{"id":71,"date":"2007-12-01T21:29:00","date_gmt":"2007-12-01T19:29:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.guidospeckmann.de\/?p=71"},"modified":"2019-05-02T11:46:06","modified_gmt":"2019-05-02T09:46:06","slug":"71","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=71","title":{"rendered":"Faschismus oder \u201enationaler Sozialismus\u201c?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Neuere Tendenzen der Faschismusforschung<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Mit dem 2006 gestarteten Versuch des konservativen Lifestylemagazins Cicero, nach G\u00fcnter Grass auch die zweite Ikone der sozialdemokratischen Kulturrevolution, J\u00fcrgen Habermas, zum jugendlichen Adepten des Sp\u00e4tfaschismus zu machen, wird eine Tendenz der geschichtspolitischen Frontstellung deutlich, die Albrecht von Lucke in einer Analyse der Grass-Debatte als &#8222;Propaganda der Neuen B\u00fcrgerlichkeit&#8220; bezeichnet hat. W\u00e4hrend Grass\u2019 sp\u00e4tes Eingest\u00e4ndnis seiner SS-Angeh\u00f6rigkeit als 17-j\u00e4hriger bei den einen Entsetzen und bei den anderen mehr oder minder deutliche Befriedigung ob der damit erlangten moralischen Desavouierung ausl\u00f6ste, geriet die den Memoiren Joachim C. Fests entnommene Geschichte \u00fcber Habermas\u2019 angebliche Hitler-Begeisterung schnell zum Rohrkrepierer.<!--more--> Die offensichtliche Fehlinformation in Fests Buch, zu der dieser aufgrund seines Todes keine Stellung mehr nehmen konnte, ist nur schwer als Fauxpas des Autors zu deuten. Vielmehr zeigt sich hier eine sp\u00e4te Revanche in einer Jahrzehnte alten Kontroverse, die ihren Grund in der Deutung der deutschen Vergangenheit hat, die sowohl f\u00fcr Habermas als auch f\u00fcr Fest entscheidender Bezugspunkt ihres \u00f6ffentlichen Wirkens war und ist.<br \/>\nZum ersten Mal trafen diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Faschismus und deutsche Geschichte im Historikerstreit von 1986 aufeinander, als Habermas der Antipode zu Fest und Ernst Nolte war, die beide in der damaligen Bundesrepublik ein neues, von den Deutungen der 68er Generation abgehobenes Bild der NS-Vergangenheit etablieren wollten. Und \u00e4hnlich wie damals ging es auch zwanzig Jahre sp\u00e4ter um die Frage nach der Verantwortung f\u00fcr den Faschismus, nach den sozialen Tr\u00e4gern der NS-Bewegung und schlie\u00dflich nach dem Selbstverst\u00e4ndnis eines deutschen B\u00fcrgertums, das sich wieder in die Rolle der nat\u00fcrlichen Elite begeben m\u00f6chte &#8211; befreit m\u00f6glichst von jedem historischen Ballast. Mit Grass und Habermas werden zwei Vertreter der politischen Richtung der alten Bundesrepublik zu typischen Mitl\u00e4ufern des Faschismus erkl\u00e4rt, die in ihrer kritischen Wendung gegen die alten Eliten und das Beschweigen der Vergangenheit aus der Sicht des Konservatismus f\u00fcr den verh\u00e4ngnisvollen Bruch von 1968 verantwortlich sind, der den Konservatismus so lange in die Defensive gedr\u00e4ngt hatte. Als &#8222;Angriff auf die b\u00fcrgerliche Welt&#8220; wertet Udo di Fabio dementsprechend die 68er Bewegung, und die Aussage des fr\u00fcheren Familienministers und zeitweiligen Vorsitzenden der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bruno Heck, &#8222;die Rebellion von 68 hat mehr Werte zerst\u00f6rt als das Dritte Reich. Sie zu bew\u00e4ltigen, ist daher wichtiger, als ein weiteres Mal Hitler zu \u00fcberwinden&#8220; , trifft das Empfinden vieler Konservativer bis heute.<br \/>\nWar die sch\u00e4rfste Waffe der 68er der Verweis auf das Versagen des deutschen B\u00fcrgertums gegen\u00fcber dem Faschismus, so lassen sich auf Seiten des Konservatismus immer wieder Versuche ausmachen, diese Waffe zu entsch\u00e4rfen, in dem ein g\u00e4nzlich anderes Bild der faschistischen Vergangenheit gezeichnet wird. Grass hatte in seinem &#8222;Gest\u00e4ndnis-Interview&#8220; in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) mit dem Hinweis auf die ihn faszinierende &#8222;antib\u00fcrgerliche&#8220; Seite der Nazis und die Ideologie der &#8222;Volksgemein-schaft&#8220; genau die Stichworte geliefert, die von interessierter Seite genutzt werden konnten. Konstitutiv f\u00fcr den Faschismus und &#8211; das war der Clou &#8211; die 68er-Bewegung seien demnach Werte wie Antib\u00fcrgerlichkeit, Volksgemeinschaft bzw. klassenlose Gesellschaft, die aus begeisterten J\u00fcnglingen f\u00fcr den Faschismus sp\u00e4ter Wortf\u00fchrer der 68er-Generation machten. Die positive Schlussfolgerung f\u00fcr die eigene Gruppe zog Joachim Kaiser, langj\u00e4hriger Feuilletonchef der S\u00fcddeutschen Zeitung: &#8222;Mir wird dadurch deutlich, dass es offenbar in meinen damals b\u00fcrgerlich-gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Kreisen, deren politisches Versagen man nach 1945 so oft kritisierte, eine viel unmittelbarere, geradezu instinktive Ablehnung des Dritten Reiches und des wahnsinnigen Hitlerkrieges gegeben hat als in proletarischen oder simplen Schichten.&#8220;<br \/>\nDas hier aufscheinende Bild des deutschen Faschismus ist nicht neu und die Frontstellungen, wie sie schon im Historikerstreit zu beobachten waren, werden nur reaktiviert. Es handelt sich vor allem um geschichtspolitische K\u00e4mpfe, die nicht durch neue wissenschaftliche Erkenntnisse abgedeckt werden. Wenig Grund also, sich mit diesen Fragen erneut zu besch\u00e4ftigen? Dem entgegen steht die Entwicklung der historischen Debatten zum deutschen Faschismus, wie sie in den letzten zehn Jahren zu beobachten waren und die von einigen schon als R\u00fcckkehr der Faschismusdebatte bezeichnet wurde. Mit einem Rekurs auf den Faschismusbegriff l\u00e4sst sich einer Relativierung der Verantwortung der b\u00fcrgerlichen Eliten aus Politik und Wirtschaft f\u00fcr die Macht\u00fcbertragung an den Faschismus, wie sie hier skizziert wurde, am effektivsten entgegen treten. Welche Entwicklungen zeichnen sich hier also ab und welche Sichtweisen konkurrieren miteinander. Nach einem einleitenden Blick auf die Debatte um G\u00f6tz Alys Buch &#8222;Hitlers Volksstaat&#8220; wollen wir uns ausgew\u00e4hlten neueren Arbeiten zum Faschismus widmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>G\u00f6tz Aly: &#8222;Wohlf\u00fchldiktatur&#8220;, &#8222;nationaler Sozialismus&#8220;?