{"id":319,"date":"2008-06-01T21:15:07","date_gmt":"2008-06-01T19:15:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=319"},"modified":"2008-06-01T21:15:07","modified_gmt":"2008-06-01T19:15:07","slug":"319","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=319","title":{"rendered":"Schmerzliche Geschichte"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Bini Adamczak, gestern \u2013 morgen, \u00dcber die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Unrast 2007, 160 Seiten, 12 Euro<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Noch bis in die Mitte der 1970er Jahre war die \u201erussische Frage\u201c das unausweichliche Paradigma der politischen Perspektiven der Linken. 15 Jahre sp\u00e4ter, nach dem Zusammenbruch des aus der Oktoberrevolution 1917 entstandenen so genannten Realsozialismus, mutet dieses wie \u00e4lteste Vorgeschichte an. Das von Fukujama proklamierte Ende der Geschichte scheint auch f\u00fcr viele Linke zu gelten:<!--more--> Eine Auseinandersetzung mit ihrer Historie, gerade mit der Geschichte Sowjetrusslands, wird entweder v\u00f6llig gemieden oder sie erfolgt unkritisch. Gegen beide Str\u00f6mungen argumentiert Bini Adamczak. Erstere nennt sie Kommunisten der Gegenwart. Ihnen zu eigen ist ein Rhetorik des Bruchs mit der Vergangenheit, die sie freilich zumeist nicht einmal kennen. Auf diese Weise best\u00e4tigen sie gerade Fukujamas These, \u201eweil f\u00fcr sie die Geschichte der Sowjetunion beendet ist\u201c, sie geht sie nichts mehr an. Doch \u201edie vergangenen K\u00e4mpfe um die Zukunft zu begraben, bedeutet unter den fortwirkenden Bedingungen der Niederlage nichts anderes als die Zukunft selbst, eine andere Zukunft zu begraben.\u201c (25)<br \/>\nDiejenigen, die sich noch heute positiv auf die SU beziehen, nennt die Verfasserin Kommunistinnen der Vergangenheit. Jene nehmen die zeitweise siegreiche Vergangenheit gegen Angriffe der siegreichen Gegenwart in Schutz. \u201eSie nehmen Partei auf Seiten jener Partei, die ihre eigenen Tr\u00e4gerinnen liquidierte \u2026\u201c (24f.)<br \/>\nEine Aufarbeitung der kommunistischen Geschichte hat laut Adamczak infolgedessen noch nicht begonnen (womit sie m.E. im Wesentlichen Recht hat, wenngleich sie gewisse Bem\u00fchungen ignoriert, die gerade von \u201eKommunisten der Vergangenheit\u201c erfolgten \u2013 siehe etwa Wolfgang Ruges Aufarbeitung des Stalinismus).<br \/>\nDiese Aufarbeitung bedeutet aber nichts anderes als \u201eschmerzliche Arbeit \u00fcber die und an der Geschichte\u201c (26). Nichts anderes verfolgt die Autorin in ihrem Essay \u2013 der Maxime folgend: \u201eWer vom Stalinismus nicht reden will, sollte vom Kommunismus schweigen. Aber was kann vom Stalinismus sagen, wer vom Kommunismus nichts h\u00f6ren will?\u201c (79) Die Intention also ist klar: Es geht darum, die Geschichte nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, und gerade nicht das Bild von der Zukunft \u2013 die klassenlose Gesellschaft \u2013, f\u00fcr die die Kommunistinnen eintraten. Vorliegende Ver\u00f6ffentlichung kn\u00fcpft insofern an Adamczaks voriges Buch \u201eKommunismus. Kleine Geschichte, wie endlich alles anders wird\u201c an, welches sich nach einem gescheiterten wissenschaftlichen Schreibversuch \u00fcber das Marxsche Kommunismusbild der Perspektive eines Kindes bediente, um ein Bild vom Kommunismus zu skizzieren. \u201eGestern morgen\u201c m\u00f6chte, wie die Verfasserin in einem Interview aussagte, das utopische Begehren aufrecht erhalten, in dem sie einen Gang durch die Geschichte unternimmt, das Scheitern noch einmal versucht, nachzuvollziehen und somit Trauerarbeit leistet. Denn das Bild des Kommunismus ist nicht nur verstellt durch 1989, sondern auch durch 1939, 1937 und 1921.<br \/>\nWesentliche Motivation des Essays ist es mithin, den Punkt zu finden, wo die M\u00f6glichkeit des Scheiterns der Revolution den Punkt des Gelingens \u00fcberwiegt. Dies geschieht chronologisch r\u00fcckw\u00e4rtsgehend und weniger auf historische Analysen gest\u00fctzt denn auf autobiografische Zeugnisse von KommunistInnen. Begonnen wird im Jahr 1939 mit der Auslieferung von vor den faschistischen H\u00e4schern in die SU geflohenen deutschen und \u00f6sterreichischen Kommunisten an die deutschen Nazis. Hier endet der Verfasserin zufolge der \u201eunaufhaltsame Fortschritt, der die Geschichte in den Kommunismus h\u00e4tte f\u00fchren sollen.