{"id":292,"date":"2008-11-01T19:39:36","date_gmt":"2008-11-01T17:39:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=292"},"modified":"2008-11-01T19:39:36","modified_gmt":"2008-11-01T17:39:36","slug":"filmkritik-lornas-schweigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=292","title":{"rendered":"Filmkritik: Lornas Schweigen"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Gleich die erste Szene, in der eine Hand ein B\u00fcndel Geldschein z\u00e4hlt, bringt auf den Punkt, worum es in dem neuesten Film der belgischen Br\u00fcder Jean-Pierre und Luc Dardenne geht: der Preis eines Menschen bzw. des zu ihm geh\u00f6rigen Passes. Insofern k\u00f6nnten Brechts Zeilen aus dem Song von der Ware aus dem St\u00fcck &#8222;Die Ma\u00dfnahme&#8220; das Leitmotiv des Filmes sein: \u201eWas ist eigentlich ein Mensch? \/ Wei\u00df ich, was ein Mensch ist? \/ Wei\u00df ich, wer das wei\u00df? \/ Ich wei\u00df nicht, was ein Mensch ist \/ Ich kenne nur seinen Preis.\u201c<!--more--> Und Geldb\u00fcndel, in denen der Preis eines Menschen oder seines Passes ausgedr\u00fcckt wird, der \u00fcber den Zugang zu etwas mehr \u201eWohlstand\u201c entscheidet, werden in dem Film noch oft gez\u00e4hlt. Denn es geht um kaufen, um teurer wieder zu verkaufen. Diejenige, die zun\u00e4chst von dem in die Menschenh\u00e4ndlerriege aufsteigenden Taxifahrer Fabio gekauft wird, ist die Lorna \u2013 eine aus Albanien nach Belgien geflohene junge Frau, die sich nichts sehnlicher w\u00fcnscht, als Belgierin zu werden und mit ihrem sich als moderner illegaler Wanderarbeiter verdingenden Freund eine Snackbar aufzumachen. Um an den belgischen Pass zu kommen, vermittelt Fabio eine Scheinehe mit dem Junkie Claudy. Doch von Anfang an ist geplant, diesen \u2013 \u201eEr ist doch nur ein Junkie\u201c \u2013 an einer \u00dcberdosis sterben zu lassen, um die Witwe Lorna an einen Russen weiterzuvermitteln, der seinerseits in Besitz der belgischen Staatsb\u00fcrgerschaft kommen m\u00f6chte. Zun\u00e4chst h\u00e4lt sich Lorna an diesen Plan, schlie\u00dflich profitiert auch sie davon. Claudy, der sie immer wieder um Hilfe bei seinen vergeblichen Entzugsversuchen anfleht, h\u00e4lt sie emotional wie r\u00e4umlich auf Distanz. Claudy ist so tats\u00e4chlich nur ein Mittel zum Zweck. Doch als einer seiner Versuche, von der Droge loszukommen, gelingt, zeigt sich, dass er nicht in Tausch\u00e4quivalenten denkt bzw. nicht auf Geld aus ist. Lorna f\u00e4ngt an, ihn als Menschen zu sehen. Sie f\u00e4ngt an, ihn zu lieben. Die Liebe sprengt das Prinzip des \u00c4quivalententausches. Sie bringt den Plan von Fabio, von Sokal (und auch von Lorna) in Gefahr. Nunmehr wehrt sie sich gegen die Absicht, Claudy sterben zu lassen. Sie f\u00fcgt sich selbst Verletzungen zu, um den Anschein zu erwecken, sie werde von ihrem \u201egewaltt\u00e4tigen\u201c Mann geschlagen. Ein triftiger Scheidungsgrund. Doch zu einer Scheidung kommt es nicht. Denn Fabio vollstreckt seinen Plan, Claudy durch eine \u00dcberdosis umzubringen. Doch damit nicht genug: Nun meint auch noch Lorna, von Claudy schwanger zu sein. Mit einer schwangeren Frau ist aber kein Geld mit dem Russen zu machen, der evtl. Unterhaltszahlungen f\u00fcrchtet. Lorna soll also abtreiben. Allerdings stellt sich heraus, dass sie gar nicht schwanger ist. Der Deal ist jedoch schon geplatzt, die gerade angepachtete Snackbar muss wieder zur\u00fcckgegeben werden. Lorna realisiert, dass es auch Sokal nur um Geld ging: \u201eEs ging Dir nur darum, wie viel Du eingezahlt hast, und nicht um mich&#8220;. Die letzten Szenen zeigen Lorna, wie sie wie im Wahn mit dem nicht vorhandenen Kind redend \u2013 \u201eIch habe deinen Vater sterben lassen. Ich werde dich nie sterben lasen\u201c \u2013 vor Fabios Gehilfen fl\u00fcchtend, sich in einer Waldh\u00fctte verschanzt. Die ehemaligen Dokumentarfilmer Jean-Pierre und Luc Dardenne f\u00fchren mit Lornas Schweigen fort, was sie mit mehrfach ausgezeichneten Filmen wie u.a. Rosetta und Das Kind begonnen haben: ein konzentrierter Blick auf die R\u00e4nder der europ\u00e4ischen Gesellschaften mit ihren Fl\u00fcchtlingen, Kleinkriminellen, Arbeitern. Dabei sparen sie auch die Darstellung der allt\u00e4glichen (Lohn)arbeitsm\u00fche ihrer Protagonisten nicht aus. Dabei ber\u00fchren sie sich dem Kino des finnischen Sonderlings Aki Kaurism\u00e4ki. All das wird gezeigt mit den Mitteln des \u201earmen Kinos\u201c. Also Hand- und Digitalkameras, lange Einstellungen, keine Musik. Die Dardennes richten nicht \u00fcber ihre Figuren, sie zeigen sie noch nicht einmal mit Antipathie, obwohl sie f\u00fcr sich genommen, unmenschliche Dinge tun. So zum Beispiel der Verkauf des eigenen Babys in \u201eDas Kind\u201c. Doch die Dardennes brechen auch nicht den Stab \u00fcber die Verh\u00e4ltnisse, die die Menschen dazu zwingen zu tun, was sie tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=6785\">Sozialismus 11\/2008<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gleich die erste Szene, in der eine Hand ein B\u00fcndel Geldschein z\u00e4hlt, bringt auf den Punkt, worum es in dem neuesten Film der belgischen Br\u00fcder Jean-Pierre und Luc Dardenne geht: der Preis eines Menschen bzw. des zu ihm geh\u00f6rigen Passes. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=292\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-292","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-filmkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/292","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=292"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/292\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=292"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=292"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=292"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}