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">G\u00f6tz Alys Buch \u00fcber &#8222;Hitlers Volksstaat&#8220; hat die wissenschaftliche und \u00f6ffentliche Debatte zur generellen Bewertung des deutschen Faschismus neu belebt und die vorhandenen Str\u00e4nge und oftmals unausgesprochenen Deutungen der letzten Dekade pointiert auf den Punkt gebracht. Die Frage der Zustimmung zum und Beteiligung weiter Teile der deutschen Bev\u00f6lkerung am NS-Regime und seinen Massenverbrechen besch\u00e4ftigt seit den neunziger Jahren die Wissenschaft in zunehmendem Ma\u00dfe: Wie weit lie\u00dfen sich &#8222;ganz normale&#8220; M\u00e4nner und Frauen auf das verbrecherische System ein, unterst\u00fctzten es aktiv oder passiv, profitierten von seinen &#8211; und ihren &#8211; Verbrechen? Welche Motivation lag dieser Beteiligung zugrunde? War es eine vor allem ideologische \u00dcbereinstimmung, bestehend aus Antisemitismus, v\u00f6lkischem Rassismus und Nationalismus oder handelte es sich um eine materiell erkaufte Beteiligung, die aus Profiteuren von Raub und Vernichtungskrieg Komplizen des Regimes machte?<br \/>\nIn zahlreichen geschichtspolitischen Kontroversen der letzten Jahre, von Browning, Goldhagen und der Wehrmachtsausstellung bis zu G\u00f6tz Aly spielt die kontroverse Deutung dieser Fragen nach Beteiligung und T\u00e4terschaft eine wesentliche Rolle. Besonderes Aufsehen erregen dabei die Arbeiten, die mit einer zugespitzten These eine vermeintlich eindeutige Antwort liefern. G\u00f6tz Aly formuliert eine solche zugespitzte These, wenn er schreibt, dass der Holocaust unverstanden bleibt, &#8222;sofern er nicht als der konsequenteste Massenraubmord der modernen Geschichte analysiert wird.&#8220; Alys Erkl\u00e4-rungsansatz f\u00fcr den millionenfachen Mord an den europ\u00e4ischen Juden ist, vor dem Hintergrund seiner bisherigen Arbeiten nicht verwunderlich, ein materialistischer. Nicht antisemitische Ideologie oder ein eliminatorischer Antisemitismus erkl\u00e4ren den Holocaust, sondern das &#8211; von politischer F\u00fchrung und Bev\u00f6lkerung geteilte &#8211; Motiv der materiellen Ausbeutung der enteigneten, deportierten und schlie\u00dflich ermordeten j\u00fcdischen Bev\u00f6lkerung im von Deutschland besetzten Europa. Diese materiellen Motive, angefangen von den Finanz- und Wirtschaftsfachleuten bis hin zu den ausgebombten Familien, die mit dem geraubten Hausrat der deportierten Juden neu ausgestattet wurden, breitet Aly an verschiedenen Stellen seiner Untersuchung aus. Aber Aly geht es um mehr als die Frage nach Motivation und Beteiligung an den NS-Massenverbrechen, es geht ihm um eine generelle Deutung des faschistischen Herrschaftssystems in Deutschland, das er mit Attributen wie &#8222;Volksstaat&#8220;, &#8222;Gef\u00e4lligkeitsdiktatur&#8220;, &#8222;Wohlf\u00fchldiktatur&#8220; und &#8222;nationaler Sozialismus&#8220; belegt. Diese Kennzeichnungen des Regimes haben vielf\u00e4ltigen Widerspruch hervorgerufen.<br \/>\nAlys Verdienst ist es, materielle Faktoren der bis zum Ende bestehenden Massenloyalit\u00e4t gegen\u00fcber dem NS-Regime herausgearbeitet zu haben. Ihm gelingt es damit, den in den letzten Jahren vor allem benannten ideologischen Motiven eine materielle Komponente gegen\u00fcberzustellen, die f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der Mitl\u00e4ufer und einfachen &#8222;Volksgenossen&#8220; eine gr\u00f6\u00dfere Kraft besitzt, als etwa ein &#8222;eliminatorischer Antisemitismus&#8220;.<br \/>\nScharf kritisiert wurden hingegen die von Aly aus seinen Quellen gezogenen Schl\u00fcsse, die eine generelle Einordnung und Charakterisierung des NS-Herrschaftssystems betreffen. Aus linker Perspektive sind hier besonders die Einw\u00e4nde zu nennen, die in der Zeitschrift Sozial.Geschichte vorgebracht wurden: Angelika Ebbinghaus, R\u00fcdiger Hachtmann, Christoph Buchheim, Thomas Kuczynski und Michael Wildt \u00fcben hier teils scharfe Kritik an Aly. So m\u00fcsse das von ihm gezeichnete Bild der sozialen Lage der subalternen Klassen im Dritten Reich relativiert werden. Keineswegs habe sich die ma-terielle Lage der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber der Weimarer Republik verbessert, auch k\u00f6nne bei der Verteilung der sozialen Lasten nicht von einer einseitigen Bevorzugung der unteren Klassen gegen\u00fcber der Bourgeoisie gesprochen werden. Das Schwadronieren Alys \u00fcber einen &#8222;nationalen Sozialismus&#8220; entbehre jeder Grundlage. Aly best\u00e4tige letztendlich mit seiner Darstellung die NS-Propaganda von einer homogenen Volksgemeinschaft und negiere alle real vorhandenen Klassenspaltungen. Die Autor(inn)en der Sozial.Geschichte f\u00fchren f\u00fcr ihre Kritik \u00fcberzeugende Belege an und weisen Aly weiter einen laxen Umgang mit dem von ihm pr\u00e4sentierten Zahlenmaterial vor. Bei aller berechtigten Kritik formulieren sie jedoch keine Alternative zu der von Aly vorgetragenen Hauptthese, dass die materielle Beteiligung am Raubkrieg ein wesentliches Motiv f\u00fcr die Bindung zum Regime war. Die empirischen Fakten scheinen den Kritikern Recht zu geben, aber offensichtlich treffen sie damit nicht den entscheidenden Punkt. So, wie seit Jahren die offiziellen Kriminalit\u00e4tsstatistiken ein Sinken der Kriminalit\u00e4t ausweisen und sich gleichzeitig ein Anstieg subjektiver Bedrohungsgef\u00fchle verzeichnen l\u00e4sst, so scheint auch die gef\u00fchlte materielle Verbesserung der einfachen Deutschen \u00fcber die faktische Lage zu triumphieren. Letztlich w\u00e4re es dann jedoch keine materielle, sondern eine propagandistische Einbindung gewesen.<br \/>\nWenig beachtet wurde bei der Kritik an Aly, dass dessen Paradigmenwechsel, von der Verantwortung der Eliten zur Verantwortung der &#8222;kleinen Leute&#8220;, Vorl\u00e4ufer hat: Der neurechte Historiker Rainer Zitelmann legte zu Beginn der neunziger Jahre ein Buch mit dem Titel &#8222;Hitler: Selbstverst\u00e4ndnis eines Revolution\u00e4rs&#8220; vor, in dem er Hitler als Vertreter der &#8222;kleinen Leute&#8220; und nationalen Sozialisten vorstellte, dessen Politik sich vor allem gegen das konservative B\u00fcrgertum richtete. Zitelmann ging es damals um eine historische Entlastung der b\u00fcrgerlichen Rechten. Alys Motive sind andere, an manchen Stellen ergibt sich jedoch eine be\u00e4ngstigende \u00dcbereinstimmung in den Argumentationen.<br \/>\nInsbesondere die Entlastung der b\u00fcrgerlichen Eliten d\u00fcrfte Aly viele Freunde in der b\u00fcrgerlichen Presse gebracht haben. \u00c4hnlich wie schon Zitelmann zu Beginn der neunziger Jahre sieht auch Aly in den konservativen und b\u00fcrgerlichen Eliten und der Wirtschaft die eigentlichen Verlierer des Regimes. Ihnen seien die gr\u00f6\u00dften finanziellen Lasten abverlangt worden. Der Raubkrieg im Osten wird von Aly als Mittel zur Massenbindung durch Beteiligung gedeutet: &#8222;Das alles wurde nicht zum Vorteil von Junkern und Monopolisten geplant, sondern als konkrete Utopie f\u00fcr jedermann.