{"id":68,"date":"2009-09-01T21:13:49","date_gmt":"2009-09-01T19:13:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=68"},"modified":"2019-05-02T11:51:15","modified_gmt":"2019-05-02T09:51:15","slug":"totalitarismus-und-unrechtsstaat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=68","title":{"rendered":"Totalitarismus und Unrechtsstaat"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vorgaben des Blicks auf die DDR am Beispiel des Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Gelegentlich muss man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung f\u00fcr ihre Deutlichkeit einfach dankbar sein. So zum Beispiel, als sie dem ehemaligen Wehrmachtssoldaten und emeritierten Rechtsgelehrten und -philosophen Gerd Roellecke Raum gab, seine Meinung darzulegen zu der in der \u00d6ffentlichkeit intensiv diskutierten Frage, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei (15.6.2009). Selbstredend war sie es. Doch nicht diese Antwort ist f\u00fcr das konservative Lager und ihre Publikationen so bemerkenswert, sondern die Art und Weise der Begr\u00fcndung. Kern von Roelleckes Argumentation war ein Vergleich der von ihm unter der Kategorie \u201eUnrechtsstaat\u201c subsumierten NS- und SED-Regime. Das freilich ist seit dem Anschluss der DDR an die BRD Mainstream, wenngleich zumeist in einer modernisierten (neo)konservativen oder auch liberalen Version, die, um den Vorwurf der NS-Relativierung prophylaktisch zu entkr\u00e4ften, die Singularit\u00e4t und Unvergleichbarkeit der von den Nazis und ihren willigen Vollstreckern begangenen Massenmorde rhetorisch anerkennt. <!--more-->Roellecke hingegen argumentiert herk\u00f6mmlich konservativ, ja geradezu in einer perfiden und kruden Manier: Indem er der DDR-F\u00fchrung den Willen zur Judenvernichtung und zur Entfesselung eines Weltkrieges unterstellt und zwischen Verweigerung von Entsch\u00e4digungszahlungen an Juden \u2013 das ist in der Tat ein ruhmloses Kapitel der DDR-Geschichte \u2013 und deren Vernichtung einen h\u00f6chstens graduellen Unterschied ausmacht. Zitieren wir ihn ausf\u00fchrlich: \u201eDiesen Vergleich (zwischen NS- und SED-Staat, die Verf.) mit der Begr\u00fcndung zur\u00fcckzuweisen, die DDR habe weder Juden verfolgt noch einen Weltkrieg entfesselt, ist so ungereimt wie es eine Verteidigung des NS-Unrechts-Regimes mit dem wahren Hinweis w\u00e4re, das Regime habe keine Galeerensklaven gekannt. Nach dem Massenmord an den Juden und nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die DDR gar nicht mehr die M\u00f6glichkeit, Juden zu verfolgen oder einen Krieg zu beginnen. Das verbot ihr nicht nur die Welt\u00f6ffentlichkeit, sondern auch ihr eigener Antifaschismus. Sogar Stalin h\u00e4tte etwas dagegen gehabt. Aber immerhin hat die DDR praktisch keine Wiedergutmachung an die j\u00fcdischen Opfer des NS geleistet und w\u00e4re 1968 wohl in die Tschechoslowakei einmarschiert, wenn die Russen es zugelassen h\u00e4tten.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Roellecke stellt sodann die aus seiner Sicht angemessenere Frage. N\u00e4mlich die, ob das NS-Regime als Unrechtsstaat zu charakterisieren w\u00e4re, wenn es weder Juden verfolgt noch einen Krieg begonnen h\u00e4tte. Seine Antwort: Nat\u00fcrlich w\u00e4re es. Denn: \u201eEs war eine Diktatur, die sich grundlegend von modernen westlichen Staaten unterschied, ohne Mitbestimmung, Gewaltenteilung und Rechtsschutz.\u201c Dieses Fehlen aller rechtlichen Sicherungen gegen den Missbrauch politischer Macht sei ein Grund f\u00fcr Judenverfolgung und Krieg gewesen. Somit \u00e4hnelten sich NS- und SED-Regime offenkundig. Roellecke begr\u00fcndet dann seine Schlussfolgerung, dass NS- und SED-Regime aus der Entwicklung der Moderne herausfallen, folgenderma\u00dfen: \u201eSie setzten nicht die Gleichheit aller Menschen voraus, wie es die moderne Funktionsorientierung verlangt, sondern halten Arbeiterklasse beziehungsweise arische Rasse f\u00fcr von der Natur herausgehobene Gruppen und Kapitalisten beziehungsweise Juden f\u00fcr von Natur aus minderwertig. Das war ein verheerender kultureller R\u00fcckschritt, der es rechtfertigt, beide Regime in gleichem Sinne Unrechts-Regime zu nennen.\u201c[1]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf Roelleckes Text ist einleitend aus mehreren Gr\u00fcnden eingegangen worden. Zun\u00e4chst: Im Kontrast zu seiner konservativen Positionierung alter Schule, die offenkundig Schnittmengen zu neofaschistischen Stellungnahmen aufweist, kann musterg\u00fcltig eine modernisierte neokonservativere, auf Konsens orientierte Argumentation herausgearbeitet werden, die zum Beispiel \u2013 wie gezeigt wird \u2013 in der Diskussion um das Gedenkst\u00e4ttenkonzept der Bundesregierung zum Ausdruck kam. Sodann l\u00e4sst sich an dieser Intervention wie an dem Gedenkst\u00e4ttenkonzept aufzeigen, wie die Totalitarismustheorie als ideologische Begr\u00fcndung fungiert und worin ihr wissenschaftlicher und (geschichts)politischer Wert besteht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Austritt des Zentralrats der Juden aus dem Gremium der Stiftung S\u00e4chsische Gedenkst\u00e4tten\u00a0<\/strong><br \/>\nAls im Januar 2004 der Zentralrat der Juden erkl\u00e4rte, seine Vertreter w\u00fcrden nicht l\u00e4nger in den Gremien der Stiftung S\u00e4chsische Gedenkst\u00e4tten mitarbeiten, sorgte dieser R\u00fcckzug f\u00fcr bundesweite Aufmerksamkeit und lenkte den Blick auf eine geschichtspolitische Entwicklung, die sich jenseits der gro\u00dfen Feuilletondebatten der 1990er Jahre abspielte, die jedoch genau jene konservative geschichtspolitische Linie fortsetzte, die sich seit der deutsch-deutschen Vereinigung zu Beginn der 1990er Jahre abgezeichnet hatte: die Aufl\u00f6sung der Spezifik des deutschen Faschismus in einem allgemeinen Antitotalitarismus und die Eingemeindung Deutschlands in eine globalisierte Form der Opfererinnerung bzw. \u2013 wie es der ehemalige Direktor der Gedenkst\u00e4tte von Buchenwald Thomas Hofmann formulierte \u2013 \u201edie Besch\u00e4ftigung mit dem NS- zugunsten einer Besch\u00e4ftigung mit dem SED-Staat sowie dem Kommunismus im Allgemeinen zur\u00fcckzudr\u00e4ngen\u201c.