{"id":524,"date":"2007-09-01T21:23:04","date_gmt":"2007-09-01T19:23:04","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=524"},"modified":"2012-10-09T21:30:16","modified_gmt":"2012-10-09T19:30:16","slug":"vermittlungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=524","title":{"rendered":"Vermittlungsarbeit"},"content":{"rendered":"<p><em>Marcus Hawel\/Gregor Kritidis (Hrsg.), Aufschrei der Utopie. M\u00f6glichkeiten einer anderen Welt, Offizin-Verlag, Hannover 2006, 304 S., 18,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>\u201eTrotz objektiv technischer M\u00f6glichkeiten der Abschaffung von Armut und Elend versch\u00e4rft der Marktradikalismus die gesellschaftlichen Strukturprobleme und blockiert das produktive Experimentieren mit alternativen L\u00f6sungsans\u00e4tzen. Nichts aber ist wichtiger, als die sch\u00f6pferischen Potentiale zur \u00dcberwindung der Probleme freizusetzen. Denn nur wenn gedanklich die bestehenden Grenzen \u00fcberschritten werden, lassen sich die Kr\u00e4fte mobilisieren, die f\u00fcr die materielle \u00dcberschreitung derselben notwendig sind.\u201c<br \/>\nDieser auf dem Klappentext formulierte \u2013 freilich nicht anspruchslose \u2013 Aufgabe, versuchen die Autoren gerecht zu werde.<!--more--> Wie das bei Sammelb\u00e4nden so \u00fcblich ist, gelingt dies mal mehr, mal weniger. Insgesamt jedoch \u2013 um das Fazit vorwegzunehmen \u2013 ist das Buch eine \u00e4u\u00dferst anregende Intervention in die Diskussion zum Utopiebegriff und seine Fruchtbarmachung f\u00fcr die (real)politischen K\u00e4mpfe der systemkritischen bis antikapitalistischen Linken.<br \/>\nKonzeptionell fu\u00dft die Publikation auf der Hannoveraner-Veranstaltung \u201eDie M\u00f6glichkeit einer anderen Welt. Kongress zu konkreter Utopie und realpolitischer Intervention\u201c aus dem Oktober 2005, die von dem Online-Magazin \u201eSozialistische Positionen\u201c und der Loccumer Initiative kritischer WissenschaftlerInnen\u201c organisiert wurde. Die dort gehaltenen Referate werden hier dokumentiert.<\/p>\n<p>Beim Utopiebegriff herrscht weitgehende Einigkeit dar\u00fcber, dass Ernst Bloch mit seinem Konzept der materialistisch realgeschichtlich bestimmten \u201ekonkreten Utopie\u201c das elaborierteste Konzept formuliert habe. Diesem zufolge stehe Utopie nicht \u2013 wie es nicht nur der alltagssprachliche Umgang oftmals nahelegt \u2013 f\u00fcr ein blo\u00dfes Wunschbild oder einen ahistorischen Luftschlossbau (Behrens, 88), sondern sei vielmehr ein gesellschaftskritischer Begriff, mit dem das uneingel\u00f6ste \u201eobjektiv-real M\u00f6gliche\u201c einer Gesellschaft eben dieser als Gegenentwurf entgegengehalten werde. Eine Definition des Blochschen Utopiebegriffs zitiert Peter-Erwin Jansen in seinem Betrag \u201e,Die Begierde nach Gesellschaft\u2019. Herbert Marcuses Blick f\u00fcr die Unzul\u00e4nglichkeiten staatlicher Utopien\u201c. Marcuse als Gesellschaftstheoretiker mit politischem Praxisbezug war in fast all seinen Schriften auf der Suche nach einer Alternative zum Utopiebegriff, um einerseits zur Vermeidung des Utopismus-Vorwurfs den Terminus aus seiner ahistorischen Befangenheit zu l\u00f6sen (38) und andererseits um eine Abgrenzung gegen\u00fcber der Verwendung bei Marx vorzunehmen. Denn dort sei der Utopiebegriff zu sehr dem \u201eBegriff des Kontinuums