{"id":660,"date":"2013-02-25T17:32:43","date_gmt":"2013-02-25T16:32:43","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=660"},"modified":"2013-05-10T18:19:02","modified_gmt":"2013-05-10T16:19:02","slug":"die-welt-wird-schiefer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=660","title":{"rendered":"Die Welt wird schiefer"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die \u00bbSchiefergasrevolution\u00ab und die Renaissance der Kohle werden das Ende des fossilen Kapitalismus noch etwas hinausz\u00f6gern \u2013 mit verheerenden \u00f6kologischen und ungewissen geopolitischen Folgen.<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Liste liest sich wie das Who is Who der US-amerikanischen Musik- und K\u00fcnstlerszene: Lady Gaga, die Beastie Boys, Beck, Mitglieder von Sonic Youth und Schauspieler wie Robert De Niro unterst\u00fctzen die von Yoko Ono initiierte Protestseite \u00bbArtists against Fracking\u00ab. Das ist ein Indiz daf\u00fcr, welche Relevanz in den USA die Proteste gegen diese neue Art der Energiegewinnung gewonnen haben. Auch der dieses Jahr auf der Berlinale erstmals in Europa gezeigte Film \u00bbPromised Land\u00ab von Gus Van Sant greift das Thema auf und sorgte diesseits und jenseits des Atlantiks f\u00fcr Aufmerksamkeit. K\u00fcrzlich wurden Pl\u00e4ne von einer Gruppe Bundestagsabgeordneter von CDU und FDP bekannt, die F\u00f6rderung von Schiefergas in Deutschland noch vor der Bundestagswahl unter Umweltschutzauflagen zu erm\u00f6glichen. Doch auch in Deutschland regt sich Widerspruch, zahlreiche Initiativen haben sich in der Dachorganisation \u00bbGegen Gasbohren\u00ab zusammengeschlossen. Manche Medien sehen gar das Potential f\u00fcr eine neue Protestwelle.<\/p>\n<p>Die Proteste in Europa und den USA richten sich vornehmlich gegen die unmittelbar bedrohlichen Folgen des \u00bbFracking\u00ab wie die Verschmutzung des Grundwassers. Die Extraktionsmethode muss aber auch in einem breiteren Kontext gesehen werden. Weil viele bedeutende \u00d6lvorkommen zur Neige gehen und wahrscheinlich nicht genug neue Quellen erschlossen werden k\u00f6nnen, um den wachsenden Bedarf zu decken, wird versucht, die kapitalistische Produktionsweise aus ihrer Abh\u00e4ngigkeit von fossilen Brennstoffen wie \u00d6l, Kohle und Gas zu befreien, etwa durch den Ausbau der Energiegewinnung aus erneuerbaren Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser. So hat sich die EU zum Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2020 den Anteil erneuerbarer Energien an der Gesamtenergieproduktion auf 20 Prozent zu erh\u00f6hen. Neben der Abh\u00e4ngigkeit von ersch\u00f6pfbaren fossilen Energietr\u00e4gern spielt auch das Klimaschutzziel \u2013 die Reduktion der Emissionen des Treibhausgases CO2 \u2013 eine Rolle.<\/p>\n<p><strong>Doch derzeit scheint sich in den USA<\/strong> \u2013 von wo schon die fordistische und finanzmarktgetriebene innerkapitalistische Revolution ausging \u2013 eine neue industrielle Revolution zu ereignen: die \u00bbSchiefergasrevolution\u00ab. Das Schiefergas ist ein in Tonstein gespeichertes Erdgas der sogenannten unkonventionellen Sorte. Das hei\u00dft, die Gewinnung ist im Vergleich zum konventionellen Gas sehr aufwendig. Um das Gas von den Steinen zu trennen, wird per Bohrer eine Mischung aus zahlreichen chemischen Substanzen und sehr viel Wasser unter die Erdoberfl\u00e4che gepresst. Rund um den Bohrstrang entstehen dadurch gasdurchl\u00e4ssige Strukturen. Dieses Verfahren wird \u00bbHydraulic Fracturing\u00ab (hydraulische Rissbildung), kurz \u00bbFracking\u00ab genannt. Da zahlreiche Studien auf die negativen \u00f6kologischen und gesundheitlichen Folgen wie L\u00e4rmbel\u00e4stigung, Fl\u00e4chenverbrauch und Verunreinigung von Grund- und Trinkwasser hingewiesen haben (Jungle World 20\/2011), war es in den USA aufgrund von Umweltauflagen bis vor wenigen Jahren nicht verbreitet. Erst als die Auflagen \u2013 nicht zuletzt aufgrund des Drucks der Firma Halliburton \u2013 2005 gelockert wurden, stieg die F\u00f6rderung von Schiefergas rasant an. W\u00e4hrend der Anteil des Schiefergases an der gesamten US-Gasproduktion im Jahr 2000 lediglich