{"id":529,"date":"2006-12-01T21:35:41","date_gmt":"2006-12-01T20:35:41","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=529"},"modified":"2012-10-09T21:39:41","modified_gmt":"2012-10-09T19:39:41","slug":"k-gruppen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=529","title":{"rendered":"K-Gruppen"},"content":{"rendered":"<p><em>Andreas K\u00fchn, Stalins Enkel, Maos S\u00f6hne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Campus Verlag, Frankfurt\/New York 2005, 358 Seiten, 39,90 Euro<\/em><\/p>\n<p>Die Totalitarismustheorie erfreut sich seit der Implosion der realexistierenden sozialistischen Staaten erneut gro\u00dfer Beliebtheit. Einer ihrer Bef\u00fcrworter \u2013 Ernst Nolte \u2013 konstatierte Anfang der 90er Jahre mit Genugtuung, dass kaum ein Begriff einen so \u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg im allt\u00e4glichen Leben errungen habe wie der des Totalitarismus.<!--more--> Doch nicht nur im allt\u00e4glichen Leben, sondern auch in der Wissenschaft ist das Totalitarismuskonzept, wenn auch nicht unumstritten, so doch weitgehend dominierendes Paradigma. Zahlreiche Studien und Institute sind ihm verpflichtet. Die ehemalige linksliberale Abwehrhaltung hat sich, nachdem sich ihr prominentester Vertreter, J\u00fcrgen Habermas, zum Antitotalitarismus bekannte, nahezu vollst\u00e4ndig verfl\u00fcchtigt. Ausnahmen wie gelegentliche Kommentare Franziska Augsteins in der S\u00fcddeutschen Zeitung best\u00e4tigen die Regel. \u00c4u\u00dferungen in feuilletonistischen Debatten, wie die von G\u00f6tz Aly im Zuge der Auseinandersetzung um Wolfgang Kraushaars Buch \u201eDie Bombe im j\u00fcdischen Gemeindehaus\u201c, wonach die Achtundsechziger ihren Eltern vor allem im Antisemitismus auf elende Weise \u00e4hnlich seien (Die Welt 16.07.05), sind Vermittlungen, die die Erkenntnisse wissenschaftlicher Arbeiten \u00fcberspitzen und den Alltagsverstand pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Eine solche wissenschaftliche Arbeit ist die Dissertation von Andreas K\u00fchn \u201eStalins Enkel, Maos S\u00f6hne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre\u201c. Axiomatisch setzt der Autor die Totalitarismustheorie als theoretische Grundlage seiner Untersuchung. An keiner Stelle des Buches wird diese Entscheidung begr\u00fcndet. So verwundert es nicht, wenn der Autor die K-Gruppen mit anderen totalit\u00e4ren Jugendbewegungen parallelisiert. Formulierungen wie \u201eErziehungsmethoden\u201c, \u201eHeidenkulturen\u201c, \u201eMutterkreuzideologien\u201c oder \u201eF\u00fchrer- und Jugendverehrungen wie bei den Nazis\u201c und die Phrase von \u201erationaler K\u00e4lte, die den Technokraten des Reichssicherheitshauptamts gleichkam\u201c, erinnern doch eher an Abrechnungsberichte von einstigen K-Gruppen-Aktivisten denn an eine seri\u00f6se wissenschaftliche Untersuchung.<br \/>\nNicht nur solche Formulierungen sind problematisch, die zentrale Fragestellung der Arbeit selbst ist es. Sie lautet: \u201eWie konnte es dazu kommen, dass in einer Periode, die bis heute in der \u00d6ffentlichkeit als eine \u00c4ra der Reformen wahrgenommen wird, eine beachtliche Menge junger, intelligenter und zum Teil auch hochqualifizierter Menschen totalit\u00e4re Ziele anstrebte, weil sie die Reformierbarkeit der Gesellschaft verneinte?\u201c (15).<\/p>\n<p>Die Konzentration auf totalit\u00e4re Ziele und Ideologie vernachl\u00e4ssigt eine Einordnung in die damaligen tats\u00e4chlichen gesamtgesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse. Wenn K\u00fchn von den 70ern als Reformperiode spricht und Willy Brandts Motto \u201eMehr Demokratie wagen\u201c offenbar positiv konnotierend erw\u00e4hnt, fehlt der Hinweis, dass Brandt auch Repressalien wie den Radikalenerlass zu verantworten hat. Ob damit das Urteil des Autors \u00fcber den Realit\u00e4tsverlust der K-Gruppen hinsichtlich staatlicher Repression keine Grundlage mehr hat, ist fraglich, aber relativiert werden muss es.<\/p>\n<p>Stark zweifelhaft erscheint ferner K\u00fchns Antwort auf die Fragestellung seiner Arbeit, die den Generationenkonflikt der K-Gruppen gegen ihre nationalsozialistische Elterngeneration als Ursache daf\u00fcr sieht, dass diese sich nun gleichsam einer totalit\u00e4ren Ideologie zuwandten: \u201eDie Generation, die angetreten war, \u201aAuschwitz\u2019 zu verarbeiten, gebar eine Generationskohorte, die Konzentrationslager in der Sowjetunion Stalins, im China Maos oder im Kambodscha Pol Pots ausdr\u00fccklich rechtfertigte.\u201c (15) Neben der Verwischung der Unterschiede zwischen Konzentrations- und Vernichtungslagern, 68er Bewegung und K-Gruppen, ist das Hauptproblem, dass f\u00fcr K\u00fchn, der auch hier der Totalitarismustheorie folgt \u2013 kommunistische bzw. marxistische und Nazi-Weltanschauung gleicherma\u00dfen inhuman sind. Insofern wird auch nicht der Widerspruch zwischen einer emanzipatorischen Weltanschauung, die dem Marxismus zugrunde liegt, und einer in der Tat terroristischen Praxis bspw. in der Stalin\u2019schen Sowjetunion diskutiert.<\/p>\n<p>Nichtsdestotrotz bietet die Studie einen interessanten Einblick in das Innenleben der K-Gruppen der 70er Jahre in der Bundesrepublik \u2013 vor allem da das Thema bislang ein Forschungsdesiderat ist. K\u00fchn gibt einen organisationspolitischen Abriss der drei gr\u00f6\u00dften K-Gruppen KPD\/ML, KPD\/AO und KBW; sein Schwerpunkt liegt dem Anspruch nach jedoch auf der \u201eErschlie\u00dfung eines kulturellen Feldes\u201c, \u201ein welchem Faktoren wie Imagination und Historisierung, gleichsam die Verweigerung des Realen, die Hauptrolle spielen.\u201c (11) Als Quellenmaterial dienen autobiografisch-literarische Texte und Archivalien, in erster Linie die Zentralorgane der genannten K-Gruppen.<\/p>\n<p>Eine ad\u00e4quate Erforschung der K-Gruppen m\u00fcsste das Verh\u00e4ltnis zur 68er-Bewegung in Hinblick auf Kontinuit\u00e4t und Bruch differenzierter bestimmen. K\u00fchns Studie bietet zwar Material f\u00fcr k\u00fcnftige Forschungen, weist jedoch die bereits erw\u00e4hnten Probleme auf.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h068.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. 68, Dezember 2006)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Andreas K\u00fchn, Stalins Enkel, Maos S\u00f6hne. Die Lebenswelt der K-Gruppen in der Bundesrepublik der 70er Jahre, Campus Verlag, Frankfurt\/New York 2005, 358 Seiten, 39,90 Euro Die Totalitarismustheorie erfreut sich seit der Implosion der realexistierenden sozialistischen Staaten erneut gro\u00dfer Beliebtheit. 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