{"id":328,"date":"2006-03-14T20:52:39","date_gmt":"2006-03-14T18:52:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=328"},"modified":"2006-03-14T20:52:39","modified_gmt":"2006-03-14T18:52:39","slug":"antikommunistische-integrationsideologie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=328","title":{"rendered":"Antikommunistische Integrationsideologie"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\">Offenbar sind einige Verfechter von Kapitalismus und repr\u00e4sentativer Demokratie von der \u00dcberlegenheit ihrer Ordnung nicht sehr \u00fcberzeugt. Andernfalls w\u00fcrden sie wohl kaum 16 Jahre nach dem unr\u00fchmlichen Ende der realsozialistischen Staaten bef\u00fcrchten, da\u00df \u201esich ein Gef\u00fchl der Nostalgie in den K\u00f6pfen der j\u00fcngeren Generation als Alternative zur liberalen Demokratie festsetzen\u201c k\u00f6nnte, wie es in dem Entwurf zur Entschlie\u00dfung zur \u201einternationalen Verurteilung der Verbrechen totalit\u00e4rer kommunistischer Regime\u201c hei\u00dft (jW-Thema 30.\/31.01.06). Um dem vorzubeugen, schl\u00e4gt das von der Parlamentarischen Versammlung des Europarates (PACE) am 25. Januar verabschiedete Papier vor, eine Bestandsaufnahme der Verbrechen des \u201etotalit\u00e4ren\u201c Kommunismus vorzunehmen und denselben als Idee feierlich zu verurteilen.\u00a0<!--more--><br \/>\nDem Dokument liegt \u2013 das macht allein schon der Titel deutlich \u2013 die Totalitarismustheorie zugrunde. Da\u00df diese in erster Linie antikommunistische Integrationsideologie, die ihre enorme Wirkkraft wesentlich dem Kalten Krieg verdankte, sich auch nach dem Ende der realexistierenden sozialistischen Staaten gro\u00dfer Beliebtheit erfreut, ist nichts neues. Bemerkenswert war hingegen der Versuch, die Verurteilung des Kommunismus auf Grundlage der Totalitarismustheorie zur gesetzlichen Grundlage der europ\u00e4ischen Staaten zu machen. Dieser Versuch mi\u00dflang jedoch, da auf der Sitzung der dem Europarat angeschlossenen Versammlung die notwendige Zweidrittelmehrheit verfehlt wurde. Doch weitaus bedeutender als die gesetzliche Verankerung der Totalitarismustheorie ist ihre kulturelle Hegemonie, d.h. ihre Verbreitung und Akzeptanz in Wissenschaft, politischer Publizistik, Zeitgeschichtsschreibung bis hinein in den Alltagsverstand. Da\u00df die Totalitarismustheorie seit 1990 eine Renaissance erf\u00e4hrt und erneut \u201ezur hegemonialen Ideologie der BRD\u201c (Roth 1999, 101) wurde, ist relativ unstrittig. In Wissenschaft, insbesondere in der DDR-Forschung, erscheint nur selten eine Studie, die nicht einer der zahlreichen Varianten des Totalitarismuskonzepts verpflichtet ist. Von staatlichen Stellen bezuschu\u00dfte Forschungsinstitute wie das Hannah-Arendt-Institut in Dresden und der Forschungsverbund SED-Staat an der FU Berlin sind dem Paradigma verbunden. Gedenkst\u00e4ttenkonzepte, etwa in Sachsen, wollen das Andenken an die Opfer der \u201ezweiten deutschen Diktatur\u201c \u2013 so die eine Gleichsetzung mit dem Nazifaschismus suggerierende Bezeichnung f\u00fcr die DDR \u2013 mit denen des deutschen Faschismus gleichrangig behandelt wissen.<br \/>\nIn der f\u00fcr den breiten Alltagsverstand wichtigeren Sph\u00e4re der vermittelnden und popularisierenden politischen \u00d6ffentlichkeit, den Debatten in Feuilletons, Politikerreden, Zeitungskommentaren etc. war die aufsehenerregende Debatte um das \u201eDas Schwarzbuch des Kommunismus\u201c von 1998 nur die Spitze eines Eisberges, der von der Lebendigkeit der Totalitarismustheorie zeugte. Und j\u00fcngst erf\u00e4hrt sie nach den Anschl\u00e4gen des 11. Septembers 2001 und im Zuge des sogenannten Karikaturenstreits mit der Debatte \u00fcber den Islamismus als neuen oder dritten Totalitarismus einen H\u00f6hepunkt. Die Diskussion um das Manifest \u201eGemeinsam gegen den neuen Totalitarismus\u201c (Die Welt, 2.03.2006) zeugt hiervon.<br \/>\nAnla\u00df genug also, um einen kleinen R\u00fcckblick auf die Geschichte der Totalitarismustheorie, ihrer Kritik und der politischen Instrumentalisierung zu geben. Dieser wird zun\u00e4chst die Entstehungsgeschichte des Konzepts sowie die zwei einflu\u00dfreichsten Varianten, die von Carl Joachim Friedrich und Hannah Arendt skizzieren, um sodann die politische Wirkung in der Bundesrepublik und die Kritik an dem Konzept nachzuzeichnen. Vorab sei gesagt, da\u00df \u2013 wie zu zeigen sein wird \u2013 nicht von einer Theorie im eigentlichen Sinne gesprochen werden kann, hier die Begriffe Totalitarismustheorie, -konzept, -begriff etc. jedoch synonym genutzt werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Entstehungsgeschichte<\/strong><br \/>\nDie Urspr\u00fcnge der Totalitarismustheorie liegen in der politischen Auseinandersetzung der italienischen Antifaschisten mit dem Faschismus Mussolinis. Der Begriff \u201etotalit\u00e4r\u201c wird als erstes von Giovanni Amendola Anfang der 1920er Jahre benutzt, um Faschismus und Bolschewismus gleichzusetzen. Auch in der deutschen Sozialdemokratie wurde das Adjektiv in dieser Weise verwendet. Das SPD-Organ Neue Zeit schrieb 1922, Faschismus sei lateinischer Bolschewismus. Die Entgegensetzung von Diktatur und liberal-demokratischem System findet sich somit bereits in embryonaler Form in der italienischen und deutschen Diskussion. Francesco Nitti, fr\u00fcherer italienischer Ministerpr\u00e4sident stellte 1926 die These auf, da\u00df \u201eBolschewismus und Faschismus (\u2026) die zwei vollkommenen Verleugnungen des liberalen Systems und der Demokratie\u201c seien. Der F\u00fchrer der katholischen Partei, Luigi Sturzo, spitzte die Gleichsetzung zu. Er k\u00f6nne \u201ezwischen Russland und Italien nur einen einzigen Unterschied feststellen, da\u00df n\u00e4mlich der Bolschewismus eine kommunistische Diktatur oder ein Linksfaschismus ist und der Faschismus eine konservative Diktatur oder ein Rechtsbolschewismus.