f\u00fcnf Prozent betrug, waren es 2010 bereits 23 Prozent. Derzeit wird von einer Zunahme der F\u00f6rderung um j\u00e4hrlich 20 Prozent ausgegangen. Die Vorr\u00e4te in den USA sind riesig, nach denen in China die zweitgr\u00f6\u00dften weltweit. Der j\u00fcngsten Prognose der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge werden sich die USA bis 2020 von einem Energieimporteur zu einem -exporteur entwickeln. Zwar lag die IEA in der Vergangenheit mit ihren Prognosen auch schon mal daneben, doch hat diese Entwicklung \u2013 zumindest mittelfristig \u2013 bedeutende Konsequenzen nicht nur f\u00fcr die USA, sondern f\u00fcr das gesamte Weltsystem \u2013 und zwar in geopolitischer wie \u00f6kologischer Hinsicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr die USA k\u00f6nnte sich ein Reindustrialisierungsprozess abzeichnen. Durch das Sinken der Energiepreise in den USA gewinnt der Standort im weltweiten Konkurrenzkampf an Attraktivit\u00e4t. Die FAZ zitierte unl\u00e4ngst eine vertrauliche Studie des Bundesnachrichtendienstes, danach k\u00f6nnten in den USA infolge des Schiefergasbooms bis zu drei Millionen neue Arbeitspl\u00e4tze entstehen. Das mag \u00fcbertrieben erscheinen, US-Pr\u00e4sident Barack Obama etwa geht von niedrigeren Zahlen aus. Doch auch Analysten des Finanzdienstleisters Citigroup sehen im Schiefergasboom gro\u00dfes Potential: Es lohne sich wieder, in den USA zu produzieren. In der Tat werden bereits im petrochemischen Bereich und der Stahlproduktion Unternehmensverlagerungen in die USA beobachtet. \u00dcberdies st\u00fcnden die Chancen gut, dass die USA bis 2020 ihr enormes Haushaltsdefizit halbieren k\u00f6nnten. Das wiederum w\u00fcrde den US-Dollar als Leitw\u00e4hrung st\u00e4rken.<\/p>\n<p><strong>Zusammengenommen k\u00f6nnte dies zu einer deutlich ver\u00e4nderten geopolitischen Konstellation f\u00fchren,<\/strong> wie Robert D. Kaplan in einer Analyse f\u00fcr den privaten Nachrichtendienst Stratfor ausf\u00fchrt. Ob und wie viel Schiefergasvorkommen in einem Land vorhanden sind, werde zu einer bedeutenden Frage. Zu den Gewinnern werden laut Kaplan die USA, Kanada, Australien, Polen und die Ukraine z\u00e4hlen, w\u00e4hrend die traditionellen Gasexporteurstaaten \u2013 allen voran Russland \u2013 sich auf der Verliererseite wiederfinden k\u00f6nnten. Vor allem der Nahe Osten, der f\u00fcr die USA seit 1945 als \u00d6llieferant von fundamentaler Bedeutung war, wird f\u00fcr sie weniger wichtig werden. Schon wird gemutma\u00dft, ob die USA dort demn\u00e4chst ihre Milit\u00e4rpr\u00e4senz einschr\u00e4nken k\u00f6nnten. China und andere Schwellenstaaten wie Indien d\u00fcrften bereits darauf warten, dieses m\u00f6gliche Machtvakuum auszuf\u00fcllen. Das alles ist jedoch Spekulation, denn es gibt auch Beobachter, die im Schiefergasboom nur eine kurzfristige Blase sehen.<\/p>\n<p>Werner Zittel, einem Vorstandsmitglied der \u00bbAssociation for the Study of Peak Oil and Gas\u00ab, zufolge zeichne sich in Nordamerika bereits das Ende des Schiefergas-Hypes ab. Hauptverantwortlich daf\u00fcr sei ein technisches Problem: die F\u00f6rderrate. Diese sinke n\u00e4mlich bei Schiefergas viel schneller als bei konventionellen Gasfeldern. \u00bbWir sprechen hier von einem Abfall in der F\u00f6rderung von 50 bis 80 Prozent pro Jahr\u00ab, sagte Zittel im Oktober der SZ. Hinzu kommt, dass die US-Energiebeh\u00f6rde EIA ihre Angaben \u00fcber die Schiefergasvorr\u00e4te voriges Jahr um 42 Prozent nach unten korrigiert hat. Wenn die Gaspreise wie derzeit weiter sinken, k\u00f6nnte das aufwendige \u00bbFracking\u00ab schlie\u00dflich bald nicht mehr lukrativ sein.