{"id":48,"date":"2012-02-10T20:27:10","date_gmt":"2012-02-10T18:27:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=48"},"modified":"2019-05-02T11:49:27","modified_gmt":"2019-05-02T09:49:27","slug":"moralisch-mas-nehmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=48","title":{"rendered":"Moralisch Ma\u00df nehmen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Mythos Dresden und die Wandlungen der deutschen Erinnerungskultur<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In den 1950er Jahren wurden in N\u00fcrnberg die Steine einer zerst\u00f6rten j\u00fcdischen Synagoge f\u00fcr den Bau eines Denkmals zum Gedenken an die deutschen Bombenopfer genutzt. Dieses Beispiel macht anschaulich, was der Essayist und Journalist Eike Geisel \u00fcber die Situation der fr\u00fchen Bundesrepublik in folgende Worte fasste: \u00bbDie Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.\u00ab<br \/>\nInsbesondere der Luftkrieg der Alliierten gegen deutsche St\u00e4dte in den letzten Kriegsjahren bot sich an, um in diese Opferrolle zu schl\u00fcpfen. <!--more-->Das schien aus Sicht der T\u00e4ter auch bitter notwendig zu sein, plagten so manchen von ihnen doch ein schlechtes Gewissen und das Bed\u00fcrfnis nach Schuldabwehr angesichts der aktiv begangenen oder tolerierten bis dato pr\u00e4zedenzlosen Verbrechen.<br \/>\nDie Bombardierung Dresdens am 13. Februar 1945 durch englische und amerikanische Flugzeuge diente und dient beim Verdr\u00e4ngungsmuster gegenseitiger Schuldaufrechnung als Musterbeispiel. Denn hier, so die zentralen Bestandteile des Mythos Dresden, seien bis zu 300.000 Tote zu beklagen, sei die Bombardierung der angeblich von Fl\u00fcchtlingen \u00fcberf\u00fcllten Stadt nicht kriegsentscheidend gewesen, seien besonders perfide Mittel wie Phosphorbomben und Tieffliegerangriffe eingesetzt und zudem noch eine barocke Kulturhauptstadt dem Erdboden gleichgemacht worden.<\/p>\n<p><strong>All diese Annahmen stimmen jedoch nicht<\/strong>. Sie lassen sich u.a. auf zeitgen\u00f6ssische Nazi-Propagandakampagnen zur\u00fcckf\u00fchren, deren Elemente sowohl in der DDR als auch in der BRD bis in die 1980er bzw. 1990er Jahre weiterlebten &#8211; bis sich kritische HistorikerInnen und PublizistInnen an ihre Widerlegung machten und antifaschistische Gruppen die Kritik an den Legenden aufgriffen. Durchaus mit Erfolg: Heute hat sich die Demontage des Dresden-Schwindels partiell bis in die offizielle Erinnerungspolitik der Stadt Dresden und der Berliner Republik fortgesetzt. So wurde, um nur ein Beispiel anzuf\u00fchren, die Opferzahl der Angriffe durch eine Dresdner Historikerkommission auf 18.000 bis 25.000 gesch\u00e4tzt &#8211; was manche ZeitzeugInnen und ZeitungsredakteurInnen nicht davon abh\u00e4lt, die Zahlen immer noch h\u00f6her anzusetzen. Mythen sind hartn\u00e4ckig \u2026<br \/>\nDie Demaskierung der Legenden um Dresden vollzieht sich dabei seit etwa zwei Jahrzehnten in einem gewandelten geschichtspolitischen Umfeld. Die Stichworte hier sind neuer Opferdiskurs, Universalisierung des Holocaust, Bekenntnis zur deutschen T\u00e4terschaft und opferidentifizierte Gedenkkultur.<\/p>\n<p><strong>Der neue Opferdiskurs setzte<\/strong> nach der ber\u00fcchtigten Paulskirchen-Rede von Martin Walser 1998 ein. In dieser hatte der Schriftsteller das Ende der \u00bbDauerpr\u00e4sentation unserer Schande\u00ab gefordert, und damit dem Bed\u00fcrfnis vieler Deutschen Ausdruck gegeben, unter die deutschen Verbrechen einen Schlussstrich ziehen zu wollen. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, kritisierte Walser daraufhin als \u00bbgeistigen Brandstifter\u00ab. In diesem Zusammenhang muss auch die breite Rezeption von Werken wie G\u00fcnter Grass Novelle \u00bbIm Krebsgang\u00ab \u00fcber die Vertreibung der Deutschen oder J\u00f6rg Friedrichs Buch \u00bbDer Brand\u00ab \u00fcber die Bombardierung deutscher St\u00e4dte gesehen werden, die die neue Opferdebatte richtig ins Rollen brachte. Fortsetzung fand sie in diversen B\u00fcchern \u00fcber Flucht und Vertreibung der Deutschen und der Thematisierung der Vergewaltigungen deutscher Frauen durch Soldaten der Roten Armee.