{"id":667,"date":"2013-04-16T17:42:26","date_gmt":"2013-04-16T15:42:26","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=667"},"modified":"2015-02-18T09:27:53","modified_gmt":"2015-02-18T08:27:53","slug":"politisierung-und-vergegenwartigung-des-gedenkens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=667","title":{"rendered":"Politisierung und Vergegenw\u00e4rtigung des Gedenkens"},"content":{"rendered":"<p><em>Dana Giesecke\/Harald Welzer, Das Menschenm\u00f6gliche. Zur Renovierung der deutschen Erinnerungskultur, K\u00f6rber-Stiftung, Hamburg 2012, 187 S., 15 Euro; Margrit Fr\u00f6lich\/Ulrike Jureit\/Christian Schneider (Hrsg.), Das Unbehagen an der Erinnerung \u2013 Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust, Brandes &amp; Apsel, Frankfurt\/Main 2012, 239 S., 24,90 Euro.<\/em><\/p>\n<p>Seit rund einem Jahrzehnt ist ein fundamentaler Wandel im Umgang mit den pr\u00e4zedenslosen Verbrechen des Nazi-Faschismus festzustellen.<!--more--> W\u00e4hrend die 1950er und 60er Jahre durch ein \u201ekommunikatives Beschweigen\u201c gepr\u00e4gt gewesen waren, das den Ex-Nazis und Mitl\u00e4ufern den Weg in die Bundesrepublik ebnete, waren die Jahre ab 1968 von den Anklagen der 68er an die T\u00e4tergeneration gekennzeichnet. Die 1980er und 90er schlie\u00dflich waren durch gegenl\u00e4ufige Tendenzen charakterisiert: einerseits durch Bem\u00fchungen, unter eine \u201eVergangenheit, die nicht vergehen will\u201c bzw. unter die \u201eDauerrepr\u00e4sentation unserer Schande\u201c einen Schlussstrich zu ziehen; andererseits durch die ins Zentrum der Erinnerung r\u00fcckende Judenvernichtung, das Bekenntnis zur deutschen T\u00e4terschaft und der Erkenntnis, dass zahlreiche gew\u00f6hnliche Deutsche am Holocaust beteiligt gewesen waren und dabei durch die Wehrmacht tatkr\u00e4ftig unterst\u00fctzt wurden.<\/p>\n<p>Und heute? Gegenw\u00e4rtig ist das Gedenken an den Holocaust quasi zur offiziellen Staatsdoktrin der BRD geworden \u2013 mit der Konsequenz, dass die Erinnerung an ihn affirmativ geworden ist und die \u201eeinge\u00fcbten Formeln ein gewisses Unbehagen\u201c erzeugen (Fr\u00f6lich u.a.: 13). In diese Gemengelage intervenieren zwei B\u00fccher, die sich den j\u00fcngsten Wandlungen der deutschen Erinnerungskultur widmen und in einem Falle Vorschl\u00e4ge zur \u201eRenovierung\u201c derselben unterbreiten.<br \/>\nHarald Welzer, bekannt durch seine sozialpsychologischen Arbeiten zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus, und Dana Giesecke polemisieren in \u201eDas Menschenm\u00f6gliche\u201c gegen \u201ejenes historisch-moralische Pathos (\u2026), welches im Kampf um die Erinnerung seine Berechtigung hatte, nun aber abgestanden und muffig geworden ist.