{"id":531,"date":"2005-09-01T21:40:18","date_gmt":"2005-09-01T19:40:18","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=531"},"modified":"2012-10-09T21:44:31","modified_gmt":"2012-10-09T19:44:31","slug":"zwischenimperialistische-konkurrenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=531","title":{"rendered":"Zwischenimperialistische Konkurrenz?"},"content":{"rendered":"<p><em>Lorenz Knorr, Partner und Rivalen. USA und EU in der Krise, VAS &#8211; Verlag f\u00fcr akademische Schriften, Frankfurt\/Main 2005, 114 S., 11,80 Euro<\/em><\/p>\n<p>Der Krieg der USA gegen den Irak vor zwei Jahren hat einerseits in der verbliebenen internationalen kritischen Sozialwissenschaft eine Renaissance der imperialismustheoretischen Diskussion ausgel\u00f6st. Andererseits wird der Begriff selbst von einflu\u00dfreichen Politikberatern in den imperialistischen Zentren v\u00f6llig affirmativ verwendet. W\u00e4hrend Teile der Sozialwissenschaften und Teile der Machteliten also \u2013 wenngleich mit anderen Inhalten \u2013 terminologisch eine Ann\u00e4herung vollzogen haben, ist auf jene hinzuweisen, die mit dem Begriff Imperialismus bereits seit l\u00e4ngerem operieren.<!--more--> Lorenz Knorr, ehemals f\u00fchrendes Mitglied der Deutschen Friedens Union und Leiter des Projektes Frieden &amp; Abr\u00fcstung an der Oldenburger Universit\u00e4t, versammelt in seiner j\u00fcngsten Publikation eine Reihe von Vortr\u00e4gen, die er in einer Zeit \u2013 2004 \u2013 hielt, die von tiefgreifenden Differenzen zwischen der US-F\u00fchrung und den Regierungen der Hauptm\u00e4chte der EU bestimmt war. Einige Wiederholungen lassen sich auf Grund dieser Konzeption des Bandes nicht vermeiden und auch einige aktuelle Bez\u00fcge, die w\u00e4hrend des Vortrages von Bedeutung gewesen sein m\u00f6gen, nicht jedoch bei Erscheinen.<br \/>\nDie die Aufs\u00e4tze durchziehende zentrale Frage ist das Konkurrenzverh\u00e4ltnis von USA und der EU unter den Bedingungen der neoliberalen Globalisierung \u2013 klassisch formuliert also die Frage der inner- oder zwischenimperialistischen Kon\u00adkurrenz.<\/p>\n<p>Lorenz n\u00e4hert sich durch die Analyse von innen- wie au\u00dfenpolitischen Verh\u00e4ltnissen der Akteure dem Gegenstand an. So werden auf der einen Seite die bisherigen S\u00e4ulen der widerspr\u00fcchlichen US-Hegemonie (25 ff.) sowie der Beginn des US-Niedergangs nach dem verlorenen Krieg gegen Vietnam (29 ff.) untersucht und auf der anderen Seite die aktuellen Verh\u00e4ltnisse in der EU (51 ff.), insbesondere der EU-Verfassungsentwurf. (58) F\u00fcr Lorenz steht mit Bezug auf den Weltsystemtheoretiker Immanuel Wallerstein au\u00dfer frage, da\u00df die USA sich seit dem verlorenen Vietnamkrieg auf allen f\u00fcr Machtentfaltung und Hegemonie wesentlichen Feldern in der Defensive befinden. Die Frage sei nur noch, \u201eob die US-F\u00fchrung einen \u201aw\u00fcrdevollen Abstieg\u2019 findet, oder ob sie abst\u00fcrzt \u2013 mit m\u00f6glicherweise verh\u00e4ngnisvollen Folgen f\u00fcr die V\u00f6lker dieser Welt.\u201c (33)<\/p>\n<p>Zur Untermauerung dieser Sicht werden zudem die Thesen von Ch. Johnson und E. Todd herangezogen. (39) In Bezug auf die Frage des Niedergangs der USA \u2013 wie auch die Frage der Krise des neuen Imperialismus allgemein \u2013 w\u00e4re zu pr\u00fcfen, ob der Autor die Krisenanf\u00e4lligkeit der USA und des Weltkapitalismus nicht \u00fcbersch\u00e4tzt. Zwar sind Hinweise auf sinkende Massenkaufkraft und Profitraten, die steigende Massenarbeitslosigkeit und auf die empirisch nicht zweifelsfrei belegten Kondratieffzyklen Indizien f\u00fcr Krisentendenzen. Da\u00df das System damit aber bald seine eigenen Totengr\u00e4ber produziert (89), war schon einmal eine allzu k\u00fchne Hoffnung. Die Parallele der Fixierung auf das nahende Ende des Kapitalismus in neueren Arbeiten der Weltsystemtheorie \u2013 auf die Knorr Bezug nimmt \u2013 und in der klassischen Imperialismustheorie birgt die Gefahr, einen klaren Blick auf die Analyse der herrschenden Verh\u00e4ltnisse zu verstellen.