&#8220; Durchgehalten werden kann eine solche Sichtweise bei Aly, weil er sich konsequent auf den Faschismus an der Macht und auf die f\u00fcr die Masseneinbindung besonders wichtige Kriegszeit beschr\u00e4nkt. Die Geschichte und Kontinuit\u00e4t deutscher imperialistischer Interessen, die Eingaben und Planungen deutscher Kapitalisten f\u00fcr einen neuen Krieg im Osten, die Beteiligung der Wirtschaft am Generalplan Ost &#8211; all das spielt bei Aly keine Rolle. So wird der verdienstvolle Ansatz des Autors durch eine verk\u00fcrzte Perspektive letztlich zu einer Umdeutung des Faschismus insgesamt &#8211; dieser erscheint als &#8222;nationaler Sozialismus&#8220; im Interesse der subalternen Klassen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wiederbelebung der Faschismusdiskussion?<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Nicht nur f\u00fcr eine historische Einsch\u00e4tzung des Faschismus, sondern auch f\u00fcr die Analyse seines m\u00f6glicherweise gegenw\u00e4rtigen Potenzials sind die Fragen nach seinen Voraussetzung und seinem Wesen von fundamentaler Bedeutung. Angesichts der krisenhaften Entwicklung des globalen Kapitalismus, der zunehmenden Entleerung der parlamentarischen Demokratie, autorit\u00e4rer und gewaltt\u00e4tiger Entwicklung der internationalen Beziehungen, einer verst\u00e4rkten Ethnisierung der sozialen Frage und eines sich ausweitenden religi\u00f6sen Fundamentalismus ist die Frage des Faschismus nicht nur eine akademische. Nicht zuletzt die Erfolge von unterschiedlichen Parteien der extremen Rechten in Europa verleihen der Frage Aktualit\u00e4t.<br \/>\nDie bisher vorgestellten Arbeiten und Debatten geben wenige Ausk\u00fcnfte \u00fcber die Voraussetzungen faschistischer Herrschaft. In ihrer Beschreibung von Konsens und Partizipation geben sie wichtige Hinweise zur Stabilit\u00e4t und Dauer etwa des Faschismus in Deutschland. Mit der hier vorzufindenden Identifikation von kollektiven Interessen &#8211; Massenraubmord, eliminatorischer Antisemitismus, nationaler Sozialismus &#8211; l\u00e4sst sich die Frage, wie und warum der Faschismus zur Macht gelangen konnte, nicht kl\u00e4ren. F\u00fcr die Beurteilung seines gegenw\u00e4rtigen Potenzials ist diese Frage aber entscheidend. Eine Wiederbelebung faschismustheoretischer Diskussionsstr\u00e4nge w\u00e4re also erforderlich, die die Ergebnisse der wissenschaftlichen Debatten der letzten Jahre produktiv aufnimmt und mit einer materialistisch fundierten Sichtweise verbindet. Leider scheinen zumindest in Deutschland die Chancen f\u00fcr eine solche produktive Wiederbelebung der Faschismusdebatte schlecht zu sein; zu stark ist hier noch immer der Ideologieverdacht gegen\u00fcber solchen Ans\u00e4tzen. Das scheint in anderen L\u00e4ndern, insbesondere im angloamerikanischen Raum, anders zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Enzo Traverso: Das Verschwinden des Faschismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In Deutschland stand und steht der Faschismusbegriff unter (marxistischem) Ideologieverdacht und wird insofern von (sozial)liberalen und konservativen Historikern und Sozialwissenschaftlern im Unterschied zu ihren englisch-sprachigen Kollegen weitgehend gemieden. Enzo Traverso vertritt die These, dass das Verschwinden des Faschismusbegriffes im deutschsprachigen Raum mit der Herausbildung eines historischen Bewusstseins \u00fcber den Genozid an den Juden einherging (wobei er u. E. \u00fcbersieht, dass der Terminus Faschismus lediglich Ende der 1960er und Anfang der 1970er im deutschen historiographischen Feld weiter verbreitet war, sieht man einmal von Ernst Noltes einflussreichem Werk aus den 60ern ab). Im Kern geht es danach um die Frage der Einzigartigkeit bzw. Singularit\u00e4t des nationalsozialistischen Judenmordes &#8211; eine Frage, die mehr oder weniger eindeutig von den meisten deutschen Historikern bejaht wird. Das gilt im \u00dcbrigen auch f\u00fcr die \u00f6ffentliche Erinnerung. In wichtigen geschichtswissenschaftlichen und\/oder -politischen Kontroversen wie dem Historikerstreit 1986, dem Briefwechsel zwischen Saul Fiedl\u00e4nder und Martin Broszat sowie der Auseinandersetzung um Daniel Goldhagens Buch &#8222;Hitlers willige Vollstrecker&#8220; l\u00e4sst sich die Kontroverse \u00fcber diese Frage nachzeichnen. Traverso bewertet die Anerkennung der Einzigartigkeit als Fortschritt, gleichwohl sie mit &#8222;problematischen, manchmal beunruhigenden Folgen&#8220; verbunden sei. Die wichtigste negative Auswirkung sei eben das Verschwinden des Faschismusbegriffs und die zunehmende Akzeptanz des Totalitarismusbegriffes. Der franz\u00f6sische Historiker gibt hierf\u00fcr vier Gr\u00fcnde an. Erstens liege die Zur\u00fcckdr\u00e4ngung auch an der Schw\u00e4che der klassischen faschismustheoretischen Ans\u00e4tze selbst. Gerade marxistische Konzepte h\u00e4tten sich als zu eng (sprich: zu \u00f6konomistisch) erwiesen; der Judenmord etwa blieb zumeist v\u00f6llig ausgeblendet oder wurde unmittelbar auf Profitinteressen des Gro\u00dfkapitals zur\u00fcckgef\u00fchrt. Gleichwohl gesteht Traverso zu, dass marxistische Ans\u00e4tze vielfach differenzierter und reichhaltiger sind, als die herk\u00f6mmliche Kritik meint. Als zweiten Grund benennt Traverso die starken Unterschiede zwischen Faschismus und Nationalsozialismus &#8211; vor allem im Bereich der Ideologie. Dies bereite Schwierigkeiten, den Faschismus als im Wesentlichen homogenes Ph\u00e4nomen mit lediglich geringf\u00fcgigen nationalen Unterschieden zu charakterisieren. W\u00e4hrend sich diese beiden Argumente auf der wissenschaftlichen Ebene bewegen, so ist die dritte Ursache f\u00fcr das von Traverso postulierte &#8222;Verschwinden des Faschismus&#8220; eindeutig eine politische: Mit dem Zusammenbruch des so genannten Realsozialismus sei auch die zur Staatsdoktrin erhobene Faschismustheorie marxistisch-leninistischer Provenienz verschwunden &#8211; und mit ihr der Antifaschismus. Gerade im deutsch-deutschen Kalten Krieg waren diese Begriffe Gegenstand heftiger Kontroversen. Schlie\u00dflich sieht Traverso den vierten und entscheidenden Grund in der bereits erw\u00e4hnten Herausbildung eines historischen Bewusstseins, &#8222;gest\u00fctzt durch die Erinnerung an Auschwitz.&#8220; Faschismus erscheine infolgedessen als eine zu allgemeine Kategorie, um Auschwitz zu verstehen. (Traverso thematisiert im \u00dcbrigen nicht, dass es denjenigen, die die Einzigartigkeit des Holocaust &#8222;beschw\u00f6ren&#8220;, oftmals nicht um ein Verstehen im Sinne einer rationalen Erkl\u00e4rung geht.)