\u201c Vor dem Hintergrund des Schwindens der ZeitzeugInnen und der mittlerweile vierten und f\u00fcnften Generation nach dem Holocaust konstatieren sie: Nicht vergessen zu sollen, sei ein sinnloser Appell, wenn niemand vergessen will. So interessieren sich mehr als zwei Drittel der Sch\u00fcler und Sch\u00fclerinnen f\u00fcr die Geschichte des NS und des Holocaust, eben so viele sehen die eigene Generation in der Pflicht, die nationalsozialistischen Verbrechen und den Holocaust nicht zu vergessen. Auch sei erfreulich, dass 59 Prozent der von TNS-Infratest befragten Sch\u00fclerInnen sogar \u201eScham\u201c angesichts der deutschen Verbrechen empfindet. Doch da ist ein Haken: 40 Prozent der Jugendlichen glauben, sich beim Thema NS-Zeit politisch korrekt verhalten zu m\u00fcssen, 43 Prozent f\u00fchlen sich gen\u00f6tigt, \u201eBetroffenheit\u201c zu zeigen. Ein paradoxer Befund also: auf der einen Seite die Anerkennung der Bedeutung von NS und Shoah, auf der anderen das Gef\u00fchl der Freiheitseinschr\u00e4nkung (Welzer\/Giesecke: 21f.)1 F\u00fcr Welzer und Giesecke ist dieser Befund der gewichtigste Anlass, \u00fcber die \u201eRenovierung der historischen Vermittlungspraxis\u201c nachzudenken.<\/p>\n<p>Wie aber soll diese aussehen? Sie pl\u00e4dieren f\u00fcr eine Historisierung \u2013 eine Historisierung, die deutlich machen soll, dass Geschichte ein Prozess ist, die anstatt vom monstr\u00f6sen Endpunkt Holocaust ausgehend die allm\u00e4hlichen Entwicklungen aufzeigt, die letztlich zu diesem f\u00fchrten. Und die ferner von der strikten Unterscheidung von T\u00e4tern und Opfern Abstand nimmt und diese stattdessen in einen sozialen Zusammenhang einbettet, zu dem auch Zuschauer, Mitl\u00e4ufer und die sogenannten Bystander z\u00e4hlen. Die erinnerungskulturelle Programmatik m\u00fcsste, so schreiben sie, \u201evor diesem Hintergrund nicht mehr das monumentalisierte Grauen der Vernichtungslager ins Zentrum stellen, sondern das unspektakul\u00e4re, allt\u00e4glichere Bild einer Gesellschaft, die zunehmend verbrecherisch wird, oder, genauer gesagt, normativ umcodiert, was als erw\u00fcnscht und verwerflich, gut und schlecht, ordnungsgem\u00e4\u00df und kriminell gilt.\u201c (39)<br \/>\nLernen am historischen Gegenstand, so Welzers und Gieseckes Argument, mache nur dann einen Sinn, wenn ein Sensorium f\u00fcr die Potenziale zum Guten oder Schlechten entwickelt werde, die in Gegenwartskonstellationen schlummern (konkret erl\u00e4utern sie dies im III. Teil ihres Buches am Beispiel des \u201eHauses der menschlichen M\u00f6glichkeiten\u201c).<br \/>\nZugespitzt \u2013 und in Anlehnung an Henryk M. Broders Streitschrift \u201eVergesst Auschwitz\u201c \u2013 k\u00f6nnte man Welzers und Gieseckes Kernthese wie folgt zusammenfassen: Man soll in der Erinnerungskultur und -p\u00e4dagogik Auschwitz und Hitler vergessen, weil die Fixierung auf diese vergangenen Ph\u00e4nomene von den sich gegenw\u00e4rtig abspielenden Ausgrenzungsprozessen ablenkt, die schon morgen schon neue Verbrechen erm\u00f6glichen k\u00f6nnten. Die Konsequenz w\u00e4re eine gegenw\u00e4rtige, reflexive und politische Erinnerung \u2013 mithin die Abkehr von der musealen und identifikatorischen Erinnerungskultur (Welzer\/Giesecke: 49).<\/p>\n<p>Freilich ruft die Aufgabe der strikten Trennung von Opfern und T\u00e4tern ein Problem hervor: Sie war n\u00e4mlich eine Voraussetzung, dass die Deutschen sich mittlerweile so ausgiebig mit den NS-Verbrechen besch\u00e4ftigen. Denn die Aufspaltung in Opfer und T\u00e4ter schlie\u00dft die Externalisierung der Verantwortung auf wenige T\u00e4ter \u2013 im Extremfall Hitler, G\u00f6ring, Himmler und Co. \u2013 mit ein. Dieser Problematik widmet sich der Sammelband von Fr\u00f6lich\/Jureit\/Schneider eingehender. Er geht zur\u00fcck auf eine Tagung der Evangelischen Akademie Arnoldshain und des Frankfurter Fritz Bauer Instituts im Jahre 2011, auf welcher das Buch \u201eGef\u00fchlte Opfer. Illusionen der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung\u201c (2010) kritisch diskutiert wurde.