[1] Zur Diskussion anregend und sicher Widerspruch provozierend sind ferner die Warnungen vor einem neuen Faschismus in den USA (42; 36).<\/p>\n<p>Interessant ist Knorrs Charakterisierung der EU. Ihre \u201edominierenden inneren Triebkr\u00e4fte [\u2026] sind im Prinzip nicht anders als in den USA auf die \u201aneoliberalistischen\u2019 Praktiken lukrativer Kapitalverwertung ausgerichtet.\u201c (51) Dementsprechend kritisiert der Autor den europ\u00e4ischen Verfassungsentwurf in Hinblick auf die milit\u00e4rische Aufr\u00fcstungsverpflichtung, Erstschlagsdoktrin und Festschreibung der neoliberalen Wirtschaftsordnung. Erschreckend \u2013 und viel zu unbekannt \u2013 ist die Wiedergabe von \u00c4u\u00dferungen des Blair-Beraters R. Cooper. \u201eEine Doppelmoral sei notwendig: die Europ\u00e4er m\u00f6gen einander zwar \u201aauf der Basis von Gesetzen und offener kooperativer Sicherheit begegnen\u2019, jedoch m\u00fcsse man im Umgang mit der au\u00dfereurop\u00e4ischen Welt, \u201aauf die rauhen Methoden fr\u00fcherer Epochen zur\u00fcckgreifen: Gewalt, Pr\u00e4ventivschlag, T\u00e4uschung und was sonst noch notwendig sein mag [\u2026] Wenn wir im Dschungel agieren, m\u00fcssen wir uns nach den Gesetzen des Dschungels richten.\u2019\u201c (48)<br \/>\nRealistisch und ausgewogen sind Knorrs Einsch\u00e4tzungen der zwischenimperialistischen Konkurrenzverh\u00e4ltnisse. \u201eEs ist ein h\u00f6chst widerspr\u00fcchliches Verh\u00e4ltnis von neu aufpolierter Partnerschaft und zunehmender Rivalit\u00e4t, das die gegenseitigen Beziehungen der USA und der EU \u2013 bzw. deren Hauptm\u00e4chten Deutschland und Frankreich \u2013 beeinflu\u00dft.\u201c Die vom historischen Abstieg bedrohte Supermacht wehre sich mit allen verf\u00fcgbaren Mitteln gegen ihre \u201etributpflichtigen Vasallen\u201c, die sich nach dem Gesetz der ungleichm\u00e4\u00dfigen Entwicklung profitwirtschaftlicher Staaten zu weitgehend eigenst\u00e4ndigen Akteuren transformieren. (17) Eine Prognose will der Verfasser jedoch nicht abgeben. Ob ein \u201ekollektiver Weltimperialismus\u201c nach Kautsky zur rigorosen Niederhaltung von Widerstand im Entstehen begriffen ist, oder ob sich eine zugespitzte Rivalit\u00e4t zwischen den imperialistischen Zentren mit wachsender Kriegsgefahr entwickelt, sei angesichts der gegenw\u00e4rtigen Faktenlage nicht schl\u00fcssig zu beantworten. (77)<br \/>\nKapitel \u00fcber die Perspektiven von oppositionellen Kr\u00e4ften vor allem in Lateinamerika, aber auch in den imperialistischen Zentren des \u201eWestens\u201c runden den Band ab, so da\u00df ein gelungener Beitrag zur ersten Einf\u00fchrung in die Debatte vorliegt.<\/p>\n<p><strong>Anmerkung<\/strong><br \/>\n(1) Vgl. Miriam Heigl, Auf dem Weg zur finalen Krise des Kapitalismus? Weltsystemtheoretische Beitr\u00e4ge zur neuen Debatte um Imperialismus, in: Prokla, Heft 139, 35. Jg., 2005, Nr. 2, 267-285.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h063.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. 63, September 2005)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lorenz Knorr, Partner und Rivalen. 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