{"id":719,"date":"2013-10-03T21:33:09","date_gmt":"2013-10-03T19:33:09","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=719"},"modified":"2013-10-16T22:44:17","modified_gmt":"2013-10-16T20:44:17","slug":"oekologische-moderne-vs-gruener-sozialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=719","title":{"rendered":"\u00d6kologische Moderne vs. Gr\u00fcner Sozialismus"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Notwendigkeit und Leerstellen der Wachstumsdebatte \u2013 eine Kritik an Ralf F\u00fccks<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Beginnend mit der moralischen Pleite des Kapitalismus infolge der Finanzkrise von 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. Eine davon ist die Wachstumskritik \u2013 mit ihren wiederum verschiedenen Facetten. Kein Wunder also, dass sich Verfechter des Wirtschaftswachstums herausgefordert f\u00fchlen.<!--more--><br \/>\nUnd siehe da! Zu ihnen geh\u00f6rt auch das ehemalige Mitglied des Kommunistischen Bundes Westdeutschland, der Bremer Ex-Senator und B\u00fcrgermeister sowie jetzige Vorstand der GR\u00dcNEN-nahen Heinrich-B\u00f6ll-Stiftung, Ralf F\u00fccks. Dieser kann sich angesichts der Beitr\u00e4ge von Harald Welzer sowie von Edward und Robert Skidelsky in den \u00bbBl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik\u00ab1 eines D\u00e9j\u00e0-vu-Gef\u00fchls nicht erwehren: \u00bbWarnruf vor den destruktiven Konsequenzen permanenten Wachstums\u00ab, die \u00bbKritik des Konsumismus als Form der Entfremdung\u00ab, \u00bbSelbstbegrenzung als Gegenmodell zur expansiven Moderne\u00ab \u2013 das alles kennt er schon aus den \u00d6ko-Debatten der 1970er und 1980er Jahre. Und in der Tat lassen sich Parallelen herausarbeiten. Der Kritik von F\u00fccks an der Wachstumskritik ist jedoch in weiten Teilen zu widersprechen. Bei der Lekt\u00fcre seines Beitrages in den \u00bbBl\u00e4ttern\u00ab2 kann sich der Leser ebenfalls eines D\u00e9j\u00e0-vu-Gef\u00fchls nicht erwehren: Fortschritts- und Wissenschaftsgl\u00e4ubigkeit, ein naives Vertrauen in Technik, Innovation und Wachstum sowie die pauschale Preisung der Errungenschaften einer wie auch immer definierten \u00bbModerne\u00ab \u2013 all das kennt man vom B\u00fcrgertum des 19. Jahrhunderts, als es noch nichts von Weltkriegen, Holocaust und den Schrecken der atomaren Selbstvernichtung ahnte.<br \/>\nNeu bei F\u00fccks ist, dass er die \u00f6kologischen Probleme und die Gefahr des technischen Fortschritts ernster nimmt, sie im Gegensatz zum wachstumskritischen Diskurs indes mit einer \u00bbgr\u00fcnen industriellen Revolution\u00ab und mit gr\u00fcnem Wachstum angehen m\u00f6chte (so auch der Tenor seines Buches \u00bbIntelligent wachsen. Die gr\u00fcne Revolution\u00ab3).<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe Leerstelle bei F\u00fccks ist, dass er bei seinem Pl\u00e4doyer f\u00fcr ein gr\u00fcnes Wachstum weitgehend von sozialen und politischen Verh\u00e4ltnissen abstrahiert. Wirtschaft und Wachstum sind Wirtschaft und Wachstum, es findet keine Kontextualisierung, kein Zusammendenken dieser Begrifflichkeiten mit Herrschaft und Kapitalismus statt. Dies gilt allerdings weitgehend ebenso f\u00fcr die von F\u00fccks angef\u00fchrten Autoren wie Harald Welzer und die Skidelskys. Insofern w\u00e4re eine Wachstumskritik um diese Aspekte zu erg\u00e4nzen.