des Fortschritts\u201c verhaftet (37). Nachdem Marcuse 1968 zum ersten Mal mit Bloch selbst \u00fcber Utopie diskutiert und in seinem Begriff der \u201ekonkreten Utopie\u201c seine eigenen alternativen \u00dcberlegungen zu den \u201erealen, aber blockierten M\u00f6glichkeiten\u201c am pr\u00e4zisesten begrifflich erfasst gesehen hatte, schrieb er 1977 zustimmend in \u201e\u00d6kologie und Gesellschaftskritik\u201c: \u201eBlochs Idee der konkreten Utopie bezieht sich auf eine Gesellschaft, in der die Menschen es nicht mehr l\u00e4nger n\u00f6tig haben, unter Bedingungen der Entfremdung ihr Leben als Mittel zur Erringung des Lebensunterhalts zu leben.<\/p>\n<p>Konkrete Utopie: \u201aUtopie\u2019, weil eine solche Gesellschaft bisher noch nirgendwo existiert; \u201akonkret\u2019, weil eine solche Gesellschaft eine reale historische M\u00f6glichkeit darstellt.\u201c (40)<br \/>\nGregor Kritidis betont insofern in seinem einleitenden Beitrag \u201eKonkrete Utopie und realpolitische Intervention\u201c die Doppelstellung des Begriffs: auf der einen Seite gegen \u201edie noch nicht vollends reflektierten sozialen Gegenentw\u00fcrfe\u201c gerichtet und auf der anderen \u201egegen diejenigen \u201aFreunde der Realit\u00e4t\u2019, welche die der widerspr\u00fcchlichen historischen Dynamik innewohnenden M\u00f6glichkeiten negieren und wissenschaftliches Denken zur Apologie irrationaler Herrschaftsverh\u00e4ltnisse herabw\u00fcrdigen\u201c (11). Er pl\u00e4diert daf\u00fcr, mit dem Begriff der \u201ekonkreten Utopie\u201c ein zentrales methodisches Element sozialistischen Denkens stark zu machen: dass gesellschaftliche Gegenentw\u00fcrfe realit\u00e4tst\u00fcchtig zu sein haben und insofern aus der Kritik des Bestehenden zu entwickeln sind.<br \/>\nJoachim Perels verdeutlicht die Gegenwartsbedeutung der 1918 erstmals publizierten Blochschen Schrift \u201eDer Geist der Utopie\u201c. Diese bestehe darin, zun\u00e4chst einmal auf ein zentrales Problem in der Tradition Marxschen Denkens aufmerksam gemacht zu haben. Abstrakt formuliert geht es um das Verh\u00e4ltnis von geschichtlicher Notwendigkeit und zielbestimmenden Eingriffen in den Geschichtsprozess, das bei Marx selbst durchaus offen sei. Konkreter stelle sich die Frage, wie die \u201ewerbende Kraft der Befreiungsdimension einer besseren Gesellschaft f\u00fcr die allt\u00e4glich Arbeit fruchtbar zu machen\u201c ist? (20). Die konkrete Beantwortung dieser Frage bleibt bei Perels etwas vage; auf der abstrakteren Ebene arbeitet er hingegen in Auseinandersetzung mit den so genannten Anti-Utopisten \u2013 etwa in Gestalt des j\u00fcngst verstorbenen Joachim Fests \u2013, die jegliches utopisches Denken als totalit\u00e4r denunzieren, heraus, welchen Irrweg dieses ideologische Denken beschreitet: n\u00e4mlich \u201edie Vorstellung einer ewigen Wiederkehr des Gleichen, die die M\u00f6glichkeit humaner geschichtlicher Ver\u00e4nderung ausschlie\u00dft.