{"id":294,"date":"2009-02-01T19:42:19","date_gmt":"2009-02-01T17:42:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=294"},"modified":"2009-02-01T19:42:19","modified_gmt":"2009-02-01T17:42:19","slug":"filmkritik-operation-walkure","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=294","title":{"rendered":"Filmkritik: Operation Walk\u00fcre"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Wieder ein neuer Film \u00fcber Stauffenberg und den 20. Juli \u2013 warum denn das? Es gibt doch bereits mehr als ein halbes Dutzend; der letzte erschien 2004. Bislang jedoch hatte sich Hollywood des Stoffes noch nicht angenommen. Eine kulturindustrielle Verarbeitung des Themas indes verspricht, eine Menge Geld in die Kassen zu sp\u00fclen \u2013 keine falsche Versprechung: In den USA hat der Film von Bryan Singer bereits die Produktionskosten von 80 Millionen Dollar eingespielt.<!--more--><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun produziert Hollywood viel Schrott des immer gleichen Musters, mal weniger und mal mehr gute Filme \u2013 und gelegentlich sogar hervorragende. &#8222;Operation Walk\u00fcre&#8220; ist hervorragend \u2013 abgesehen von wenigen kitschigen Momenten und historischen Fehlern. Allerdings gibt es Szenen, die als exzellente Verfilmungen wissenschaftlicher Thesen \u00fcber den NS-Faschismus gelten k\u00f6nnen. Wer zum Beispiel plastisch sehen will, was es mit den Thesen vom &#8222;schwachen Diktator&#8220; (Hans Mommsen) oder &#8222;dem F\u00fchrer entgegen arbeiten&#8220; (Ian Kershaw) auf sich hat, der wird in der Berghof-Szene von Operation Walk\u00fcre f\u00fcndig \u2013 ungeachtet der Tatsache, dass diese historisch falsch dargestellt ist. Stauffenberg legt Hitler die in seinem Sinne manipulierten Walk\u00fcre-Pl\u00e4ne vor, die dieser auch unterzeichnet. Hitler wirkt in dieser Szene, umgeben von seinen engsten F\u00fchrungsriegen, die in Konkurrenz zueinander um Einfluss auf ihn ringen, tats\u00e4chlich schwach, sogar ein wenig trottelig. Er ist lediglich an dem radikalen Endziel interessiert, die Details der Umsetzung interessieren ihn weniger. Gleichzeitig bildet er mit seiner Autorit\u00e4t die Klammer, die das polykratische Gef\u00fcge zusammenh\u00e4lt. Auch das illustriert der Film in mehreren Szenen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Innersystemische Opposition<\/strong><br \/>\nWir schreiben das Jahr 2009: Im Gegensatz zu den 1970er Jahren, wo nur die H\u00e4lfte der Bundesb\u00fcrger \u00fcber den 20. Juli Bescheid wusste (und noch ein F\u00fcnftel diesen f\u00fcr Verrat hielt), sollten mittlerweile mehr Kenntnisse vorhanden sein. Daher sei an dieser Stelle die erinnerungs- und geschichtspolitische Dimension behandelt; also die Frage, wie Geschichte f\u00fcr gegenw\u00e4rtige politische Zwecke instrumentalisiert werden kann. &#8222;Operation Walk\u00fcre&#8220; transportiert, indem es den &#8222;Helden&#8220; Stauffenberg in den Fokus stellt, ein personalisiertes und emotionalisiertes Geschichtsbild, welches blind ist f\u00fcr gesellschaftliche Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse. Ausgeblendet bleibt, warum wenige Milit\u00e4rs und nationalkonservative B\u00fcrgerliche erst sehr sp\u00e4t gegen das Naziregime Widerstand entwickelten. Und nat\u00fcrlich erf\u00e4hrt der Zuschauer nicht, dass ohne diese Kr\u00e4fte Hitler nie an die Macht gekommen w\u00e4re und sie den Vernichtungskrieg im Osten und die antisemitischen Ma\u00dfnahmen lange unterst\u00fctzten und den Antisemitismus dann auch nicht per se ablehnten, sondern sich f\u00fcr eine gem\u00e4\u00dfigtere Variante aussprachen.