<\/p>\n<p>Jureit, zusammen mit Christian Schneider Autorin von \u201eGef\u00fchlte Opfer\u201c, fasst die Hauptthese jenes Buches so zusammen: Der gesellschaftliche Wandel in den 1960er und 1970er Jahren sei in Sachen Geschichtsaufarbeitung vom Wunsch geleitet gewesen, sich mit den Opfern der NS-Verbrechen zu identifizieren. Diese nachholende Hinwendung zu den Opfern, die Anerkennung und das Nachempfinden ihrer Leiden waren, so Jureit, \u201eein unabdingbarer Schritt in der viel zitierten Vergangenheitsaufarbeitung. Eine solche Emotionalisierung war und ist notwendig, um \u00fcberhaupt das Geschehene als Verbrechen, um die Beteiligten als f\u00fcr diese Taten verantwortlich auszumachen.\u201c Allerdings habe sich, so Jureit weiter, dieses Mitf\u00fchlen und Mitleiden in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem Identifizierungswunsch mit den Opfern entwickelt, und nicht nur individuell, auch gesellschaftlich sei daraus eine Art geliehene Identit\u00e4t erwachsen \u2013 \u201eein Identit\u00e4tswunsch, der sich generell Opfern von Krieg, Ausbeutung und Unrecht nahe f\u00fchlt, w\u00e4hrend die T\u00e4ter und ihre Taten anonymisiert und pauschal verurteil werden.\u201c Jureit sieht \u00e4hnlich wie Welzer und Giesecke das Problem dieses spezifischen Gedenkens darin, dass sich die nachgeborenen Deutschen durch die Pathologisierung von NS-T\u00e4tern und die Identifizierung mit den Opfern von der \u201eererbten Geschichte\u201c lossagen. Konkret: Das in unserer Kultur, in unserer modernen Gesellschaft verankerte Potenzial zu solchen Taten gerate aus dem Blick (Jureit, in: Fr\u00f6lich u.a.: 29ff.).<\/p>\n<p>Gegen diese Thesen wird in den Beitr\u00e4gen des Bandes im Wesentlichen zweierlei in Stellung gebracht: einerseits sei der Begriff Opferidentifizierung zu allgemein. Werner Konitzer schl\u00e4gt vor, zwischen einer Opferorientierung und einer Opferidentifizierung zu unterscheiden. Das opferidentifizierte Gedenken sei mehrdeutig. Es k\u00f6nne einerseits bedeuten, dass sich Personen mit den Opfern der Verbrechen gleichsetzen, sich also selbst gleichsam an deren Stelle begeben und deren Rolle einnehmen. Opferidentifizierung k\u00f6nne aber auch so verstanden werden, dass sich die Person auf die Seite des Opfers stellt, dass sie sich also darum k\u00fcmmert, das demjenigen, der Opfer eines Verbrechens geworden ist, Gerechtigkeit widerf\u00e4hrt, dass sie damit die Angelegenheit aus Gr\u00fcnden der Gerechtigkeit zu ihrer Sache macht. Das indes w\u00e4re dann angemessener mit Opferorientierung benannt. \u00c4hnlich sieht es Gudrun Brockhaus, die ebenfalls von Opferorientierung spricht und diese als nicht so problematisch erachtet (Brockhaus, in: Fr\u00f6lich u.a.: 116).