<br \/>\nDie negative Folge der Anerkennung der Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und des damit einhergehenden Verschwindens des Faschismusbegriffs liegt Traverso zufolge darin, dass die Voraussetzungen der Shoah nicht in der gesamten westlichen Welt gesehen werden. Wenngleich Gaskammern au\u00dferhalb des Dritten Reiches nicht existierten, so seien ihre historischen Voraussetzungen mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t in der gesamten westlichen Welt verbreitet. Es werden also, so k\u00f6nnte man das Argument zusammenfassen, historisierende (europ\u00e4ische) Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge g\u00e4nzlich ausgeschlossen.<br \/>\nAuf der anderen Seite schlie\u00dft, so Traverso, &#8222;die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen Verbrechen die Zugeh\u00f6rigkeit zu einer gr\u00f6\u00dferen politischen Familie, der der europ\u00e4ischen Faschismen, nicht aus.&#8220; Der Autor schl\u00e4gt folglich eine alternative positive Bestimmung der Einzigartigkeit des deutschen Faschismus vor, die nichts mit einer Normalisierung oder Rehabilitierung des Nazi-Faschismus zu tun hat, sondern darauf zielt, &#8222;unsere Zivilisation zu entnormalisieren\u2019 und die Geschichte Europas in Frage zu stellen.&#8220; Seine Definition lautet: &#8222;[Die] Einzigartigkeit des nazistischen Deutschlands [liegt] in seiner \u00fcbrigens unbekannten Synthese verschiedener Elemente, die Ende des 19. Jahrhunderts im gesamten Europa vorkamen und sich nach dem Ersten Weltkrieg auf dem Kontinent ausbreiteten: Antisemitismus, Faschismus, totalit\u00e4rer Staat, technische Moderne, Rassismus, Eugenik, Imperialismus, Konterrevolution, Antikommunismus.&#8220;<br \/>\nMit dieser Bestimmung scheint freilich die These des deutschen Sonderwegs in Frage gestellt zu sein, da nicht spezifisch deutsche historische Entwicklungen, sondern europ\u00e4ische in den Mittelpunkt r\u00fccken. Doch, so wendet Traverso ein, falls es einen deutschen Sonderweg gegeben haben sollte, k\u00f6nne er nicht die Wurzeln des Nationalsozialismus, sondern vielmehr sein Ergebnis erkl\u00e4ren.<br \/>\nTraversos Fazit, dass der Begriff Faschismus deshalb verschwindet, weil sich zwei Tendenzen &#8211; der anti-totalit\u00e4re und \u201aanti-antifaschistische\u2019 Konsens und die Herausbildung eines historischen Bewusstseins, das sich auf die Erinnerung an die Shoah und ihre Einzigartigkeit st\u00fctzt &#8211; verbunden haben, ist nachvollziehbar. Gleichwohl stellen sich einige Fragen. Erstens: Liegt der Intention, &#8222;eine europ\u00e4ische Genealogie des Nazi-Terrors&#8220; zu schreiben &#8211; so der Untertitel seines Buches &#8222;Moderne und Gewalt&#8220; , in dem diese Argumentation im Einzelnen entfaltet wird &#8211; nicht doch eine Untersch\u00e4tzung des spezifischen historischen Entwicklungspfades Deutschlands zugrunde? Zumal er in &#8222;Moderne und Gewalt&#8220; die Sonderwegsthese nicht nur in Zweifel zieht, sondern mit dem Argument verwirft, der Nationalsozialismus habe die dem allgemeinen europ\u00e4ischen Kontext entstammenden Motive (Rassismus, Antisemitismus, Eugenik, Antikommunismus) und die Mittel (Krieg, Eroberung, industrielle Vernichtung) auf origin\u00e4re Weise synthetisiert.<br \/>\nZweitens und damit zusammenh\u00e4ngend: Die Singularit\u00e4t des Nationalsozialismus nicht im Gegensatz zum Westen, sondern in der Synthese von verschieden Formen der Gewalt zu sehen, wird nicht streng durchgehalten. Es finden sich Formulierungen, die die Einzigartigkeit in der industriell betriebenen Massenvernichtung sehen. Das ist eine vorherrschende Sichtweise, die nicht ganz falsch ist, allerdings nicht ber\u00fccksichtigt, dass l\u00e4ngst nicht alle J\u00fcdinnen und Juden auf industrielle Weise ermordet worden sind und dass die Singularit\u00e4t eher in der erstmalig von einem Staat beschlossenen und mit allen ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Machtmitteln verfolgten Ausrottung einer bestimmten Menschengruppe bestand.<br \/>\nNichts desto trotz ist Enzo Traversos Problematisierung der vorherrschenden Singularit\u00e4tsthese, die durch das Verschwinden des Faschismusbegriffes in Deutschland beg\u00fcnstigt wurde, im Wesentlichen zuzustimmen. Denn er stellt sich dem Anspruch, den deutschen Faschismus in seinen europ\u00e4ischen Kontext einzuordnen. Indem er das tut, lenkt er &#8211; um ein Argument von Detlev Peukert aufzugreifen &#8211; das Interesse auf gesellschaftliche Strukturen, sodass geschichtliche Erfahrung durch die Herstellung von Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcgen wach gehalten wird. Das schlie\u00dft eine politische gesellschaftskritische Perspektive ein, die auch die klassische faschismustheoretische Frage nach dem Verh\u00e4ltnis von Kapitalismus und Faschismus stellt. Die Tradition von Adorno und Horkheimer aufgreifend stellen Traversos Arbeiten dar\u00fcber hinaus einen wichtigen Beitrag zur Diskussion des Verh\u00e4ltnisses von Nationalsozialismus und kapitalistischer Moderne dar.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>J\u00fcrgen Zimmerer: Kolonialismus und Holocaust<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Enzo Traversos &#8211; eher essayistisch vorgetragenen &#8211; Thesen werden seit wenigen Jahren durch eine geschichtswissenschaftliche Debatte gest\u00fctzt: Es handelt sich um die Diskussion \u00fcber das Verh\u00e4ltnis zwischen Kolonialismus und Holocaust. Insbesondere J\u00fcrgen Zimmerer (und Adam Tooze pflichtet ihm bei) ist mit dem Anspruch angetreten, die Kontinuit\u00e4t zwischen den kolonialen Verbrechen des Deutschen Reiches in S\u00fcdwestafrika &#8211; herausragendes Beispiel ist der Vernichtungskrieg gegen die Herero und Nama zwischen 1904 und 1907 &#8211; und dem Vernichtungskrieg der Nazis in Osteuropa aufzuzeigen. Zimmerer bewertet diesen Krieg als Tabubruch in der Geschichte des europ\u00e4ischen Kolonialismus, da dieser sich durch eine totale Kriegsf\u00fchrung, eine systematische Zerst\u00f6rung der Lebensgrundlage der Bev\u00f6lkerung sowie der Vernichtung von Zivilisten in Konzentrationslagern &#8222;auszeichne&#8220;. Indem er den Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion und andere osteurop\u00e4ische L\u00e4nder auch als Form des Kolonialismus beschreibt, stellt er Verbindungslinien zwischen Kolonialismus, Vernichtungskrieg und Ermordung des europ\u00e4ischen Judentums her. Seine Argumentation wird als neue deutsche Sonderwegsthese rezipiert &#8211; und kritisiert. So pr\u00e4sentiere die Wiedergeburt der Sonderwegsthese aus dem Geist des Kolonialismus eine Linie, &#8222;die den deutschen Kolonialismus aus unerfindlichen Gr\u00fcnden von allen anderen unterschieden haben soll.