<br \/>\nDoch der Reihe nach: Das gewichtigste Argument von F\u00fccks gegen den \u00dcbergang in eine Postwachstums\u00f6konomie ist das folgende: Angesichts des Schrumpfens der \u00d6konomien insbesondere in den s\u00fcdeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern infolge von Schuldenkrise und Austerit\u00e4tspolitik werden die sozial verheerenden Folgen f\u00fcr die gr\u00f6\u00dften Teile der Bev\u00f6lkerung offenkundig. Eine Rezession sei folglich schlecht, Wirtschaftswachstum notwendig, um aus der wirtschaftlichen Depression herauszukommen. Unter den gegenw\u00e4rtigen politischen und sozialen Verh\u00e4ltnissen ist dies tats\u00e4chlich so. Doch es w\u00e4re ein Fehlschluss, von den jeweils konkreten Bedingungen auf die Allgemeing\u00fcltigkeit dieser Aussage zu schlie\u00dfen. Es kommt vielmehr darauf an, wie ein \u00f6konomischer Schrumpfungsprozess politisch und sozial organisiert wird. Welche Sektoren sollen schrumpfen und in welchem Ausma\u00df? Welche Bereiche sollen ausgebaut werden? Welche arbeits-, sozial-, und umverteilungspolitischen Ma\u00dfnahmen begleiten diese Prozesse? Kuba ist hier ein interessantes Gegenbeispiel zum neoliberal orchestrierten Schrumpfungsprozess in Griechenland. Als nach dem Kollaps der Sowjetunion auch in Kuba das Bruttoinlandsprodukt (BIP) drastisch einbrach, ging dies nicht mit einer Verschlechterung der gesundheitlichen Situation der Kubaner einher; sie verbesserte sich sogar.4<\/p>\n<p>Es gibt durchaus Wachstumskritiker, die sich diese Fragen stellen und sie zu beantworten versuchen.5 So ist klar, dass vor allem fossilistische Wirtschaftssektoren aufgrund ihrer \u00f6kologischen Folgesch\u00e4den schrumpfen m\u00fcssen sowie der aufgebl\u00e4hte Finanzsektor, der ja im \u00fcbrigen f\u00fcr die sozialen Verwerfungen infolge der Wirtschaftskrise wesentlich mitverantwortlich war. Wachsen hingegen m\u00fcssten in einer Postwachstumsgesellschaft die solaren und solidarischen Sektoren. Unterm Strich jedoch wird das Bruttoinlandsprodukt \u2013 das herk\u00f6mmliche, zu Recht kritisierte Ma\u00df f\u00fcr die wirtschaftliche Leistung einer Volkswirtschaft \u2013 der fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten deutlich sinken. Einer Sch\u00e4tzung zufolge w\u00fcrde das f\u00fcr die BRD ein Absinken des BIP um etwa ein Drittel bedeuten6 \u2013 ein Wert, der ungef\u00e4hr dem Niveau Mitte der 1980er Jahre entspr\u00e4che.<\/p>\n<p>F\u00fccks und anderen Kritikern der Wachstumskritik ist in einem Punkt partiell Recht zu geben: Der Fokus der Wachstums\u00adkritik liegt bisweilen zu sehr auf den hoch industrialisierten L\u00e4ndern. Die Frage, ob global gesehen insgesamt weiter ein Wirtschaftswachstum notwendig ist, wird nicht ersch\u00f6pfend er\u00f6rtert. Falsch hingegen ist die Behauptung, dass Wachstumskritiker den \u00bbunterentwickelten\u00ab Staaten dieser Erde ein weiteres Wirtschaftswachstum untersagen wollten. Nicht nur Tim Jackson, Verfasser des einflussreichen Buches \u00bbWohlstand ohne Wachstum\u00ab, tritt \u00bblaut und deutlich\u00ab f\u00fcr steigende Einkommen in den \u00e4rmeren L\u00e4ndern ein.7<\/p>\n<p><strong>Das Gl\u00fccks-Paradoxon<\/strong><\/p>\n<p>Er und andere tun dies, weil sie die Erkenntnisse eines Forschungszweiges ernstnehmen, den F\u00fccks au\u00dfen vor l\u00e4sst: n\u00e4mlich jene der so genannten Gl\u00fccksforschung. In zahlreichen Studien hat diese herausgearbeitet, dass nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau\/BIP pro Kopf (ca. 15.000 Dollar) auch ein Zuwachs an Gl\u00fcck und Lebenszufriedenheit festzustellen ist. Dar\u00fcber hinaus stagniert das Gl\u00fccksempfinden der Befragten. Das zeigen die Beispiele