[2]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass sich die geschichtspolitische Auseinandersetzung an der Frage der Gedenkst\u00e4ttenkonzeption entz\u00fcndete ist genau so wenig ein Zufall wie die Tatsache, dass sie in Sachsen ihren ersten Schauplatz fand. Wie an wenigen anderen Stellen hat der Staat im Rahmen von Gedenkst\u00e4ttenkonzeptionen die M\u00f6glichkeit, lenkend in die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit einzugreifen. Lassen sich inhaltliche Einflussnahmen auf die Wissenschaft nur bis zu einem gewissen Punkt vornehmen, so kann mit den Mitteln der F\u00f6rderung und der Schwerpunktsetzung bzw. Schwerpunktverlagerung die Richtung und die Wahrnehmung von Vergangenheitsdarstellungen deutlich in die gew\u00fcnschte Richtung gelenkt werden. Kritiker sprechen insofern von totalitarismustheoretisch orientierter Zeitgeschichte als einem \u201eAppendix eines vermachteten, staatspolitischen \u00dcberbaus, der \u00fcber das Instrument der Mittelvergabe inhaltliche Akzentuierungen erzwingt, die wiederum auf parteipolitisch ausgehandelte Formelkompromisse zur\u00fcckgehen\u201c.[3] Genau so geschah es in Sachsen, das dank einer nunmehr 18-j\u00e4hrigen CDU-Dominanz im Freistaat in gewissem Sinne die geschichtspolitische Speerspitze der Union bildet. Die Gr\u00fcndung und Indienstnahme des Hannah-Arendt-Instituts f\u00fcr Totalitarismusforschung (HAIT) ist das wohl bekannteste Beispiel einer politisch gelenkten wissenschaftlichen Einrichtung, die relativ klar den Vorgaben der Landesregierung folgt, dies zumindest in der Vergangenheit immer wieder getan hat.[4] Und ganz im Sinne des Forschungsparadigmas des HAIT sollte auch die Gedenkst\u00e4ttenkonzeption des Landes gestaltet werden \u2013 ausgehend von der Totalitarismustheorie. Die Grobschl\u00e4chtigkeit dieses wissenschaftlichen Analyseinstrumentariums entfaltete in ihrer ungebremsten praktischen Umsetzung einen solchen Wirbel, dass es dem Anliegen der konservativen Geschichtspolitiker selbst wieder Schaden zuf\u00fcgte. H\u00e4tte man in der Union den Ausstieg der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN) oder der Bundesvereinigung Opfer der NS-Milit\u00e4rjustiz noch achselzuckend hingenommen, so war der Ausstieg des Zentralrats der Juden aus dem Stiftungsgremium zumindest ein medialer GAU. In der Pressemitteilung des Zentralrates hie\u00df es u. a.: \u201eDurch die Konzeption der s\u00e4chsischen Landesregierung, die auch bundespolitische Signalwirkung in der Gedenkst\u00e4ttenf\u00f6rderung hinsichtlich einer Re-Nationalisierung des Gedenkens entfaltet, wird geschichtspolitisch die Zeit nach 1945 unter dem Stichwort \u201adoppelte Vergangenheit\u2019 einer \u201aWaagschalen-Mentalit\u00e4t\u2019 ausgesetzt \u2013 mit den nationalsozialistischen Verbrechen in der einen und den kommunistischen Verbrechen in der anderen Waagschale. In der Konsequenz bedeutet dies die Aufk\u00fcndigung des in der zweiten Enquetekommission des Deutschen Bundestages 1999 m\u00fchsam errungenen Konsenses zur Gedenkst\u00e4ttenarbeit in Deutschland.\u201c[5]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Das Gedenkst\u00e4ttenkonzept des Bundes 2008 <\/strong><br \/>\nMit der Verabschiedung eines neuen Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes des Bundes durch die gro\u00dfe Koalition im November 2008 wurden die Konflikte um die Ausrichtung staatlich gef\u00f6rderter Gedenkpolitik, wie sie etwa in Sachsen deutlich wurden, scheinbar ausger\u00e4umt. Gab es bei der ersten Vorlage des Entwurfs zum neuen Gedenkst\u00e4ttenkonzept noch heftige Proteste von Wissenschaftlern und Experten, so ging der sprachlich entsch\u00e4rfte und \u00fcberarbeitete Entwurf weitgehend unbemerkt von der \u00d6ffentlichkeit durchs Parlament. Um aller Kritik am ersten Entwurf des Konzeptes die Spitze zu nehmen und auch vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus Sachsen, unterstreicht gleich der erste Satz der Einleitung die Differenz zwischen deutschem Faschismus und DDR: \u201eEs ist unverzichtbar, den Unterschieden zwischen NS-Herrschaft und SED-Diktatur Rechnung zu tragen.\u201c[6] Festgemacht wird dieser Unterschied an der \u201esingul\u00e4ren Bedeutung\u201c des V\u00f6lkermordes an sechs Millionen Juden, Erw\u00e4hnung finden auch der Vernichtungskrieg im Osten, der V\u00f6lkermord an den \u201eZigeunern\u201c, die Ermordung von Behinderten, Homosexuellen und Widerstandsk\u00e4mpfern.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Sprachpuristen k\u00f6nnten die inhaltliche Differenz zwischen der neutralen NS-\u201eHerrschaft\u201c und der politisch eindeutigen SED-\u201eDiktatur\u201c bem\u00e4ngeln, dennoch ist es unstreitig, dass die Einleitung des neuen Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes den Kritikern der harten Totalitarismuslinie Tribut zollt und gerade jene Vertreter von SPD und Gr\u00fcnen mit ins Boot holen sollte, deren Sachverst\u00e4ndige bei der Anh\u00f6rung zum ersten Entwurf (im November 2007) noch heftige Kritik ge\u00fcbt hatten.