&#8220; Verbrechen anderer europ\u00e4ischer Kolonialm\u00e4chte seien \u00e4hnlich schlimm gewesen und die Erfindung von Konzentrationslagern beispielsweise gehe nicht auf die deutsche Kolonialpolitik zur\u00fcck, da solche Lager schon um die Jahrhundertwende durch Spanien in Kuba, durch Gro\u00dfbritannien in S\u00fcdafrika und von den USA auf den Philippinen errichtet wurden. Doch gerade dieses Argument spr\u00e4che f\u00fcr die Ausf\u00fchrungen Traversos \u00fcber die Wurzeln des Nazi-Terrors in der europ\u00e4ischen Kolonial- und Imperialismusgeschichte, die mitnichten eine ungebrochene Kontinuit\u00e4t von Kolonialismus zur Judenvernichtung ziehen, sondern in der Kontinuit\u00e4t den Bruch, das spezifisch Neue und Einzigartige zu ber\u00fccksichtigen versuchen. Gerade diese Dialektik von Kontinuit\u00e4t und Bruch weiter auszuarbeiten, w\u00e4re eine dringliche Forschungsaufgabe. Vor diesem Hintergrund w\u00e4ren auch Zimmerers Thesen zu differenzieren. In Bezug auf den Eroberungskrieg gegen die Sowjetunion m\u00f6gen sie plausibel erscheinen, in Bezug auf die Vernichtung der Juden m\u00fcssen sie indes wohl pr\u00e4zisiert werden. Strikter zu unterscheiden w\u00e4re zwischen Rassismus und Antisemitismus und ihrer materiellen Umsetzung in Politik. Denn dass alle J\u00fcdinnen und Juden, eben nicht nur die osteurop\u00e4ischen, deportiert und umgebracht worden sind, l\u00e4sst sich weniger mit kolonialen Siedlungspl\u00e4nen, sondern eher mit spezifisch deutschen antisemitischen Traditionen und der Verselbst\u00e4ndigung dieses Faktors erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Roger Griffin: Faschismus als Ideologie<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Dass Dilemma, in das Traverso die deutschen Historiker durch die &#8222;Isolierung&#8220; der nationalsozialistischen Vergangenheit verstrickt sieht, gilt nicht f\u00fcr die internationale vergleichende Faschismusforschung. Der Faschismusbegriff, verstanden als &#8222;Idealtypus&#8220;, erfreut sich hier durchaus einiger Beliebtheit. Nach den ersten beiden Wellen der Faschismusdiskussion &#8211; zun\u00e4chst in den 1920er bis 1940er Jahren, dann in der Folge von 1968 &#8211; entwickelte sich in den 1990er Jahren eine dritte Welle der internationalen vergleichenden Faschismusdiskussion. Diese &#8211; im Unterschied zu den ersten beiden Wellen &#8211; nichtmarxistische Diskussion wurde freilich in Deutschland auch von Nichtmarxisten \u00fcberwiegend ignoriert (was auch daran abzulesen ist, dass bislang keines der einflussreichen Werke in deutscher \u00dcbersetzung vorliegt). Als pr\u00e4gender Autor dieses Ansatzes gilt der an der Oxforder Brooks University lehrende Roger Griffin, der mit seinem 1991 ver\u00f6ffentlichten &#8222;The Nature of Facism&#8220; eine bis heute andauernde Diskussion ausl\u00f6ste. Mittlerweile wird gar von einem &#8222;neuen Konsens&#8220; (Richard Thurlow) gesprochen und Griffin wird als &#8222;most important new scholar&#8220; (Stanley Payne) der Faschismusforschung bezeichnet. Bei so viel Lob l\u00e4sst die Kritik nicht auf sich warten: Der marxistische Historiker Dave Renton stellt die Auseinandersetzung mit Griffin und \u00e4hnlichen Ans\u00e4tzen unter die \u00dcberschrift &#8222;The Prison of Ideas&#8220;. Mit Verz\u00f6gerung hat die Debatte mittlerweile auch den deutschsprachigen Raum erreicht. Im Jahr 2004 gab es eine sich \u00fcber mehrere Ausgaben erstreckende ausf\u00fchrliche Diskussion in der Zeitschrift &#8222;Erw\u00e4gen Wissen Ethik&#8220;.<br \/>\nWas hat es mit diesem &#8222;neuen Konsens&#8220; auf sich, in dessen Zusammenhang auch die Arbeiten von Roger Eatwell, Zeev Sternhell und Stanley Payne genannt werden m\u00fcssen? Griffin nennt f\u00fcnf Hauptpunkte, die seinen Ansatz charakterisieren: Erstens besteht die methodische Pr\u00e4misse in Max Webers Konstruktion eines Idealtypus. Zweitens identifiziert Griffin das &#8222;faschistische Minimum&#8220; in einer Ideologie der nationalen Wiedergeburt. Er bringt hier den Begriff der Palingenese (griechisch palin-, &#8222;wieder-&#8220; und g\u00e9nesis, &#8222;Entstehung, Sch\u00f6pfung, Geburt&#8220;) ins Spiel, der urspr\u00fcnglich von Emilio Gentile in die Faschismusdiskussion eingef\u00fchrt wurde. Griffins Definition lautet: &#8222;Faschismus ist eine politische Ideologie, deren mythischer Kern in seinen mannigfachen Permutationen aus einer palingenetischen Form populistischem Ultranationalismus besteht.&#8220; Der &#8222;utopische Antrieb&#8220; des Faschismus liegt in dem Versprechen, das &#8222;Problem der Dekadenz&#8220; durch eine &#8222;radikale Erneuerung der Nation&#8220; l\u00f6sen zu wollen. Faschismus ist also ultra- oder revolution\u00e4rer Nationalismus.<br \/>\nDrittens betrachtet Griffin, gleichwohl er die Singularit\u00e4t des Nazi-Faschismus anerkennt, diesen eher als au\u00dfergew\u00f6hnliches Beispiel eines faschistischen Regimes. Als vierten Punkt hebt er hervor, dass sein Faschismusbegriff sich nicht auf eine abgeschlossene Epoche des Faschismus bezieht, sondern auch auf die Nachkriegsentwicklung anzuwenden ist. Dieses Argument fortf\u00fchrend stellt er f\u00fcnftens eine tiefgehende organisatorische Umstrukturierung des Nachkriegsfaschismus fest, die er mit Begriffen aus der &#8222;postmodernen Theorietradition&#8220; zu beschreiben sucht.<br \/>\nDie wesentliche Neuerung dieser Faschismusdefinition ist mithin, dass der Kern des Faschismus im Unterschied zu fr\u00fcheren Beschreibungen als antiliberal, antikommunistisch, antikonservativ etc. in einer positiv definierten faschistischen Ideologie gesehen und damit gleichrangig wie andere politische Ideologien behandelt wird.<br \/>\nFreilich setzt an diesem Punkt die Kritik ein. Doch zun\u00e4chst sei zweierlei hervorgehoben: Griffin nimmt sich eines wichtigen Problems an, welches in der marxistischen Faschismusforschung bislang vielfach vernachl\u00e4ssigt wurde: N\u00e4mlich die Frage, wie die Ideologie gerade auch in der Entstehungsphase faschistischer Bewegungen dazu beitrug, die Mitglieder an sich zu binden und zu mobilisieren. Des Weiteren benutzt Griffin den Faschismusbegriff nicht als historisch abgeschlossene Epochenbezeichnung, sondern hat den Anspruch, &#8222;Einsichten in die Wandlungen des internationalen Faschismus nach 1945&#8220; zu erforschen. Indem er somit das Fortwirken faschistischer Ideologien in den Fokus r\u00fcckt, stellt er Kontinuit\u00e4tsbez\u00fcge her. Doch ist diesen eine gewisse Einseitigkeit und \u00dcberbetonung nicht abzusprechen: In der Kontinuit\u00e4t droht der Bruch des Jahres 1945 tendenziell eingeebnet zu werden.