{"id":331,"date":"2008-04-01T21:10:56","date_gmt":"2008-04-01T19:10:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=331"},"modified":"2008-04-01T21:10:56","modified_gmt":"2008-04-01T19:10:56","slug":"uber-thomas-krolls-kommunistische-intellektuelle-in-westeuropa","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=331","title":{"rendered":"\u00dcber Thomas Krolls &#8222;Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa&#8220;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: left;\"><em>Thomas Kroll, Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. Frankreich, \u00d6sterreich, Italien und Gro\u00dfbritannien im Vergleich (1945-1956), B\u00f6hlau, K\u00f6ln\/Weimar\/Wien 2007, 775 S. 74,90 Euro<br \/>\n<\/em><br \/>\nVorliegende Studie ist eine \u00fcberarbeitete Habilitationsschrift, die sich zum Ziel gesetzt hat, eine \u201ebislang ungel\u00f6stes historisches Ph\u00e4nomen der westeurop\u00e4ischen Geschichte\u201c (2) zu l\u00f6sen: Es geht darum, Gr\u00fcnde f\u00fcr das Engagement Intellektueller f\u00fcr den Kommunismus sowjetischer Pr\u00e4gung in den prosperierenden parlamentarischen Demokratien Frankreichs, \u00d6sterreichs, Italiens und Gro\u00dfbritanniens zu finden.<!--more--> Thomas Kroll geht den historischen Urspr\u00fcngen f\u00fcr diese Attraktivit\u00e4t nach, indem er zu kl\u00e4ren versucht, \u201eaufgrund welcher Erfahrungen, mit welchen Zielen und in welchen Formeln sich westeurop\u00e4ische Intellektuelle in den Jahren von 1945 bis 1956 f\u00fcr den Kommunismus engagierten.\u201c (ebd.)<br \/>\nMethodisch hebt sich der Verfasser \u2013 allerdings lediglich graduell \u2013 mit seiner Methode des internationalen Vergleichs und eines \u201eneuartige[n], glaubensgeschichtliche[n] Ansatz\u201c (9) von den bisherigen Erkl\u00e4rungsans\u00e4tzen ab, die im Wesentlichen dem Konzept der \u201epolitischen Religion\u201c und der Totalitarismustheorie verpflichtet waren. Der internationale Vergleich wird anhand von drei Achsen vorgenommen. Erstens werden die konkreten politischen, sozialen oder religi\u00f6sen Erfahrungen des kommunistischen Engagements der Intellektuellen erforscht. Zweitens wird eruiert, was die Intellektuellen der verschiedenen L\u00e4nder jeweils unter Kommunismus verstanden und welche Ziele sie mit ihrem Engagement verfolgt haben. Die dritte Achse verfolgt die Frage, welches politische Selbstverst\u00e4ndnis und zu welchen Formen des Engagements die Intellektuellen tats\u00e4chlich griffen.<br \/>\nGrundannahme Krolls ist, dass \u201edas kommunistische Engagement der Intellektuellen Westeuropas als Ausdruck einer s\u00e4kularen politischen Glaubenshaltung zu verstehen ist.\u201c (9) Im Unterschied zum Konzept der \u201ePolitischen Religion\u201c von Eric Voegelin, das den Glauben an den Kommunismus als irrationale Kompensation f\u00fcr den Verlust einer transzendentalen Religion fasst, betont der Autor mit Bezug auf Paul Tillich, dass unter Glauben eine Gesinnungsqualit\u00e4t zu verstehen sei, die sich dadurch auszeichne, dass der Gl\u00e4ubige sein Handeln freiwillig einer absolut gesetzten Sache unterwerfe (10). Die daraus resultierende Forschungshypothese lautet: \u201eDie Intellektuellen wurden Kommunisten wegen des Kommunismus, also der Vision einer \u00f6konomisch gerechten, harmonischen Gesellschaft, in der die Individuen sich ohne die Einwirkung staatlichen Zwangs frei entfalten und assoziieren k\u00f6nnten.\u201c (ebd.)<br \/>\nWiederum mit Tillich differenziert Kroll seinen Glaubensbegriff in einen utopischen und einen sakramentalen aus. W\u00e4hrend ersterer auf das, was kommen soll, n\u00e4mlich die klassenlose Gesellschaft, zielt, richtet sich letzterer auf das, was schon ist: der Sozialismus in der Sowjetunion.<br \/>\nKrolls hat in Anschluss an Norberto Bobbio und Stefan Collin ein weites Intellektuellenverst\u00e4ndnis. Als Intellektuelle werden all jene verstanden, die Wissen, Theorien, Ideen oder auch Meinungen zu Problemstellungen von allgemeiner Bedeutung sch\u00f6pferisch hervorbringen und\/oder \u00f6ffentlichkeitswirksam verbreiten (14). In Bezug auf ihr Selbstverst\u00e4ndnis unterscheidet der Verfasser ein autonomes und ein heteronomes Rollenverst\u00e4ndnis. W\u00e4hrend das autonome \u00fcberwiegend bei kommunistischen Intellektuellen mit einem utopischen Glauben vorzufinden ist, so korrespondiert das heteronome in erster Linie mit einer sakramentalen Glaubenshaltung. Die Urspr\u00fcnge und die Dauer des Glaubens, so eine weitere Hypothese, ist abh\u00e4ngig von den konkreten sozialen, politischen oder religi\u00f6sen Erfahrungen. Diese werden mit den Kategorien \u201eKonversion\u201c und mit dem Generationenbegriff empirisch erforscht.