[1] Gerade auch zentrale Figuren des 20. Juli wie Henning von Tresckow, dessen Worte gerne von bundesdeutschen Politikern zitiert werden, oder der als Reichspr\u00e4sident vorgesehene Ludwig Beck, der den Hochr\u00fcstungskurs der Nazis aktiv vorangetrieben hatte und dessen Bruch mit Hitler erfolgte, weil er einen Kriegsbeginn erst f\u00fcr 1942 f\u00fcr angemessen hielt, waren an diesen Verbrechen beteiligt. Der Umsturzplan des 20. Juli war insofern vielmehr innersystemische Opposition denn antifaschistischer Widerstand; er war autorit\u00e4ren obrigkeitsstaatlichen Leitbildern verpflichtet und sogar bestrebt, eroberte Gebiete zu behalten (so der Goerdeler-Kaiser-Leuschner-Kreis). Dessen ungeachtet h\u00e4tte ein erfolgreiches Attentat Millionen von Menschen das Leben gerettet. Und gleichwohl war einigen Beteiligten des 20. Juli bewusst, dass sie auf die Unterst\u00fctzung aus dem Volk angewiesen waren. In &#8222;Operation Walk\u00fcre&#8220; wird dies nur angedeutet, was zu Recht etwa vom Historiker Peter Steinbach kritisiert wird. So etwa in der Szene, in der Stauffenberg im Angesicht des vermeintlich gegl\u00fcckten Putsches seine Verwunderung gegen\u00fcber Generaloberst Ludwig Beck zum Ausdruck bringt: &#8222;Warum tragen sie keine Uniform, Herr Oberst?&#8220; Worauf dieser entgegnet: &#8222;Dies soll als eine Bewegung des Volkes verstanden werden.&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Selbstredend erf\u00e4hrt der Sch\u00fcler aus Iowa, der nun \u2013 wie FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher mit Freude schreibt \u2013 wei\u00df, dass es einen Widerstand gegen Hitler gab, nichts \u00fcber den Kreisauer Kreis innerhalb des 20. Juli, der wiederum Kontakte zu Vertretern aus Gewerkschaften und den Arbeiterparteien hatte und f\u00fcr eine demokratische Alternative eintrat. Jene Kreise also, f\u00fcr die in der Tat der Begriff antifaschistischer Widerstand gelten kann, da sie von Anfang an Widerstand leisteten und ihre Zahl weit h\u00f6her war. Schirrmachers Argument, wonach sich die &#8222;umst\u00e4ndliche Struktur der Verschw\u00f6rung&#8220; daraus erkl\u00e4re, &#8222;dass die Beteiligten wussten, dass sie auf R\u00fcckhalt in der Bev\u00f6lkerung nicht vertrauen konnten&#8220;, unterschl\u00e4gt diese Tatsache nicht nur, es suggeriert gleichzeitig, dass Widerstand nur von Milit\u00e4rs und B\u00fcrgerlichen geleistet worden sei. Die Massen hingegen gelten \u2013 dies ist ein uraltes konservatives Ressentiment \u2013 als nicht vertrauensw\u00fcrdig. Nat\u00fcrlich sollte man nicht in das andere Extrem verfallen und den Massen im Umkehrschluss per se eine fortschrittliche Rolle zusprechen, denn der deutsche Faschismus verf\u00fcgte in der Tat \u2013 und das untersch\u00e4tzt zu haben, m\u00fcssen sich bestimmte Str\u00f6mungen marxistischer Faschismustheorie gewiss vorwerfen lassen \u2013 \u00fcber eine erhebliche Massenbasis.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Von deutschen Opfern zu deutschen Helden<\/strong><br \/>\nDer Film erf\u00e4hrt infolgedessen in b\u00fcrgerlichen und konservativen Kreisen gro\u00dfes Lob. Exemplarisch \u2013 und wie stets \u00fcberspitzt \u2013 hat dies Schirrmacher bereits w\u00e4hrend der Dreharbeiten formuliert: Dieser Film werde auf Jahrzehnte das Bild Deutschlands im Ausland pr\u00e4gen. Und f\u00fcr die breiten Massen formulierte BILD: &#8222;Ein Film f\u00fcr die ganze Familie \u00fcber Mut, Ehre, Anstand und einen deutschen Helden, der f\u00fcr seine Kinder starb.&#8220; Aus beidem spricht das gequ\u00e4lte patriotische Gewissen, dass die wenigsten ihrer nationalen Vertreter angesichts von Holocaust und Vernichtungskrieg ihren Anstand so sp\u00e4t entdeckten. Nun sind sie froh dar\u00fcber, dass Millionen Kinobesucher weltweit mit den guten ehrenhaften Deutschen in Wehrmachtsuniform mitfiebern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gleichwohl: Der typischere Charakterzug des Deutschen kommt weniger in der Gestalt Stauffenbergs denn in der Figur Friedrich Fromms, des Befehlshabers des Ersatzheeres und einigen anderen Figuren zum Ausdruck: Es ist Opportunismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Diese