<br \/>\nGriffins Vorgehensweise wirft ein generelles methodisches Problem auf, welches bereits an Ernst Noltes ph\u00e4nomenologischer Methode kritisiert wurde. Indem Nolte wie Griffin die faschistischen Ideologen und F\u00fchrer &#8222;selbst sprechen&#8220; lassen, d.h. ihre Aussagen w\u00f6rtlich nehmen, beschreiben sie den Faschismus in den Worten ihrer Repr\u00e4sentanten. Mit einer Selbstdarstellung kann man den Faschismus jedoch nicht verstehen, allenfalls ideologisch beschreiben. Eine kritisch-erkl\u00e4rende Theorie des Faschismus wird somit ausgeschlossen.<br \/>\nIn gewisser Weise trifft auch auf Griffin zu, was an Sternhell, einem weiteren Vertreter des &#8222;neuen Konsenses&#8220;, kritisiert wurde: der R\u00fcckfall in die alte Ideengeschichte, die eine Analyse des konkreten historischen Kontextes und dessen Einfluss auf die Ideen bzw. ihre wechselseitige Verschr\u00e4nktheit vernachl\u00e4ssigt. &#8222;Da Griffin alles Gesellschaftliche nur als imagin\u00e4re Institution begreift, l\u00f6st er die R\u00fcckbindung eines Ph\u00e4nomens an seine materielle Verankerung, die es aus dieser Sicht gar nicht gibt. Er richtet seinen Blick einseitig auf Prozesse der De- und Rekonstruktion von Diskursen in einer Sph\u00e4re des \u201aKollektiv-Imagin\u00e4ren\u2019 und fragt nicht danach, was der Faschismus in seinen jeweiligen Phasen konkret und funktional in der Praxis war. Dies hat vor allem Auswirkungen auf seinen Revolutionsbegriff, der sich auf problematische Weise dem faschistischen Selbstverst\u00e4ndnis n\u00e4hert.&#8220;<br \/>\n\u00dcberdies ist Griffins Definition immanent in Zweifel zu ziehen. Allein eine Definition des Nationalismus ist schwer genug (wie einschl\u00e4gige Kontroversen zeigen). Griffin versucht mithin den einen Mythos, Faschismus, durch einen weiteren, Nationalismus, zu erkl\u00e4ren. Ohne eine konsistente Erkl\u00e4rung des Nationalismus, die ideologietheoretisch zu fundieren w\u00e4re, ist Dave Renton zufolge Griffins Definition auf Sand gebaut. Konkret stellt sich etwa die Frage, was denn einen faschistischen Nationalismus ausmache, wenn bereits in moderateren Nationalismen ebenfalls das Element der Wiedergeburt der Nation &#8211; f\u00fcr Griffin ein Kernelement des Faschismus &#8211; zu finden ist.<br \/>\nEin weiterer fundamentaler Einwand gegen\u00fcber Griffin betrifft den Ausschluss von Rassismus und Antisemitismus aus seinem &#8222;faschistischen Minimum&#8220;. Weiterf\u00fchrend ist in diesem Zusammenhang der Hinweis, dass &#8222;Nationalismus und Rassismus historisch und systematisch aufeinander bezogene, keine voneinander unabh\u00e4ngigen Ph\u00e4nomene [sind]. Der historische Rassismus hat sich bekanntlich als eine Ideologie entwickelt, die f\u00fcr die Begr\u00fcndung und Rechtfertigung des Kolonialismus der europ\u00e4ischen Nationalstaaten bedeutsam war. In ein Verst\u00e4ndnis von Nationalstaaten als Abstammungsgemeinschaften ist ersichtlich das Potential rassialisierender Konstruktion von Zugeh\u00f6rigkeit und Nicht-Zugeh\u00f6rigkeit eingelassen, das gegenw\u00e4rtig prim\u00e4r mit kulturrassistischen Ideologemen aktualisiert wird.&#8220;<br \/>\nDar\u00fcber hinaus sind in Griffins &#8222;faschistischem Minimum&#8220; noch eine Reihe von weiteren Aspekten nicht enthalten, die nicht nur, aber gerade auch f\u00fcr eine marxistische Fragestellung relevant sind: Massenbewegung, charismatische F\u00fchrerschaft, \u00f6konomische Triebkr\u00e4fte, soziale Funktion, Imperialismus, Militarismus sowie der Nexus von Ideologie und Herrschaftspraxis. Karin Priester dr\u00fcckt dieses Problem in einer rhetorischen Frage aus: &#8222;Was aber bleibt vom Faschismus, wenn das F\u00fchrerprinzip, der Militarismus, der Imperialismus, die repressiven, diktatorischen Strukturen, die spezifischen Stilmerkmale als m\u00f6gliche, aber nicht notwendige Strukturen ausgeklammert werden?&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Wolfgang Wippermann: Rassismus als zentrales Merkmal des Faschismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Der Berliner Historiker Wolfgang Wippermann, einer der r\u00fchrigsten Vertreter der Faschismustheorie in der Bundesrepublik, startete vor einigen Jahren den (nicht sehr erfolgreichen) Versuch, die Debatte neu zu beleben. F\u00fcr den Band &#8222;Faschismus &#8211; kontrovers&#8220; lud er eine ganze Reihe von Diskutanten ein, zu einem neuen definitorischen Ansatz von ihm schriftlich Stellung zu nehmen und in eine Debatte einzutreten.<br \/>\nF\u00fcr die historische und theoretische Bestimmung des Faschismus sind f\u00fcr Wippermann die folgenden, auch die Diskussion beherrschenden Punkte von Bedeutung: Der Faschismus sei mehr als nur ein Agent oder Instrument der herrschenden Klasse gewesen, er m\u00fcsse als eine weitgehend autonome Erscheinung betrachtet werden. Diese durchgehende Abgrenzung von &#8211; manchmal recht verk\u00fcrzt wiedergegebenen &#8211; marxistischen Faschismustheorien schr\u00e4nkt Wippermann jedoch selbst durch den Hinweis ein, dass der historische Faschismus nicht nur auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaftsordnung entstanden, sondern auch im B\u00fcndnis mit bestimmten herrschenden Kr\u00e4ften dieser Ordnung zur Macht gelangt sei. Da es dar\u00fcber hinaus in keinem faschistischen Regime zu grundlegenden Ver\u00e4nderungen der Eigentumsstruktur gekommen ist, m\u00fcsse die marxistische Grundfrage nach der \u00f6konomischen Funktion des Faschismus an der Macht als legitim erachtet werden. Dennoch liegt in dieser Funktion f\u00fcr Wippermann nicht das Wesen des Faschismus begr\u00fcndet, dessen eigenst\u00e4ndiger Charakter st\u00e4rker in den Mittelpunkt r\u00fccken m\u00fcsse. Diesen Mittelpunkt stellt f\u00fcr Wippermann der Rassismus als ideologischer Kern des Faschismus dar, der eben keinen verschleiernden oder instrumentellen, sondern einen programmatischen Charakter gehabt habe. Somit sei der Rassismus und nicht der Antimarxismus der Mittelpunkt der faschistischen Ideologie, um den sich weitere Ideologeme gruppiert h\u00e4tten.