{"id":748,"date":"2013-11-22T23:41:38","date_gmt":"2013-11-22T22:41:38","guid":{"rendered":"http:\/\/guidospeckmann.de\/?p=748"},"modified":"2013-11-23T10:45:16","modified_gmt":"2013-11-23T09:45:16","slug":"das-moderne-opium-des-volkes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=748","title":{"rendered":"Das moderne Opium des Volkes"},"content":{"rendered":"<p><em>Die Forschung boomt und auch die ARD hat das Gl\u00fcck entdeckt: L\u00e4sst sich das Thema kapitalismuskritisch wenden?<\/em><\/p>\n<p>\u00abDer Gl\u00fccksanspruch hat einen gef\u00e4hrlichen Klang in einer Ordnung, die f\u00fcr die meisten Not, Mangel und M\u00fche bringt\u00bb, schrieb Herbert Marcuse &#8211; vor Jahrzehnten. Von dem gef\u00e4hrlichen Klang ist heute nichts mehr zu sp\u00fcren. Gef\u00fchlt jedes dritte Ratgeberbuch ist der Erlangung von Gl\u00fcck gewidmet und jetzt hat sich sogar die ARD in einer Themenwoche des Sujets angenommen. Auch dort: keine Gefahr f\u00fcr die herrschende Ordnung. <!--more-->Unterscheidet sich Marcuses Gl\u00fccksbegriff von dem heute vorherrschenden? Oder haben sich die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse ge\u00e4ndert, dass sie f\u00fcr die meisten eben nicht mehr Not, Mangel und M\u00fche bringen?<\/p>\n<p>Letzteres ist bezogen auf die industrialisierten L\u00e4nder einerseits richtig und andererseits falsch. Richtig, weil sich die materielle Lage durchaus stark verbessert. Von k\u00f6rperlich schwerer Arbeit sind die meisten Bewohner der USA, Europas und Japan befreit (die wird nun im Globalen S\u00fcden f\u00fcr sie gemacht). Auch m\u00fcssen die wenigsten f\u00fcrchten, Hunger zu leiden (wobei im Zuge der Krise existenzielle Not wieder zunimmt).<\/p>\n<p>Und doch: Dass so viel \u00fcber Gl\u00fcck geredet wird, deutet darauf hin, dass etwas mit den Menschen im modernen Kapitalismus nicht in Ordnung ist. Empirisch fassbar wird das, wenn man sich die Ergebnisse eines Forschungszweiges anschaut, der in den letzten Jahrzehnten einen ungeahnten Aufschwung erfahren hat: die Gl\u00fccksforschung. Deutlich wird ihr Aufschwung zum Beispiel anhand der Bibliografie der World Database of Happiness an der Uni Rotterdam. W\u00e4hrend f\u00fcr den Zeitraum von 1951 bis 1960 nur 58 sozialwissenschaftliche Studien verzeichnet sind, so ist die Zahl seitdem f\u00f6rmlich explodiert.<\/p>\n<p>Welche gesellschaftliche Entwicklung unterst\u00fctzte diesen rasanten Anstieg der Publikationen? Was dr\u00fcckt sich in der Schwemme an Ratgeberliteratur zum Thema aus? Eine Erkl\u00e4rung: Die religi\u00f6sen Heilserwartungen sind s\u00e4kularisiert worden. Aber das Streben nach Heil und Gl\u00fcck, die Suche nach Lebenszufriedenheit und -sinn sind weiter zentral im Leben der Menschen &#8211; und deuten auf Verh\u00e4ltnisse hin, die trotz offensichtlichen materiellen Wohlstands genau das nicht ausreichend anbieten.<\/p>\n<p>Die Frage liegt nahe, ob die breite Thematisierung von Gl\u00fcck das moderne Opium des Volkes, also gleichsam ein entfremdeter Protest gegen die Entfremdung ist. Frei nach Marx: Das Elend der Gl\u00fccksforschung ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem der Protest gegen das wirkliche Elend. Die Aufhebung der Forschung \u00fcber das illusorische Gl\u00fcck des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Gl\u00fccks. Die Kritik der Gl\u00fccksforschung ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Gl\u00fccksforschung ist.