{"id":728,"date":"2013-10-28T09:06:13","date_gmt":"2013-10-28T08:06:13","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=728"},"modified":"2013-10-30T09:19:57","modified_gmt":"2013-10-30T08:19:57","slug":"fanal-fuer-das-ende-eines-zeitalters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=728","title":{"rendered":"Fanal f\u00fcr das Ende eines Zeitalters"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die \u00d6lkrise warf die bis heute ungel\u00f6ste Frage auf: Wie l\u00e4sst sich die Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6l und Kohle verringern?<\/strong><br \/>\n<em>Seit dem Lieferstopp der OPEC vor 40 Jahren wird versucht, noch aus dem letzten Loch \u00d6l, Kohle oder Gas zu \u00bbkratzen\u00ab &#8211; mit katastrophalen \u00f6kologischen Folgen.<\/em><\/p>\n<p>Auch die Uhrzeitumstellung vom Wochenende, mit der der Leser wom\u00f6glich noch zu k\u00e4mpfen hat, ist eine Folge jener Ereignisse, die sich gerade zum 40. Mal j\u00e4hren. Das Tageslicht sollte besser ausgenutzt, der Stromverbrauch damit gesenkt werden. Verglichen damit sind die anderen Konsequenzen der ersten \u00d6lkrise vom Herbst 1973 weitaus gravierender. <!--more-->Die bedeutsamste: Zum ersten Mal in der Geschichte des Industriekapitalismus d\u00e4mmerte es den Bewohnern des globalen Nordens, dass das Leben im \u00dcberfluss nicht stetig so weitergehen wird, dass die Ressourcen in einer endlichen Welt nicht unersch\u00f6pflich sind. Die Frage des F\u00f6rderh\u00f6hepunktes von \u00d6l und anderen Ressourcen ist seitdem ein Dauerbrenner gesellschaftspolitischer Debatten.<\/p>\n<p>Infolge des \u00d6lpreisschocks wurde von den f\u00fchrenden Industriestaaten zun\u00e4chst die Suche nach alternativen Energietr\u00e4gern intensiviert, um sich aus der Abh\u00e4ngigkeit der arabischen Staaten zu befreien. Gro\u00dfbritannien etwa konnte sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, weil sich nun pl\u00f6tzlich die Exploration des Erd\u00f6ls in der Nordsee rentierte, von dem man schon seit 1950 wusste. Die F\u00f6rderung begann ab 1975 im gro\u00dfen Umfang. Norwegen begann mit der F\u00f6rderung von Nordsee\u00f6l der Marke \u00bbBrent\u00ab. Netter Nebeneffekt aus Sicht der Eisernen Lady Margaret Thatcher war, dass den streikenden britischen Bergarbeitern durch das Nordsee\u00f6l das Druckmittel &#8211; Stopp der Kohlef\u00f6rderung &#8211; genommen war. Thatcher schlug die Streiks nieder, der Neoliberalismus errang in Verbindung mit einem neuen fossilistischen Schub seinen ersten wichtigen Sieg.<\/p>\n<p>Aber auch in weniger entwickelten, aufstrebenden Staaten setzte in den 1970er Jahren die Suche nach alternativen Energietr\u00e4gern ein. In Brasilien begann die Produktion von Ethanol aus Zuckerrohr \u2013\u00a0ein Wirtschaftszweig, der stetig an Bedeutung gewann. Doch auch eine Energiegewinnungsart wurde in Reaktion auf die \u00d6lkrise intensiviert, von der sich manche Staaten nach der Katastrophe von Fukushima 2011 partiell wieder verabschiedet haben: die Atomkraft.<\/p>\n<p>Da sich zu dem \u00f6konomischen Kalk\u00fcl seit den 1970er Jahren ein \u00f6kologisches Bewusstsein \u00fcber die verheerenden Folgen der Verbrennung von fossilen Brennstoffen f\u00fcr das Klima herausbildete, begann die intensivere F\u00f6rderung von sauberen Energietr\u00e4gern. Dazu geh\u00f6ren vor allem die Solarenergie und die Windkraft. Ihr Anteil w\u00e4chst, bereits jetzt sind sie unverzichtbar. Doch erst im Jahr 2035 d\u00fcrfte einer Prognose des World Energy Outlooks zufolge erneuerbare Energie der Kohle ihren Platz als wichtigste Stromerzeugungsquelle streitig machen. Dazu tr\u00e4gt ein derzeit intensiv diskutiertes Ph\u00e4nomen bei: die unkonventionelle F\u00f6rderung von Gasen und \u00d6len durch das sogenannte Fracking. Schon ist in den USA von einer \u00bbSchiefergasrevolution\u00ab die Rede. Lag der Anteil an der gesamten US-Gasproduktion im Jahr 2000 bei f\u00fcnf Prozent, waren es 2010 bereits 23 Prozent. Derzeit wird von einer Zunahme der F\u00f6rderung um j\u00e4hrlich 20 Prozent ausgegangen. Nach einer Einsch\u00e4tzung der Internationalen Energie-Agentur (IEA) werden sich die USA bis 2020 vom Energieimporteur zum -exporteur entwickeln. Die IEA lag in der Vergangenheit mit ihren Prognosen auch schon mal daneben. Und in der Tat mehren sich die Stimmen, dass die F\u00f6rderung von Schiefergasen nur ein kurzfristiger Boom ist. So gehe die F\u00f6rderung in den USA bereits wieder zur\u00fcck, erkl\u00e4rte j\u00fcngst Werner Zittel, Vizevorsitzender der Association for the Study of Peak Oil and Gas.