\u201c (32)<br \/>\nDen avanciertesten Versuch der Vermittlung von (konkreter) Utopie und Realpolitik unternimmt Michael J\u00e4ger in seinem schlicht \u201eUtopie und Realpolitik\u201c betitelten Essay. J\u00e4ger f\u00fchrt aus, dass es zur Verwirklichung von klassenloser Gesellschaft und \u00f6konomischer Selbstbestimmung eines realpolitischen Vorlaufs bed\u00fcrfe, der freilich paradox anmute, da das konkret utopische Programm an die schlechte \u00f6konomische Wirklichkeit nicht anschlussf\u00e4hig zu sein scheine. Dennoch solle es ihr entgegengesetzt werden \u2013 und das \u201eauch noch bei \u00e4u\u00dferst ung\u00fcnstigen Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnissen\u201c (117). Im Folgenden er\u00f6rtert J\u00e4ger folgende drei realpolitischen Regeln: Erstens: Sich auf das einlassen, wovon die Rede ist. Zweitens: Sich auf das st\u00fctzen, was vorhanden ist und drittens: Das Neue aus dem Alten entwickeln. Die Verkn\u00fcpfung dieser Fragen ist seines Erachtens stark genug, einen Bund von Menschen zusammezukitten, sie ist zweitens \u201edem Kapitalismus absolut entgegengesetzt\u201c, und \u201esie ist gleichwohl drittens eine Art, ans Vorhandene anzuschlie\u00dfen. Utopie und Realpolitik schlie\u00dfen einander nicht aus.\u201c (126)<br \/>\nMarcus Hawel nimmt sich unter dem Titel \u201eNegative und bestimmte Kritik\u201c. Zur praktischen Seite der kritischen Theorie\u201c einer \u00e4hnlichen Fragestellung wie J\u00e4ger an \u2013 dessen Thesen er im \u00dcbrigen diskutiert. Die Er\u00f6rterung des Spannungsverh\u00e4ltnisses von radikaler und konstruktiver Kritik, des Problems des Subjekts von politischen Ver\u00e4nderungen f\u00fchrt ihn schlie\u00dflich zu der Schlussfolgerung, \u201edass die Praxis erst eine ist, wenn sie sich an der Theorie orientiert, das hei\u00dft richtige Praxis ist, \u2013 und dass die Theorie praktisch ist, wenn sie sich vermittelt. Als kritische Theorie ist sie das \u2013 auch und vor allem, wenn sie ihre Kritik, ihren Kampf gegen das Unreife in der Utopie, gegen das abstrakte Utopisieren genauso richtet wie gegen die utopiefeindliche Realpolitik.\u201c (116)<\/p>\n<p>Moshe Zuckermann schlie\u00dft sich in seinem Vortrag \u201eAufschrei der Utopie als radikale Kritik von zweierlei Barbarei\u201c im Wesentlichen diesen Ausf\u00fchrungen zum Utopiebegriff an, gleichwohl geht es ihm weniger um die Frage der Utopie als solcher als um eine \u201erigorose, ganz radikale Kritik des Bestehenden\u201c, wenngleich diese ohne \u201eeine Folie des utopischen Horizonts eines radikal Anderen schlechterdings nicht zu haben ist\u201c (127). In Anschluss an Marx besteht f\u00fcr ihn der utopische Zustand darin, die Proportionen zwischen entfremdeter Arbeit und freier Zeit in Form eines Umschlagens von Quantit\u00e4t in Qualit\u00e4t zu ver\u00e4ndern, sodass der Mensch m\u00f6glichst viel freie Zeit zur Selbstentfaltung zur Verf\u00fcgung hat und entfremdete Arbeit zur gesellschaftlichen Reproduktion auf ein Minimum reduziert wird (vgl. 129). Die in dem Titel angesprochenen zweierlei Formen der Barbarei betreffen nach Zuckermann erstens den makrosozialen Weltzustand. Demzufolge sei es barbarisch, dass Menschen gemessen an den historisch real gewordenen M\u00f6glichkeiten noch immer an Hunger sterben. Die zweite Form der Barbarei zielt auf die Tatsache, dass in den Gesellschaften der Ersten Welt die bereits existierende M\u00f6glichkeit der \u00dcberwindung bzw. der weitgehenden Reduzierung der entfremdeten Arbeitszeit ungenutzt bleibt. Warum, so fragt Zuckermann mit Marcuse, ist diese Barbarei vorherrschend, wenn es schon historisch m\u00f6glich w\u00e4re, freie Zeit zur emanzipierten Entfaltung des Menschen strukturell zu schaffen? (136) Die Antwort sieht er auch darin begr\u00fcndet, dass die Gesellschaft die Menschen so sehr zugerichtet hat, \u201edass sie nicht einmal mehr imaginieren k\u00f6nnen, was sie mit ihrer freien, arbeitslosen Zeit anfangen sollen.