\u201c Auf der anderen Seite usurpierten die italienischen Faschisten das Adjektiv \u201etotalit\u00e4r\u201c und gebrauchten es \u2013 nicht zuletzt um somit ihre Gegner zu schw\u00e4chen \u2013 affirmativ zur Selbstbezeichnung.<br \/>\nErst mit der Macht\u00fcbernahme der deutschen Faschisten 1933 allerdings fand die Bezeichnung der politischen Systeme in Italien, Deutschland und der Sowjetunion als totalit\u00e4r eine weitere Verbreitung. 1939 fand die erste wissenschaftliche Konferenz statt, die sich der Analyse der Stalinschen Sowjetunion und des Nazifaschismus zum Thema setzte. Nicht zuf\u00e4llig wird diese Konferenz unmittelbar nach Abschlu\u00df des Nichtangriffspakts zwischen Hitler und Stalin organisiert. Die weltpolitische Lage schien zu diesem Zeitpunkt tats\u00e4chlich f\u00fcr die liberalen Demokratien in Gro\u00dfbritannien, Frankreich und den USA eine Gefahr darzustellen. Doch mit dem \u00dcberfall der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 war die erste Konjunktur des immer noch im Entstehen begriffenen Totalitarismusmodells bereits wieder Geschichte. Die b\u00fcrgerlichen Demokratien befanden sich nun in einem B\u00fcndnis mit der Sowjetunion gegen das faschistische Deutschland. Eine Theorie, die w\u00e4hrend eines Krieges den B\u00fcndnispartner diskreditierte, war das letzte, was man brauchen konnte.<br \/>\nInsbesondere linke, deutsche Emigranten wie Franz Neumann und Ernst Fraenkel schrieben in dieser Phase wegweisende Studien, die den deutschen Faschismus analysierten. In diesen taucht gelegentlich auch das Wort totalit\u00e4r auf. Das reicht allerdings nicht aus, diese \u2013 insbesondere den Marxisten Neumann \u2013 als Totalitarismusforscher zu charakterisieren, wie dies sp\u00e4tere Bef\u00fcrworter der Theorie taten, da sie den Begriff nicht komparativ benutzten, sondern ausschlie\u00dflich in Bezug auf den Faschismus.<br \/>\nDer Ausbruch des Kalten Krieges, die Systemkonfrontation zwischen dem kapitalistischen Lager unter F\u00fchrung der USA und dem sozialistischen Lager mit der Sowjetunion als F\u00fchrungsmacht, hatte die weltpolitische Situation erneut grunds\u00e4tzlich ver\u00e4ndert. Die einstigen Verb\u00fcndeten standen sich nun als Feinde gegen\u00fcber. Die Voraussetzung f\u00fcr ein erneutes Aufbl\u00fchen der Totalitarismustheorie war somit gegeben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das statische Modell<\/strong><br \/>\nJetzt entstanden die wegweisenden, bald klassisch zu bezeichnenden, Werke mit wissenschaftlichem Anspruch. Unter Mitarbeit von Zbigniew Brzezinski verfa\u00dfte Carl Joachim Friedrich 1956 die ein Jahr sp\u00e4ter auf deutsch erschienene Studie \u201eTotalit\u00e4r Diktatur\u201c. Ihre idealtypische Totalitarismuskonzeption war die in der Bundesrepublik einflu\u00dfreichste. Sie wurde oft auf die Kommunismusforschung, im geringeren Ausma\u00dfe auf die Faschismusanalyse angewandt. Die ideengeschichtliche Herleitung des Totalitarismusmodells bei Friedrich war \u2013 wie er in einer sp\u00e4teren Ausgabe selber zugesteht \u2013 eher d\u00fcrftig. Hypothese seines Buches ist, da\u00df \u201edie totalit\u00e4re Diktatur historisch einzigartig und sui generis ist und da\u00df auf Grund der uns jetzt vorliegenden Tatbest\u00e4nde behauptet werden kann, da\u00df die faschistischen und kommunistischen Diktaturen in ihren wesentlichen Z\u00fcgen gleich sind, d. h. da\u00df sie sich untereinander mehr \u00e4hneln als anderen Systemen staatlicher Ordnung, einschlie\u00dflich \u00e4lteren Formen der Autokratie.\u201c Friedrich betont jedoch, da\u00df die totalit\u00e4ren Diktaturen nicht vollkommen gleich sind, in sp\u00e4teren \u00c4u\u00dferungen hat er das erneut hervorgehoben. Folgende ber\u00fchmten und immer wieder zitierten sechs Wesensz\u00fcge sind ihm zufolge totalit\u00e4ren Diktaturen gemeinsam: eine Ideologie, die sich auf alle wichtigen Bereiche des Lebens erstreckt, eine Massenpartei, die im alleinigen Besitz der formellen Herrschaft ist, eine terroristische Geheimpolizei, das fast vollst\u00e4ndige Monopol \u00fcber die Nachrichtenmittel in der Hand der Partei, das ebenso wie das Nachrichtenmonopol technisch bedingte Waffenmonopol und schlie\u00dflich die zentrale Lenkung und Beherrschung der gesamten Wirtschaft. Methodisch handelt es sich um eine idealtypische, statische Bestimmung. Gesellschaftliche Ver\u00e4nderungen kann diese Theorie daher so gut wie nicht fassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Hannah Arendts Ansatz<\/strong><br \/>\nW\u00e4hrend die Theorie Friedrichs eine idealtypisch-statische ist, kann die Hannah Arendts als eine historisch-beschreibende charakterisiert werden. Auf ihr wurde und wird oft lobend Bezug genommen, wenngleich sie h\u00e4ufig mi\u00dfverstanden wurde. In ihrem umfangreichen Werk \u201eElemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft\u201c (1956) leitet sie die Formen des \u201etotalit\u00e4ren\u201c Faschismus in Deutschland vornehmlich aus dem Imperialismus und Rassismus des 19. Jahrhunderts ab. Ihre detaillierte Untersuchung f\u00fchrt Arendt zu der These, da\u00df eine soziale Schicht \u2013 von ihr als der Mob bezeichnet \u2013 ein B\u00fcndnis mit dem Kapital eingegangen ist. Dieser Mob sei bereits von den imperialistischen Bewegungen des 19. Jahrhunderts instrumentalisiert worden und habe sp\u00e4ter den eigentlichen Kern des Faschismus gebildet. Der von Arendt untersuchte Rassebegriff, den sie als Lehre von einem von der Natur vorgeschriebenen Rassekampf, aus dem sich der Geschichtsproze\u00df, vor allem der Auf- und Abstiegsproze\u00df von V\u00f6lkern ableiten l\u00e4\u00dft, sei \u00e4hnlich wie die marxistische Lehre des Klassenkampfes eine geschichtsm\u00e4chtige Ideologie geworden. Drei Elemente sind nach Arendt f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis des Totalitarismus zentral. Zum einen die Erkenntnis, da\u00df der Antisemitismus durch den Rassismus eine neue Qualit\u00e4t erfahren habe, zum anderen, da\u00df es einen spezifisch deutschen Rassebegriff gegeben habe, der \u201ev\u00f6lkische und der Rassenideologie nah verwandte Elemente in sich aufgenommen hat.