Japan und USA, wo Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgef\u00fchrt werden, eindrucksvoll. So hat sich in den USA das reale Bruttoinlandsprodukt pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Gl\u00fccksempfinden der Bev\u00f6lkerung ist exakt gleichgeblieben. In Japan stellt sich das noch extremer dar. Dort versechsfachte sich das BIP, w\u00e4hrend die Befragungen ein konstantes Gl\u00fccksempfinden ergaben.8<\/p>\n<p>Die Ursache f\u00fcr diese Resultate ist mit Begrifflichkeiten von Keynes schnell gekl\u00e4rt. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bed\u00fcrfnissen (Ern\u00e4hrung, Kleidung, Wohnen etc.) geht, steigert das Einkommen der Bev\u00f6lkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, eben weil dadurch existenzielle Notsituationen \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Sind diese Bed\u00fcrfnisse ges\u00e4ttigt, vollzieht sich der \u00dcbergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugeh\u00f6rigen relativen Bed\u00fcrfnissen. Der Konsument m\u00f6chte sich durch ein Auto oder ein iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn pl\u00f6tzlich alle ein Auto oder das neueste Apple-Produkt haben? Die ersehnte Befriedigung durch den Konsum h\u00e4lt nicht lange vor und man sucht das Gl\u00fccksempfinden durch den n\u00e4chsten Konsumakt zu befriedigen. \u00bbTretm\u00fchlen des Gl\u00fccks\u00ab (M. Binswanger) setzen ein. Die Menschen streben st\u00e4ndig nach Gl\u00fcck, sie werden dabei aber nicht gl\u00fccklicher.<br \/>\nDas Gl\u00fccks-Paradox ist mittlerweile auch im Alltagsverst\u00e4ndnis der Deutschen angekommen. Einer Emnid-Umfrage aus dem August 2010 zufolge glaubt trotz proklamierten Aufschwungs nur noch ein Drittel der Befragten, dass das Wirtschaftswachstum mit einer Steigerung ihrer privaten Lebensqualit\u00e4t einhergeht.9 Indem F\u00fccks und andere die Gl\u00fccksforschung geflissentlich ignorieren, offenbaren sie, dass nicht das Wohl der breiten Bev\u00f6lkerungen, sondern die Reproduktion des (gr\u00fcnen) Kapitals auf erweiterter Stufenleiter, ergo: Wachstum Ausgangspunkt ihrer \u00dcberlegungen ist.<\/p>\n<p><strong>Die Entkopplungsfrage<\/strong><\/p>\n<p>Die Bef\u00fcrworter von \u00bbintelligentem Wachstum\u00ab bzw. eines Green New Deal sch\u00e4tzen die Potenziale von gr\u00fcnen Innovationen und Investitionen sehr hoch ein. Ihrer Meinung nach ist eine Entkoppelung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch m\u00f6glich. F\u00fccks erweckt sogar den Anschein, dass damit eine \u00dcbertragung des westlichen industrialisierten Modells auf die gesamte Welt m\u00f6glich wird (wenngleich er in seinem Buch davon spricht, dass die so genannte Dritte Welt die fossilistische Etappe am besten \u00fcberspringen sollte). Sind diese Annahmen berechtigt? Dagegen sprechen eine Reihe gewichtiger Argumente. Zun\u00e4chst gibt es historisch gesehen keine Anzeichen daf\u00fcr, dass mit weniger Ressourcenverbrauch eine Zunahme des BIP einhergegangen ist. Nur dann kann von einer absoluten Entkoppelung von Wachstum und Stoffverbrauch die Rede sein, d.h. von einer Reduktion des Naturverbrauchs. Was es sehr wohl gibt, ist eine relative Entkoppelung; das BIP steigt dann schneller als der Ressourcenverbrauch. Es ist typisch, dass F\u00fccks und andere Wachstumsbef\u00fcrworter weder oder kaum zwischen relativer und absoluter Entkoppelung differenzieren, noch einen Blick in die Vergangenheit wagen. Auch werden mit keinem Wort die Erkenntnisse der so genannten Material