[7] Die positiven Reaktionen auf den \u00fcberarbeiteten und schlie\u00dflich verabschiedeten Entwurf zeigen, dass es auch f\u00fcr die konservative Seite richtig war, an dieser Stelle nachzugeben. Denn auf der materiellen Ebene konnten alle konservativen Vorstellungen durchgesetzt werden: Auch der verabschiedete Entwurf geht von einem \u201eNachholbedarf\u201c der \u201eGedenkst\u00e4tten und Erinnerungsorte zur Auseinandersetzung mit der kommunistischen Diktatur\u201c aus[8], die Historisierung der deutschen Geschichte nach 1945 bezieht sich weiterhin nur auf die DDR, womit der kausale Zusammenhang des Kalten Krieges, in dem sich beide deutsche Staaten bewegten, ausgeblendet bleibt, der Blick auf die DDR erfolgt weiterhin unter der Vorgabe der Darstellung der Diktaturelemente. Der \u201eantitotalit\u00e4re Konsens\u201c als Lehre aus der \u201adoppelten Diktaturerfahrung\u2019 wird festgeschrieben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auf zwei knappen Seiten besch\u00e4ftigt sich das Gedenkst\u00e4ttenkonzepte mit \u201eGedenkst\u00e4tten und Erinnerungsorten zur NS-Terrorherrschaft\u201c. In Fortsetzung und Erweiterung des Vorl\u00e4ufers von 1999 werden hier neben den Gedenkst\u00e4tten Buchenwald, Sachsenhausen und Ravensbr\u00fcck, sowie den Gedenkorten Pirna-Sonnenstein, M\u00fcnchener Platz in Dresden und Mittelbau-Dora die westdeutschen Gedenkst\u00e4tten Dachau, Bergen-Belsen, Neuengamme und Flossenb\u00fcrg neu in die institutionelle Bundesf\u00f6rderung aufgenommen \u2013 ein durch und durch positives Ergebnis. Bei dieser Gelegenheit wird im Konzept noch einmal auf die seitens der SED \u201einstrumentalisierte (\u2026) Dokumentation der Geschehnisse am authentischen Ort und das Gedenken an die Opfer zur Legitimierung der eigenen Diktatur\u201c[9] verwiesen \u2013 ganz so, als habe es in der DDR nur eine instrumentelle Trauer um die Opfer des Faschismus gegeben und als sei die BRD frei von solchen Formen der Instrumentalisierung. Dass in der Bundesrepublik die authentischen Orte ohne die Initiative zahlreicher B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger \u2013 h\u00e4ufig gegen den Widerstand von Staat und Politik \u2013 in der Anfangsphase zu verrotten drohten und es h\u00e4ufig nicht einmal eine instrumentelle Bereitschaft zur Erinnerung gab, verschweigt der Text. Neu geschaffen wird mit dem Konzept von 2008 die Einrichtung der \u201eSt\u00e4ndigen Konferenz der Leiter NS-Gedenkorte im Berliner Raum\u201c, womit der besonderen Konzentration von Erinnerungsorten in und um Berlin Rechnung getragen werden soll.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Wie zur Dokumentation des vermeintlichen Nachholbedarfs der Besch\u00e4ftigung mit der DDR-Vergangenheit befassen sich die restlichen f\u00fcnfeinhalb Seiten des Konzepts mit den Einrichtungen zu eben dieser Vergangenheit. Die Gr\u00fcndung eines \u201eGeschichtsverbundes zur Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur in Deutschland\u201c ist ein zentrales Element in diesem Teil. Hier geht es um die B\u00fcndelung aller Einrichtungen, die sich mit der Vergangenheit von DDR bzw. SBZ befassen, mithin um ein schlagkr\u00e4ftiges geschichtspolitisches Instrument, mit dessen Hilfe die gleich eingangs beklagte mangelnde Pr\u00e4senz des \u201eDDR-Unrechts\u201c im \u00f6ffentlichen Bewusstsein korrigiert werden soll.[10]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Birthler-Beh\u00f6rde wird, entgegen den urspr\u00fcnglichen \u00dcberlegungen einer schnelleren \u00dcbernahme durch das Bundesarchiv, eine l\u00e4ngere Perspektive gegeben, die sich mindestens \u00fcber die n\u00e4chste Legislaturperiode erstrecken wird. Zentraler Ausgangspunkt f\u00fcr alle gef\u00f6rderten Einrichtungen in diesem Bereich ist die These vom \u201eUnrechtsstaat\u201c DDR, dessen Gr\u00fcndung von Anfang an als illegitim betrachtet wird, was sich schon aus der historischen Perspektive ergibt, in der allein die DDR zum Untersuchungsgegenstand wird. Damit bleiben indes nicht nur die Wechselwirkung der Ma\u00dfnahmen in beiden deutschen Staaten (determinierende Rolle des Adenauerstaates) und die weltpolitische Situation des Kalten Krieges (DDR als Faustpfand der SU), sondern auch der Aspekt der Attraktivit\u00e4t der antifaschistischen und sozialistischen Idee nach Ende des Nazifaschismus als determinierender Hintergrund f\u00fcr die Entwicklung von DDR und BRD ausgespart. Die zu f\u00f6rdernden \u201eGedenkst\u00e4tten, Erinnerungsorte und Museen zur SED-Diktatur\u201c sollen nach den Themen (1) Teilung und Grenze, (2) \u00dcberwachung und Verfolgung, (3) Gesellschaft und Alltag und (4) Widerstand und Opposition gruppiert werden,[11] womit die repressive Seite des Regimes in den Mittelpunkt der Darstellung r\u00fccken soll. Um dies zu verdeutlichen, wird f\u00fcr den Punkt Gesellschaft und Alltag in der DDR eine inhaltliche Vorgabe formuliert, die als klarer Eingriff in die wissenschaftliche Unabh\u00e4ngigkeit aufgefasst werden kann und die die generelle Richtung der Geschichtsdarstellung vorgibt: \u201eDas Alltagsleben in der DDR wird ber\u00fccksichtigt, um einer Verkl\u00e4rung oder Verharmlosung der SED-Diktatur und jeder \u201aOstalgie\u2019 entschieden entgegenzuwirken. Dazu ist das allt\u00e4gliche Leben notwendigerweise im Kontext der Diktatur darzustellen. Es muss deutlich werden, dass die Menschen in der DDR einer umfassenden staatlichen Kontrolle unterlagen und einem massiven Anpassungsdruck ausgesetzt waren, ebenso wie die Diktatur ihre Macht auch aus der Mitmachbereitschaft der Gesellschaft sch\u00f6pfte.