<\/p>\n<p>Die Freude mancher \u00fcber den Schiefergasboom und die Dekonstruktion von \u00bbPeak Oil\u00ab ist aber aus mehreren Gr\u00fcnden verfehlt. Zum einen l\u00f6st der Fracking-Boom Substitutionseffekte aus. Kohle in den USA wird billiger, in andere L\u00e4nder exportiert, und insgesamt wird der schmutzigste aller Rohstoffe st\u00e4rker verbraucht. Fast die H\u00e4lfte des Anstiegs der weltweiten Energienachfrage wurde in den letzten zehn Jahren durch Kohle gedeckt, hei\u00dft es im Bericht des World Energy Outlooks 2012. Der Anteil der Kohle wuchs damit sogar st\u00e4rker als jener der erneuerbaren Energietr\u00e4ger. Diese n\u00fcchternen Befunde stehen in erstaunlichem Gegensatz zum allgegenw\u00e4rtigen Gerede in Deutschland und Europa \u00fcber den Ausbau regenerativer Energien. Derzeit nimmt der weltweite Kohleverbrauch zu \u2013\u00a0und damit der globale Aussto\u00df von CO2 (um f\u00fcnf Prozent in 2010 und um drei Prozent in 2011).<\/p>\n<p>Zum anderen sind die \u00f6kologischen Folgen des Frackings umstritten: Abgesehen von der Belastung des Trinkwassers ist die Klimabilanz der Schiefergasf\u00f6rderung zweifelhaft. Forscher sind der Meinung, dass sie sogar schlechter als bei der herk\u00f6mmlichen \u00d6l- oder Gasexploration ist, weil bei der F\u00f6rderung das klimasch\u00e4dliche Methan ausgesto\u00dfen wird.<\/p>\n<p>Letztendlich ist die durch die \u00d6lkrise von 1973 aufgeworfene Frage von \u00bbPeak Oil\u00ab aber nicht die vordringlichste. Zwar werden irgendwann Ressourcen wie \u00d6l, Kohle oder Gas ersch\u00f6pft oder so schwierig zu f\u00f6rdern sein, dass sich der finanzielle Aufwand nicht lohnt oder mehr Energie hineingesteckt werden muss, als dann gewonnen wird. Die Kohlevorr\u00e4te zum Beispiel reichen aber bei aller Vorsicht, die man bei Prognosen dieser Art an den Tag legen muss, noch wenige hundert Jahre.<\/p>\n<p>Das Ziel Energiesparen ist dennoch eine \u00fcberaus wichtige Konsequenz aus dem \u00d6lpreisschock. Bevor noch die fossilen Energietr\u00e4ger ersch\u00f6pft sind, wird die F\u00e4higkeit der Atmosph\u00e4re, Kohlenstoffe aufzunehmen, \u00fcberstiegen sein. Forschungen \u00fcber den \u00bb\u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck\u00ab oder den globalen Umweltraum zeigen, dass die biophysischen Grenzen von Deponier\u00e4umen bereits heute \u00fcberschritten sind. Das gilt insbesondere f\u00fcr den Aussto\u00df von Klimagasen. Greenpeace zufolge wird sich allein aufgrund der 14 derzeit gr\u00f6\u00dften geplanten Kraftwerke die Emission von CO2 bis 2020 um 20 Prozent erh\u00f6hen. Die Welt bef\u00e4nde sich auf dem Pfad zu einer Erderw\u00e4rmung von f\u00fcnf bis sechs Grad.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es eine krasse globale Ungleichheit im Zugang zu Energien. Wie der Schweizer Marcel H\u00e4nggi in seinem Buch \u00bbAusgepowert. Das Ende des \u00d6lzeitalters als Chance\u00ab ausf\u00fchrt, haben weltweit 1,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Elektrizit\u00e4t. In den USA und anderen hochindustrialisierten L\u00e4ndern liegt der Pro-Kopf-Verbrauch an Energie um eine Vielfaches h\u00f6her als in \u00bbunterentwickelten Staaten\u00ab. Die Konsequenz liegt auf der Hand: Der globale Norden muss seinen \u00f6kologischen Fu\u00dfabdruck, das hei\u00dft vor allem seinen hohen Verbrauch an fossilen Rohstoffen, reduzieren, damit den Menschen im globalen S\u00fcden ein Leben mit einem Minimum an Energie erm\u00f6glicht wird, das zur Befriedigung der Grundbed\u00fcrfnisse notwendig ist.<\/p>\n<p>Wie aber kann das geschehen? Angef\u00fchrt wird von den Eliten der kapitalistischen L\u00e4nder vor allem eines: die Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Energieverbrauch. Doch hierbei wird selten zwischen absoluter und relativer Entkopplung unterschieden. Eine relative Entkopplung bedeutet, dass zwar das Bruttoinlandsprodukt st\u00e4rker steigt als etwa der Energieverbrauch. Doch hei\u00dft das nicht, dass der Energie- oder Ressourcenverbrauch insgesamt sinkt \u2013\u00a0und nur das w\u00e4re eine absolute Entkopplung.<\/p>\n<p>Das Manko der vorherrschenden Bestrebungen ist, dass versucht wird, die durch den fossilistischen Kapitalismus entstandenen gesellschaftlichen Strukturen nicht anzutasten. Ohne diese und die individuellen Lebensweisen in Frage zu stellen, ist aber der \u00dcbergang in das solare Zeitalter nicht m\u00f6glich.<\/p>\n<p>(erschienen in: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/837260.fanal-fuer-das-ende-eines-zeitalters.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 28.10.2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die \u00d6lkrise warf die bis heute ungel\u00f6ste Frage auf: Wie l\u00e4sst sich die Abh\u00e4ngigkeit von \u00d6l und Kohle verringern? 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