\u201c Und drittens, da\u00df sich der moderne Rassegedanke mit der modernen B\u00fcrokratie verquickt habe.<br \/>\nEs f\u00e4llt auf, da\u00df im Zentrum Arendts Argumentation haupts\u00e4chlich die eine Seite des sogenannten Totalitarismus, n\u00e4mlich der Faschismus steht. Lediglich in einem Abschnitt versucht sie, die Elemente totaler Herrschaft auch in der Sowjetunion zu erkl\u00e4ren. Beide Systeme seien demnach Resultate der Klassenherrschaft und der hierauf folgenden Atomisierung der orientierungslos gewordenen Massen. Daraus entstehe das besagte B\u00fcndnis zwischen Mob und Elite. Kennzeichen dieser neuen Staatsform seien Ideologie und Terror. Arendt setzt somit, wie beispielsweise von Wolfgang Wippermann kritisiert wird, die rassenhygienischen Ziele des Nationalsozialismus mit den klassenk\u00e4mpferischen der russischen Bolschewisten gleich. Unterschiede zwischen den nationalsozialistischen Vernichtungslagern und den sowjetischen Arbeitslagern werden von ihr nicht herausgearbeitet. Da\u00df diese Parallelisierung auf schwachen F\u00fc\u00dfen ruht, war ihr offensichtlich bewu\u00dft, hat sie doch 1967 ihre Einsch\u00e4tzung der Sowjetunion nach Stalins Tod als totalit\u00e4r revidiert.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wirkung in der BRD<\/strong><br \/>\nAllgemein diente die Totalitarismustheorie in der politischen Kultur der westlichen Staaten durch die Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus als Typen totalit\u00e4re Herrschaft zur ideologischen Waffe im Kalten Krieg. Ziel war die Diskreditierung des realexistierenden Sozialismus in Osteuropa. Durch den Verweis auf den Totalitarismus dort und die parlamentarische Demokratie im Westen wurde somit das eigene System legitimiert. Im wesentlichen war und ist das der Kern der Totalitarismustheorie. Nat\u00fcrlich spielte sie nicht in allen Staaten des Nato-B\u00fcndnisses dieselbe Rolle. In Frankreich etwa fand sie zun\u00e4chst kaum Aufnahme in den Debatten der politischen Kultur. Das \u00e4nderte sich mit dem sogenannten \u201eGulag-Schock\u201c. Als die franz\u00f6sische Ausgabe von Alexander Solschenizyn \u201eArchipel Gulag\u201c erschien, gewann das Totalitarismusmodell in den 1980er auch dort an Einflu\u00df.<br \/>\nIn der BRD hingegen war sie von Anbeginn des Kalten Krieges weit verbreitet und hatte den Rang einer beinahe offiziellen Staatsdoktrin inne. Schon der Kern der bundesrepublikanischen Verfassung \u2013 die sogenannte freiheitlich-demokratische Grundordnung (FDGO) \u2013 wird nicht positiv definiert, sondern laut des ma\u00dfgeblichen Kommentars von Maunz\/Herzog in negativer Abgrenzung zum \u201eTotalitarismus\u201c. Im Geist dieser Staatsdoktrin wurde der Adenauer-Erla\u00df 1950 beschlossen, die KPD 1956 verboten und der Radikalenerla\u00df 1972 unter Willy Brandt verabschiedet. Vor allem sind auch in diesem Zusammenhang die Richtlinien f\u00fcr die Behandlung des Totalitarismus im Unterricht vom 5. Juli 1962 zu nennen. Die Totalitarismustheorie dr\u00fcckte also dem politischen und kulturellen Leben in Deutschland einen besonderen Stempel auf. Das war zum einen in der Tatsache begr\u00fcndet, da\u00df der Kalte Krieg in Deutschland intensiver gef\u00fchrt wurde als in anderen Staaten. Quer durch das ehemalige deutsche Reich verlief die Grenze des Kalten Krieges, hier die kapitalistische BRD, dort die sozialistische DDR. In der alten Bundesrepublik, vornehmlich in der Adenauer-\u00c4ra, war die Totalitarismustheorie zudem \u00e4u\u00dferst funktional, um eine Auseinandersetzung mit der eigenen faschistischen Vergangenheit zu vermeiden. Indem man anklagende auf den derzeit herrschenden \u201eTotalitarismus\u201c im Osten deutete und diesen zu bek\u00e4mpfen suchte, r\u00fcckte der vergangene in den Hintergrund. Dabei konnte man an den nationalsozialistischen Antikommunismus ankn\u00fcpfen. Arendts existenzphilosophische Passagen in \u201eElemente und Urspr\u00fcnge totaler Herrschaft\u201c \u00fcber das Verlassensein des einzelnen in der Massengesellschaft lieferten \u2013 gegen Arendts Intention \u2013 Argumente, die ehemaligen Nazis eine Br\u00fccke baute, sich nun mit Freuden dem \u201eantitotalit\u00e4ren Konsens\u201c des Antikommunismus zu unterwerfen. (Roth 1998, 90)<br \/>\nAuch im Falle der Bundesrepublik zeigt sich, da\u00df die Konjunkturen der Totalitarismustheorie von politischen Kontexten abh\u00e4ngig sind. Als mit der sozial-liberalen Koalition und mit Willy Brandts Ostpolitik eine Entspannung des Kalten Krieges eintrat, verloren die Gedanken Friedrichs, Arendts und anderer deutlich an Einflu\u00df. Eine Delegitimierung der Sowjetunion und der DDR war genau das Gegenteil des herrschenden politischen Zeitgeistes. Hinzu kam noch eine andere Tatsache: Die 68er-Bewegung rief in der Bundesrepublik in den 70er Jahren eine kurze Bl\u00fcte marxistischen Denkens an den Universit\u00e4ten hervor, die Ausstrahlungskraft auf die ganze Gesellschaft hatte. In der Zeitgeschichts- und Politikwissenschaft ersetzte die (marxistische) Faschismustheorie das Totalitarismusmodell. Letzteres geriet auch durch die Sozialgeschichtsschreibung linksliberaler Historiker massiv unter Druck, so da\u00df es \u2013 zumindest was die Wissenschaft betraf \u2013 als \u00fcberholt galt. In den USA war der Konjunktureinbruch schon Mitte der 60er Jahre zu erkennen gewesen. Wesentlichen Anteil daran hatte die amerikanische Neue Linke. Sie deckte auf, da\u00df die CIA als Organisationszentrum des \u201eantitotalit\u00e4ren\u201c Diskurses mittels finanzieller F\u00f6rderung von Zeitschriften und Organisationen in Europa fungierte (ebd., 91).