{"id":564,"date":"2013-01-31T18:10:08","date_gmt":"2013-01-31T17:10:08","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=564"},"modified":"2013-02-20T17:10:15","modified_gmt":"2013-02-20T16:10:15","slug":"stalingrad-revisited","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=564","title":{"rendered":"Sie k\u00e4mpften aus \u00dcberzeugung"},"content":{"rendered":"<p><em>Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 608 S., 26,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>Unl\u00e4ngst fragte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler J. Bradford DeLong unter der \u00dcberschrift <a href=\"http:\/\/www.project-syndicate.org\/commentary\/seventy-years-after-the-battle-of-stalingrad-by-j--bradford-delong\/german\">Was wir Stalingrad schuldig sind<\/a>: \u00bbAber wie viele NATO-F\u00fchrer oder Pr\u00e4sidenten und Premierminister der Europ\u00e4ischen Union haben sich jemals die Zeit genommen, das Schlachtfeld zu besuchen und vielleicht f\u00fcr diejenigen einen Kranz niederzulegen, deren Opfer ihre Zivilisation gerettet haben?\u00ab <!--more--><br \/>\nDiese Frage ist berechtigt. Sie verdeutlicht, dass das europ\u00e4ische Gedenken an Nazi-Faschismus und Weltkrieg auch heute noch durch den Kalten Krieg und Antikommunismus gepr\u00e4gt ist. F\u00fcr die Bundesrepublik gilt dies insbesondere.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Erinnerung an die Ermordung der Juden l\u00e4ngst inoffizielle Staatsr\u00e4son geworden ist und auch der ermordeten Sinti und Roma mit der Einweihung eines Mahnmals vor kurzem in Berlin endlich gedacht wird, kann davon im Hinblick auf die zahlenm\u00e4\u00dfig gr\u00f6\u00dfte Opfergruppe des deutschen Faschismus nicht die Rede sein. 20 bis 25 Millionen Tote hatte allein die Sowjetunion zu beklagen &#8211; fast die H\u00e4lfte aller Toten des Zweiten Weltkrieges.<\/p>\n<p>Wenn man in Deutschland indes an Stalingrad denkt, so fallen einem vornehmlich die leidenden, eingeschlossenen Soldaten der 6. Armee ein. Weniger bekannt ist, dass die Opfer auf sowjetischer Seite die deutschen bei Weitem \u00fcberstiegen. Rund eine halbe bis eine Million Rotarmisten fielen bei Stalingrad; die Zahl der gestorbenen Zivilisten ist bis heute unbekannt. Auf deutscher Seite betrug die Zahl der Opfer \u00bbnur\u00ab 295 000. In das antikommunistische Gedenken mischt sich zudem ein weiterer Faktor: Die Angeh\u00f6rigen der Roten Armee seien durch den brutalen sowjetischen Geheimdienst auf Befehl Stalins ohne R\u00fccksicht auf Verluste zum Verteidigungskampf gezwungen worden.<\/p>\n<p>Die Chance, diese Perspektive anl\u00e4sslich der vor 70 Jahren tobenden Schlacht um Stalingrad zu modifizieren, stehen nicht schlecht. Denn das soeben erschienene Buch \u00bbDie Stalingrad-Protokolle\u00ab des in den USA lehrenden deutschen Historikers Jochen Hellbeck stellt die \u00bbzutiefst germanozentrische\u00ab Perspektive und die insulare Sicht \u00bbeines deutschen Opferganges\u00ab infrage.<\/p>\n<p>Als Quellenmaterial dienen Hellbeck Interviews, die sowjetische Historiker w\u00e4hrend und unmittelbar nach den Stalingrader Kampfgeschehnissen mit Kommandeuren, Soldaten, Kommissaren, Scharfsch\u00fctzen und Sanit\u00e4terinnen gef\u00fchrt hatten, die dann jedoch in den Archiven verschwanden &#8211; und jetzt erstmals von Hellbeck systematisch ausgewertet worden sind. Vor allem mit einer \u00bbschiefen\u00ab, herk\u00f6mmlichen Ansicht r\u00e4umt er auf: mit dem Bild der Roten Armee als einer unterdr\u00fcckten Armee und ihrer Angeh\u00f6rigen als terrorisierte Individuen (oder als verf\u00fchrte Opfer) &#8211; eine Perspektive \u00fcbrigens, die zuletzt auch J\u00f6rg Baberowski in seiner viel beachteten Studie \u00bbVerbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt\u00ab einnahm.<\/p>\n<p>In dieser charakterisierte jener das Stalinsche Herrschaftssystem als im Krieg auf seinem H\u00f6hepunkt angelangt. Nur weil der Terror der Deutschen noch schlimmer als jener von Stalin ausgehende gewesen sei, habe die Sowjetunion, so Baberowski, den Angriff der Deutschen zur\u00fcckschlagen k\u00f6nnen. Mit Hellbeck kann diese Sichtweise nun in Zweifel gezogen werden.