<br \/>\nDie anhand dieser Punkte festzustellenden Gemeinsamkeiten verschiedener Regime und Parteien rechtfertigen f\u00fcr Wippermann die Verwendung eines allgemeinen Faschismusbegriffs, wenngleich es zwischen ihnen gro\u00dfe Unterschiede gebe. Um den &#8222;Sonderfall des deutschen Faschismus&#8220; theoretisch angemessen fassen zu k\u00f6nnen, greift Wippermann auf die von Ernst Nolte eingef\u00fchrte Unterscheidung zwischen &#8222;Normalfaschismus&#8220; und &#8222;Radikalfaschismus&#8220; zur\u00fcck. W\u00e4hrend der an Italien orientierte &#8222;Normalfaschismus&#8220; seine klassische Auspr\u00e4gung in Osteuropa gefunden habe, habe er sich in Deutschland zu einem &#8222;Radikalfaschismus&#8220; entwickelt, der als Sonderfall be-trachtet werden m\u00fcsse. Hier sei die &#8222;Verselbst\u00e4ndigung der Exekutive&#8220; weiter als in Italien gegangen, so dass das rassenideologische Programm ohne konkurrierende oder widerst\u00e4ndige Institutionen verwirklicht werden konnte. Ganz im Sinne des Rassismus als ideologischem Kernpunkt des Faschismus bezeichnet Wippermann dessen radikalisierte deutsche Variante als &#8222;Rassenstaat&#8220;. Wippermann versucht in seinem Beitrag die Fokussierung der Debatten in den neunziger Jahren auf Holocaust und rassistisch motivierten Vernichtungskrieg in die Faschismusdefinition aufzunehmen. Jedoch stie\u00df er damit auf vielf\u00e4ltige Kritik.<br \/>\nKritisiert wird vor allem der Widerspruch zwischen Wippermanns theoretischem Ausgangspunkt der Definition, eben dem italienischen Realtyp, und seiner inhaltlichen Bestimmung des Rassismus als ideologischem Kern des Faschismus. Gerade f\u00fcr den italienischen Faschismus, so f\u00fchren zahlreiche Autoren aus, habe der Rassismus keine zentrale Rolle gespielt. Mithin k\u00f6nne, nimmt man den italienischen Faschismus als Ausgangspunkt, der Rassismus nicht zum zentralen Kriterium gemacht werden. &#8222;Verst\u00e4ndigt man sich darauf&#8220;, so Karin Priester, &#8222;da\u00df Rassismus mehr als Antisemitismus ist, so waren alle westlichen imperialistischen M\u00e4chte (&#8230;) rassistisch in ihrer Herrschaftspraxis gegen\u00fcber den kolonialisierten V\u00f6lkern au\u00dferhalb Europas. (&#8230;) Reduziert man Rassismus jedoch auf Antisemitismus, so hat man Schwierigkeiten, ihn f\u00fcr Italien als ideologisch oder herrschaftspraktisch konstitutiv nachzuweisen.&#8220; Unklar bleibe bei einer solchen Definition auch, warum der deutsche Faschismus als &#8222;Sonderfall&#8220; erscheine, wenn doch der Rassismus den Kern jeder faschistischen Ideologie darstelle.<br \/>\nAls Gegenentwurf zu Wippermanns Bestimmung des Rassismus als zentralem Inhalt des Faschismus werden in der Diskussion seiner Thesen unterschiedliche Punkte angeboten. W\u00e4hrend Roger Griffin etwa den Nationalismus und die Vorstellung der nationalen Wiedergeburt (&#8222;rebirth&#8220;) als Kern faschistischer Regime ansieht, sehen Autoren wie Reinhard K\u00fchnl, Werner R\u00f6hr und Karin Priester die soziale Funktion des Faschismus und damit seinen Kampf gegen die politische Linke als zentrale Gemeinsamkeit aller dieser Regime und Bewegungen an.<br \/>\nF\u00fcr K\u00fchnl zeigt sich das Wesen eines politischen Regimes in seiner Stellung zur dominierenden gesellschaftspolitischen Konfliktlinie seiner Zeit, und dies sei unzweifelhaft die &#8222;Konfrontation zwischen Kapitalismus und sozialer Revolutionsgefahr&#8220; gewesen. Hier habe sich der Faschismus &#8211; bei allen ideologischen Widerspr\u00fcchen &#8211; mit aller Klarheit auf Seiten des Kapitalismus eingeordnet. Aus dieser Stellung ergibt sich die den gemeinsamen Begriff rechtfertigende allgemeine Bezeichnung als Faschismus. \u00c4hnlich argumentiert Karin Priester, die einen allgemeinen Faschismusbegriff, bei allen vorhandenen Differenzen, aus dem kleinsten gemeinsamen Nenner ableiten will, &#8222;und das war nach Lage der Dinge nun einmal der Antimarxismus und der Kampf gegen die sozialdemokratische Arbeiterbewegung. Nicht umsonst gr\u00fcndeten die sog. Achsenm\u00e4chte einen \u2018Antikominternpakt\u2019 und nicht einen \u2018Antizionismuspakt\u2019 oder \u00e4hnliches.&#8220;<br \/>\nF\u00fcr die Bestimmung der zentralen Inhalte des Faschismus ist die Frage nach seiner sozialen Funktion in der Tat von zentraler Bedeutung und hier l\u00e4sst sich feststellen, dass er historisch nur in seiner sozialen Funktion f\u00fcr das Kapital an die Macht gekommen ist &#8211; oder mit Hilfe anderer Faschismen. Mit dieser funktionalen Seite ist die Frage nach dem Wesen des Faschismus jedoch noch nicht abschlie\u00dfend beantwortet, denn ideologisch herausgebildet und zu einem realen politischen Faktor &#8211; und damit auch erst zu einem potenziellen Machttr\u00e4ger &#8211; ist er vorher geworden, und hier stellt sich die Frage nach seinen Inhalten, nach den Ideologemen, die ihm einen Massenanhang bescherten, neu. Hier liegt die Evidenz der eigenst\u00e4ndigen Untersuchung faschistischer Ideologien, die zur Erkl\u00e4rung des Ph\u00e4nomens Faschismus, zus\u00e4tzlich zur Bestimmung seiner sozialen Funktion, wichtig sind. Die klassische, auf die Frage nach der sozialen Funktion fixierte marxistische Faschismustheorie muss also zeitlich nach vorne und hinten erweitert werden, um die ideologischen Komponenten der entstehenden faschistischen Bewegung und die Wandlungen des Faschismus an der Macht angemessener, und das hei\u00dft auch eigenst\u00e4ndiger zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Robert Paxton: Anatomie des Faschismus<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">In der angloamerikanischen Diskussion wird offensichtlich sehr viel unbefangener die funktionale Seite des Faschismus betont, wie man an der j\u00fcngst auch in Deutschland erschienenen Studie &#8222;Anatomie des Faschismus&#8220; des US-Amerikanischen Historikers Robert O. Paxton sehen kann. Dieser hebt die Rolle der konservativen Eliten f\u00fcr die Macht\u00fcbertragung an den Faschismus in einer Art und Weise hervor, die ihn in Deutschland unter Generalverdacht stellen w\u00fcrde: Keineswegs sei die Machterringung durch Mussolini und Hitler unvermeidlich gewesen, vielmehr h\u00e4tten die konservativen Eliten andere M\u00f6glichkeiten der Krisenbew\u00e4ltigung zur\u00fcckgewiesen: &#8222;Sie w\u00e4hlten die faschistische Option.&#8220; Und zwar laut Paxton deshalb, weil sie bez\u00fcglich der Gewalt gegen die politische Linke gleiche Interessen hatten: &#8222;Konservative Komplizenschaft bei der Machterlangung der Faschisten waren von verschiedener Art. Vor allem gab es eine Komplizenschaft in der Gewalt der Faschisten gegen die Linke.