Flow Analysis (MFA) erw\u00e4hnt, die sich zur Aufgabe gestellt hat, den Umfang der Stofffl\u00fcsse (ausgenommen Wasser) in \u00d6konomien im Zeitverlauf darzustellen. Wenngleich hinsichtlich Methodik und Umfang der MFA noch Ausbaubedarf besteht, so lassen sich doch bereits einigerma\u00dfen gesicherte Erkenntnisse aus ihr ableiten. So hat sich global gesehen das BIP zwischen 1980 und 2008 um 125% vergr\u00f6\u00dfert. Die weltweite Ressourcenextraktion wuchs parallel signifikant um 79%. Es l\u00e4sst sich also eine relative Entkoppelung zwischen Wirtschaftswachstum und Ressourcenextraktion feststellen. Aber: Der absolute Ressourcenverbrauch nahm in der Zeitperiode zu, eine absolute Entkoppelung fand nicht statt.10<\/p>\n<p>Da F\u00fccks viel Hoffnung auf die Innovationsf\u00e4higkeit Deutschlands und Europas setzt, lohnt ein Blick auf diese \u00d6konomien. Zum besseren Verst\u00e4ndnis seien jedoch noch zwei Indikatoren der MFA vorgestellt.11 Der \u00bbDirect Material Input\u00ab (DMI) bezeichnet die Menge der direkt in die Wirtschaft eines Landes gelangenden Materialien. Er setzt sich zusammen aus den im Inland gewonnenen Rohstoffen und aus den Importen von Waren (Rohstoffe bis Fertigwaren). Der h\u00e4ufig verwendete Indikator \u00bbDomestic Material Consumption\u00ab (DMC) entspricht dem DMI minus Exporten und umfasst den direkten inl\u00e4ndischen Materialverbrauch. Wie sehen die Ergebnisse f\u00fcr Deutschland aus? Der Studie \u00bbRessourcenverbrauch von Deutschland\u00ab zufolge haben sich im Zeitraum von 1991 bis 2004 absolute H\u00f6he sowie Zusammensetzung des DMI kaum ver\u00e4ndert. Da das BIP kontinuierlich stieg, l\u00e4sst sich eine relative Entkopplung konstatieren. \u00bbZwischen 2001 und 2003 deutete sich sogar eine Phase von absoluter Entkopplung an, die allerdings nur schwach ausgepr\u00e4gt war und in 2004 bereits wieder beendet schien.\u00ab12<\/p>\n<p>In Europa ist der Trend \u00e4hnlich: Das Statistische Amt der EU Eurostat hat in seinem Bericht \u00bbEnvironmental statistics and accounts in Europe\u00ab f\u00fcr die Jahre zwischen 2000 und 2007 bezogen auf den Indikator DMC nur zwischen 2000 und 2003 eine absolute Entkoppelung, f\u00fcr den Zeitraum insgesamt eine relative Entkopplung feststellen k\u00f6nnen.13 Aber: Dieser Befund wird umgehend relativiert \u2013 und diese die Aussagekraft der Indikatoren DMC und DMI abschw\u00e4chenden Ausf\u00fchrungen lassen sich auch auf die oben angef\u00fchrten Werte f\u00fcr Deutschland beziehen. Denn bei den importierten Halb- und Fertigprodukten wird ein gro\u00dfer Teil der zu ihrer Herstellung ben\u00f6tigten Rohstoffe nicht einberechnet, da nur das Gewicht der teilweise oder ganz veredelten Produkte erfasst wird. Aus diesem Grund haben Deutschland und die Tschechische Republik begonnen, das Gewicht der Importe in Rohstoff\u00e4quivalenten zu messen. Die Folge: Der deutsche Direct Material Input in Rohstoff\u00e4quivalenten f\u00fcr das Jahr 2005 ist 2,4 mal h\u00f6her als der traditionelle DMI. Im Bericht der Enquete-Kommission des Bundestages ist gar davon die Rede, dass laut Berechnungen des Statistischen Bundesamtes das Gewicht der Importe in Rohstoff\u00e4quivalenten etwa das 5-Fache des bei der Einfuhr tats\u00e4chlich registrierten Gewichts betrage.14<\/p>\n<p>Eine weitere Einschr\u00e4nkung ist zu machen: DMI wie DMC erfassen nur die direkt in die \u00d6konomien gelangenden Materialien, nicht jedoch die als \u00bb\u00f6kologischer Rucksack\u00ab bezeichneten Materialaufwendungen wie