\u201c[12] Verhindert werden soll somit jede Form der positiven Darstellung einzelner Elemente der DDR-Gesellschaft, etwa die Sozial- und Gesundheitsversorgung, das Bildungssystem oder die kulturellen Einrichtungen, die nur unter der Generalpr\u00e4misse des \u201eUnrechtsstaates\u201c betrachtet werden sollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Hinter dieser Vorgabe steckt, m\u00f6glicherweise unbewusst, eine weitere Parallelisierung von DDR und deutschem Faschismus. So wie, nach langen geschichtspolitischen Debatten und bis heute nicht durchgesetzt, die Verbrechen des Faschismus nicht durch die vermeintlich \u201eguten Seiten des Regimes\u201c \u00fcberdeckt werden sollen, so soll auch in der Erinnerung an die DDR nicht eine Verunklarung des \u201eUnrechtscharakters\u201c des Regimes durch einzelne positive Elemente hervorgerufen werden. Dass, bezogen auf den Faschismus, eine solche Differenzierung gerade von konservativen Betrachtern bef\u00fcrwortet wurde, wie sie jetzt f\u00fcr die DDR verworfen wird, sei nur am Rande erw\u00e4hnt.[13] Verkannt wird so, dass die bis heute und durch die reale Entwicklung im Kapitalismus sogar verst\u00e4rkt rezipierten positiven Seiten der DDR zum zentralen Anliegen des Sozialismus geh\u00f6ren, w\u00e4hrend sie in der dominierenden und politisch geleiteten Vorstellung heute nur funktional, als Ruhigstellung der Bev\u00f6lkerung, erscheinen. Eine differenzierte und um wirkliche Erkenntnisse bem\u00fchte Wissenschaft wird gerade der Frage nachgehen, welche Entwicklungen der DDR zu einer st\u00e4rkeren Bindung der Bev\u00f6lkerung gef\u00fchrt haben und welche Tendenzen gleichzeitig (oder auch zeitlich versetzt) zu einer Entfremdung und Abl\u00f6sung vom System beigetragen haben. Vor dem Hintergrund der nicht unplausiblen These, dass die schnelle Einbindung der westdeutschen Bev\u00f6lkerung in das demokratische System nach 1949 vor allem \u00fcber die wirtschaftliche Prosperit\u00e4t und die materiellen Gewinne der Bev\u00f6lkerung garantiert wurde, w\u00e4re f\u00fcr die DDR eben der Frage nach den wechselnden materiellen Einbindungen der ostdeutschen Bev\u00f6lkerung nachzugehen. Es k\u00f6nnte sich dann allerdings zeigen, dass die materielle Seite die Fragen von fehlender Demokratie und Partizipation \u00fcberwogen hat \u2013 eine These, die sich unter Einhaltung der im Gedenkst\u00e4ttenkonzept formulierten Vorgaben jedoch nur schwer \u00fcberpr\u00fcfen lassen wird.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Die Kritiker <\/strong><br \/>\nIm Gegensatz zu den Unionsvertretern wurde von den anderen Sachverst\u00e4ndigen in der Anh\u00f6rung zum Gedenkst\u00e4ttenentwurf massive Kritik vorgetragen. F\u00fcr Volkhard Knigge, Leiter der Gedenkst\u00e4tte Buchenwald und geladen als Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der KZ-Gedenkst\u00e4tten in der Bundesrepublik, zeigt der Entwurf eben keine angemessene Gewichtung der \u201ebeiden Diktaturen in Deutschland\u201c, was f\u00fcr Knigge eine sehr viel st\u00e4rkere Differenzierung bedeutet h\u00e4tte. Auch kann er den im Entwurf behaupteten Nachholbedarf bezogen auf die DDR-Vergangenheit nicht nachvollziehen: \u201eKeine Diktatur ist so umfassend und schnell erforscht worden wie die DDR, niemals zuvor ist es so schnell zu einem umfassenden Elitenaustausch gekommen und niemals zuvor sind so schnell potente, personalstarke Aufarbeitungsinstitutionen geschaffen und staatlich gef\u00f6rdert worden (\u2026). Wenn all dies von so geringer Wirkung geblieben sein soll, wie nahegelegt, muss die Frage nach dem \u201aWarum\u2019 zwangsl\u00e4ufig auch auf die Arbeit der seit 1990 geschaffenen Einrichtungen zur\u00fcckfallen.\u201c[14] Durch die im Entwurf formulierten Vorgaben zur Darstellung des DDR-Alltags sieht Knigge die inhaltliche Autonomie und politische Unabh\u00e4ngigkeit der Gedenkst\u00e4tten als gef\u00e4hrdet an, da der Entwurf selbst eine \u201eparteiliche Geschichtsdeutung\u201c vorgebe.[15] Kritisch sieht Knigge auch \u201edie verschleifende Rede von den \u201abeiden totalit\u00e4ren Systemen\u2019\u201c, die nicht zur Klarheit beitrage und gerade die Differenzen der Systeme unter den Teppich kehre. Einhergehend damit verfestige der Entwurf ein falsches Bild beider Regime und verkenne die aktive Beteiligung weiter Teile der Bev\u00f6lkerung, die eben nicht nur passive Opfer unterschiedlicher Diktaturen gewesen sei. Bezogen auf die geforderte DDR-Darstellung schreibt Knigge: \u201eDie dem Entwurf implizite Darstellung der gesamten DDR-Bev\u00f6lkerung als Opfer staatlicher Repressions- und Verfolgungspolitik f\u00e4llt hinter den Forschungsstand zur\u00fcck, wie auch der Begriff der SED-Diktatur zunehmend dazu tendiert, die Rolle der Sowjetunion und der Blockparteien zu \u00fcberblenden.