<\/p>\n<p><strong>Das Problematische an dieser Opferdebatte<\/strong> ist, dass ihr eine T\u00e4ter-Opfer-Umkehrung zugrunde liegt, die auf eine Relativierung der deutschen Verbrechen \u2013 insbesondere des Holocaust \u2013 hinausl\u00e4uft. Der gesellschaftliche Kontext des deutschen Nazifaschismus verschwindet zugunsten einer moralischen Betrachtungsweise. Die Neue Z\u00fcrcher Zeitung hat dieses Narrativ als \u00bbmentalen Status quo der Berliner Republik im neuen Jahrhundert\u00ab bezeichnet. Die immer wieder vorgeschobene Behauptung, dass ein Gedenken der deutschen Opfer in der Vergangenheit mit einem Tabu belegt worden sei, l\u00e4sst sich eindeutig widerlegen. Sie dient vielmehr der Inszenierung des Sprechers als mutigen Tabubrecher, dem es um ein h\u00f6heres Ma\u00df an Aufmerksamkeit geht. Auf Dresden angewandt: Das Gedenken an die Bombardierung der Stadt wurde \u00bbzur Schaffung eines Nationalmythos genutzt, mit dem die Deutschen Auschwitz vergessen machen wollten,\u00ab wie es in der Zeitschrift konkret anl\u00e4sslich des 50. Jahrestages 1995 hie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Heute ist der \u00bbmentale Status quo\u00ab<\/strong> der Bundesrepublik allein mit dem Opferdiskurs nur unzul\u00e4nglich beschrieben. Deren politischen Repr\u00e4sentantInnen haben das Bekenntnis zur deutschen Schuld und Singularit\u00e4t des Holocaust in ihr rhetorisches Arsenal aufgenommen. Insofern stellt die sich aus der Paulskirchen-Rede entspinnende Walser-Bubis-Debatte das letzte Nachhutgefecht der klassisch-konservativen Schlussstrich- und Verdr\u00e4ngungsmentalit\u00e4t dar. Angedeutet hatte sich dies bereits mit der Rede des ehemaligen Bundespr\u00e4sidenten Richard von Weiz\u00e4cker 1985 anl\u00e4sslich des 40. Jahrestages der Befreiung vom Faschismus. In dieser sprach er sich f\u00fcr das Gebot des Erinnerns an die Naziverbrechen aus; Erinnern sei der Weg zur Vers\u00f6hnung. Unter der rot-gr\u00fcnen Koalition ab 1998, deren f\u00fchrende Figuren ehemalige 1968er waren und damit Anteil an der Aufk\u00fcndigung des \u00bbDavon haben wir nichts gewusst\u00ab der T\u00e4tergeneration hatten, \u00fcberf\u00fchrten dann das Gebot des Erinnerns und das Schuldbekenntnis in einen bis heute andauernden staatsoffiziellen Modus. Materielle Gestalt hat dieser in dem Holocaust-Mahnmal in Berlin gefunden. So viel Auschwitz war nie, k\u00f6nnte man salopp sagen. Walsers Warnung vor der \u00bbDauerrepr\u00e4sentation unserer Schande\u00ab war also vergebens. Sie ist Mainstream in der Berliner Republik geworden.<br \/>\nDoch der Weg von 1968 bis 1998 war lang. War man damals durch die Orientierung an marxistischen Faschismustheorien an den gesellschaftlichen Ursachen f\u00fcr den Siegeszug des Nationalsozialismus und der Verhinderung erneuter faschistischer Tendenzen interessiert, war unter Rot-Gr\u00fcn \u2013 und ist bis heute \u2013 ein anderes Motiv ausschlaggebend. Das ritualisiert vorgetragene Schuldbekenntnis geht zumeist mit einem Lob der deutschen Vergangenheitsbew\u00e4ltigung einher. Nicht die historischen Prozesse, die in Auschwitz kulminierten, stehen im Zentrum der Erinnerung, sondern diese sind nur willkommener Ausgangspunkt, um die angeblich gelungene bundesdeutsche Vergangenheitsbew\u00e4ltigung herauszustellen. Wie Franzosen ihr positives Nationenverst\u00e4ndnis aus der Revolution von 1789, die Amerikaner ihres aus der Revolution von 1776, so beziehen die Deutschen heute ihres aus der mittlerweile als Exportartikel dienenden Aufarbeitung der Vergangenheit. Aus dem Bekenntnis zur eigenen Scham ist das Recht erwachsen, \u00bban anderen moralisch Ma\u00df zu nehmen,\u00ab bringt konkret es auf den Punkt.<\/p>\n<p><strong>\u00dcberlagert werden diese Tendenzen<\/strong> noch von der sogenannten Universalisierung des Holocaust. Damit ist gemeint, dass die Erinnerung an die Shoa \u00fcber Deutschland und Europa (und nat\u00fcrlich Israel) hinaus zu einem weltweiten negativ-moralischen Bezugspunkt geworden ist. Sie steht f\u00fcr die Unmenschlichkeit des blutigen 20. Jahrhunderts schlechthin. F\u00fcr die Deutschen bedeutet dies \u2013 je nach Standpunkt \u2013 Gefahr oder Erleichterung. Indem sie sich in eine globale konstituierende Erinnerungsgemeinschaft einf\u00fcgen k\u00f6nnen, entledigen sie sich der M\u00fche \u00bbder schmerzhaften quellenbasierten Konkretisierung des Erinnerns\u00ab (Andreas Wirsching) an die deutsche Geschichte und ihre Kontinuit\u00e4ten.