Abraum, ungenutzter Aushub oder Bodenerosion. Dies wird vom \u00bbTotal Material Requirement\u00ab (TMR), dem Gesamtmaterialaufwand erfasst. Dieser ist somit der umfassendste Input-Indikator; er misst die gesamte materielle Basis einer \u00d6konomie. Doch dieser Indikator wird noch nicht umfassend in der Statistik ber\u00fccksichtigt. Eine Ausnahme stellt das Bundesumweltamt dar, welches f\u00fcr die globale physische Basis der deutschen Wirtschaft von 1991 bis 2004 ein etwa gleich hohes Niveau konstatiert.15<\/p>\n<p>Fassen wir zusammen: Die verschiedenen Indikatoren der Material Flow Analysis zeigen zwar eine relative Entkopplung (zuletzt wurde selbst diese bezweifelt)16 an, keineswegs aber eine absolute, d.h. eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs. Genau dies w\u00e4re aber notwendig, denn Forschungen \u00fcber den \u00bb\u00f6kologische Fu\u00dfabdruck\u00ab oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen im Hinblick auf Senken als Deponier\u00e4ume bereits \u00fcberschritten sind (Aussto\u00df von Klimagasen, Verlust von Biodiversit\u00e4t, \u00dcberlastung des nat\u00fcrlichen Stickstoffkreislaufes).17 Zwar erkennt F\u00fccks grunds\u00e4tzlich die \u00bbGrenzen des Wachstums\u00ab an, doch sieht er diese noch nicht \u00fcberschritten bzw. zeigt sich optimistisch, dass diese aufgrund von Innovationspotenzialen hinausgeschoben werden k\u00f6nnen. Die gerade angef\u00fchrten Ergebnisse (von F\u00fccks im \u00fcbrigen auch in seinem Buch nicht erw\u00e4hnt) raten hingegen zur Skepsis. Eine Reduktion von Naturverbrauch bei gleichzeitigem Wirtschaftswachstum hat es bislang noch nicht gegeben.<\/p>\n<p><strong>Die Rebound-Effekte<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Zweifel wird durch den so genannten Rebound-Effekt best\u00e4rkt \u2013 ein Konzept, das zwar in den letzten Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, gleichwohl in vielen Studien immer noch keine Ber\u00fccksichtigung findet.18 Der Rebound-Effekt, dessen wissenschaftliche Untersuchung ihren Ursprung im Buch \u00bbThe Coal question\u00ab (1865) von William Stanley Jevons hat, besagt kurz gefasst, dass eine einzelwirtschaftliche Effizienzsteigerung (aus weniger mehr machen) gesamtwirtschaftlich nicht zu einem geringeren Verbrauch f\u00fchren muss. Dieser kann sich sogar erh\u00f6hen (Backfire-Effekt). Beispiele sollen das verdeutlichen: Ein Auto mit einem wenig Benzin verbrauchenden Motor kann seinen Fahrer dazu verleiten, mehr zu fahren (direkter Rebound) oder das f\u00fcr Benzin eingesparte Geld in Flugreisen zu investieren (indirekter Rebound). Effizientere Produktionsmethoden von PCs oder Smartphones lassen deren Preise sinken, was wiederum die Nachfrage erh\u00f6ht und zu einer Ausweitung der Produktion f\u00fchrt. Die Einsparpotenziale von besser ged\u00e4mmten Wohnungen resultieren nicht in einem R\u00fcckgang des Energiebedarfs, weil gleichzeitig gr\u00f6\u00dfere Wohnungen beheizt werden.<br \/>\nDer Forschungsbedarf beim Rebound-Effekt ist noch gro\u00df; bisher existieren lediglich vier Meta-Studien, die eine quantitative Einsch\u00e4tzung desselben vornehmen. Demnach ist \u00bblangfristig und im Mittel mit gesamtwirtschaftlichen Rebound-Effekten von mindestens 50% zu rechnen.