\u201c[16] Schlie\u00dflich \u00fcbt Knigge massive Kritik an der urspr\u00fcnglich geplanten Zusammensetzung des Expertengremiums, durch das die NS-Gedenkst\u00e4tten marginalisiert w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Klaus-Dietmar Henke, immerhin kurzzeitig Leiter des Hannah-Arendt-Instituts, kritisiert insbesondere die totalitarismustheoretische Gleichsetzung von NS-Regime und DDR. W\u00e4hrend die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit im Entwurf des Gedenkst\u00e4ttenkonzepts \u201eausgesprochen randst\u00e4ndig\u201c[17] ausfalle, werde durch die Parallelisierung von NS- und DDR-Vergangenheit die Gefahr einer \u201ehistorisch falsch(en), politisch verfehlt(en) und kulturell verst\u00f6rend(en)\u201c[18] Darstellung heraufbeschworen. Auch wenn laut Henke aufgrund \u201eph\u00e4nomenologischer Gemeinsamkeiten\u201c beide Regime als totalit\u00e4re Diktaturen bezeichnet werden k\u00f6nnten, sei es jedoch \u201enichts als verfehlt, beide Diktaturen in dieselbe Schublade des \u201aTotalitarismus\u2019 zu stecken. Tatsache ist vielmehr, dass die Unterschiede zwischen der nationalsozialistischen und der kommunistischen Herrschaft in Deutschland ungleich viel gr\u00f6\u00dfer waren als ihre Gemeinsamkeiten.\u201c[19]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auch f\u00fcr Martin Sabrow vom Zentrum f\u00fcr Zeithistorische Forschung in Potsdam ist es vor allem die totalitarismustheoretisch gepr\u00e4gte Gleichsetzung von NS und DDR, die zu einer fatalen Schieflage des Entwurfs gef\u00fchrt hat. So werde der Entwurf von einem statischen und naiven Totalitarismusmodell getragen, das nicht einmal in der Lage sei, die zeitlichen Phasenwechsel beider Regime zu ber\u00fccksichtigen. Der Blick auf die DDR sei im Entwurf rein \u201eaus der normativen Sicht des liberalen Rechtsstaates\u201c formuliert und gebe offenbar \u201eder Klarheit des politisch-moralischen Urteils den Vorrang vor der Tiefe des historischen Verst\u00e4ndnisses (\u2026).\u201c[20] Im \u201efaktischen Verzicht\u201c auf die Alltagsdimension sieht Sabrow die eklatanteste Schw\u00e4che des Entwurfs. Mit dem Verzicht auf die Darstellung der Bindungskr\u00e4fte der DDR und ihrer \u201erhetorischen Umwandlung\u201c in ein \u201eAngst-Anpassungssyndrom\u201c verkenne der Entwurf v\u00f6llig die Realit\u00e4t einer \u201ekommunistischen Mobilisierungsherrschaft\u201c. \u201eAuf die NS-Herrschaft \u00fcbersetzt, w\u00fcrde die R\u00fcckkehr zu einem solchen d\u00e4monologischen Paradigma einer Entlastung von der \u201adem F\u00fchrer entgegenarbeitenden\u2019 Gesellschaft (Ian Kershaw) und der von ihr getragenen Radikalisierungsdynamik zugunsten einer mythisierenden Alleinverantwortung Hitlers und seiner Helfer gleichkommen (\u2026).\u201c[21] Es steht zu bef\u00fcrchten, dass in konservativen Kreisen genau dieses Bild der NS-Herrschaft und auch der DDR-Vergangenheit vorherrscht. Nicht umsonst verbindet sich ein solches Bild der Vergangenheit\/en bestens mit dem inzwischen allgegenw\u00e4rtigen Opferdiskurs in Deutschland.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">War der Zentralrat der Juden schon in Sachsen aus der Mitarbeit am dortigen Gedenkst\u00e4ttenkonzept des Landes aufgrund der unertr\u00e4glichen Parallelisierung von NS-Diktatur und DDR ausgestiegen, so macht Salomon Korn seine Kritik am Entwurf des Bundes eben auch an dieser Parallelisierung fest. Neben diesem Punkt verweist Korn darauf, dass im Entwurf kein Wort zum bevorstehenden Verlust der Zeitzeugen zur NS-Vergangenheit ausgef\u00fchrt wird und die H\u00e4ftlingskomitees in ihrem Ruf nach Unterst\u00fctzung weiter ungeh\u00f6rt bleiben.[22]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der sprachlich und an wenigen Stellen auch inhaltlich entsch\u00e4rfte Entwurf zum Gedenkst\u00e4ttenkonzept zeigt wesentlich deutlicher als das schlie\u00dflich verabschiedete Konzept, wo auch heute noch die geschichtspolitischen Kampflinien verlaufen. Deren Entschl\u00fcsselung ist auch deshalb schwieriger geworden, weil, im Gegensatz zu den 1980er und 1990er Jahren des vergangenen Jahrhunderts (Roelleckes Stellungnahme ist gegenw\u00e4rtig die Ausnahme), heute eine sehr viel st\u00e4rkere Konsensorientierung im geschichtspolitischen Feld vorherrscht. Vor allem von Teilen der konservativen Seite wurde aus den Erfahrungen der heftigen Kontroversen der Vergangenheit offensichtlich der Schluss gezogen, dass zu offensive Formen der Umdeutung \u2013 gerade der NS-Vergangenheit \u2013 nicht zum gew\u00fcnschten Ergebnis f\u00fchren. So kann die \u00dcberarbeitung des ersten Entwurfs zum Gedenkst\u00e4ttenkonzept als Niederlage der konservativen Seite interpretiert werden. Mit derselben Berechtigung l\u00e4sst sich aber behaupten, dass konservative Kernanliegen \u2013 wie die deutliche materielle Ausweitung der Gedenkst\u00e4ttenarbeit zur DDR-Vergangenheit, die inhaltlichen Vorgaben des Blicks auf die DDR und auch die Parallelisierung von NS und DDR \u2013 nicht nur unter dem Stichwort Totalitarismus sondern auch unter einer allgemeinen Opferperspektive, Bestand haben.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Hintergrund: Totalitarismustheorie <\/strong><br \/>\nDer Parallelisierung von DDR und \u201eNationalsozialismus\u201c liegt (nicht nur) im Falle des Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes ausdr\u00fccklich oder stillschweigend das Totalitarismus-Konzept zugrunde. Dieses Konzept hat paradoxerweise nach dem Zusammenbruch des so genannten Realsozialismus eine Renaissance erfahren und wurde w\u00e4hrend des Kalten Krieges wie kein anderes politisch instrumentalisiert \u2013 ein erster Hinweis auf seinen prim\u00e4r politischen Charakter.