{"id":536,"date":"2003-09-01T21:51:41","date_gmt":"2003-09-01T19:51:41","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=536"},"modified":"2012-10-09T21:54:10","modified_gmt":"2012-10-09T19:54:10","slug":"deutscher-sonderweg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=536","title":{"rendered":"Deutscher Sonderweg"},"content":{"rendered":"<p><em>J\u00fcrgen Els\u00e4sser, Der deutsche Sonderweg. Historische Last und politische Herausforderung, Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen\/M\u00fcn\u00adchen 2003, 264 S. 19,90 Euro.<br \/>\n<\/em><br \/>\nJ\u00fcrgen Els\u00e4sser ist zweifellos einer der interessantesten und bekanntesten Publizisten der verbliebenen radikalen Restlinken. Mit den Organen, in denen er haupts\u00e4chlich publiziert, wechselt seine politische Positionierung. Als sich 1997 in der jungen Welt eine andere Str\u00f6mung durchsetzte, stieg der \u201emarxistische Part-Time Dandy\u201c (Spex) aus und gr\u00fcndete die Jungle World mit. Diese bezeichnet er heute als \u201eWochen-TAZ\u201c.<!--more--> Bis Anfang dieses Jahres war er Redakteur bei Konkret. Jetzt schreibt er wieder in der jungen Welt. Dahinter verbirgt sich die Wandlung von einem der Vordenker der so genannten antideutschen Str\u00f6mung zu einem ihrer sch\u00e4rfsten Kritiker. Meinte er vor Jahren, eine positive Bezugnahme auf die deutsche Linke sei aufgrund des in ihr verankerten Antisemitismus nicht mehr m\u00f6glich, ist er in Folge des 11. Septembers und dessen Konsequenzen in kritischer Solidarit\u00e4t auf die Seite der Friedens- und Antiglobalisierungsbewegung gewechselt. Die Antideutschen bezichtigt er nun des Bellizismus.<\/p>\n<p>In seinen letzten Publikationen besch\u00e4ftigte er sich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit der Rolle des wiedervereinigten Deutschlands auf dem Balkan. Sein Buch \u201eKriegsverbrechen, Die t\u00f6dlichen L\u00fcgen der Bundesregierung\u201c erschien in vier Auflagen und kann zu Recht als Standardwerk zum Jugoslawien-Krieg 1999 bezeichnet werden.<br \/>\nJetzt hat er ein neues Buch vorgelegt: Der deutsche Sonderweg, Historische Last und politische Herausforderung.<\/p>\n<p>Konkreter Anlass war die Proklamierung des Deutschen Weges durch Bundeskanzler Schr\u00f6der im Bundestagswahlkampf 2002. Gemeint war damit die rhetorische Ablehnung des zu diesem Zeitpunkt sich schon klar abzeichnenden Kriegs der USA gegen den Irak. Im b\u00fcrgerlichen Feuilleton und auf Seiten der Atlantiker wurde der SPD-gef\u00fchrten Regierung vorgeworfen, den unheilvollen deutschen Sonderweg, der mit dem Jahr 1945 sein Ende gefunden habe, erneut zu betreten.<\/p>\n<p>Els\u00e4sser stellt nach einer Skizze der liberalen und marxistischen Sonderwegstheorien fest, dass das Spezifische des deutschen historischen Sonderweges nicht prim\u00e4r die Frontstellung gegen den Westen, insbesondere gegen die USA, gewesen sei, sondern die Frontstellung gegen die europ\u00e4ischen Nachbarn; vor allem aber die Nachbarn im Osten. Der Vernichtungskrieg wurde gegen die Sowjetunion gef\u00fchrt, der Holocaust wurde haupts\u00e4chlich in Polen durchgef\u00fchrt. (9; 50)<\/p>\n<p>Nach der Phase der Teilung Deutschlands und der Abkehr vom deutschen Sonderweg habe mit der Wiedervereinigung, die gegen den Widerstand der europ\u00e4ischen Siegerm\u00e4chte erfolgte, eine Renaissance des Sonderwegs begonnen. Mit einer entscheidenden Modifizierung: Der Sonderweg erfolgte zumindest bis Mitte der 1990er Jahre mit Duldung der USA. \u201eDie Renaissance des Militarismus, der Aufbau einer interventionsf\u00e4higen Bundeswehrmacht, die zweite Zerschlagung Jugoslawiens, die Bedrohung Russlands durch die Ostverschiebung der NATO, schlie\u00dflich der Krieg gegen Serbien \u2013 all dies war das Werk der Partners in Leadership\u201c (9). Bestimmte in der Phase bis Mitte der 90er Jahre Deutschland das Handeln auf dem Balkan, \u00fcbernahmen die USA mit dem Bosnieneinsatz 1995 und den folgenden Eins\u00e4tzen bzw. Kriegen die Initiative (211).