<\/p>\n<p>Der zweite Kritikpunkt an der These vom opferidentifizierten Gedenken setzt bei den 68ern an, bei denen die Opferidentifizierung ihren Ausgang genommen habe. Das k\u00f6nne an der Sympathie der 68er f\u00fcr j\u00fcdischen Emigranten und Sozialwissenschaftler wie Adorno und Horkheimer und generell f\u00fcr alle j\u00fcdische Opfer des NS festgemacht werden. Der 68er und mittlerweile verstorbene taz-Autor Christian Semler hatte in seiner Rezension von \u201eGef\u00fchlte Opfer\u201c diese Sicht kritisiert: Die 68er-Generation habe sich vornehmlich mit dem Vormarsch der revolution\u00e4ren Kr\u00e4fte in der Dritten Welt identifiziert. Schneider, der in seinem Beitrag Semlers Kritik aufgreift, weist dieses Argument zur\u00fcck. Die Opferidentifizierung mache nicht beim urspr\u00fcnglichen Objekt halt. \u201eDie mit den Befreiungsbewegungen war eben auch eine mit Opfern \u2013 freilich anderer Coleuer: Mit Opfern, die beschlossen hatten, sich zu wehren. Aber nichtsdestotrotz mit Opfern\u201c (Schneider, in: Fr\u00f6lich u.a.: 89). Allerdings w\u00e4re zu fragen, ob der Opferbegriff damit nicht zu inflation\u00e4r verwendet wird. Die Mitglieder der damaligen Befreiungsbewegungen haben sich sicher nicht in erster Linie als Opfer verstanden, und die Sympathie und Solidarisierung der 68er mit ihnen erfolgte wohl nicht aufgrund der Tatsache, dass in ihnen Opfer gesehen wurden. Vielmehr liegt n\u00e4her, dass sie sich als politische K\u00e4mpfer betrachtet haben, und genau deswegen identifizierten sich die 68er mit Guevara, Ho-Chi Minh etc.2<\/p>\n<p>\u00dcberdies die Verortung des Ursprungs des opferidentifizierten Gedenkens in der 68er-Generation zumindest mit einem Fragezeichen zu versehen. Denn von anderer Seite wird an den 68ern kritisiert, dass sie einer faschismustheoretischen Interpretation des NS Vorschub leisteten, die auf unpers\u00f6nliche Strukturen (Kapitalismus als N\u00e4hrboden des Faschismus) abzielte \u2013 und dabei die (j\u00fcdischen) Opfer aus dem Blick gerieten. (Man hat den Eindruck, die 68er dienen als negative Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr alles M\u00f6gliche).<br \/>\nDass sich trotz der richtig beschriebenen Orientierung auf die Opfer dennoch Muster der Schuldabwehr erhalten haben, darauf verweist Gudrun Brockhaus in ihrem Beitrag \u00fcber Emotionen und Tabus im NS-Gedenken. Sie legt mit Bezug auf eine Interview-Studie mit bayerischen Sch\u00fclerInnen und LehrerInnen dar, dass es eine Fortexistenz eines emotionalen Bezugs auf die deutsche Ehre gebe: \u201eSch\u00fcler wie Lehrer reagieren mit \u00c4rger, Wut, Emp\u00f6rung, Selbstmitleid und Racheimpulsen, wenn sie mit der NS-Geschichte \u2013 zum Beispiel durch t\u00fcrkische Mitsch\u00fcler, durch ausl\u00e4ndische G\u00e4ste \u2013 konfrontiert oder gar als deutsches Kollektiv angeklagt werden.\u201c Wie weggefegt, so Brockhaus weiter, sei alle Gelassenheit, alle vorher ge\u00e4u\u00dferte Empathie mit den Opfern: \u201eMan selber hat doch nichts getan, es sei alles ewig her, welche Gemeinheit und Unversch\u00e4mtheit, einen anzuklagen, nur weil man Deutscher ist. Die T\u00fcrken sollen sich doch an die eigene Nase fassen, sie haben die Armenier umgebracht und was ist mit den Amis und den Indianern?!