[23] Bef\u00fcrworter wie Kritiker sehen das so. Der Historiker Ernst Nolte, Protagonist der historisch-genetischen Variante dieser Theorie, spricht von einem \u201e\u00fcberw\u00e4ltigenden Sieg\u201c des Begriffes \u201eim allt\u00e4glichen Leben\u201c.[24] Einer der wenigen Kritiker, Karl Heinz Roth, bezeichnete die Totalitarismusdoktrin seit ihrer Sanktionierung durch die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrheit des Bundestags in der Enquete-Kommission \u201eAufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland\u201c als \u201apolitische Religion\u2019 der Bundesrepublik Deutschland. Sie pr\u00e4ge mit ihren Denkfiguren und Sprechakten fast die gesamte politische und publizistische Landschaft.[25]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Obgleich die Urspr\u00fcnge der Theorie in der Auseinandersetzung mit dem italienischen Faschismus liegen, setzte \u2013 von der kurzen hochkonjunkturellen Phase w\u00e4hrend des Hitler-Stalin-Paktes abgesehen \u2013 ihr eigentlicher wissenschaftlicher wie politischer Siegeszug mit Beginn des Kalten Krieges ein. Je nach Land und Zeit war sie w\u00e4hrend der Systemkonfrontation den Ver\u00e4nderungen gro\u00dfpolitischer Konstellationen unterworfen. So wurde die Totalitarismustheorie in der Bundesrepublik Deutschland in Wissenschaft und politischer \u00d6ffentlichkeit infolge der 68er-Bewegung und der sozialliberalen Entspannungspolitik zur\u00fcckgedr\u00e4ngt und partiell durch die Faschismustheorie ersetzt. Die Paradoxie der Renaissance der Totalitarismustheorie besteht darin, dass mit dem Ende des sozialistischen Versuchs in Osteuropa die politische Delegitimierungsfunktion ihren Gegenstand verloren hatte. Schlie\u00dflich hatte in der politischen Kultur der westlichen Staaten die Totalitarismustheorie durch die Gleichsetzung von Kommunismus und Faschismus bzw. von rot und braun zur Diskreditierung der so genannten Ostblockstaaten gedient \u2013 und damit zur Legitimierung des eigenen politischen Systems. Dar\u00fcber hinaus konnte durch die Totalitarismustheorie in Westdeutschland die Kontinuit\u00e4t des nationalsozialistischen Antikommunismus aufgenommen und gleichzeitig mit Verweis auf den nun existierenden \u201eTotalitarismus\u201c im Osten eine Auseinandersetzung mit der eigenen faschistischen Vergangenheit zun\u00e4chst weitgehend vermieden werden.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Paradox erscheint die Renaissance jedoch lediglich dann, wenn von der Dimension des kulturellen Kampfes um hegemoniale Deutungsmuster des 20. Jahrhunderts und der damit verkn\u00fcpften Besetzung der Begriffe f\u00fcr die Zukunft abgesehen wird. \u00dcberdies muss die neue Bl\u00fcte des Totalitarismusansatzes im Kontext mit ihrer Funktion f\u00fcr den Elitenwechsel in der ehemaligen DDR betrachtet werden. Des Weiteren spielen Bem\u00fchungen, die Nazi-Vergangenheit durch totalitarismustheoretische Vergleiche zu entsorgen, eine Rolle.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Und nicht zuletzt ist auf die Funktion der nachtr\u00e4glichen Diskreditierung eines alternativen Gesellschaftsentwurfs zum nunmehr konkurrenzlosen Kapitalismus mit seinen zunehmenden sozialen Polarisierungstendenzen zu verweisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Auffallend ist, dass selbst Bef\u00fcrworter des Totalitarismus- und des mit ihm verwandten Extremismusansatzes das erneute Aufbl\u00fchen nicht auf wissenschaftliche Fortschritte zur\u00fcckf\u00fchren. Im Gegenteil: Es wird ein Forschungsbedarf, das Scheitern der statischen Totalitarismustheorie bzw. das Fehlen einer theoretisch befriedigenden, die historischen Unterschiede nicht verwischenden Totalitarismustheorie konstatiert.[26] Auch eine modernisierte Totalitarismustheorie sei nicht in der Lage, eine ausreichende Basis f\u00fcr einen tragf\u00e4higen Vergleich zwischen der so genannten \u201ebraunen\u201c und der \u201eroten\u201c Diktatur zu gew\u00e4hrleisten. Aus diesem Grunde wird sie von Forschern durch die Kategorie der \u201emodernen Diktatur\u201c bzw. einer vergleichenden Diktaturforschung ersetzt, was sie indes nicht darin hindert, das Wort \u201etotalit\u00e4r\u201c munter zu benutzen \u2013 dies wird dann als pragmatischer Umgang mit Begriffen bezeichnet.[27] Die politischen Implikationen freilich unterscheiden sich insofern kaum. Des Weiteren verstellt die holzschnittartige Gegen\u00fcberstellung von Diktatur und Demokratie den Blick auf die heutige Gefahr, die eben nicht in der Errichtung einer Diktatur nach altem Muster besteht, sondern vielmehr in der Aush\u00f6hlung demokratischer wie sozialer Rechte innerhalb der Demokratie[28] \u2013 was aktuell zum Beispiel unter dem Stichwort Postdemokratie (Colin Crouch) diskutiert wird. Zumindest f\u00fcr das bekannteste Totalitarismuskonzept \u2013 jenes von Friedrich und Brzezinski \u2013 gilt dies ebenso: Die g\u00e4ngige und im Kalten Krieg zur Gewohnheit gewordene Gegen\u00fcberstellung von \u201aTotalitarismus\u2019 einerseits, und \u201aDemokratie\u2019 andererseits, beruhe, wie Hans J. Lietzmann ausf\u00fchrt, auf einem popul\u00e4ren, aber falschen Vorurteil. \u201eFriedrich zeichnet sein Bild der \u201atotalit\u00e4ren\u2019 Diktatur vielmehr aus der Perspektive seiner Option f\u00fcr eine \u201akonstitutionelle\u2019 Diktatur.