<\/p>\n<p>Die strukturellen Ursachen f\u00fcr diese Entwicklungen werden polit-\u00f6konomisch erkl\u00e4rt: Auf Grund der \u201esymbiotischen Verflechtung\u201c der beiden Volkswirtschaften seien die beiden Nationalstaaten \u2013 auf verschiedene Weise \u2013 st\u00e4rker an Kriegen interessiert als andere Volkswirtschaften (10). F\u00fcr die USA ergebe sich der verst\u00e4rkte Drang zu Kriegen prim\u00e4r aus dem dramatischen Niedergang ihrer Wirtschaft im Jahre 1998. Els\u00e4sser macht dies an der inneren Wirtschaftskrise, der Krise im Au\u00dfenhandel und dem Vormarsch ausl\u00e4ndischer Konzerne fest (192). In einem Vorabdruck in der jungen Welt vom 25. April dieses Jahres, findet sich ein Zitat, das im Buch zwar so nicht mehr auftaucht, dessen These allerdings nicht revidiert wurde: \u201eDer Aggressionsdrang der US-Monopole ist das Resultat ihrer h\u00f6chst defizit\u00e4ren Situation, sie suchen \u2013 wie die deutsche Wirtschaft im Zweiten Weltkrieg \u2013 nach Deckung ihrer fiktiven Kapitalmassen durch Herrschaft \u00fcber Rohstoffe und Devisen.\u201c Dementsprechend wird der Irak-Krieg nicht prim\u00e4r als Krieg f\u00fcr \u00d6l interpretiert, sondern als Krieg zur Verteidigung der Zahlungsf\u00e4higkeit der USA, worin sich die Kontrolle des \u00d6ls als eine Komponente einordne. In letzter Konsequenz werde aber kein Rohstoffkrieg gef\u00fchrt, sondern eine Weltw\u00e4hrungsschlacht \u2013 Dollar gegen Euro (200).<\/p>\n<p>Die deutsche Wirtschaft tendiere aufgrund ihres enormen Export\u00fcberschusses zu Krieg. Denn so Els\u00e4sser, \u201ewas passiert, wenn sich ein niederkonkurrierender Staat nicht wie die DDR freiwillig vom Sieger schlucken l\u00e4sst? Was passiert, wenn er seine Autonomie verteidigt, beispielsweise \u00fcber Schutzz\u00f6lle, Kapitaleinfuhrkontrollen, Nationalisierung oder St\u00fctzung der eigenen Industrie gegen ausl\u00e4ndische \u00dcbernahmen? Dann wird der Schurke mit milit\u00e4rischen Mitteln zur R\u00e4son gebracht und seine \u00d6konomie durch Krieg geknackt.\u201c (230) So sei es mit Jugoslawien und dem Irak geschehen und so k\u00f6nne es auch anderen Staaten geschehen.<\/p>\n<p>Die bereits angesprochene symbiotische Verflechtung bestehe vor allem in der Rolle der USA als \u201eImportstaubsauger\u201c f\u00fcr die rekordverd\u00e4chtigen Export\u00fcbersch\u00fcsse der deutschen Waren (175). Die deutsche Wirtschaft sei durch eine k\u00fcnstliche Einengung des Binnenmarktes und durch eine aggressive Weltmarktorientierung gekennzeichnet. (179) Das mache die deutsche Wirtschaft zwangsl\u00e4ufig abh\u00e4ngig von der US-Wirtschaft. Sie sei die Lokomotive der Weltkonjunktur. Neben diesem Aufeinanderangewiesensein der beiden Volkswirtschaften gebe es jedoch auch divergierende Interessen. So z.B. in der Golf-Region: \u201eF\u00fcr die US-Industrie ist sie wegen des Imports billigen \u00d6ls unersetzlich, w\u00e4hrend sie f\u00fcr die deutsche Industrie als Exportmarkt teurer Maschinen interessant ist. Je billiger das Golf-\u00d6l, um so besser f\u00fcr die sehr energieintensive Wirtschaft der USA, aber gleichzeitig um so schlechter f\u00fcr Deutschland, denn je geringer die \u00d6leinnahmen der Golf-Staaten sind, um so geringer ist ihr Budget zum Kauf von High Tech made in Germany.