<\/p>\n<p>Der Hass auf die Deutschen angesichts ihres Vernichtungskrieges wird in den Interviews am h\u00e4ufigsten als Hauptmotivation der Kampfbereitschaft genannt. Der Autor konzediert freilich: \u00bbDie Partei war in der Armee allgegenw\u00e4rtig &#8211; als institutionelles Netz, in der Gestalt von politischen F\u00fchrungsoffizieren und in Form von inhaltlichen Appellen.\u00ab Und weiter: \u00bbBis hinunter zur Ebene von Kompanien durchdrang der Parteiapparat die Armee, schickte die Partei ihre Emiss\u00e4re &#8211; Kommissare, Politruks, Agitatoren, Partei- und Komsomolsekret\u00e4re &#8211; in die Sch\u00fctzengr\u00e4ben, wo sie predigten, anspornten, n\u00f6tigten, beruhigten, seelsorgten, erkl\u00e4rten, Sinn stifteten.\u00ab In diesem Zusammenhang weist Hellbeck aber die (auch von Baberowski unkritisch \u00fcbernommene) Zahl von 13 500 erschossenen sowjetischen Soldaten wegen Desertion und Feigheit allein bei Stalingrad als nicht gesichert zur\u00fcck. Tats\u00e4chlich seien nach neuesten Quellen zwischen dem 1. August und dem 15. Oktober 1942 \u00bblediglich\u00ab 278 sowjetische Soldaten von Sonderabteilungen des NKWD erschossen worden.<\/p>\n<p>Die von Hellbeck ausgewerteten Interviews st\u00fctzen diese niedrigeren Angaben. Nat\u00fcrlich verschweigt der Autor nicht die ber\u00fcchtigten Stalin-Befehle Nr. 227 und 270, die drakonische Ma\u00dfnahmen f\u00fcr Soldaten mit mangelnder Kampfbereitschaft samt deren Angeh\u00f6rigen vorsahen. Hellbeck h\u00e4lt auch das bisher angenomme Ausma\u00df der Stalinschen \u00bbS\u00e4uberungen\u00ab in der Roten Armee f\u00fcr \u00fcbersch\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Dieses Buch zeichnet ein beeindruckendes Bild der Schlacht von Stalingrad aus Sicht der sowjetischen Verteidiger (und bisweilen aus der der deutschen Angreifer). Die Charakterisierung der Roten Armee als einer \u00bbdezidiert kommunistischen Armee\u00ab, deren Angeh\u00f6rige sozialistische Werte verinnerlicht hatten und sich als bewusste Akteure im Kampf des Sozialismus gegen den Kapitalismus\/Faschismus sahen, steht in der (post-)revisionistischen Tradition der Historiografie \u00fcber die Sowjetunion. In Abgrenzung zur Totalitarismustheorie (mit Fokus auf Terror und Zwang) r\u00fcckt sie konsensuelle Motive in den Vordergrund. Ob Hellbeck dabei das Verh\u00e4ltnis von Zwang und Konsens angemessen bestimmt, ist sicher diskussionsw\u00fcrdig.<\/p>\n<p>Der Verdienst der \u00bbStalingrad-Protokolle\u00ab ist aber unbestritten. Sie verdeutlichen, was &#8211; in den Worten von DeLong &#8211; die Schlacht von Stalingrad zu jener machte, \u00bbdie unter allen Schlachten der Geschichte die st\u00e4rkste positive Auswirkung auf die Menschheit hatte\u00ab.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/811458.sie-kaempften-aus-ueberzeugung.html?sstr=Hellbeck\">Neues Deutschland<\/a>, 31.1.2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012, 608 S., 26,00 Euro Unl\u00e4ngst fragte der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler J. Bradford DeLong unter der \u00dcberschrift Was wir Stalingrad schuldig sind: \u00bbAber wie viele NATO-F\u00fchrer oder &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=564\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Rezension von Jochen Hellbeck, Die Stalingrad-Protokolle","footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-564","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-buchbesprechung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=564"}],"version-history":[{"count":19,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":566,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/564\/revisions\/566"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=564"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=564"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=564"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}