\u201c Brockhaus kommentiert trocken, diese Aufrechnungslogik sei bekannt. \u201eDie erregte Abwehr von Schuldvorw\u00fcrfen hat sich in den 66 Jahren Nachgeschichte des Nationalsozialismus in kaum ver\u00e4nderter Gestalt erhalten.\u201c Die innere Verbundenheit mit dem nationalen Kollektiv trotze der rasanten Ver\u00e4nderungsdynamik (Brockhaus, in: Fr\u00f6lich u.a.: 117)<\/p>\n<p>Astrid Messerschmidt (in: F\u00f6lich u.a.: 235) argumentiert in ihrem Beitrag \u201eBesetzen \u2013 Distanzieren \u2013 Globalisieren\u201c, dass die dritte und vierte Generation nach 1945 nicht in erster Linie das Erinnern einklagen m\u00fcsse, sondern sich kritisch mit multiplen Instrumentalisierungen des Gedenkens auseinanderzusetzen habe. So richtig das sein mag, so fraglich bleibt es, ob es ein Erinnern ohne Instrumentalisierung \u00fcberhaupt geben kann. Erinnert wird Vergangenheit in der Gegenwart, um Zukunft zu gestalten. Das aber ist immer ein \u00f6ffentlicher-politischer Prozess, mithin ein Kampf um hegemoniale Deutungsweisen.<\/p>\n<p>Fazit: Beide B\u00fccher sind anregend zu lesen, die in ihnen ge\u00e4u\u00dferte Kritik an der offiziellen Erinnerungskultur ist weitgehend plausibel, die Vorschl\u00e4ge zur Renovierung, auf die hier nicht eingegangen werden konnte, zielen in die richtige Richtung. Interessant w\u00e4re gewesen, die Unterschiede und Widerspr\u00fcchlichkeiten, die sich bei der gemeinsamen Lekt\u00fcre der B\u00fccher zwischen offizieller Annahme der NS-T\u00e4terschaft und individueller Kontinuit\u00e4t der Schuldabwehr in Bezug auf das nationale Kollektiv ergeben, ausf\u00fchrlicher problematisiert gefunden zu haben \u2013 ein Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr weitere \u00dcberlegungen.<br \/>\nZwar wird in beiden Publikationen f\u00fcr eine Historisierung der NS-Geschichte pl\u00e4diert, aber m\u00fcsste, so ist kritisch zu fragen, das nicht auch eine Reflexion der Begrifflichkeiten mit einschlie\u00dfen? Es ist auff\u00e4llig, dass durchgehend von Nationalsozialismus gesprochen wird und nie von (deutschem) Faschismus. Der Terminus Nationalsozialismus indes zeichnet sich durch ein auf Deutschland fokussiertes Herangehen aus, w\u00e4hrend der Faschismusbegriff \u2013 in der englischsprachigen Diskussion im \u00dcbrigen ein gel\u00e4ufiger Terminus \u2013 durch einen l\u00e4nder\u00fcbergreifenden und historisierende Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge einschlie\u00dfenden Zugang charakterisiert ist. W\u00e4re mit einem selbstredend nicht inflation\u00e4r und als politischen Kampfbegriff genutzten Faschismusbegriff nicht eher zu erreichen, was \u2013 Welzer\/Giesecke zuspitzend \u2013 mit der Politisierung und Vergegenw\u00e4rtigung des Gedenkens gemeint sein k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Der italienische Historiker Enzo Traverso hat genau das im Sinn, wenn er mit Verweis auf Martin Broszats Briefwechsel \u00fcber den Historisierungsbegriff mit Saul Friedl\u00e4nder schreibt: Eine Isolierung der nationalsozialistischen Vergangenheit verhindere, die \u00c4hnlichkeiten mit anderen europ\u00e4ischen Faschismen zu sehen oder, allgemeiner, mit dem Zivilisationsmodell der westlichen Welt.3 Den gegenw\u00e4rtigen Umgang mit den