\u201c (172)<\/p>\n<p>Im letzten Kapitel des Buches diskutiert Els\u00e4sser drei Optionen bez\u00fcglich der weiteren Entwicklung der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Die erste, zugleich als realistischste angesehene, bestehe in einer Fortsetzung des B\u00fcndnisses mit den USA, da die gemeinsamen Interessen nach einer schnellen Beendigung des Irak-Krieges \u00fcberwiegen. Rhetorische Ablehnung des amerikanischen Unilateralismus widerspreche dem nicht, denn so werde der Ruf Deutschlands in den arabischen L\u00e4ndern gesteigert, was wiederum der Exportwirtschaft zugute k\u00e4me. (232)<\/p>\n<p>Eine zweite, nach dem Irak-Krieg wahrscheinlichere Option sieht Els\u00e4sser in einer Achse Paris-Berlin-Moskau. Entgegen der \u201eSch\u00f6nf\u00e4rberei\u201c von Habermas und Derrida, die in einem Essay j\u00fcngst ein Kerneuropakonzept vertraten, w\u00fcrde es sich dabei allerdings nicht um ein friedliches Europa handeln. (233)<\/p>\n<p>Die dritte, w\u00fcnschenswerteste aber unwahrscheinlichste Option nennt Els\u00e4sser die Finnlandisierung oder besser Hellenisierung des Kontinents. Vorausgesetzt w\u00e4re ein Bruch mit den USA. Es handelt sich um eine Variation der zweiten Option, also der Liaison Paris-Berlin-Moskau, jedoch mit einer wesentlichen Ver\u00e4nderung: Eurasien fungiere hier nicht als Milit\u00e4rmacht, sondern als Friedenachse. \u201eKeine Ankurbelung der R\u00fcstung, sondern allgemeine Demilitarisierung. Keine weltweiten Interventionen, sondern R\u00fcckzug der Truppen. Die Friedensdividende wird f\u00fcr die zivile Wirtschaft sowie Bildung und Kultur verwendet. Das vom Krieg zerst\u00f6rte Jugoslawien und die vom Neoliberalismus ins Elend gesto\u00dfenen L\u00e4nder des Ostens werden wiederaufgebaut.\u201c (239) Dies sei wohl nur gegen die herrschende Wirtschaftsordnung m\u00f6glich, so Els\u00e4sser, der jedoch vermeidet, diese als kapitalistisch zu benennen und stattdessen sein Buch mit der Attac-Losung \u201eEine andere Welt ist m\u00f6glich\u201c beendet.<\/p>\n<p>Els\u00e4ssers Buch hat den Vorteil, die machtpolitischen Interessen Deutschlands polit-\u00f6konomisch zu analysieren und die Friedensliebe der Bundesregierung gegen\u00fcber den Irak-Krieg, an die auch in Teile der Friedensbewegung geglaubt haben, als zeitweiliges Kalk\u00fcl der tendenziell auf Expansion und Krieg ausgerichteten deutschen Wirtschaft zur Diskussion zu stellen. Die Herleitung des \u201eDeutschen Weges\u201c im Wahlkampf und aus dem historischen deutschen Sonderweg wirkt dagegen etwas konstruiert und erweckt den Eindruck, als F\u00fcllmaterial zu dienen. Zudem sind die Ausf\u00fchrungen \u00fcber die deutsche Rolle in den Balkan-Kriegen der 1990er Jahre aus anderen Publikationen des Autors bekannt. Der Wert des Buchs liegt demnach in seiner zweiten H\u00e4lfte.<\/p>\n<p>(aus: Z.Zeitschrift Marxistische Erneuerung, Nr. 55, September 2003)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>J\u00fcrgen Els\u00e4sser, Der deutsche Sonderweg. Historische Last und politische Herausforderung, Heinrich Hugendubel Verlag, Kreuzlingen\/M\u00fcn\u00adchen 2003, 264 S. 19,90 Euro. J\u00fcrgen Els\u00e4sser ist zweifellos einer der interessantesten und bekanntesten Publizisten der verbliebenen radikalen Restlinken. 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