<br \/>\nAls sich der Kalte Krieg mit dem Nato-Doppelbeschlu\u00df 1979, zu dem der sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt seine Zustimmung gab, erneut versch\u00e4rfte, gewann prompt auch die Totalitarismustheorie in Wissenschaft wie politischer \u00d6ffentlichkeit an Boden. Nicht zuletzt Helmut Kohls geistig-moralisch Wende trug dazu bei. Kohls Berater, der Historiker Michael St\u00fcrmer, schien Gedanken Antonio Gramscis \u00fcber die kulturelle Hegemonie aufgenommen zu haben, als er schrieb, \u201eda\u00df im geschichtslosem Land die Zukunft gewinnt, wer die Erinnerung f\u00fcllt, die Begriffe pr\u00e4gt und die Vergangenheit deutet.\u201c Im Historikerstreit 1986, in dem der Historiker Ernst Nolte die These aufstellte, da\u00df der bolschewistische Klassenmord der Bolschewiki das logische und faktische Prius des \u201eRassenmords\u201c der Nationalsozialisten sei, kulminierte dieser Kampf um die Begriffe. Der Kern der erbittert gef\u00fchrten Debatte waren Bestrebungen rechtskonservativer Geschichtswissenschaftler und Publizisten, den Totalitarismusansatz zu f\u00f6rdern, w\u00e4hrend Linksliberale, allen voran J\u00fcrgen Habermas, dies abzuwehren versuchten und einen antifaschistischen Ansatz vertraten. Ende der 1980er Jahre gingen Habermas und andere als Punktsieger aus der Auseinandersetzung hervor.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Renaissance nach 1990<\/strong><br \/>\nDoch nur wenige Jahre sp\u00e4ter, mit dem Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa, hatte sich die politische Situation zugunsten konservativer Kr\u00e4fte verschoben. Die Totalitarismustheorie erlebte einen enormen Aufschwung. Ernst Nolte, einer ihrer Vertreter, fa\u00dfte dies mit Genugtuung in die Worte: \u201eNie hat eine scheinbar theoretische Konzeption einen so \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg im allt\u00e4glichen Leben errungen wie der Begriff des Totalitarismus, denn er taucht in allen relevanten \u00c4u\u00dferungen auf, die im ehemaligen Ostblock bei der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gemacht werden [\u2026]\u201c. Auf Grund der ver\u00e4nderten politischen Rahmenbedingungen bekannten sich nun ehemalige Kritiker wie J\u00fcrgen Habermas zum Antitotalitarismus. Die ehemalige linksliberale Abwehrhaltung hat sich heute bis auf wenige Ausnahmen verfl\u00fcchtigt. Nur noch selten findet man in liberalen Publikationen eine grunds\u00e4tzliche Kritik des Totalitarismusansatzes, wie sie unl\u00e4ngst etwa Franziska Augstein in Kommentaren \u00fcbte (S\u00fcddeutsche Zeitung, 4.11.2005 u. 8.\/9. 4.2006).<br \/>\nDie Renaissance der Totalitarismustheorie nach 1990 bedarf der Erl\u00e4uterung, erscheint sie doch auf den ersten Blick als paradox. Mit dem Ende des \u201eLinkstotalitarismus\u201c in Osteuropa, so k\u00f6nnte man annehmen, habe die Theorie ihren Gegenstand verloren. Abwegig erscheint die Renaissance jedoch lediglich dann, wenn von der Dimension des kulturellen Kampfes um hegemoniale Deutungsmuster des vergangenen Jahrhunderts und eben der damit verkn\u00fcpften Besetzung der Begriffe f\u00fcr die Zukunft abgesehen wird. Zur Absicherung der These vom \u201eEnde der Geschichte\u201c (Fukuyama), die besagt, da\u00df nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus nun die Prinzipien des Liberalismus in Form von Demokratie und Marktwirtschaft \u00fcberall durchgesetzt w\u00fcrden, diente die reaktivierte Totalitarismustheorie zur nachtr\u00e4glichen wie prophylaktischen Diskreditierung jeglicher gesellschaftlichen Alternative zum Kapitalismus. Sie hatte somit eine anti-utopistische Funktion, denn nunmehr wurde und wird jede Absicht der grundlegenden System\u00e4nderung bzw. der Ablehnung des demokratischen Verfassungsstaates als totalit\u00e4re Bestrebung verleumdet. Insbesondere das Extremismuskonzept der Politologen Eckhard Jesse und Uwe Backes hebt hierauf ab und \u00fcbernimmt somit die Terminologie des Verfassungsschutzes und anderer staatlicher Beh\u00f6rden.<br \/>\nDas wiedervereinigte, an politischen Einflu\u00df gewonnene Deutschland meldete sich auf der Weltb\u00fchne zur\u00fcck und suchte verst\u00e4rkt seine Interessen durchzusetzen. Mit der verh\u00e4ngnisvollen Anerkennungspolitik von Kroatien und Slowenien trug es zur Eskalation der B\u00fcrgerkriege im ehemaligen Jugoslawien bei. Schritt f\u00fcr Schritt trachteten die politischen Eliten danach, aus dem Schatten der Geschichte zu treten. Erst mit der Beteiligung an den Luftangriffen gegen Jugoslawien 1999 war die Maxime \u201eVon deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen\u201c ad acta gelegt. Die Unterst\u00fctzung f\u00fcr diesen Krieg in der Bev\u00f6lkerung wurde u.a. mit der uns\u00e4glichen Begr\u00fcndung, im Kosovo ein neues Auschwitz verhindern zu wollen, erreicht. Der Entsorgung der Lehren aus der Geschichte Deutschlands in den diese Politik begleitenden und legitimierenden geschichtspolitischen Debatten lag mal mehr, mal weniger offenkundig die Totalitarismustheorie zugrunde. Mit dem Verweis auf die ja auch schlimmen Verbrechen des Kommunismus konnte der Nazifaschismus relativiert werden.