<\/p>\n<p>Was schon deutlicher prognostiziert werden kann, sind die verheerenden Folgen f\u00fcr den Klimaschutz. Wie die Studie \u00bbShale gas. Unconventional and unwanted\u00ab der Umweltorganisation Friends of the Earth Europe zeigt, f\u00fchrt der derzeitige Schiefergas-Boom einerseits zu einem R\u00fcckgang der Investitionen in erneuerbare Energien, weil diese im Vergleich zu anderen nicht die h\u00f6chsten Profite versprechen \u2013 das Kriterium f\u00fcr die kapitalistische Produktionsweise. Andererseits, so die Untersuchung, gebe es immer mehr Beweise daf\u00fcr, dass Schiefergas kein fossiler Energietr\u00e4ger mit relativ geringen Treibhausgasemissionen ist. Zwar liegen diese bei der Verbrennung selbst um die H\u00e4lfte niedriger als bei Kohle oder \u00d6l, doch muss der gesamte Nutzungszyklus ber\u00fccksichtigt werden und vor allem, dass bei der Extraktion unbeabsichtigt Methan freigesetzt wird. Diese Verbindung aber ist ein 20- bis 30fach wirkungsvolleres Treibhausgas als Kohlenstoffdioxid. Deshalb halten Wissenschaftler Schiefergas in Gewinnung und Verbrauch f\u00fcr genauso klimasch\u00e4dlich wie oder gar noch sch\u00e4dlicher als Kohle. Die klimasch\u00e4dliche Wirkung k\u00f6nnte bis zu 30 Prozent h\u00f6her ausfallen.<\/p>\n<p><strong>Auch der schmutzigste aller fossilen Treibstoffe<\/strong> erlebt seit geraumer Zeit eine heimliche R\u00fcckkehr \u2013 und das liegt auch am Schiefergas-Boom. Denn durch das zus\u00e4tzliche Energieangebot Schiefergas ist die Nachfrage nach Kohle in den USA gesunken und damit auch der Preis, wobei ein Teil der nicht nachgefragten Kohle in andere L\u00e4nder exportiert wird. Da die Preise f\u00fcr Zertifikate des EU-Emissionshandels zurzeit ebenfalls sehr niedrig sind, ist es zu einer deutlichen Verlagerung von Gas zu Kohle gekommen und zwar nicht nur in Schwellenl\u00e4ndern wie China und Indien, sondern auch in L\u00e4ndern wie Deutschland und anderen, die sich offiziell den Klimaschutzzielen verpflichtet haben. Es wird daher prognostiziert, dass Kohle binnen zehn Jahren \u00d6l als wichtigsten Energielieferanten \u00fcberholt haben wird. Das Fatale aus der Perspektive des Klimaschutzes ist dabei: Die Steinkohlevorr\u00e4te reichen noch f\u00fcr mindestens 130 Jahre und die Braunkohlevorr\u00e4te f\u00fcr 230 Jahre, au\u00dferdem ist dieser fossile Energietr\u00e4ger leicht abzubauen und billig. \u00bbDas Kohlezeitalter ist nicht zu Ende, noch lange nicht\u00ab, konstatiert daher Claudia Kemfert, Energieexpertin des Deutschen Instituts f\u00fcr Wirtschaftsforschung.<\/p>\n<p>Aufgrund dieser Entwicklung geht Greenpeace davon aus, dass sich die Emission von CO2 bis 2030 um 60 Prozent erh\u00f6hen wird. Allein die Realisierung der derzeit geplanten 14 gr\u00f6\u00dften fossilen Energiegewinnungsvorhaben w\u00fcrde laut dem Greenpeace-Bericht \u00bbPoint of no Return\u00ab zu einem Anstieg der globalen Temperaturen um f\u00fcnf bis sechs Grad Celsius bis zum Jahr 2100 f\u00fchren \u2013 eine be\u00e4ngstigende Vorstellung.<\/p>\n<p>Es wird also keinen fundamentalen \u00f6kologischen Umbruch geben, weil die n\u00e4chste schwarze Zahl im Quartalsbericht oder Jahresabschluss im Kapitalismus immer wichtiger sein wird als die Frage, ob in einem oder zwei Jahrhunderten so manche K\u00fcstenstadt des Globalen S\u00fcdens noch existieren oder in den Fluten der Meere verschwunden sein wird. Ulrich Grillo, der neue Pr\u00e4sident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, dr\u00fcckte es in einem Interview mit der FAZ Ende Januar so aus: \u00bbWir k\u00f6nnen uns langfristig keine gr\u00fcnen Gedanken erlauben, wenn wir nicht schwarze Zahlen schreiben.\u00ab<\/p>\n<p>(aus:\u00a0Jungle World <a href=\"http:\/\/jungle-world.com\/artikel\/2013\/08\/47191.html\">Nr. 8, 21. Februar 2013<\/a>)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00bbSchiefergasrevolution\u00ab und die Renaissance der Kohle werden das Ende des fossilen Kapitalismus noch etwas hinausz\u00f6gern \u2013 mit verheerenden \u00f6kologischen und ungewissen geopolitischen Folgen.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[84],"tags":[83,82],"class_list":["post-660","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-okologie","tag-fracking","tag-schiefergas"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=660"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":662,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/660\/revisions\/662"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=660"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=660"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=660"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}