrliches Open Air, zu dem Metal-Fans aus aller Welt anreisen.<!--more--><br \/>\nDer erste Teil des Films unternimmt kursorische filmisch-ethnologische Erkundungen, indem die Regisseurin teils mit Mitteln des klassischen Dokumentarfilms teils in Interviewform ein paar Dorfbewohner bei ihren allt\u00e4glichen Besch\u00e4ftigungen begleitet bzw. sie zu Themen wie Ehe, Liebe Partnerschaft, Landwirtschaft befragt. Dabei n\u00e4hert sich Cho ihrem Sujet naiv-neugierig. Niemals entsteht der Eindruck, dass hier die Best\u00e4tigung von Klischeebildern die Absicht ist. Das w\u00e4re einfach zu haben gewesen. Denn die unvoreingenommene Aufzeichnung der Bilder t\u00e4uscht nicht dar\u00fcber hinweg, dass Klischees im Allgemeinen und \u00fcber das Landleben im Besonderen ihre reale Ursache haben. Diese werden auch in dem Film hinter der grundsympathischen Darstellung der Personen offenbar: Religiosit\u00e4t, Enge, kulturelles Hinterw\u00e4ldlerturm, das Fluchtmotiv, Idylle und auch Rassismus (freilich beileibe kein l\u00e4ndliches Problem). Da ist der Bauer Tede mit der sprichw\u00f6rtlichen Bauernschl\u00e4ue und einem unverkrampft-derben Humor. Sein Leitspruch lautet: Man muss auf das Geld zugehen, und ihm nicht hinterherlaufen. Damit hat er Erfolg. Die Idee, seine Nebeneink\u00fcnfte mit einer Biogasanlage aufzubessern \u2013 anfangs nur bel\u00e4chelt \u2013 hat sich bew\u00e4hrt. Auch den zeitweiligen Vorz\u00fcgen des Finanzmarkt-Kapitalismus wei\u00df er sich zu bedienen. Seine B\u00f6rsengesch\u00e4fte laufen recht gut, so kann er abends in der Dorfschenke regelm\u00e4\u00dfig einen ausgeben. Auf die Frage, wie es mit seiner Ehe so laufe, antwortet er: Gut, er habe n\u00e4mlich ein oder zwei Freundinnen, so k\u00f6nne er seine Frau in dem schon fortgeschrittenen Alter schonen. Bauer Plede hat diesen Ehrgeiz nicht. W\u00e4hrend er darauf wartet, dass die Milch aufgew\u00e4rmt wird, raucht er eine, und schaut, was die Nachbarn so machen oder eben auch nicht. Sein Kommentar: So macht Landwirtschaft Spa\u00df.<br \/>\nDie 16j\u00e4hrige Katrin bringt das Fluchtmotiv zum Ausdruck \u2013 wenn auch verhalten und gut \u00fcberlegt. Gern w\u00fcrde sie mal weg, in den S\u00fcden, zum Beispiel nach Bayern. Ihre Model-Ambitionen sch\u00e4tzt sie n\u00fcchtern ein. Besser ist es, was zu lernen. Die Religiosit\u00e4t ihrer aus Ostpreu\u00dfen vertriebenen Oma findet sie krank. Da sei es doch normaler, sich schwarz anzuziehen und auf das Metal-Festival zu gehen, wovon die Oma wiederum sagt, dass das Satanisten seien. Die Oma erz\u00e4hlt viel von ihrer Flucht, was das Interesse ihrer Enkelin an der Geschichte des Nationalsozialismus geweckt hat. Ihr Traum ist es, einmal eine Stunde des Dritten Reiches zu erleben.<br \/>\nFamilienvater Norbert, Mitinitiator des Festivals, doch dann wegen Familie ausgestiegen, ist bereits seit drei Jahren arbeitslos. Auf eine Umschulung \u2013 \u201eirgendwas mit Computer\u201c \u2013 will er sich nicht einlassen. Vielmehr hofft er darauf, dass die Polen und Wei\u00dfrussen verschwinden und er wieder als Zimmermann arbeiten kann. Das erz\u00e4hlt er v\u00f6llig unbefangen mit einer sympathischen Art. Das macht die produktiven Widerspr\u00fcche dieses bemerkenswerten Dokumentarfilms aus.<br \/>\nDer zweite Teil widmet sich dem schon in Gespr\u00e4chen angedeuteten Thema: das Wacken-Open Air. Dokumentiert werden die Vorbereitungen dieses j\u00e4hrlich mit 40.000 G\u00e4sten stattfindenden Mega-Events und dieses selbst. Die komplette Dorfbev\u00f6lkerung Wackens packt mit an, als Ordner, Thekenkr\u00e4fte und danach als M\u00fcllsammler. Doch auch das gemeinsame Feiern findet statt. Der \u00f6rtliche Spielmannzug unterh\u00e4lt n\u00e4mlich nicht nur die \u00e4lteren Dorfbewohner, sondern bringt auch die Headbanger zum Tanzen. Es zeigt sich, dass die Metalfans den Dorfbewohnern nur scheinbar so gegens\u00e4tzlich sind. Beide sind aufeinander angewiesen: In der gemeinsamen Durchf\u00fchrung des Festivals wird die Identit\u00e4t des Dorfes konserviert, die wiederum den Musikfans ihren Ausbruch aus dem Alltag sichert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6814\">Sozialismus 7-8\/2007<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein bekanntes Loblied \u00fcber die Errungenschaften der Bourgeoisie hebt unter anderem hervor, dass sie enorme St\u00e4dte geschaffen und \u201eso einen bedeutenden Teil der Bev\u00f6lkerung dem Idiotismus des Landlebens entrissen\u201c habe. 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