\u201c[29] Antitotalitarismus m\u00fcsse infolgedessen nicht per se demokratisch sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>DDR als S\u00fcndenbock <\/strong><br \/>\nNeben der Diskussion um totalit\u00e4re Staaten bzw. \u201emoderne Diktaturen\u201c ist die Debatte um das Gedenkst\u00e4ttenkonzept auch im Kontext der geschichtspolitischen Diskussionen \u00fcber die Opfer von Krieg und Vertreibung und die der alliierten Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg zu betrachten \u2013 und als positiver Kontrapunkt im Zusammenhang mit der friedlichen Revolution und der Widerherstellung der deutschen Einheit. Das konservative Lager kann hierbei erste Erfolge verbuchen: Sowohl der Beschluss f\u00fcr ein Einheits- und Freiheitsdenkmal, als auch die Etablierung einer Dauerausstellung zum Thema Flucht und Vertreibung wurden zeitlich parallel zur Verabschiedung des Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes durch den Deutschen Bundestag beschlossen. Auch durch diese Umsetzung geschichtspolitischer Wegweiser wurde der CDU\/CSU die Zustimmung zur entsch\u00e4rften Variante des Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes erleichtert. Neben der Festschreibung der eigenen Opferrolle in Form der \u201eVertriebenen\u201c konnte mit dem Beschluss zur Errichtung eines Einheits- und Freiheitsdenkmals ein positiver nationaler Identifikationspunkt gesetzt werden. Die Platzierung des Denkmals gegen\u00fcber dem abgerissenen Palast der Republik und auf dem Sockel eines alten Kaiserdenkmals hat eine nicht zu untersch\u00e4tzende symbolische Bedeutung: Die \u00dcberwindung des historischen Unfalls der DDR und die positive Ankn\u00fcpfung und Erweiterung des preu\u00dfischen deutschen Erbes. Nicht triumphalistisch kommt diese neue Seite der deutschen Erinnerungspolitik daher, sondern als verdiente und geschichtspolitisch erworbene Erg\u00e4nzung zu den Zeichen der deutschen T\u00e4tergeschichte. So schlie\u00dft sich der Kreis der \u201eNormalisierung\u201c eben gerade nicht durch Leugnung oder Relativierung deutscher Schuld, sondern durch deren Anerkennung, woraus das \u201eRecht\u201c abgeleitet wird, auch ein Teil der Opfergeschichte des Faschismus zu werden. Somit hat die \u201eInkorporierung der Erinnerung\u201c in das nationale Selbstverst\u00e4ndnis keineswegs die \u201eDauerrepr\u00e4sentation unserer Schande\u201c zur Folge, sondern wird mit dem Verweis auf die angeblich so gelungene Vergangenheitsbew\u00e4ltigung selbst Quelle eines neuen nationalen Selbstbewusstseins. Es hat den Charakter eines abschlie\u00dfenden Rituals, welches mal implizit oder explizit mit dem Verweis auf die nun jahrzehntelange demokratische und rechtsstaatliche Tradition der Bundesrepublik durch die \u00dcbernahme \u201ewestlicher Werte\u201c einhergeht. Treffend hat die Journalistin Franziska Augstein die deutsche Haltung zur Vergangenheit seit 1990 verdeutlicht: \u201eIm Inneren hat diese Normalisierung des Status quo dazu gef\u00fchrt, dass die aus dem Holocaust erwachsene historische Verantwortung immer gro\u00dfspuriger daherkommt. \u2026 Im Inneren der Bundesrepublik hingegen vermischt sich das Gedenken an die DDR mit der Erinnerung an den Nationalsozialismus. Beides gilt als \u00fcberwunden, und die Bundesrepublik geht als Siegerin daraus hervor. Die DDR ist, mit einem mythologischen Bild gesagt, zum S\u00fcndenbock geworden, dessen Verscheiden der Bundesrepublik zu neuem Selbstbewusstsein verholfen hat.\u201c[30]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung scheint es zuk\u00fcnftig noch wichtiger zu sein, nicht nur die T\u00e4tergeschichte, die Geschichte von Interessen, Profiteuren, Mitl\u00e4ufern und Gleichg\u00fcltigen zu betonen, sondern \u00fcberdies eine ideologiekritische Durchdringung der diese Diskurse unterliegenden Totalitarismustheorie zu leisten. Denn diese erf\u00fcllt die Funktion einer \u201eunkritischen Selbstdarstellung und der bedingungslosen Legitimation der Geschichte der Bundesrepublik\u201c.[31]<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Was der Gr\u00fcnder der Annales-Schule Lucien Febvre in dem diesem Artikel vorangestellten Zitat ganz allgemein \u00fcber die Funktion der Geschichtspolitik zum Ausdruck brachte, ist vom (ostdeutschen) Schriftsteller Ingo Schulze in Bezug auf die Besch\u00e4ftigung mit dem Ende der DDR und der so genannten Wiedervereinigung formuliert worden: \u201e\u00dcber zwanzig Jahre friedliche Revolution zu sprechen und zu streiten hei\u00dft auch, \u00fcber unsere heutige Welt nachzudenken. Vielleicht erweist sich ja meine Sichtweise als falsch. Das w\u00e4re zu ertragen. Was ich nicht ertrage, ist die Selbstgewissheit der \u201aSieger der Geschichte\u2019, ihre Arroganz, mit der sie meinen, jenseits der Argumente, jenseits der Diskussion zu stehen, jenseits der Forderung zu handeln. Der Hochmut gegen\u00fcber dem Leben in der DDR lie\u00dfe sich verschmerzen, w\u00e4re nicht sein heutiges Spiegelbild so kriminell. Diese Selbstgewissheit, die darin liegt, dass es nur eines besseren Managements bedarf, wird uns nicht retten.\u201c 1990 markiere \u2013 so hei\u00dft es weiter in Schulzes bemerkenswerten Essay \u201eMein Westen\u201c (SZ, 7.\/8.3.2009) \u2013 insofern eine Wende, \u201eweil mit dem vermeintlichen \u201aEnde der Geschichte\u2019 von nun an Alternativen zum status quo als erledigt, gescheitert oder utopisch abgetan wurden. Sozialleistungen wurden zu Kostenfaktoren und Wachstumsbremsen. Der Markt zur heiligen Kuh, die Privatisierung zur Ideologie. Alles, was der reinen Lehre widersprach, erschien diskreditiert. Jenseits von Wachstum, Effizienz, Aktienkurs und Shareholder-Value galt nichts. Mit jedem Jahr hat sich die Gesellschaft mehr polarisiert. Man verga\u00df, dass Freiheit und Gleichheit zwei gleichberechtigte Forderungen sind.