<br \/>\nIn der neuen BRD erwies sich die Theorie in den Jahren unmittelbar nach dem Anschlu\u00df der DDR des weiteren ebenso f\u00fcr ganz praktische Absichten funktional. Die Abwicklung der verblichenen DDR, insbesondere der Austausch ihrer Eliten durch zumeist westdeutsches Personal, wurde mit der Rede von \u201ezwei Diktaturen\u201c, \u201eSED-Staat\u201c etc. ideologisch abgesichert. Sp\u00e4ter, als die von Helmut Kohl versprochenen bl\u00fchenden Landschaften auf sich warten lie\u00dfen, diente die Totalitarismustheorie zur \u201eBeschw\u00f6rung des ins Schlingern geratenen Einigungsprozesses\u201c (Roth 1999, 101). Die Funktion des Totalitarismuskonzepts nach 1989 in Deutschland kann mit dem Historiker Karl Heinz Roth wie folgt zusammengefa\u00dft werden: \u201eSie wird die altbekannten Konstruktionen des objektiven Feinds als Versatzst\u00fccke benutzen, um die Geschichte des Kalten Krieges umzuschreiben, mit den Akteuren der Entspannungspolitik im eigenen Lager ex post abzurechnen, den Elitenwechsel in der DDR zu legitimieren, die dramatische Pauperisierung der Mehrheit der DDR-Bev\u00f6lkerung zu rechtfertigen und sozialistische Alternativmodelle jeglichen Couleur auszugrenzen.\u201c (Roth 1998, 109)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Kritik<\/strong><br \/>\nEine kritische Auseinandersetzung mit dem Totalitarismuskonzept kann sich nicht darauf beschr\u00e4nken, auf die politische Instrumentalisierung der Theorie im Kalten Krieg hinzuweisen bzw. die Theorie als Produkt des Kalten Krieges zu bezeichnen. Sie mu\u00df dar\u00fcber hinaus immanente Kritik \u00fcben, um so auch die \u00dcberlegenheit von anderen theoretischen Erkl\u00e4rungen beweisen zu k\u00f6nnen. Hier soll auf wenige fundamentale Kritikpunkte eingegangen werden.<br \/>\nDie grundlegenden Probleme vor allem der statischen oder auch identifizierenden Variante der Totalitarismustheorie liegen in der Gleichsetzung von Faschismus und Kommunismus aufgrund rein formaler \u00c4hnlichkeiten sowie in der normativen und ahistorischen Herangehensweise. Die Unterschiedlichkeit der Ziele und der weltanschaulichen Grundlagen ist nicht Untersuchungsgegenstand. Als normativer Ausgangspunkt dient der demokratische Verfassungsstaat, dem die totalit\u00e4re Diktatur gegen\u00fcbergestellt wird. Dies ist besonders offenkundig im an Friedrich ankn\u00fcpfenden Extremismuskonzept von Jesse und Backes. Doch gerade diese Entgegensetzung von parlamentarischer Demokratie und totalit\u00e4rer Herrschaft kann sich \u2013 wie Hans J. Lietzmann in seiner 1999 ver\u00f6ffentlichten Studie \u201ePolitikwissenschaft im \u201aZeitalter der Diktaturen\u2019\u201c zeigen konnte \u2013 nicht auf Friedrich berufen. Nicht den demokratischen Verfassungsstaat bef\u00fcrwortete der in die USA emigrierte deutsche Politikwissenschaftler als Abgrenzung zum Totalitarismus, sondern die konstitutionelle Diktatur. Ohne den politischen Hintergrund der Entstehung des Friedrichschen Konzeptes ist dies nicht zu verstehen. \u201eEs ging ihm darum, die Legitimit\u00e4t einer \u201akonstitutionellen Diktatur, als die er die amerikanische Milit\u00e4rregierung beschreibt, plausibel zu machen.\u201c (Lietzmann, 299) Wie Lietzmann ebenfalls zeigen konnte, steht Friedrich in der Tradition des Konservatismus der Weimarer Republik, insbesondere in der des Nazi-Kronjuristen Carl Schmitts. So ergibt sich \u2013 trotz aller historischen wie theoretischen Unterschiede \u2013 eine Kontinuit\u00e4t der politik-theoretischen Grundlage der Legitimation der Weimarer Notverordnungspraxis, der Rechtfertigung der Nazi-Herrschaft, der amerikanischen Besatzungspolitik sowie des bundesrepublikanischen Verfassungsstaats. In den Worte Lietzmanns: \u201eDie \u00dcberlegungen zur Diktatur standen an der Wiege einer Theorie des Verfassungsstaates. Auch die g\u00e4ngige und im Kalten Krieg zur Gewohnheit gewordene Gegen\u00fcberstellung von \u201aTotalitarismus\u2019 einerseits, und \u201aDemokratie\u2019 andererseits, beruht deshalb auf einem popul\u00e4ren, aber falschen Vorurteil. Friedrich zeichnet sein Bild der \u201atotalit\u00e4ren Diktatur vielmehr aus der Perspektive seiner Option f\u00fcr eine \u201akonstitutionelle\u2019 Diktatur. Seiner Kerntheorie eines \u201abenevolent despotism\u2019 liegt aber gerade keine Demokratietheorie zugrunde.\u201c Lietzmanns Res\u00fcmee lautet, da\u00df \u201eeine pluralistische Theorie der Demokratie \u2013 die umgangssprachlich als Alternative des Totalitarismus gemeint wird \u2013 auf ihrer Basis nicht zu haben (ist). Sie hat einen durch und durch autorit\u00e4ren Kern.\u201c (ebd., 303) Antitotalitarismus kann somit per se nicht demokratisch sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Relativierung des Nazismus<\/strong><br \/>\nEin zentraler und moralisch aufgeladener Einwand gegen die Totalitarismustheorie ist, da\u00df sie die Singularit\u00e4t des Holocausts durch ihre Gleichsetzung negiert. Nun ist die Rede von der Singularit\u00e4t des Holocaust oder der Shoah selbst heftig umstritten. Sie reicht von der Aussage, da\u00df alle geschichtlichen Ereignisse singul\u00e4r sind bis zur Definition des Holocaust als singul\u00e4r, weil diesem \u2013 Hannah Arendt zufolge \u2013 jedes utilitaristische Motiv fehle. Der Historiker Dan Diner wiederum sah die Singularit\u00e4t durch die Unerkl\u00e4rlichkeit \u2013 er nennt es black box \u2013 gekennzeichnet. Damit jedoch wird die Shoah aus ihren geschichtlichen Kontinuit\u00e4ten herausgenommen, sie wird zu einem au\u00dfergeschichtlichen, quasi mythischen Ereignis. Die Kontroverse kann an dieser Stelle nicht ersch\u00f6pfend behandelt werden, sinnvoll erscheint es jedoch, eine wissenschaftliche und politisch-moralische Ebene zu unterschieden. Relevant f\u00fcr unser Thema ist vielmehr die Tatsache, da\u00df Friedrich, Jesse und andere Vertreter des Totalitarismusansatzes nicht an der Erkl\u00e4rbarkeit der Judenvernichtung \u2013 ja nicht einmal an der des Expansions- und Vernichtungskriegs \u2013 interessiert sind (wenngleich rhetorisch die Singularit\u00e4t durchaus anerkannt wird). Gelegentlich wird das sogar explizit ausgesprochen. Insofern ist der Vorwurf gerechtfertigt, da\u00df sie durch ihre Gleichsetzung von faschistischen und kommunistischen Verbrechen erstere, insbesondere aber die Vernichtung der Juden und Sinti und Roma, relativieren. Folgendes Zitat von Eckard Jesse spricht f\u00fcr sich: \u201eWer etwa (\u2026) die Anwendung des Totalitarismusbegriffs wegen \u201astruktureller Unterschiede\u2019 zwischen dem Dritten Reich und der DDR ablehnt (nach Wolle [Stefan, Verfasser eines Buches \u00fcber die DDR, mit dem Jesse sich auseinandersetzt, GS]: In dem einen System blieb die Wirtschaft privat organisiert, in dem anderen kam es zur Verstaatlichung; das eine System fand breite Zustimmung, das andere st\u00fctzte sich auf die Bajonette einer Besatzungsmacht; das eine fing einen Krieg an und beging organisierten Massenmord, das andere nicht), wer so argumentiert, mu\u00df sich den Vorwurf gefallen lassen, offenkundig mit einem Popanz zu hantieren.