\u201c (18) Nat\u00fcrlich stand dieser Vorgang mit den Ereignissen des Hitler-Stalin Paktes in Zusammenhang. Adamczak diskutiert diesen innerhalb der Pole \u201emoralisch widerw\u00e4rtig, aber politisch notwendig\u201c und Verrat des antifaschistischen Internationalismus der III. Internationale an den Sicherheitsnationalismus der Stalinschen Au\u00dfenpolitik (34). Das Tragische freilich ist: Die SU exportierte weiterhin Waren an das faschistische Deutschland, sodass das milit\u00e4rische Verh\u00e4ltnis sich 1941 weiter zuungunsten Sowjetrusslands entwickelt hatte (eine Sichtweise die unl\u00e4ngst auch von Adam Tooze Unterst\u00fctzung fand).<br \/>\nEin weiterer Abschnitt ist dem Gro\u00dfen Terror 1937 gewidmet. Adamczak arbeitet heraus, dass nicht nur die hohe Zahl der Opfer das Erschreckende ist, sondern auch die Abwesenheit jeglicher Rationalit\u00e4t. Denn: \u201eIn ihrer Irrationalit\u00e4t unterl\u00e4uft sie noch die klassische Logik des Terrors selbst, denn welchen Sinn sollte die Produktion allgemeiner, gesellschaftlicher Angst haben, wenn selbst die restlose \u00dcberantwortung an die Autorit\u00e4t, selbst die reinste Identit\u00e4t stalinistischer Identifizierung keine Sicherheit verschafft?\u201c (53)<br \/>\nWeiter zur\u00fcckgehend behandelt Adamczak \u00fcberdies die stalinistischen Schauprozesse, den Monopolanspruch der Bolschewiki, die Niederschlagung des Matrosenaufstandes von Kronstadt und die damit einhergehende Entmachtung der Arbeiterr\u00e4te 1921 sowie den Tod Lenins im Januar 1924.<br \/>\nAus der Diskussion dieser Stationen schlie\u00dft sie, dass heute die Zukunft nicht mehr in Momenten der Gegenwart, die \u00fcber diese hinausweisen, gefunden werden kann. \u201eEs gibt keinen Kommunismus in Latenz, keine neue Gesellschaft, die in der alten schon schl\u00e4ft.\u201c (106) Zuvorderst m\u00fcsse die Zukunft aus den Momenten der Vergangenheit gel\u00f6st werden, in denen sie stecken geblieben sei. \u201eOhne den Gang durch die Geschichte der revolution\u00e4ren Versuche wird es keine revolution\u00e4re Versuchung mehr geben.\u201c (121)<br \/>\nDie zentrale Frage, wenn man sich mit der Geschichte der Sowjetunion Stalins besch\u00e4ftigt, ist, wann die Zweck-Mittel-Relation umschl\u00e4gt, wann also der Zweck \u2013 Aufbau des Sozialismus \u2013 hinter den Mitteln \u2013 Gewalt, Repression etc. \u2013 verlustig geht. Adamczak neigt zun\u00e4chst zu der Ansicht, dass dieser Punkt schon relativ fr\u00fch eingetreten sei, wenn sie folgende \u2013 ausdr\u00fccklich nicht rhetorisch gemeinte \u2013 Frage stellt: \u201eW\u00e4re es da nicht besser gewesen, die Revolution\u00e4re h\u00e4tten vor der herannahenden Konterrevolution fr\u00fchzeitig kapituliert? H\u00e4tten sie, ohne auf Gnade zu hoffen, nicht ihre Waffen strecken m\u00fcssen, ihre Leben abgeben, aber ihre Moral behalten? H\u00e4tten die Kommunisten ihren nachfolgenden Genossinnen nicht mehr genutzt, w\u00e4ren sie als zu betrauernde Opfer in die Geschichte eingegangen?\u201c (149). Nicht rhetorisch gemeint sei diese Frage, weil sie sich f\u00fcr Allende 1973 real gestellt habe. Er habe gewusst, dass er den B\u00fcrgerkrieg gewinnen konnte, nicht aber den Sozialismus danach.<br \/>\nIn diesen beiden geschichtlichen Situationen habe sich die Alternative als Aporie dargestellt, als unaufl\u00f6sbarer Widerspruch. Doch gegen das vermeintliche Fazit, die Resignation, wendet Adamczak ein: Auf dem Terrain der Geschichte gebe es kein Gesetz, welches l\u00e4nger g\u00fcltig sei als bis eben heute (150).<br \/>\nEssays haben es an sich, auf definitive Antworten zu verzichten, sie beweisen den Mut zur L\u00fccke und provozieren mit Zuspitzungen. So auch \u201eGestern Morgen\u201c. Daf\u00fcr werfen sie Fragen auf, die bislang unzureichend behandelt worden sind. Voll und ganz gilt dies auch f\u00fcr Adamczaks Versuch \u00fcber die Einsamkeit kommunistischer Gespenster. Er ist g\u00e4nzlich unzeitgem\u00e4\u00df und gerade deshalb so notwendig.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h074.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Heft 74, Juni 2008)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bini Adamczak, gestern \u2013 morgen, \u00dcber die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft, Unrast 2007, 160 Seiten, 12 Euro Noch bis in die Mitte der 1970er Jahre war die \u201erussische Frage\u201c das unausweichliche Paradigma der politischen Perspektiven der &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=319\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-319","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/319","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=319"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/319\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=319"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=319"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=319"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}