\u00ab19 Wachstumsapologeten blenden den Rebound-Effekt in der Regel aus. F\u00fccks immerhin versucht sich in einem Exkurs in seinem Buch an einer Widerlegung. Diese \u00fcberzeugt indes nicht, weil seine Argumente von einem national bornierten Blickwinkel zeugen und den Unterschied zwischen direktem und Gesamtrebound (der die indirekten Effekte einschlie\u00dft und als Aggregation der entscheidende Einfluss f\u00fcr die Umwelt ist) nicht gen\u00fcgend ber\u00fccksichtigen. So f\u00fchrt F\u00fccks aus, dass \u00bbsinkende Preise f\u00fcr umweltfreundliche Energietr\u00e4ger positive Substitutionseffekte ausl\u00f6sen k\u00f6nnen. Zum Beispiel verdr\u00e4ngt in den USA gegenw\u00e4rtig Erdgas im gro\u00dfen Ma\u00dfstab Kohle, im Ergebnis sinken die CO2-Emissionen.\u00ab20<\/p>\n<p>Abgesehen davon, dass F\u00fccks mit keinem Wort die viel diskutierten negativen Folgen des Frackings erw\u00e4hnt (Belastung des Trinkwassers, ebenfalls zum Klimawandel beitragender Methanaussto\u00df), \u00fcbersieht er die Konsequenzen, die dieser in den USA vor sich gehende Substitutionsprozess in einer globalisierten Weltwirtschaft zeitigt. Die geringere Nachfrage nach Kohle in den USA l\u00e4sst den globalen Kohlepreis sinken und die Exporte aus den USA steigen. Die Folge: Derzeit nimmt der weltweite Verbrauch dieses schmutzigsten aller fossilen Rohstoffe zu \u2013 und damit der globale Aussto\u00df von CO2 (um 5% in 2010 und um 3% in 2011). Fast die H\u00e4lfte des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage wurde in den letzten zehn Jahren durch Kohle gedeckt, hei\u00dft es im Bericht des World Energy Outlooks 2012.21 Der Anteil der Kohle wuchs damit sogar st\u00e4rker als jener der erneuerbaren Energietr\u00e4ger. Diese n\u00fcchternen Befunde stehen in erstaunlichem Gegensatz zum allgegenw\u00e4rtigen Gerede in Deutschland und Europa \u00fcber den Ausbau von regenerativen Energien \u2013 und entlarven es als gr\u00fcnes Alibi, weil gleichzeitig (noch) fossile Energietr\u00e4ger subventioniert werden. Nat\u00fcrlich: Der regenerative Anteil am weltweiten Energiemix w\u00e4chst, bereits jetzt ist ihr Beitrag unverzichtbar. Doch erst 2035 d\u00fcrfte erneuerbare Energie der Kohle ihren Platz als wichtigste Strom\u00aderzeugungsquelle streitig machen. Bis dahin ist mit wachsenden Ausst\u00f6\u00dfen von Treibhausgasen zu rechnen. Greenpeace zufolge wird sich allein aufgrund der 14 derzeit gr\u00f6\u00dften geplanten Kraftwerke die Emission von CO2 bis 2020 um 20 Prozent erh\u00f6hen. Die Welt bef\u00e4nde sich auf dem Pfad zu einer Erderw\u00e4rmung von 5 bis 6 Grad,22 die so genannten Tipping Points w\u00e4ren \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>Der springende Punkt bei der Entkopplung von Energiegewinnung und Treibhausgasemissionen ist jedoch: Im Grunde genommen ist es jetzt schon grunds\u00e4tzlich m\u00f6glich, den \u00bbVerbrauch von Energiedienstleistungen vom Aussto\u00df von CO2 zu entkoppeln \u2013 und zwar mit den heute bereits bekannten Technologien und ohne hypothetische Ber\u00fccksichtigung m\u00f6glicher zuk\u00fcnftiger Innovationsspr\u00fcnge.\u00ab23 Vor diesem Hintergrund ist die F\u00fcckssche Innovationsversessenheit einem technokratischen Blick geschuldet, welcher die sozial-\u00f6konomischen (und psychologischen sowie kulturellen) Hindernisse24 f\u00fcr die Entfaltung der jetzt schon in den Verh\u00e4ltnissen schlummernden Potenziale nicht zur Geltung kommen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was hei\u00dft das konkret? Politische Gr\u00fcnde stehen den Entkopplungs-Szenarien entgegen und nicht technische bzw. mangelnde Innovationen. Um noch pr\u00e4ziser zu werden: Das jetzige, auf kurzfristige Profitmargen abzielende globale kapitalistische Wirtschaftssystem ist das