\u201c (Jesse 1998, 7) Wer also \u2013 um Jesses Argument zuzuspitzen \u2013 den Unterschied von sechs Millionen ermordeter Juden und sechs Millionen Stasiakten f\u00fcr einen Popanz h\u00e4lt und damit das wesentliche Charakteristikum des Faschismus, insbesondere des deutschen, n\u00e4mlich Massenmordprogramme und Vernichtungskrieg, negiert, der kann nicht ernstlich behaupten, da\u00df das Totalitarismuskonzept auch nur ann\u00e4hernd als wissenschaftliche Theorie ernstgenommen werden kann. Die politische Instrumentalisierung des sich wissenschaftlich gebenden Ansatzes ist hier so deutlich wie selten erkennbar: Sie zielt auf die Relativierung des Nazifaschismus.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Form und Inhalt<\/strong><br \/>\nDas alles bedeutet nicht, da\u00df das Totalitarismuskonzept nicht durchaus den Fokus auf Probleme richtet, die gerade auch f\u00fcr eine an der grunds\u00e4tzlichen Alternative zum Kapitalismus festhaltenden Linken von nicht zu untersch\u00e4tzender Bedeutung sind. Erst indem die Haltlosigkeit des Modells nachgewiesen wird, schafft die Linke die Voraussetzung, sich das besetzte Terrain selbst wieder anzueignen. In diesem Zusammenhang sind etwa folgende sowohl in der Stalinschen Sowjetunion als auch in Nazideutschland zu konstatierende \u00e4hnliche Ph\u00e4nomene zu nennen: das Streben nach umfassender Kontrolle, die versuchte Politisierung aller Aspekte des sozialen Lebens, die Rolle der Ideologie, das Motiv der Schaffung eines neuen Menschen, die simplifizierenden Freund\/Feind-Schemata sowie die Propagierung eines historischen Determinismus.<br \/>\nDie \u00c4hnlichkeiten betreffen jedoch nur die Form der Herrschaftsaus\u00fcbung, nicht das Wesen oder den Inhalt. Die grunds\u00e4tzliche Schw\u00e4che der Totalitarismustheorie liegt demnach darin, da\u00df sie eine Komponente der Dichotomie Inhalt\/Form v\u00f6llig vernachl\u00e4ssigt, n\u00e4mlich Inhalt, Zweck und Intention, \u201eum gleichzeitig die andere Komponente um so st\u00e4rker hervorzuheben: Form, Mittel und Umsetzung von Herrschaftsprinzipien.\u201c (Erlinghagen\/Wiegel, 157) Das Niveau wissenschaftlicher Analyse und Erkl\u00e4rung wird daher nicht erreicht, da die Aufgabe von Wissenschaft die Erkl\u00e4rung von Kausalbeziehungen und historischen Prozessen sein sollte. Gerade aber wenn man nach den historischen und sozial-\u00f6konomischen Ursachen, nach der sozialen Zusammensetzung der Parteien und nach dem Verh\u00e4ltnis zur herrschenden Klasse der beiden \u201eTotalitarismen\u201c gefragt wird, treten wesentliche Unterschiede zutage. Kurz gesagt, zielte das kommunistische Projekt in der Sowjetunion auf die v\u00f6llige Umw\u00e4lzung der alten politischen und sozialen Ordnung, \u201ew\u00e4hrend der Faschismus und der Nationalsozialismus \u201anur\u2019 auf die totale Zerst\u00f6rung der politischen Ordnung aus waren (\u2026), die \u00f6konomische und soziale Ordnung aber nicht grundlegend ver\u00e4nderte.\u201c (Glae\u00dfner, 928) W\u00e4hrend Sozialismus und Kommunismus Versuche der Alternative zu Kapitalismus und Dominanz des B\u00fcrgertums darstellen, ist der Faschismus \u2013 wie Reinhard K\u00fchnl es formulierte \u2013 eine andere Form b\u00fcrgerlicher Herrschaft.<br \/>\nNeben dieser fundamentalen Kritik gibt es eine Reihe von partiellen Kritikpunkten. Vor allem einem sozialgeschichtlichen Ansatz verpflichtete Historiker, die \u00fcber die Sowjetunion und Nazideutschland forschen, haben nachweisen k\u00f6nnen, da\u00df das Schema Friedrichs zur Beschreibung der Realit\u00e4t keineswegs tauglich ist. Etwa existierte in der Sowjetunion keine effektive Gedankenkontrolle und der Marxismus-Leninismus als Ideologie war f\u00fcr das Leben der meisten Menschen irrelevant. Auch das Bild vom faschistischen Deutschland als perfekter Diktatur stimme, so Martin Broszat und Hans Mommsen, keineswegs mit der Wirklichkeit \u00fcberein. Mommsen zeigte zudem, da\u00df die Rolle der Wirtschaft und die Funktionen des Diktators und der Partei sehr verschieden waren. Des weiteren wurde darauf hingewiesen, da\u00df die statische Totalitarismustheorie nicht den Wandel der kommunistischen Systeme erkl\u00e4ren konnte, deren Reformf\u00e4higkeit untersch\u00e4tzt und schlie\u00dflich den Zusammenbruch des Realsozialismus nicht vorausgesehen hat.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Kritik des dynamischen Ansatzes<\/strong><br \/>\nDie Kritik der weniger einflu\u00dfreichen dynamischen Variante des Totalitarismusmodells, die auf Arendt zur\u00fcckgeht und mit der Krise der statischen Variante und durch empirische Forschungen an Bedeutung gewann, soll hier nur kurz angesprochen werden. Generell ist ihr mehr Erkl\u00e4rungskraft \u00fcber die historischen Entwicklungen und Dynamiken zuzugestehen. Ferner beschr\u00e4nkten sie den Totalitarismus auf bestimmte Phasen \u2013 zumeist auf die Sowjetunion bis zu Stalins Tod 1953 und den Faschismus. Die poststalinsche UdSSR, die DDR und die anderen osteurop\u00e4ischen Staaten werden nicht als totalit\u00e4r charakterisiert. Der britische Historiker Ian Kershaw, der neben Martin Drath und Martin J\u00e4nicke als Protagonist der dynamischen oder auch konflikttheoretischen Totalitarismustheorie gilt, will den Totalitarismus als Begriff verstanden wissen, der \u201edas Struktur- und Systemlose in einer revolution\u00e4ren \u00dcbergangsphase der modernen Diktatur in den Vordergrund\u201c stellt.