Verbrechen des deutschen Faschismus charakterisiert Traverso insofern als \u201enegative Legitimation des liberalen Westens\u201c. Die Erinnerung an die Judenvernichtung als das absolut B\u00f6se diene dazu, uns von dem gegenw\u00e4rtigen System als das absolut Gute zu \u00fcberzeugen. \u00dcbersehen werde dabei, dass der Westen aus mehr als Rechtsstaat und parlamentarisch-liberaler Demokratie besteht. Der liberale Westen des 19. Jahrhunderts war auch Urheber von Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus, modernem Antisemitismus, Faschismus, totalit\u00e4rem Staat, technischer Moderne, Eugenik, Sozialdarwinismus und Antikommunismus \u2013 alles Elemente, die verdichtet im Nazi-Faschismus zu finden seien. Der deutsche Faschismus sei also auch ein Kind der liberalen westlichen Welt gewesen. Darauf also kommt es an: einerseits diese Kontinuit\u00e4ten aufzuzeigen, andererseits den Bruch zu verdeutlichen, den der Nazi-Faschismus eben auch bedeutet. Gel\u00e4nge dies, w\u00e4re ein \u201eemanzipatorisches Geschichtsbewusstsein\u201c (Welzer\/Giesecke: 98) mit Gegenwartsbez\u00fcgen in greifbarer N\u00e4he.<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnote<\/strong><\/p>\n<p>1) Andere Umfragen widersprechen dem: So stellte eine FORSA-Studie von Anfang 2012 fest, dass 21 Prozent der 18- bis 30-J\u00e4hrigen den Begriff Auschwitz nicht einordnen konnten. Vgl. Richard Gebhardt\/Anne Klein\/Marcus Meier (Hrsg.), Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft. Beitr\u00e4ge zur kritischen Bildungsarbeit, Weinheim und Basel 2018, S. 8f.<\/p>\n<p>2) Interessant in diesem Zusammenhang ist ein Argument, welches Reinhard K\u00fchnl und Robert Erlinghagen bereits 1997 mit Blick auf die antinationale und sich herausbildende antideutsche Bewegung innerhalb der antifaschistischen Bewegung und vor dem Hintergrund der Goldhagen-Kontroverse vortrugen: Diese im Wesentlichen nach 1990 politisierte und sozialisierte Linke kenne nicht das Gef\u00fchl erfolgreichen Handelns, gepr\u00e4gt sind sie von Abwehrk\u00e4mpfen, Niederlagen und der Dominanz neoliberaler und konservativ-nationalistischer Kr\u00e4fte. \u201eAus solchen Erfahrungen k\u00f6nnen optimistische Weltbilder, d.h. die Identifizierung mit K\u00e4mpfern, nur noch schwer entstehen. Die Linken dieser Generation erfahren sich im hohen Grade als Opfer, und vielleicht entwickeln sie deshalb eine so starke Bereitschaft, sich auch selber als Opfer zu definieren.\u201c (Reinhard K\u00fchnl, Robert Erlinghagen: Zur Holocaust-Forschung: Von 1945 bis zur Goldhagen-Debatte, in: Johannes Klotz\/Ulrich Schneider (Hrsg.): Die selbstbewusste Nation und ihr Geschichtsbild, K\u00f6ln 1997, S. 128f.) Die Identifizierung mit den Juden als Opfern schlechthin in der antideutschen Szene k\u00f6nnte so gesehen als Vorl\u00e4ufer des von Schneider und Jureit konstatierten opferidentifizierten Erinnerns gelesen werden.<\/p>\n<p>3)\u00a0Enzo Traverso, Gebrauchsanleitungen f\u00fcr die Vergangenheit. Geschichte, Erinnerung, Politik, M\u00fcnster 2007, S. 93.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dana Giesecke\/Harald Welzer, Das Menschenm\u00f6gliche. 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