<br \/>\nDer Verfasser st\u00fctzt sich bei dieser Erforschung auf eine \u2013 man kann es nicht anders sagen \u2013 gigantische Menge von Quellen (Literatur- und Quellenverzeichnis beanspruchen nicht weniger als 100 Seiten des Bandes). Untersucht wurden 606 Biografien von kommunistischen Intellektuelle, wobei in vorliegender Studie nur ausgew\u00e4hlte pr\u00e4sentiert werden. Chronologisch wird sodann in vier Kapiteln das Engagement von kommunistischen Intellektuellen anhand der Forschungsfragen in Frankreich, \u00d6sterreich, Italien und Gro\u00dfbritanniens beschrieben. Das hier aufgearbeitete Material ist f\u00fcr jede\/n Interessierte\/n eine wahre Fundgrube.<br \/>\nDas \u00e4ndert jedoch nichts daran, dass die Pr\u00e4missen und theoretischen Zug\u00e4nge der Studie in Zweifel zu ziehen sind. So etwa der glaubensgeschichtliche Ansatz in Anlehnung an Tillich. In der Fachdiskussion wird gegen ihn eingewendet, dass dieser den Theismus nur religionsphilosophisch \u00fcberboten habe. In der affirmativen Seins-Bejahung, bei der sich vermittelt \u00fcber Heidegger auch der Einfluss Nietzsches niederschl\u00e4gt, werde somit die widerst\u00e4ndige Potenz des Glaubens zur\u00fcckgenommen. Eine widerst\u00e4ndige Potenz, die im Glaubensbegriff von Antonio Gramsci und Ernst Bloch hingegen enthalten ist. Diese verstanden Glauben als allgemeine Dimension gesellschaftlicher Praxis und Subjektivit\u00e4t. Ihnen ging es darum zu zeigen, dass Glauben auch als eine oppositionelle und ideologiekritische Macht auftreten kann, die den Subalternen zu Koh\u00e4renz und Ausdauer verhelfen k\u00f6nne.<br \/>\nKrolls Hauptfazit kann \u00fcberdies nur denjenigen \u00fcberraschen, der Anh\u00e4nger der \u00ednkriminatorischen Totalitarismustheorie ist. Ein Ergebnis lautet n\u00e4mlich, dass das kommunistische Engagement nicht \u2013 wie zum Beispiel Furet in \u201eDas Ende der Illusion\u201c argumentierte \u2013 monolithisch war, sondern \u00e4u\u00dferst komplex und vielgestaltig. Der kommunistische Glaube \u2013 so die zentrale Schlussfolgerung \u2013 hatte in Europa ein Janusgesicht. \u201eZwar entwickelte der kommunistische Glaube von Intellektuellen vielfach eine totalit\u00e4re Sto\u00dfrichtung, doch wohnten ihm auch Entwicklungsm\u00f6glichkeiten inne, [\u2026], die unter bestimmten historischen Umst\u00e4nden in das Engagement f\u00fcr die Forcierung von gesellschaftlichen Demokratisierungsprozessen westlichen Zuschnitts m\u00fcnden konnten.\u201c (630) Als Beispiel f\u00fcr eine totalit\u00e4re Entwicklung gelten dem Verfasser die franz\u00f6sischen Intellektuellen, w\u00e4hrend das Engagement der italienischen KP-Mitglieder eine demokratische Sto\u00dfrichtung zeitigte. Dies wird u.a. auf die Rolle Gramscis und seiner angeblichen idealistischen und voluntaristischen Variante des Marxismus zur\u00fcckgef\u00fchrt. Verallgemeinernd hei\u00dft es, kommunistisches Engagement f\u00fchre in autorit\u00e4ren L\u00e4ndern (Italien, partiell \u00d6sterreich) zu Demokratisierungseffekten, w\u00e4hren es in bereits demokratischen L\u00e4ndern eine totalit\u00e4re Wendung oder \u201ezumindest eine diktatorisch-gewaltbereite Sto\u00dfrichtung\u201c erfahre. (640)<br \/>\nKroll bleibt mithin einem etwas differenzierteren Totalitarismuskonzept verhaftet, welches Kommunismus zun\u00e4chst einmal per sie als totalit\u00e4r und gewaltbereit voraussetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=speckmann%20thomas%20kroll&amp;source=web&amp;cd=4&amp;cad=rja&amp;ved=0CDkQFjAD&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.inkrit.de%2Fargument%2Farchiv%2FDA277%2FDA277_inhalt.pdf&amp;ei=1vVlUOPwHojSsgbD-IGYAQ&amp;usg=AFQjCNGeVZrtCSlA3Ky23p118lEGfIDaNQ\">Das Argument 277, Heft 4\/2008<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thomas Kroll, Kommunistische Intellektuelle in Westeuropa. 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