{"id":533,"date":"2004-09-01T21:44:52","date_gmt":"2004-09-01T19:44:52","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=533"},"modified":"2012-10-09T21:50:43","modified_gmt":"2012-10-09T19:50:43","slug":"moderne-und-gewalt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=533","title":{"rendered":"Moderne und Gewalt"},"content":{"rendered":"<p><em>Enzo Traverso, Moderne und Gewalt, Eine europ\u00e4ische Genealogie des Nazi-Terrors, ISP-Verlag, K\u00f6ln 2003, 160 Seiten, 15,00 Euro.<br \/>\n<\/em><br \/>\nIn der Einleitung seines neuen Buches \u201eModerne und Gewalt \u2013 zur europ\u00e4ischen Genealogie des Nazi-Terrors\u201c beschreibt Enzo Traverso das Paradox, dass Auschwitz zwar ins westliche Ged\u00e4chtnis ger\u00fcckt sei \u2013 ein Beispiel in der wissenschaftlichen Diskussion ist das von Levy und Sznaider herausgegebene Buch \u201eErinnerung im globalen Zeitalter: Der Holocaust\u201c \u2013 gleichzeitig jedoch eine Verdr\u00e4ngung der europ\u00e4ischen Wurzeln des Nationalsozialismus zu konstatieren sei. Dies empfindet Traverso als beunruhigend und gef\u00e4hrlich (13). <!--more-->Anhand der Interpretationen des Holocaust von Nolte, Furet und Goldhagen zeigt Traverso, dass man den Nationalsozialismus nicht auf die Ablehnung der politischen Moderne und auf die Gegenaufkl\u00e4rung reduzieren kann: \u201eSeine Weltsicht enthielt auch eine Idee von Wissenschaft und Technik, die nichts Archaisches an sich hatte und zahlreiche Kontaktpunkte mit der europ\u00e4ischen liberalen Kultur des 19. Jahrhunderts aufweist.\u201c (21)<\/p>\n<p>Traverso stellt sich insofern die Aufgabe, die Verankerung \u201edes Nationalsozialismus, seiner Gewalt und seiner Massenmorde, in der Geschichte des Okzidents, im Europa des industriellen Kapitalismus, des Kolonialismus, des Imperialismus, des Aufschwungs der modernen Wissenschaften und der Technik, im Europa der Eugenik, des Sozialdarwinismus, kurzum im Europa des \u201alangen\u2019 19. Jahrhunderts, das auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs zu Ende ging\u201c, aufzuzeigen. In der Tradition Hannah Arendts ist das Ziel Traversos nicht, die Ursachen der Kulmination der Gewalt in der Moderne zu bestimmen, sondern deren Urspr\u00fcnge aufzuzeigen. Mit Urspr\u00fcngen sind jene Elemente gemeint, die f\u00fcr ein geschichtliches Ph\u00e4nomen erst dann konstitutiv wurden, als sie sich in ihm kondensiert und herauskristallisiert hatten (22). Er m\u00f6chte die Elemente des zivilisatorischen Kontextes, zu dem das Verbrechen geh\u00f6rt, aufgreifen, Elemente, die es beleuchten und, retrospektiv betrachtet, zu seinen \u201eUrspr\u00fcngen\u201c wurden. Nicht nur methodologisch, sondern auch inhaltlich schlie\u00dft er sich Arendts Thesen von den Verbindungslinien zwischen Nationalsozialismus und Rassismus und dem Imperialismus des 19. Jahrhunderts an. Als weitere wesentliche Quelle werden die Schriften Edward Saids genannt, der die Funktion der Kolonien, die er als einen Raum erfundenen und zusammenphantasierten Andersseins bestimmt, in der Legitimation westlicher Gesellschaften sieht.<\/p>\n<p>Traverso argumentiert auf zwei Ebenen: einer materiellen und einer ideologischen. Zur ersteren z\u00e4hlt er die Modernisierung und Serialisierung der technischen Gegebenheiten der T\u00f6tung. Die Gaskammern und die Verbrennungs\u00f6fen, so der Autor, stellten den Endpunkt eines langen Prozesses der Entmenschlichung und der Industrialisierung des Todes dar, in dem die instrumentelle Rationalit\u00e4t sowohl der Produktion wie der Administration der modernen westlichen Welt (die Fabrik, die B\u00fcrokratie, das Gef\u00e4ngnis) Eingang gefunden hat (24f).