&#8220;<br \/>\nNicht die vermeintlich revolution\u00e4re Seite des Faschismus, sein Einrei\u00dfen der Klassenschranken sei der Garant des Erfolges gewesen, sondern die objektive Stabilisierung dieser Klassenverh\u00e4ltnisse: &#8222;Einmal an der Macht, konfiszierten die Faschisten nur das Eigentum der politischen Gegner, von Ausl\u00e4ndern und von Juden. Keines dieser Regime ver\u00e4nderte die soziale Hierarchie, au\u00dfer dass einzelne Abenteurer auf h\u00f6here Posten katapultiert wurden (\u00c2\u2026). Wenn der Faschismus \u201arevolution\u00e4r\u2019 war, dann in einem besonderen Sinne, der weit entfernt ist von der urspr\u00fcnglichen Bedeutung dieses Wortes, wie sie von 1789 bis 1917 gegolten hatte, als man unter Revolutionen eine tiefgreifende Umw\u00e4lzung der sozialen Ordnung und der Neuverteilung der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Macht verstand.&#8220;<br \/>\nTrotz dieser Betonung der sozialen Funktion des Faschismus vertritt Paxton keine einfache Ableitung oder &#8222;Agententheorie&#8220;, sondern er arbeitet verschiedene Phasen des Faschismus heraus, die er in ihrer Bedeutung und Eigenst\u00e4ndigkeit ernst nimmt, so dass ein komplexeres Bild des Ph\u00e4nomens erscheint. In der Faschismusbetrachtung unterscheidet Paxton f\u00fcnf Stadien, die er als 1. Entstehung einer Bewegung, 2. Verwurzelung im politischen System, 3. Griff nach der Macht, 4. Machtaus\u00fcbung und 5. l\u00e4ngerfristige Entwicklung bezeichnet.<br \/>\nDie Erkenntnisse und Ergebnisse Paxtons sind nicht neu und finden sich auch in unterschiedlichen Arbeiten der Faschismustheorie. In ihrer Zusammensicht geben sie jedoch einen erfrischend unaufgeregten Blick auf den Faschismus, dessen soziale Funktion klar benannt wird. Doch auch bei Paxton kommt die zentrale Rolle der Shoah zu kurz, die den deutschen Faschismus von seinen europ\u00e4ischen Pendants unterscheidet. Zwar differenziert Paxton zwischen der faschistischen Radikalisierung, wie sie in ihrer extremsten Form nur in Deutschland vorkam, und der &#8222;Entropie&#8220;, wie sie f\u00fcr andere Faschismen kennzeichnend sei. Die Rolle und Bedeutung der Vernichtungspolitik f\u00fcr den deutschen Faschismus bleibt damit aber unklar.<br \/>\nHier bedarf es einer noch st\u00e4rkeren Herausarbeitung der faschistischen Ideologiemomente und ihrer je spezifischen Ausformung, die in Deutschland eben die radikalste Variante des Antisemitismus hervorbrachte.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">F\u00fcr faschismustheoretische Ans\u00e4tze ist die st\u00e4rkere Betonung der Eigenst\u00e4ndigkeit faschistischer Politik und Ideologie vor und nach der Erringung der Macht von besonderer Bedeutung. Mit der sozialen Funktion als herrschaftsstabilisierend und B\u00fcndnispartnern der konservativen Eliten im Moment der Macht\u00fcbertragung ist diese Eigenst\u00e4ndigkeit nicht verloren. In seiner dynamischsten und radikalsten Variante &#8211; in Deutschland &#8211; dominiert der Faschismus diese urspr\u00fcnglichen B\u00fcndnispartner sp\u00e4ter deutlich, so dass das Bild des Zauberlehrlings hier eher die Realit\u00e4t trifft als die Vorstellung von faschistischen Marionetten. Sp\u00e4testens Ende der 30er Jahre verlor die Bourgeoisie in Deutschland die Macht dar\u00fcber, den faschistischen Erf\u00fcllungsgehilfen auch wieder los zu werden.<br \/>\nDie mit dem Begriff &#8222;T\u00e4terforschung&#8220; bezeichneten Arbeiten aus den 90er Jahren haben wichtige Ergebnisse in dieser Richtung erbracht, die sich ohne Zwang mit faschismustheoretischen Fragestellungen verbinden lassen. Historisch w\u00fcrde es darum gehen, Antisemitismus und Rassismus st\u00e4rker als Integrationselemente einer Politik zu analysieren, die auch \u00fcber Konsens und nicht nur \u00fcber Zwang organisiert wurde. Wie l\u00e4sst sich etwa die gro\u00dfe Bereit-schaft zur Kollaboration in zahlreichen von Deutschland besetzten Staaten erkl\u00e4ren, die sich vor allem auch in der aktiven Beteiligung an der Verfolgung und Ermordung der Juden festmachen l\u00e4sst? Die von Aly genanten materiellen Motive spielen hier eine Rolle, aber auch der traditionelle Antisemitismus ist f\u00fcr die Erkl\u00e4rung von gro\u00dfer Bedeutung.<br \/>\nF\u00fcr eine Faschismusforschung, die im Faschismus eine Machtoption der herrschenden Klasse zur Abwehr der sozialen Revolution sieht, ist die Frage nach dem gegenw\u00e4rtigen Potenzial des Faschismus nicht unerheblich. Sie gewinnt mit zunehmender Versch\u00e4rfung der sozialen Frage im globalen Ma\u00dfstab und dem Aufstieg einer extremen Rechten in Europa an Gewicht. Ist der Faschismus angesichts der globalen Verflechtung des Kapitals heute noch eine m\u00f6gliche Option? Welche Bedeutung hat der zunehmende Rassismus in den europ\u00e4ischen Gesellschaften f\u00fcr die Parteien der extremen Rechten und ihre m\u00f6gliche Beteiligung an der politischen Macht? Welche Funktion haben faschistische Politikangebote auch jenseits einer realen Machtoption? Wie k\u00f6nnte eine moderne faschistische Variante heute aussehen und welche Ankn\u00fcpfungspunkte zu Konservatismus und Neoliberalismus sind hier vorhanden? Mit diesen Fragen sind nur wenige der zuk\u00fcnftigen Arbeitsfelder einer historisch orientierten kritischen Sozialwissenschaft benannt, die die Erfahrung des Faschismus zum Ausgangspunkt ihrer Arbeiten macht.<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">(aus: <a href=\"http:\/\/archiv.zme-net.de\/archiv\/xxinfo\/h072.html\">Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung<\/a>, Nr. 72, Dezember 2007, zusammen mit Gerd Wiegel)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Neuere Tendenzen der Faschismusforschung Mit dem 2006 gestarteten Versuch des konservativen Lifestylemagazins Cicero, nach G\u00fcnter Grass auch die zweite Ikone der sozialdemokratischen Kulturrevolution, J\u00fcrgen Habermas, zum jugendlichen Adepten des Sp\u00e4tfaschismus zu machen, wird eine Tendenz der geschichtspolitischen Frontstellung deutlich, die &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=71\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"Neuere Tendenzen der Faschismusforschung","footnotes":""},"categories":[5],"tags":[40,41],"class_list":["post-71","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-faschismus-und-rechtsradikalismus","tag-faschismusforschung","tag-faschismustheorie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=71"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1358,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/71\/revisions\/1358"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=71"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=71"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=71"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}