<\/p>\n<p><strong>Und schlie\u00dflich korrespondieren<\/strong> diese Entwicklungen in der Erinnerungskultur mit einer, wie es die Historikerin Ulrike Jureit ausdr\u00fcckt, opferidentifizierten Gedenkkultur. Darunter wird verstanden, dass sich aus der nachholenden richtigen und notwendigen Hinwendung zu den j\u00fcdischen Opfern ein Identifizierungswunsch mit denselben entwickelt habe. Durch das Mitf\u00fchlen und Mitleiden werden die Opfer zwar umarmt, die T\u00e4ter und ihre Taten hingegen anonymisiert und pauschal verurteilt. \u00bbEine solche Erinnerungskultur\u00ab, schreibt Jureit, \u00bbhat ihr beunruhigendes, ihr subversives Potential verloren\u00ab. Sie ist, um das Bonmot von Gerhard Schr\u00f6der aufzugreifen, ein Ort, an den man gerne geht. Die Geschichtswissenschaftlerin warnt sogar vor dem Paradox, dass die deutsche Erinnerungskultur dazu tendiert, zu einer Vergessenskultur zu werden \u2013 eben weil sie zwanghaft erinnert.<\/p>\n<p><strong>Zur\u00fcck zu Dresden:<\/strong> Im Mythos Dresden als idealer Projektionsfl\u00e4che b\u00fcndeln sich die skizzierten Tendenzen. Der deutsche Opferdiskurs fand hier schon immer sein Paradebeispiel. Nunmehr ist er aber nur noch mit dem \u2013 abstrakten \u2013 Hinweis auf die deutsche T\u00e4terschaft zu haben. Dazu beigetragen hat freilich neben der linken Gedenkkritik mehr noch die Notwendigkeit der Abgrenzung von den Gedenkm\u00e4rschen der Neonazis bzw. von der \u00bbInstrumentalisierung des Gedenkens\u00ab durch extremistische Gruppierungen (worunter auch jene linken Antifagruppen verstanden werden, deren Insistieren auf den gemeinsamen Kern des Gedenkens von Nazis und b\u00fcrgerlicher Mitte \u2013 das Gedenken deutscher Opfer \u2013 letztere zur Korrekturen dr\u00e4ngte). Die Universalisierung des Holocaust bzw. des Nationalsozialismus findet ihren Ausdruck z.B. in dem Dresdener Plakat zum 60. Jahrestag der Luftangriffe. Dort wird die Elbmetropole in einer Reihe mit Bagdad, Sarajewo, Coventry, Leningrad, Grosny und Hiroshima aufgef\u00fchrt. Die Botschaft ist klar: Krieg ist b\u00f6se und moralisch zu verurteilen. In Kauf genommen wird jedoch, dass historische Kausalit\u00e4ten in einem 20. Jahrhundert von Krieg, Leid und Zerst\u00f6rung eingeebnet werden. Die damit verkn\u00fcpfte Empathie und Identifizierung mit den Opfern verst\u00e4rkt diese Tendenz und l\u00e4sst die Frage nach den historisch-gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnissen im Nebel.<br \/>\nSo wichtig die Mobilisierung gegen Naziaufm\u00e4rsche in Dresden ist, linke Gedenkkritik auf der H\u00f6he der Zeit muss den Wandlungen der deutschen Erinnerungskultur Rechnung tragen und die Dresdener Feierlichkeiten am 13. Februar als das kritisieren, was sie sind: eine nationale Selbstbeweihr\u00e4ucherungsveranstaltung.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=speckmann%20moralisch%20ma%C3%9F%20nehmen&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;ved=0CCIQFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.akweb.de%2Fthemen%2Fsonderbeilage_dresden.htm&amp;ei=7r1YUOSbHYXk4QSk94CgCw&amp;usg=AFQjCNE1Fhf6mlNcjeI6HB5DL0p-q78wDg\">Dresden Speciale 2012<\/a>)<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Mythos Dresden und die Wandlungen der deutschen Erinnerungskultur In den 1950er Jahren wurden in N\u00fcrnberg die Steine einer zerst\u00f6rten j\u00fcdischen Synagoge f\u00fcr den Bau eines Denkmals zum Gedenken an die deutschen Bombenopfer genutzt. Dieses Beispiel macht anschaulich, was der &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=48\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Der Mythos Dresden und die Wandlungen der deutschen Erinnerungskultur","footnotes":""},"categories":[7],"tags":[58,59],"class_list":["post-48","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-geschichtspolitik","tag-luftkrieg","tag-mythos-dresden"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=48"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1360,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/48\/revisions\/1360"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=48"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=48"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=48"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}