{"id":296,"date":"2007-02-01T19:47:40","date_gmt":"2007-02-01T17:47:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=296"},"modified":"2007-02-01T19:47:40","modified_gmt":"2007-02-01T17:47:40","slug":"filmkritik-princesas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=296","title":{"rendered":"Filmkritik: Princesas"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">B\u00fcrgerliche Demokratien schlossen stets \u2013 wie unl\u00e4ngst erneut Luciano Canfora in seiner kurzen Geschichte der Demokratie ausf\u00fchrte \u2013 einen Gro\u00dfteil von Menschen aus, indem ihnen der B\u00fcrgerstatus und damit das Wahlrecht verwehrt wurde, von sozialer Gleichheit gar nicht zu reden. Heute schottet sich die Festung Europa gegen\u00fcber den MigrantInnen ab und verweigert denen, die es dennoch geschafft haben, ein Aufenthaltsrecht. Die derart Illegalisierten sind somit gezwungen, ihren Lebensunterhalt in der Schatten\u00f6konomie zu verdienen \u2013 Frauen oftmals auf dem Sexmarkt.\u00a0<!--more--><br \/>\nIn dem neuen Film des Spaniers Fernando Le\u00f3n de Aranoa, bekannt durch seinen Arbeitslosenstreifen \u201eMontags in der Sonne\u201c wird das Schicksal einer dieser Prostituierten gezeigt. Zulema aus der Dominikanischen Republik ist nach Madrid gekommen, um als Hure Geld f\u00fcr ihre Familie, insbesondere f\u00fcr ihren f\u00fcnfj\u00e4hrigen Sohn, zu verdienen. Da sie keine Papiere hat, klammert sie sich an jedes Versprechen, das ihr eben diese in Aussicht stellt. Das macht sie anf\u00e4llig f\u00fcr Dem\u00fctigungen skrupelloser Freier. Nachdem sie das erste Mal von einem verpr\u00fcgelt wurde, wird ihr von Caye \u2013 ebenfalls eine Prostituierte, allerdings aus besserem spanischen Haus \u2013 geholfen. Es entwickelt sich eine Freundschaft. Nicht selbstverst\u00e4ndlich, da im Kreise ihrer Kolleginnen m\u00e4chtig \u00fcber die Konkurrenz aus den s\u00fcdlichen L\u00e4ndern, die es zu Dumpingpreisen machen, hergezogen wird. Eine Szene, die die Schnittmenge von Neoliberalismus und Rassismus veranschaulicht: Als einer Hure, die rassistische Stereotype zum Besten gibt, vorgeworfen wird, dass sei doch rassistisch, erwidert diese schlicht, nein, das seien die Gesetze des Marktes. Es gibt zu viel Angebot \u2013 und das, seitdem die Illegalen aufgetaucht seien.<br \/>\nDie vertraulichen Gespr\u00e4che der beiden Freundinnen \u2013 die zu den besten Szenen de Films geh\u00f6ren \u2013 zeigen, dass beide im Prinzip dasselbe ersehen: Gl\u00fcck in Form einer festen Beziehung und\/oder einer Familie. Doch verwehrt wird es ihnen aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden. W\u00e4hrend Zulmela zun\u00e4chst aufgrund schn\u00f6der \u00f6konomischer Gr\u00fcnde an der R\u00fcckkehr zu ihrer Familie gehindert wird, liegt die Ursache f\u00fcr Caye offenbar in der b\u00fcrgerlichen Fassade ihrer Familie begr\u00fcndet, hinter der sich tiefe Konflikte mit ihrer Mutter und ihrem verstorbenen Vater verbergen. Eine Andeutung des Regisseurs auf das katholisch-patriarchale Milieu Spaniens, in der Frauen bis vor nicht allzu langer Zeit nicht einmal ein Bankkonto er\u00f6ffnen durften. In Grunde geht es Caye somit emotional noch schlechter als ihrer st\u00e4ndig von Abschiebung bedrohten und erpressbaren Freundin. Im Gegensatz zu ihr kann sie sich nicht wirklich nach etwas sehnen, da sie noch nie etwas wirklich Sch\u00f6nes erlebt hat. Damit korrespondieren die unterschiedlichen Motivationen ihres Gelderwerbs: Cayes Ziel ist es, Geld f\u00fcr eine Brustvergr\u00f6\u00dferung zu sparen, mit der sie sich eine erh\u00f6hte Attraktivit\u00e4t bei ihren Freiern und damit wiederum mehr Geldeinnahmen erhofft. Zumela geht anschaffen, um ihre R\u00fcckreise zu ihrer Familie zu finanzieren. Die Beziehung der beiden inmitten der trostlosen im Stile des Dokumentarfilms eingefangenen Umgebung Madrids vermag ihnen zwar Momente des Gl\u00fccks bescheren, doch sind diese nicht frei von einer kulturindustriellen Vermittlung \u2013 so etwa die Shopping-Touren. Die zaghaften Anf\u00e4nge einer Beziehung werden immer wieder durch die Vermischung von Job und Privatem gest\u00f6rt. Zum Schluss des Filmes fliegt Zumela dank des urspr\u00fcnglich f\u00fcr die Brust-OP gedachte Geldes ihrer Freundin zur\u00fcck in die Dominikanische Republik. Cayes Befreiungsversuch hingegen ist subtiler: Sie bittet ihre Mutter, den Anruf eines Freiers entgegenzunehmen, um so die Doppelmoral in ihrer Familie zu durchbrechen.<br \/>\nFernando Le\u00f3n de Aranoa hat einen sozial-realistischen Film gedreht, der gegen die Ausbeutung von Immigrantinnen aus den armen L\u00e4ndern des S\u00fcdens in den Metropolen der westlichen Demokratien Stellung bezieht. Auswege oder tiefere Erkl\u00e4rungen bietet er nicht an, doch auch die moralische Stellungnahme gegen den Sexmarkt als Billigkopie der gesellschaftlichen Praxis der neoliberal-kapitalistischen Gesellschaften, die keine wahre Gleichheit vorsehen, ist f\u00fcr das heutige Kino ja schon einiges \u2013 zumal wenn es filmisch so souver\u00e4n umgesetzt ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/archiv\/sozialismus\/2007\/heft_nr_2_februar_2007\/\">Sozialismus 2\/2007<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>B\u00fcrgerliche Demokratien schlossen stets \u2013 wie unl\u00e4ngst erneut Luciano Canfora in seiner kurzen Geschichte der Demokratie ausf\u00fchrte \u2013 einen Gro\u00dfteil von Menschen aus, indem ihnen der B\u00fcrgerstatus und damit das Wahlrecht verwehrt wurde, von sozialer Gleichheit gar nicht zu reden. &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=296\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[6],"tags":[],"class_list":["post-296","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-filmkritiken"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=296"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/296\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=296"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=296"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}