<br \/>\nDoch auch hier stellt sich die Frage, ob die Gemeinsamkeiten der Herrschaftssysteme die Unterschiede \u00fcberwiegen. Wenn \u2013 um bei Kershaws Argumentation zu bleiben \u2013 eine entscheidende Gemeinsamkeit das \u201eAusma\u00df des Angriffes auf die vorhandenen gesellschaftlichen und politischen Strukturen, das weitgehend durch die ideologische Dynamik des Regimes in seiner revolution\u00e4ren Phase bestimmt wird\u201c (Kershaw, 216) ist, so ist auf folgendes bereits angesprochenes Argument hinzuweisen: Einen gleicherma\u00dfen heftigen Angriff auf die sozialen Strukturen hat es in Deutschland nach 1933 und in Ru\u00dfland nach 1917 keineswegs gegeben, wenngleich freilich die Intensit\u00e4t der politischen Umw\u00e4lzungen eher zu vergleichen ist. In Deutschland wurden im Gegenteil viele bereits zuvor existente Ph\u00e4nomene \u2013 wie Rassismus, Antisemitismus, Sozialdarwinismus, Kapitalismus etc. \u2013 aufgenommen und zugespitzt, w\u00e4hrend in Ru\u00dfland tats\u00e4chlich eine umfassende soziale Revolution in Gang gesetzt wurde.<br \/>\nMit einem Wort: Obwohl die dynamische Variante der Totalitarismustheorie mehr Erkl\u00e4rungskraft als die auf Friedrich zur\u00fcckgehende hat, \u00fcberwiegen doch auch hier bei n\u00e4herer Betrachtung die Unterschiede der beiden gesellschaftlichen Entwicklungsprozesse.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Fazit und Ausblick<\/strong><br \/>\n\u00dcberraschend ist, da\u00df selbst vehemente Verfechter des Totalitarismusansatzes sich der Plausibilit\u00e4t ihrer favorisierten Theorie nicht ganz sicher zu sein scheinen. Die Hochkonjunktur f\u00fchren sie nicht auf wissenschaftsimmanente Fortschritte zur\u00fcck, sondern auf au\u00dferwissenschaftliche, politisch-gesellschaftliche Faktoren. Im Gegenteil: Eckhard Jesse etwa konstatiert einen Forschungsbedarf (Jesse 1999, 20). Der allenfalls vorwissenschaftliche Charakter der Theorie bzw. ihre nur sehr geringe Erkl\u00e4rungskraft scheint auch einem j\u00fcngeren Vertreter wie Steffen Kailitz bewu\u00dft zu sein, wenngleich er sich eindeutig zum Totalitarismusbegriff bekennt. Fast schon mit resignierendem Unterton schreibt er: \u201eMan w\u00fcrde sich vor allem etwas vormachen, wenn man glaubte, die Totalitarismusforschung k\u00f6nne konkrete Vorhersagen treffen, wie totalit\u00e4re Systeme entstehen, sich entwickeln und untergehen. Der Totalitarismusbegriff ist ein bedeutendes Instrument zur klassifikatorischen Analyse von Herrschaftssystemen. Mehr kann er vorl\u00e4ufig nicht und mehr braucht er auch nicht zu leisten.\u201c (Kailitz, 249) Mit anderen Worten: der Begriff ist ein \u201eCatchword\u201c (Glae\u00dfner), taugt jedoch nicht f\u00fcr theoretisch und politisch anspruchsvolle Reflexionen des 20. Jahrhunderts.<br \/>\nWolfgang Kraushaar ist neben Klaus von Beyme, einem Sch\u00fcler Friedrichs, einer der wenigen Bef\u00fcrworter der Totalitarismustheorie, der die Kritik Lietzmanns aufgenommen hat: Er gesteht zu, da\u00df es Friedrichs Theorie an einem demokratietheoretischen Anspruch mangelt. Sein Fazit der Totalitarismusforschung liest sich wie ein Schlag ins Gesicht ihrer F\u00fcrsprecher: \u201eZumindest im deutschsprachigen Raum haben die Ans\u00e4tze zu einer Reformulierung der Totalitarismustheorien eher in eine Sackgasse gef\u00fchrt. Solange jedenfalls die historisierenden Ans\u00e4tze derartig dominant bleiben, wird es kaum eine Aussicht auf eine zeitgem\u00e4\u00dfe Begriffsbestimmung und eine ungeteilte wissenschaftliche Akzeptanz geben.\u201c (Kraushaar, 242) Der mit einem Mindestma\u00df an logischem Denkverm\u00f6gen ausgestattete Leser erwartet nun eigentlich, da\u00df Kraushaar den Totalitarismusbegriff insgesamt verwirft. Doch dem ist nicht so. Er ist sogar bestrebt, der Linken \u2013 was immer er darunter versteht \u2013 \u201eDenkanst\u00f6\u00dfe f\u00fcr eine antitotalit\u00e4re Linke\u201c, so der Untertitel seines Buches \u201eLinke Geisterfahrer\u201c (Kraushaar 2001), zu geben. Erkl\u00e4ren kann man das nur, \u00e4hnlich wie im Fall von G\u00f6tz Aly, mit den Bem\u00fchungen unter ver\u00e4nderten politischen Rahmenbedingungen durch die Annahme der Totalitarismustheorie mit seiner eigenen linksradikalen Vergangenheit abrechnen zu wollen. Bleiben wir kurz beim Beispiel Aly, da er im letzten Jahr mit einer Buchpublikation und anderen \u00c4u\u00dferungen f\u00fcr enormen Diskussionsbedarf sorgte.<br \/>\nF\u00fcr Aly hatte sich nach Lekt\u00fcre von Kraushaars j\u00fcngstem Buch \u201eDie Bombe im j\u00fcdischen Gemeindehaus\u201c (2005) die Erkenntnis ergeben, da\u00df die Achtundsechziger ihren Eltern vor allem im Antisemitismus auf elende Weise \u00e4hnlich seien. (Die Welt 16.07.2005) Eine derart platte Anwendung von Rot=Braun, zumal auf die Studentenbewegung, hat man selten lesen k\u00f6nnen. Etwas subtiler argumentiert Aly in seinem viel diskutierten Buch \u201eHitlers Volksstaat\u201c, wobei schon der Untertitel \u201eRaub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus\u201c andeutet, worum es ihm geht: der Verschiebung des politischen Koordinaten-Systems. Was einst wie Sozialpolitik oder Revolution links besetzt war, erscheint nun als rechts oder faschistisch. Infolgedessen verwundert es nicht, wenn Aly in seinen politisch-polemischen \u00c4u\u00dferungen deutlicher als