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">[1] Eine Kritik des Vergleichs von DDR und Drittem Reich kann hier nicht ausf\u00fchrlich vorgenommen werden. Vgl. hierzu zuletzt Wolfgang Wippermann, D\u00e4monisierung durch Vergleich: DDR und Drittes Reich, Berlin 2009.<br \/>\n[2] Thomas Hofmann, Die Opfer der Sieger, in: Freitag, 30.7.2007.<br \/>\n[3] Thomas Hofmann, Blo\u00df kein Erinnerungskombinat, in: Freitag, 23.3.2007.<br \/>\n[4] Vgl. hierzu Klaus-Dietmar Henke, Interesse und Erkenntnis. Ein Lehrst\u00fcck konzertierter Krisenregulierung in den Geisteswissenschaften am Beispiel des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts 1999-2002, in: Zeitschrift f\u00fcr Geschichtswissenschaft 51, (2003), Heft 3, S. 205-236.<br \/>\n[5] http:\/\/www.zentralratdjuden.de\/de\/article\/199.html (letzter Abruf, 18.12.2008)<br \/>\n[6] Deutscher Bundestag, Drucksache 16\/9875, S. 1 f.<br \/>\n[7] Letztlich stimmte nur die Fraktion DIE LINKE gegen das vorgelegte Gedenkst\u00e4ttenkonzept. Zur Begr\u00fcndung vergleiche die Rede der Abgeordneten Luc Jochimsen, Plenarprotokoll Deutscher Bundestag 16\/187, S. 20086 ff.<br \/>\n[8] Deutscher Bundestag, Drucksache 16\/9875, S. 7.<br \/>\n[9] Ebd., S. 4.<br \/>\n[10] Vgl. hierzu die alarmistische Studie von Monika Deutz-Schroeder und Klaus Schroeder, Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Sch\u00fclern \u2013 ein Ost-West-Vergleich, Berlin, M\u00fcnchen 2008. Martin Sabrow wei\u00dft in seiner Auseinandersetzung mit der Schroeder-Studie darauf hin, dass die Autoren selbst mit einem fest normierten Negativbild der DDR ausgestattet sind und alle Abweichungen von diesem vorgefassten Bild als Verherrlichung, respektive Verharmlosung der DDR werten. Vgl. Martin Sabrow, Wie, der Sch\u00fcler kennt den Dicken mit der Zigarre nicht?, FAZ vom 4. Februar 2009, S. N 5.<br \/>\n[11] Vgl. ebd., S. 7.<br \/>\n[12] Ebd., S. 9.<br \/>\n[13] Vgl. hierzu Wolfgang Wippermann, Autobahn zum Mutterkreuz, Historikerstreit der schweigenden Mehrheit, Berlin 2008.<br \/>\n[14] Stellungnahme Prof. Dr. Volkhard Knigge, Ausschussdrucksache Nr. 16(22)132 g, S. 3 f.<br \/>\n[15] Vgl. ebd., S. 9.<br \/>\n[16] Ebd., S. 10.<br \/>\n[17] Stellungnahme Klaus-Dietmar-Henke, Ausschussdrucksache 16(22)131 h, S. 2.<br \/>\n[18] Ebd.<br \/>\n[19] Ebd., S. 3.<br \/>\n[20] Stellungnahme Martin Sabrow, Ausschussdrucksache 16(22) 131 e, S. 3.<br \/>\n[21] Alle Zitate ebd., S. 8 f.<br \/>\n[22] Stellungnahme Salomon Korn, Ausschussdrucksache 16(22) 131 i, S. 3 u. 8.<br \/>\n[23] Vgl. dazu generell Robert Erlinghagen\/Gerd Wiegel, Das Totalitarismuskonzept. Zum wissenschaftlichen Gebrauchswert einer politischen Theorie, in: Johannes Klotz (Hrsg.), Schlimmer als die Nazis? \u201eDas Schwarzbuch des Kommunismus\u201c und die neue Totalitarismusdebatte, K\u00f6ln 1999.<br \/>\n[24] Zit. nach Marc-Pierre M\u00f6ll (1998): Gesellschaft und totalit\u00e4re Ordnung. Eine theoriegeschichtliche Auseinandersetzung mit dem Totalitarismus, Baden-Baden 1998, S. 18.<br \/>\n[25] Karl Heinz Roth, Der Einflu\u00df der Totalitarismustheorie auf die Bundestags-Enquete \u201eAufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland\u201c und Auswirkungen auf die politische Kultur der Bundesrepublik, in: Ansichten zur Geschichte der DDR, hrsg. von Ludwig Elm, Dietmar Keller und Reinhard Mocek, Bonn\/Berlin 1998, S. 135.<br \/>\n[26] Eckhard Jesse (Hrsg.), Totalitarismus im 20. Jahrhundert. Eine Bilanz der internationalen Forschung, Bonn 1999, 2. Auflage, S. 20; Gerhard Besier (2006), \u201eDie Totalitarismustheorie ist gescheitert\u201c, in: Die Welt vom 1. November 2006; Clemens Vollnhals, Die Totalitarismustheorie im Wandel, in: Aus Politik und Zeitgeschichte 39\/2006, S. 27.<br \/>\n[27] Vgl. etwa G\u00fcnther Heydemann\/Detlef Schmiechen-Ackermann, Zur Theorie und Methodologie vergleichender Diktaturerfahrung, in: G\u00fcnther Heydemann\/Heinrich Oberreuter (Hrsg.), Diktaturen in Deutschland \u2013 Vergleichsaspekte. Strukturen, Institutionen und Verhaltensweisen, Bonn 2003, S. 10; 23.<br \/>\n[28] Vgl. Thomas Ahbe, Die T\u00e4ter, ihre Opfer und \u201eunsere\u201c Geschichte, in Freitag, 26.5.2006<br \/>\n[29] Hans J. Lietzmann, Politikwissenschaft im \u201eZeitalter der Diktaturen\u201c. Die Entwicklung der Totalitarismustheorie Carl Joachim Friedrichs, Opladen 1999, S. 303.<br \/>\n[30] Franziska Augstein, in: Volker Knigge\/Norbert Frei (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und V\u00f6lkermord, Bonn 2005, S. 251.<br \/>\n[31] Karl Heinz Roth, Der Einflu\u00df der Totalitarismustheorie auf die Bundestags-Enquete &#8222;Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland&#8220; und die Auswirkungen auf die politische Kultur der Bundesrepublik, in Ansichten zur Geschichte der DDR, Bd. IX\/X. hrsg. von Ludwig Elm\/Dietmar Keller\/Reinhard Mocek, Bonn\/Berlin 1998, S. 78.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/zeitschrift-marxistische-erneuerung.de\/\">Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. \u00a079, September 2009, zusammen mit Gerd Wiegel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorgaben des Blicks auf die DDR am Beispiel des Gedenkst\u00e4ttenkonzeptes Gelegentlich muss man der Frankfurter Allgemeinen Zeitung f\u00fcr ihre Deutlichkeit einfach dankbar sein. 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