gr\u00f6\u00dfte Hindernis, um die katastrophalen Folgen insbesondere des Klimawandels einzud\u00e4mmen. Interessanterweise wird diese Erkenntnis nicht nur von \u00d6kosozialisten und -marxisten vorgetragen, sondern auch im Enquete-Bericht des Bundestages angedeutet. In diesem wird allgemein festgehalten, dass es einen engen Zusammenhang zwischen der Wirtschaftsordnung und der M\u00f6glichkeit der Entkopplung gebe, der freilich \u2013 weil extrem ideologiebehaftet \u2013 noch kaum erforscht sei. Kritikerinnen und Kritiker des marktwirtschaftlichen Systems s\u00e4hen im \u00bbunbeschr\u00e4nkten Akkumulationstrieb\u00ab des Kapitals und einem daraus folgenden inh\u00e4renten Wachstumszwang einen wesentlichen Grund f\u00fcr den stetig steigenden Ressourcenverbrauch.25<\/p>\n<p>Dem ist zuzustimmen. Und das bedeutet, dass eine Wachstumskritik um eine kapitalismuskritische wie um eine herrschaftskritische Perspektive erweitert werden muss.26 Weder \u00d6ko-Biedermeier noch eine \u00f6kologische Moderne, sondern die Diskussion \u00fcber einen Gr\u00fcnen Sozialismus (vgl. LuXemburg 3\/2012) kann den Weg zu einer nachhaltigen Wirtschaftsweise er\u00f6ffnen.27<\/p>\n<p><strong>Fu\u00dfnoten<\/strong><br \/>\n1\u2002Edward und Robert Skidelsky, Zur\u00fcck zum Wesentlichen. Was wir zum guten Leben brauchen, in: \u00bbBl\u00e4tter\u00ab 4\/2013, S. 79-90, vgl. auch dies., Wie viel ist genug? Vom Wachstumswahn zu einer \u00d6konomie des guten Lebens, M\u00fcnchen 2013; Harald Welzer, Der Konsumismus kennt keine Feinde, in \u00bbBl\u00e4tter\u00ab, 6\/2013, S. 67-79; vgl. auch ders., Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand, Frankfurt a.M. 2013.<br \/>\n2\u2002Vgl. Ralf F\u00fccks, \u00d6ko-Biedermeier vs. \u00d6kologische Moderne: Die gr\u00fcne Revolution, in: \u00bbBl\u00e4tter\u00ab 8\/2013, S. 57-65.<br \/>\n3\u2002Ralf F\u00fccks, Intelligent wachsen \u2013 Die gr\u00fcne Revolution, M\u00fcnchen 2013.<br \/>\n4\u2002Tim Jackson, Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt, M\u00fcnchen 2011, S. 69.<br \/>\n5\u2002Vgl. Matthias Schmelzer\/Alexis Passadakis, Postwachstum. Krise \u00f6kologische Grenzen und soziale Rechte, AttacBasisText 36, Hamburg 2011, S. 71-88.<br \/>\n6\u2002Ebd., S. 73.<br \/>\n7\u2002Jackson, S. 59.<br \/>\n8\u2002Vgl. Mathias Binswanger, Ein gl\u00fcckliches Leben statt immer mehr materiellen Wohlstand. Konsequenzen der Gl\u00fccksforschung f\u00fcr die \u00d6konomie, in: Alfred Bellebaum (Hrsg.), Gl\u00fcck hat viele Gesichter: Ann\u00e4herungen an eine gekonnte Lebensf\u00fchrung, Wiesbaden 2010, S. 275-292, hier: S. 282, Vgl. auch ders., Die Tretm\u00fchlen des Gl\u00fccks. Wir haben immer mehr und werden nicht gl\u00fccklicher. Was k\u00f6nnen wir tun?, 8. Auflage, M\u00fcnchen 2013, S. 17-46.<br \/>\n9\u2002Schmelzer\/Passadakis, S. 24.<br \/>\n10\u2002Vgl. www.materialflows.net. Diese Seite, vom Sustainable Europe Research Institute (SERI), dem Wuppertaler Institut f\u00fcr Klima, Umwelt Energie sowie dem \u00f6sterreichischen Bundesministerium f\u00fcr Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft betrieben, basiert auf der ersten weltweiten Datenbank \u00fcber Ressourcenextraktion.<br \/>\n11\u2002Vgl. hierzu ausf\u00fchrlich Stefan Bringezu\/Helmut Sch\u00fctz, Material Use Indicators for Measuring Resource Productivity and Environmental Impacts, Wuppertal 2010, http:\/\/wupperinst.org.