Rezeption des ehrenhaften Deutschen f\u00fcgt sich somit ein in die von Albrecht von Lucke konstatierte so genannte neue B\u00fcrgerlichkeit, die angesichts der unbezweifelbaren Verstrickung des deutschen B\u00fcrgertums mit dem Hitlerfaschismus bestrebt ist, durch die Konstruktion einer antib\u00fcrgerlichen Bewegungsthese eine Exkulpation des B\u00fcrgertums anzustreben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">So wurde zum Beispiel die Autobiografie des konservativen b\u00fcrgerlichen Historikers und Journalisten Joachim Fest mit dem programmatischen Titel &#8222;Ich nicht. Erinnerungen an Kindheit und Jugend&#8220; ebenfalls nach diesem Muster rezipiert. Der B\u00fcrger Fest machte nicht gemeinsame Sache mit den Nazis, w\u00e4hrend um ihn herum die Massen den Nazis zujubelten. Und selbst der junge G\u00fcnter Grass meldete sich aufgrund des angeblich antib\u00fcrgerlichen Charakters der NS-Bewegung freiwillig zur Waffen-SS. Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Die NS-Bewegung hatte der Form nach einen antib\u00fcrgerlichen Charakter, gleichzeitig verb\u00fcndete sie sich jedoch mit dem B\u00fcrgertum und vertrat (auch) ihre Interessen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">&#8222;Operation Walk\u00fcre&#8220; markiert offenbar eine neue Phase medialer Erinnerungskultur: Vor 30 Jahren musste die vierteilige Serie &#8222;Holocaust&#8220; den Deutschen ihr beispielloses Verbrechen ins Bewusstsein rufen. Dort ist es nun fest verankert \u2013 zumal in den Sonntagsreden der sprechenden und redenden Elite. Man bekennt sich dazu und verweist im gleichen Satz darauf, wie gut man dieses Geschehen aufgearbeitet habe, wenngleich ein nicht unerheblicher Teil der schweigenden Mehrheit dies ein wenig anders sieht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Als 1999 mit der Beteiligung am Jugoslawienkrieg das letzte Tabu der Nachkriegsgeschichte fiel \u2013 das Verbot, Kriege zu f\u00fchren \u2013, setzte eine neue Phase ein: Die Erinnerung der deutschen Opfer, von der Neuen Z\u00fcrcher Zeitung als mentaler Status quo der Berliner Republik bezeichnet. Ausgel\u00f6st durch G\u00fcnter Grass\u2019 Novelle &#8222;Im Krebsgang&#8220; fand dieser Abschnitt seine Fortsetzung zum Beispiel in dem Buch &#8222;Der Brand&#8220; von J\u00f6rg Friedrich \u00fcber die Bombenangriffe der Alliierten auf Dresden sowie allgemein in den Diskussionen \u00fcber Flucht und Vertreibung und erreichte seinen H\u00f6hepunkt in dem Fernsehfilm &#8222;Die Flucht&#8220;. 13,5 Millionen Zuschauer sahen diesen Zweiteiler \u2013 die erfolgreichste Produktion der ARD seit zehn Jahren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nun scheint es also soweit zu sein, dass man sich der deutschen &#8222;Helden&#8220; erinnern kann. Den Beginn macht Stauffenberg und demn\u00e4chst schon l\u00e4uft der Film mit dem programmatischen Titel &#8222;Der gute Deutsche von Nanking&#8220; an. In diesem rettet ein NSDAP-Mitglied und Hitlerverehrer tausende von Menschenleben bei einem japanischen Angriff.<br \/>\nZu hoffen ist nur, dass die deutsche Bourgeoisie lernf\u00e4hig ist und ihr Gewissen bei der n\u00e4chsten Pr\u00fcfung ein wenig fr\u00fcher entdeckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Anmerkungen<\/strong><br \/>\n[1] Vgl. Karl Heinz Roth, Der 20. Juli und seine Vorgeschichte, in ders.\/Angelika Ebbinghaus (Hrsg.), Rote Kapellen \u2013 Kreisauer Kreise \u2013 Schwarze Kapellen. Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945, Hamburg, 2004, S. 64.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2009\/heft_nr_2_februar_2009\/detail\/artikel\/filmkritik-operation-walkuere-1\/\">Sozialismus 2\/2009<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wieder ein neuer Film \u00fcber Stauffenberg und den 20. Juli \u2013 warum denn das? 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