<\/p>\n<p>Auf der ideologischen Ebene behandelt Traverso die Fabrizierung von rassistischen und antisemitischen Stereotypen, die aus angeblich wissenschaftlichen Erkenntnissen der Jahrhundertwende sch\u00f6pfen konnten. Ein besonderes Augenmerk legt er auf den Aufschwung des \u201eKlassenrassismus\u201c, der Eugenik sowie eines neuen um den Intellektuellen zentrierten, als Metapher f\u00fcr eine Krankheit am Gesellschaftsk\u00f6rper dienenden Bilds der Juden und J\u00fcdinnen.<\/p>\n<p>In den entsprechenden Kapiteln legt Traverso seine Argumentation ausf\u00fchrlicher dar. Diese Ausf\u00fchrungen, f\u00fcr sich betrachtet, sind nicht allzu neu. Man findet sie wie gesagt bei Arendt und Said, aber auch bei Max Weber, Adorno\/Horkheimer sowie bei Zygmunt Bauman. Der neue Aspekt, den Traverso in seinem Essay hinzuf\u00fcgt, ist die Synthese aus diesen materiellen wie ideologischen Elementen und ihrer Genealogie. Herauszuheben sind auch die Kapitel \u00fcber den Ersten Weltkrieg, in welchem eine neue Ethik und eine neue Mentalit\u00e4t herausgebildet wurden, \u201eohne die die Massaker des Zweiten Weltkriegs nicht verstanden werden k\u00f6nnen\u201c (88), und den Kolonialismus sowie Imperialismus der europ\u00e4ischen Staaten.<\/p>\n<p>Traversos zentrale Thesen \u00e4hneln denen von Bauman, die dieser in der \u201eDialektik der Ordnung &#8211; Die Moderne und der Holocaust\u201c ausf\u00fchrte. Demnach ist der Holocaust als modernes Ph\u00e4nomen zu sehen, dessen Erkl\u00e4rung innerhalb des Kontextes moderner kultureller Tendenzen und technischer Entwicklungen zu suchen sei. Die Begr\u00fcndung ist bei Traverso jedoch differenzierter und fundierter, da er in einem weit gr\u00f6\u00dferen Ausma\u00df ideologische Elemente wie Rassismus, Eugenik, Antisemitismus und Mentalit\u00e4t ber\u00fccksichtigt. Dennoch muss kritisiert werden, dass sein Schwerpunkt vornehmlich auf der rationalen und technologischen Organisation von Gewalt in den Todeslagern liegt. Die Tatsache, dass Millionen Menschen nicht in den Konzentrations- und Vernichtungslagern vernichtet wurden, sondern durch Erschie\u00dfungen, Massaker und Todesm\u00e4rsche, wird \u00fcbergangen. Insofern ist auch seine Definition der Singularit\u00e4t der Judenvernichtung zweifelhaft, wonach \u201eder Judenmord kein Ausbruch einer bestialischen und primitiven Gewalt [war], sondern eine dank eines geplanten industriellen Systems \u201aohne Hass\u2019 vorgenommene Massent\u00f6tung. Es war ein von einer Minderheit von Architekten des Verbrechens geschaffenes R\u00e4derwerk, welches von einer Masse von manchmal eifrigen, manchmal unbewussten oder ohne \u201aVerantwortungsgef\u00fchl\u2019 in der schweigenden Indifferenz der gro\u00dfen Mehrheit der deutschen Bev\u00f6lkerung, mit der Komplizenschaft von Europa und der westlichen Welt, die passiv blieben, handelnden Exekutoren betrieben wurde.\u201c (19) An anderer Stelle wird die Singularit\u00e4t jedoch mit der biologischen Umz\u00fcchtung der Menschheit bestimmt, die keinen instrumentellen Charakter hatte, sondern ein Ziel an sich war (vgl. 8).<\/p>\n<p>Eine \u00e4hnliche Unstimmigkeit ist auch bei der Charakterisierung des Nationalsozialismus zu finden: Einmal wird die Singularit\u00e4t in dem regenerierenden Antisemitismus gesehen, dessen Endpunkt unter den Bedingungen des Zweiten Weltkrieges ein breit angelegtes V\u00f6lkermordunternehmen war (149), und dann in der F\u00e4higkeit des Nationalsozialismus, eine Synthese aus den verschiedenen Formen der Gewalt gefunden, die der westlichen Zivilisation inh\u00e4rent seien (152).