im Buch selbst durchblicken lie\u00df, welche Schlu\u00dffolgerungen aus seinen Erkenntnisse zu ziehen sind. Der Abbau des Sozialstaates mu\u00df als Beseitigung der letzten \u00dcberreste der \u201ekommunofaschistischen\u201c Vergangenheit \u2013 wie Thomas Kuczynski mit Bezug auf den Philosophen Adam Schaff formulierte \u2013 interpretiert werden. Kuczynski sprach daher in seiner Rezension zu \u201eHitlers Volksstaat\u201c von einer modernisierten Totalitarismustheorie. (Jungle World 16.04.2005)<br \/>\nMit der \u00dcbertragung von totalitarismustheoretischen Versatzst\u00fccken auf den radikalen Islamismus versuchen derzeit (Neo)Konservative der westlichen Welt ihren Herrschaftsanspruch \u00fcber den Rest der Welt ideologisch zu legitimieren. Der britische Historiker Niall Ferguson meinte unl\u00e4ngst in Die Welt (22.02.2006), da\u00df der entscheidende Wendepunkt der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts nicht das Jahr 1989 gewesen sei, sondern 1979. Die iranische Revolution sei der Anfang vom Aufstieg des militanten Islamismus. Aus diesem Grund bekundet Ferguson, \u201eSehnsucht nach einem Kalten Krieg\u201c zu haben. \u201eEin neuer Kalter Krieg k\u00f6nnte also ebenso gut f\u00fcr Westeuropa sein (\u2026) einfach, weil er uns an den Wert unserer harterk\u00e4mpften Freiheiten, (\u2026) erinnern w\u00fcrde.\u201c Ferguson spricht deutlich aus, was bereits seit 1990 \u2013 dem Jahr nicht nur des Zusammenbruchs des Realsozialismus, sondern auch des Kuwaitkriegs \u2013 sukzessive zu beobachten ist. Zur Selbstlegitimation ben\u00f6tigt das \u201aWir\u2019 des Westens das \u201aAndere\u2019 als Projektionsfl\u00e4che. Bis 1990 war dies der Kommunismus, sp\u00e4testens seit dem 11. September 2001 und j\u00fcngst dem sogenannten Karikaturenstreit ist es der Islam. Fehlt das \u201aAndere\u2019 droht ein L\u00fccke in der Selbstbeschreibung des \u201aWir\u2019. \u201eDer Islam wird nun nicht nur als ideologische Antithese gegriffen, sondern als gesamtkulturelle Antithese zum Westen und seiner universalistischen Identit\u00e4t. Der Islam ger\u00e4t so zur Begr\u00fcndung des Gegen-Westens, zur Gegen-Moderne, ja zur Gegen-Zivilisation.\u201c (Schulze 1991, 7).<br \/>\nAuch f\u00fcr die n\u00e4chste Zukunft d\u00fcrfte also die Geschichte der Totalitarismustheorie als Herrschaftsprojekte legitimierende Integrationsideologie ihre Fortsetzung finden.<br \/>\nEine sozialistische oder kommunistische Linke mu\u00df sich dem angemessen stellen und die angesprochenen Themen f\u00fcr sich besetzen. Allein ein Verweis auf die Tatsache der Instrumentalisierung der Totalitarismustheorie im Sinne der Machtaus\u00fcbenden reicht mitnichten. Im Fall der aktuellen Debatte um den angeblichen totalit\u00e4ren Charakter des Islamismus laufen Teile der Linken Gefahr, religi\u00f6s motivierten Terror zu verharmlosen. Vor allem m\u00fcssen vermittelbare Erkl\u00e4rungen \u2013 wissenschaftliche Ans\u00e4tze gibt es ja bereits \u2013 f\u00fcr die \u00e4u\u00dferlichen \u00c4hnlichkeiten der Sowjetunion unter Stalin und dem Faschismus in Italien und Deutschland gefunden werden. Andernfalls wird es die Linke schwer haben, eine kulturelle Hegemonie f\u00fcr die Ausweitung der Demokratie auf soziale und wirtschaftliche Bereiche, also f\u00fcr einen neuen sozialistischen Anlauf, zu gewinnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Literatur<\/strong><br \/>\nErlinghagen, Robert\/Wiegel, Gerd (1999), Das Totalitarismuskonzept. Zum wissenschaftlichen Gebrauchswert einer politischen Theorie: Joachim Klotz (Hg.), Schlimmer als die Nazis. \u201eDas Schwarzbuch des Kommunismus\u201c und die neue Totalitarismusdebatte, K\u00f6ln, S. 156-187.<br \/>\nGlae\u00dfner, Gert-Joachim (1995), Das Ende des Kommunismus und die Sozialwissenschaften. Anmerkungen zum Totalitarismusproblem, in: deutschland archiv, Jg. 28. Nr. 9, S. 920-936.<br \/>\nJesse, Eckhard (1998), Die Totalitarismusforschung und ihre Repr\u00e4sentanten. Konzeptionen von Carl J. Friedrich, Hannah Arendt, Eric Voegelin, Ernst Nolte und Karl Dietrich Bracher, in: Aus Politik und Zeitgeschichte B 20\/98.<br \/>\nDers. (1999), Die Totalitarismusforschung im Streit der Meinungen, in: ders (Hg.), a.a.O.<br \/>\nKailitz, Steffen (1997), Der Streit um den Totalitarismusbegriff. Ein Spiegelbild der politischen Entwicklung, in: Eckhard Jesse\/Steffen Kailitz (Hg.), Pr\u00e4gekr\u00e4fte des 20. Jahrhunderts, Baden-Baden, S. 219-250.<br \/>\nKershaw, Ian (1999), Nationalsozialistische und stalinistische Herrschaft. M\u00f6glichkeiten und Grenzen des Vergleichs, in: Eckhard Jesse (Hg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, S. 213-222.<br \/>\nKraushaar, Wolfgang (2001), Linke Geisterfahrer. Denkanst\u00f6sse f\u00fcr eine antitotalit\u00e4re Linke, Frankfurt\/Main.<br \/>\nLietzmann, Hans J. (1999), Politikwissenschaft im &#8222;Zeitalter der Diktaturen&#8220;. Die Entwicklung der Totalitarismustheorie Carl Joachim Friedrichs, Opladen.<br \/>\nRoth, Karl Heinz (1998), Der Einflu\u00df der Totalitarismustheorie auf die Bundestags-Enquete \u201eAufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland\u201c und die Auswirkungen auf die politische Kultur der Bundesrepublik, in: Ansichten zur Geschichte der DDR, hgg. von Ludwig Elm u.a., Bonn\/Berlin.<br \/>\nDers.: (1999), Geschichtsrevisionismus. Die Wiedergeburt der Totalitarismustheorie, Hamburg.<br \/>\nSchulze, Reinhard (1991): Vom Antikommunismus zum Antiislamismus. Der Kuwait-Krieg als Fortschreibung des Ost-West-Konflikts, in Peripherie Nr. 41, S. 5-12.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Offenbar sind einige Verfechter von Kapitalismus und repr\u00e4sentativer Demokratie von der \u00dcberlegenheit ihrer Ordnung nicht sehr \u00fcberzeugt. 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