<br \/>\n12\u2002Helmut Sch\u00fctz\/Stefan Bringezu, Ressourcenverbrauch von Deutschland \u2013 aktuelle Kennzahlen und Begriffsbestimmungen, im Auftrag des Umweltbundesamtes, Dessau-Ro\u00dflau 2008, ausschlie\u00dflich als Download erh\u00e4ltlich unter www.umweltbundesamt, S. 29.<br \/>\n13\u2002Vgl. Eurostat (Hrsg.), Environmental statistics and accounts in Europe, Luxemburg 2010, S. 80f., http:\/\/epp.eurostat.ec.europa.eu\/portal\/page\/portal\/eurostat\/home\/.<br \/>\n14\u2002Schlussbericht der Enqu\u00eate-Kommission \u00bbWachstum, Wohlstand, Lebensqualit\u00e4t \u2013 Wege zu nachhaltigem Wirtschaften und gesellschaftlichem Fortschritt in der Sozialen Marktwirtschaft\u00ab, Drucksache 17\/13300, ver\u00f6ffentlicht am 3.5.2013, S. 508.<br \/>\n15\u2002Sch\u00fctz\/Bringezu, Ressourcenverbrauch, S. 37f.<br \/>\n16\u2002Forscher an australischen und US-amerikanischen Universit\u00e4ten haben unl\u00e4ngst den Forschungsbericht \u00bbThe material footprint of nations\u00ab ver\u00f6ffentlicht. Dieser beansprucht, genauere Aussagen \u00fcber den wahren materiellen Fu\u00dfabdruck zu treffen. Wichtigste Erkenntnis: Die relative Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist ihren Berechnungen zufolge viel kleiner als angenommen und findet in einigen L\u00e4ndern \u00fcberhaupt nicht statt. Vgl. www.pnas.org\/content\/early\/2013\/08\/28\/1220362110.<br \/>\n17\u2002Vgl. Schlussbericht der Enqu\u00eate-Kommission, S. 25, 361f.<br \/>\n18\u2002Vgl. hierzu ebd., S. 435ff. sowie Tilmann Santarius, Der Rebound-Effekt. \u00dcber die unerw\u00fcnschten Folgen der erw\u00fcnschten Energieeffizienz, Wuppertal 2012, www.wupperinst.org.<br \/>\n19\u2002Ebd., S. 4.<br \/>\n20\u2002F\u00fccks, Intelligent wachsen, S. 160.<br \/>\n21\u2002Vgl. World Energy Outlook 2012, dt. Zusammenfassung, S. 7, http:\/\/www.worldenergyoutlook.org\/.<br \/>\n22\u2002Greenpeace (Hrsg.), Point of no Return. The massive climate threats we must avoid, Amsterdam 2013, http:\/\/www.greenpeace.org.<br \/>\n23\u2002Schlussbericht der Enquete-Kommission, S. 455.<br \/>\n24\u2002Vgl. zu den psychologischen und kulturellen Barrieren ebd., S. 438-441.<br \/>\n25\u2002Ebd., S. 438<br \/>\n26\u2002Vgl. Ulrich Brand, Wachstum und Herrschaft, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 62. Jg., 27-28\/2012, S. 8-14 und Birgit Mahnkopf, Wachstums\u00adkritik als Kapitalismuskritik, in: Klaus D\u00f6rre u.a. (Hrsg.) Kapitalismus\u00adtheorie und Arbeit: neue Ans\u00e4tze soziologischer Kritik, Frankfurt a.M.\/New York 2012, S. 389-409.<br \/>\n27\u2002Vgl. Hans Thie, Rotes Gr\u00fcn. Pioniere und Prinzipien einer \u00f6kologischen Gesellschaft, Hamburg 2013, sowie als \u00dcbersicht \u00fcber die deutsche \u00f6kosozialistische Diskussion das entsprechende Kapitel in: Frank Adler\/Ulrich Schachtschneider, Green New Deal, Suffizienz oder \u00d6kosozialismus. Konzepte f\u00fcr gesellschaftliche Wege aus der \u00d6lkrise, M\u00fcnchen 2010, S. 63-78; und f\u00fcr die weitaus regere englischsprachige Diskussion z.B. Joel Kovel, The Enemy of Nature. The end of capitalism or the end of the world, 2. erw. Aufl., London\/New York 2007.<\/p>\n<p>(erschienen in: Sozialismus <a href=\"http:\/\/www.sozialismus.de\/heft_nr_10_oktober_2013\/\">10\/2013<\/a>, S. 37-41)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Notwendigkeit und Leerstellen der Wachstumsdebatte \u2013 eine Kritik an Ralf F\u00fccks Beginnend mit der moralischen Pleite des Kapitalismus infolge der Finanzkrise von 2008 haben zahlreiche Schattierungen von Kapitalismuskritik eine Renaissance erfahren. 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