{"id":311,"date":"2010-06-24T21:00:40","date_gmt":"2010-06-24T19:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=311"},"modified":"2012-12-23T19:37:17","modified_gmt":"2012-12-23T18:37:17","slug":"empirischer-kurzschluss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=311","title":{"rendered":"Empirischer Kurzschluss"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die antideutsche Kontinuit\u00e4tsthese ist Unfug. Die Kritik des deutschen Nationalismus und WM-Patriotismus allerdings weiterhin notwendig.<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Unl\u00e4ngst gab Aram Lintzel in seinem Text \u00bbEmpirischer St\u00f6rfall\u00ab (taz, 8.6.2010) bekannt, dass er schon jetzt genervt sei von der Paranoia alarmierter Kokommentatoren, die aus dem Torgegr\u00f6le den Prolog zum Pogrom heraush\u00f6ren. Mit Kokommentatoren meint er die sogenannten Antideutschen, deren Resonanzboden sich zur Fu\u00dfball-WM erh\u00f6hen werde. Denn hinter der schwarz-rot-goldenen Bildsprache lauere mindestens Nationalismus, wenn nicht Faschismus.<!--more--> Lintzel kritisiert zu Recht die ungebrochene Kontinuit\u00e4tsthese der Antideutschen, die umstandslos suggeriert, die deutsche Volksgemeinschaft habe sich auch sechs Jahrzehnte nach dem Untergang des Nazifaschismus kaum ge\u00e4ndert. Und ebenso zutreffend ist seine Feststellung, dass den Antideutschen vorgeworfen werde, dass sie ex negativo genau jene identit\u00e4re Zwangslogik fortschreibt, welche Gegenstand ihrer antifaschistischen Kritik sei. Indes: Lintzel sch\u00fcttet das Kind mit dem Bade aus: Die antideutsche Kontinuit\u00e4tshypothese sieht er durch einen \u00bbempirischen St\u00f6rfall\u00ab widerlegt \u2013 einen \u00bbempirischen St\u00f6rfall\u00ab aus seiner ganz pers\u00f6nlichen Beobachtung: eine Gruppe schwarz-rot-gold geschminkter Israelis, die nach einem Spiel der deutschen Nationalelf w\u00e4hrend der WM 2006 am Brandenburger Tor feierten. Diese Israelis waren n\u00e4mlich \u00bbjene amtlichen Zionisten\u00ab, mit denen Antideutsche sich bedingungslos solidarisch erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Doch schieben wir die pers\u00f6nlichen Beobachtungen beiseite und begeben uns auf das empirische Feld. Was sagen empirische Forschungsprojekte \u00fcber die Verbreitung von nationalistischen und patriotischen Einstellungsmustern aus? Ist infolge des Party-Patriotismus w\u00e4hrend der WM 2006 ein Anstieg dieser Einstellungen zu beobachten? Und gibt es einen Zusammenhang von Nationalismus\/Patriotismus, der Abwertung von Fremden und rassistischen Einstellungen? Wilhelm Heitmeyers Langzeitforschungsprojekt \u00bbDeutsche Zust\u00e4nde\u00ab ist in seiner Folge 5 (2007) u.a. genau diesen Fragen nachgegangen, rezipiert wurden diese Ergebnisse indessen kaum. Kein Wunder: Denn die Resultate widersprechen jenen, die dem unverkrampften Verh\u00e4ltnis der Deutschen zu ihren Nationalflaggen und einem \u00bbgesunden Umgang mit der eigenen Nation\u00ab das Wort reden. So stellen die Autoren des Beitrages \u00bbNationalismus und Patriotismus als Ursache von Fremdenfeindlichkeit\u00ab fest, dass die WM einen positiven Effekt auf beide Formen nationaler Bindung, Patriotismus und Nationalismus, gehabt habe: Die nationalistische Variante sei angestiegen, w\u00e4hrend die patriotische leicht abgefallen sei. Die Vermutung, dass es sich bei der nationalistischen Bindung infolge der WM um eine offene und tolerante Form der Identifikation mit dem eigenen Land handele, verneinen die Autoren. \u00bbDer Zusammenhang von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit bleibt relativ stabil.\u00ab Das unterstreicht auch die Studie \u00bbNation und Exklusion\u00ab (2008) von Klaus Ahlheim und Bardo Heger: Die Zustimmungswerte zu der Aussage \u00bbIch bin ziemlich oder sehr stolz, ein Deutscher zu sein\u00ab sind von 1996 bis 2006 von 63 auf 73% gestiegen, und schon im Ansatz gingen sie mit der Ausgrenzung und Abwehr der nicht Dazugeh\u00f6rigen, der Fremden einher. Die \u00bbDeutschen Zust\u00e4nde\u00ab-Forscher zeigen \u00fcberdies, dass der vermeintliche Patriotismus, der sich im Gegensatz zum Nationalismus nicht durch einen Stolz auf die Nation an sich, sondern vielmehr durch seine demokratischen Traditionen und den Wohlfahrtsstaat auszeichne, dennoch eine problematische Komponente aufweist. Patriotismus umfasse n\u00e4mlich neben der Verfassungspatriotismus-Komponente auch die Bindung an das eigene Land, und gerade bei den Westdeutschen f\u00f6rdere dies die Ablehnung von Fremden. Insofern sei nicht viel von der These zu halten, Patriotismus, verstanden als Wertsch\u00e4tzung von Demokratie und sozialen Werten, mindere die Verbreitung fremdenfeindlicher Einstellungen. Das tun diese Elemente an sich, mit der Bindung an das eigene Land hat das aber nichts zu tun.<\/p>\n<p>So haltlos infolgedessen die These einer bruchlosen Fortsetzung der deutschen Volksgemeinschaft in der Bundesrepublik ist, so falsch ist auch die Annahme, dass insbesondere der WM-Patriotismus harmlos ist. Im Gegenteil: Nationalistisches Denken ist in Deutschland weit verbreitet und geht mit rassistischen Abwertungen einher. Auf die Dialektik von Kontinuit\u00e4t und Bruch kommt es mithin an.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die antideutsche Kontinuit\u00e4tsthese ist Unfug. 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