<\/p>\n<p>Im Unterschied zu Adorno und Horkheimer, die eine durch die instrumentelle Vernunft vermittelte zwingende Verbindungslinie von westlicher b\u00fcrgerlicher Gesellschaft zum deutschen Faschismus und zum Faschismus allgemein ziehen, sieht Traverso wie auch Bauman das Verh\u00e4ltnis von westlicher Moderne bzw. industriellem Kapitalismus und Nationalsozialismus anders. F\u00fcr Traverso ist Auschwitz nicht das endlich entschleierte tiefere Wesen des Westens, die Studie zeige aber, \u201edass es eines ihrer m\u00f6glichen Produkte und in diesem Sinn einer ihrer legitimen S\u00f6hne ist\u201c (152), die Gaskammern der Nazis haben das Zerst\u00f6rungspotential der Zivilisation aufgezeigt (7). Aber die Genealogie \u2013 so betont Traverso \u2013 darf nicht teleologisch verstanden werden. Der Nationalsozialismus habe im Sinne Robert Chartiers geistige und kulturelle Urspr\u00fcnge gehabt, seine eigene Geschichte findet sich darin jedoch nicht eingeschlossen (154).<br \/>\nAn Traversos Essay ist weiterhin der offensichtlich synonyme Gebrauch der Begriffe \u201eWesten\u201c, Zivilisation\u201c, \u201eModerne\u201c, \u201eliberales Europa\u201c sowie \u201eIndustriegesellschaft\u201c und \u201eKapitalismus\u201c zu kritisieren. Hier h\u00e4tte man sich eine Differenzierung gew\u00fcnscht; denn so bleiben Unklarheiten bestehen. Gibt es Unterschiede zwischen \u201eModerne\u201c, \u201eZivilisation\u201c bzw. \u201eWesten\u201c? Was genau ist mit Moderne und den anderen Begriffen gemeint? W\u00e4re nicht eine Differenzierung des Begriffs der Moderne angebracht, die eine politisch-rechtliche und eine \u00f6konomisch-industrielle Moderne unterscheidet. Hilfreich w\u00e4re der Vorschlag von Max Weber, nicht einfach von der Moderne, sondern von dem modernen Staat oder dem modernen Kapitalismus zu sprechen. Zudem wird das Verh\u00e4ltnis von Kapitalismus und Faschismus in dem Essay nicht n\u00e4her bestimmt.<\/p>\n<p>Es bleibt die Frage, ob Traverso mit seiner Argumentation, die Urspr\u00fcnge des Nationalsozialismus in der westlichen Moderne zu verorten, nicht die spezifische Verantwortung Deutschlands zu gering sch\u00e4tzt und die deutsche Geschichte somit entlastet. Dazu ist zu sagen, dass Traverso sehr wohl den spezifischen Kontext der deutschen Geschichte erw\u00e4hnt (vgl. 124, 149ff), sein Hauptaugenmerk aber auf dem europ\u00e4ischen liegt. Der Nationalsozialismus in Deutschland habe die dem allgemein europ\u00e4ischen Kontext entstammenden Motive (Rassismus, Antisemitismus, Eugenik, Antikommunismus) und die Mittel (Krieg, Eroberung, industrielle Vernichtung) auf origin\u00e4re Weise synthetisiert. Einen deutschen Sonderweg \u2013 und das ist sicherlich eine kontroverse These \u2013 k\u00f6nne man daraus aber nicht ableiten (150).<\/p>\n<p>Traversos Beunruhigung \u00fcber die Vernachl\u00e4ssigung der europ\u00e4ischen Wurzeln des Nationalsozialismus ist verst\u00e4ndlich. Denn nichts schlie\u00dfe aus, dass andere Synthesen, die genauso oder vielleicht noch zerst\u00f6rerischer sind, sich in der Zukunft herauskristallisieren k\u00f6nnen\u201c (154). \u201eSowohl die Atombombe wie die Vernichtungslager der Nazis geh\u00f6ren zum \u201aProzess der Zivilisation, in dem sie keine Gegentendenz oder Verirrung darstellen, sondern Ausdruck einer ihrer M\u00f6glichkeiten, eines ihrer Gesichter, ein in ihr m\u00f6gliches Abgleiten sind.\u201c<\/p>\n<p>Enzo Traversos Essay stellt somit einen wichtigen Beitrag zur Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis von Nationalsozialismus und Moderne und dar\u00fcber hinaus zum Zerst\u00f6rungspotential der kapitalistischen Zivilisation \u00fcberhaupt dar.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h059.html\">Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. 59, September 2004)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Enzo Traverso, Moderne und Gewalt, Eine europ\u00e4ische Genealogie des Nazi-Terrors, ISP-Verlag, K\u00f6ln 2003, 160 Seiten, 15,00 Euro. 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