\u201c (137)<\/p>\n<p>Christoph G\u00f6rg weist auf eine Schwachstelle der Diskussion hin, die in der mangelnden Ber\u00fccksichtigung gesellschaftlicher Naturverh\u00e4ltnisse liegt. Er zeigt in Auseinandersetzung mit den Schriften von Marx, Benjamin, Horkheimer und Adorno in seinem Text \u201eKein Kommunismus jenseits der Natur\u201c, dass f\u00fcr die bestimmte Negation des Bestehenden die kritische Reflexion eben jener absolut zentral ist.<br \/>\nNeben diesen knapp zusammengefassten Beitr\u00e4gen, die sich im engeren Sinne mit dem Utopiebegriff auseinandersetzen, sind des Weiteren die von Sven Oliveira Cavalcanti, Stefan Meretz und Oliver Heins zu erw\u00e4hnen. Sie widmen sich Aspekten der konkreteren technischen M\u00f6glichkeiten zur Verwirklichung einer befreiten Gesellschaft. Erstere besch\u00e4ftigt sich mit der Ambivalenz der heutigen technischen Potenziale, die beiden letzteren diskutieren das Thema freie Software als Keimform einer neuen Form gesellschaftlicher Produktion. Heins zufolge vollzieht sich in der kollektiven Produktion freier Software, \u201ewenn auch noch weitgehend unbewusst, bereits im Scho\u00dfe der alten Gesellschaft ein Teil der universellen Aufhebung der \u00fcberkommenen, privatkapitalistisch \u00fcberformten Arbeitsteilung vermittels einer tats\u00e4chlich gesellschaftlichen Aneignung des Produktionsprozesses.\u201c (298)<\/p>\n<p>Vor dem Hintergrund der in mancher Hinsicht im Wesentlichen auf realpolitische Aspekte fokussierten Debatten in der real existierenden politischen Linken, liefert der Band mit seinen Vermittlungsbem\u00fchungen von Realpolitik und (konkreter) Utopie wichtige Anregungen. Denn wie Ernst Bloch schrieb: \u201eman braucht das st\u00e4rkste Fernrohr, das des geschliffenen utopischen Bewusstseins, um gerade die n\u00e4chste N\u00e4he zu durchdringen.\u201c<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h071.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. 71, September 2007)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marcus Hawel\/Gregor Kritidis (Hrsg.), Aufschrei der Utopie. M\u00f6glichkeiten einer anderen Welt, Offizin-Verlag, Hannover 2006, 304 S., 18,00 Euro \u201eTrotz objektiv technischer M\u00f6glichkeiten der Abschaffung von Armut und Elend versch\u00e4rft der Marktradikalismus die gesellschaftlichen Strukturprobleme und blockiert das produktive Experimentieren mit &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=524\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"\u00dcber das Buch","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-524","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/524","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=524"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/524\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":526,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/524\/revisions\/526"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=524"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=524"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=524"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}