<\/p>\n<p>Was aber sind die Erkenntnisse der Gl\u00fccksforschung? Das wichtigste Resultat ist sicher: Nur bis zu einem bestimmten Einkommensniveau\/Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf geht die Steigerung des materiellen Wohlstands mit einem Mehr an Gl\u00fcck und Lebenszufriedenheit einher. Dar\u00fcber hinaus stagniert das Gl\u00fccksempfinden der Befragten, wie insbesondere die Beispiele Japan und USA belegen. In beiden L\u00e4ndern werden Lebenszufriedenheitsbefragungen bereits seit dem Zweiten Weltkrieg durchgef\u00fchrt. In den Vereinigten Staaten hat sich das reale BIP pro Kopf seit 1945 mehr als verdreifacht, doch das Gl\u00fccksempfinden der Bev\u00f6lkerung blieb exakt gleich. In Japan ist das noch eindr\u00fccklicher. Dort versechsfachte sich das BIP pro Kopf, w\u00e4hrend die Befragungen ein konstantes Gl\u00fccksempfinden ergaben.<\/p>\n<p>John M. Keynes kann \u00fcber die Ursachen dieser Resultate aufkl\u00e4ren. Solange es um die Befriedigung von absoluten Bed\u00fcrfnissen wie Ern\u00e4hrung, Kleidung, Wohnen etc. geht, steigert das Einkommen der Bev\u00f6lkerung die Lebenszufriedenheit deutlich, weil dadurch existenzielle Notsituationen \u00fcberwunden werden. Sind diese Bed\u00fcrfnisse ges\u00e4ttigt, vollzieht sich der \u00dcbergang vom Komfort- zum Statuskonsum mit den dazugeh\u00f6rigen relativen Bed\u00fcrfnissen. Der Konsument m\u00f6chte sich durch ein tolles Auto oder das neueste iPhone von anderen abheben. Was passiert aber, wenn pl\u00f6tzlich alle einen Mercedes oder das neueste Apple-Produkt haben? Die erhoffte Befriedigung durch den Konsum h\u00e4lt nicht lange an &#8211; das Gl\u00fccksempfinden wird im n\u00e4chsten Konsumakt neu zu wecken versucht. Die \u00abTretm\u00fchle des Gl\u00fccks\u00bb (M. Binswanger) beginnt sich zu drehen. Die Menschen streben st\u00e4ndig nach Gl\u00fcck, aber sie werden nicht gl\u00fccklicher. Dieses Ph\u00e4nomen kann als die kulturkritische Seite einer Kritik verstanden werden, die seit der Krise von 2008\/09 einen enormen Aufschwung erfahren hat: die Wachstumskritik. Die Gl\u00fccksforschung zeigt, dass in den fortgeschrittenen kapitalistischen Staaten die noch immer in den K\u00f6pfen ihrer Bewohnerinnen steckende Ansicht \u00abmehr Wirtschaftswachstum und mehr Einkommen = mehr Wohlstand, Gl\u00fcck und Lebenszufriedenheit\u00bb schon seit Jahrzehnten nicht mehr g\u00fcltig ist.<\/p>\n<p>Das w\u00e4re also im Keim die Kritik des Jammertales. Warum aber ist die Gl\u00fccksforschung zugleich ihr Heiligenschein? Weil sie (wie auch die Wachstumskritik) das ignoriert, was in der marxistischen Kapitalismusanalyse mit ihrer Entfremdungskritik zentral war: die Infragestellung der Zw\u00e4nge, die sich aus der kapitalistischen Produktionsweise ergeben. Doch eine umstandslose \u00dcbertragung der Entfremdungskritik auf die Gegenwart des 21. Jahrhunderts w\u00e4re ebenso wenig sinnvoll wie ein unbedarfter Bezug auf Gl\u00fccksforschung (wie Wachstumskritik). Worauf es ank\u00e4me, w\u00e4re eine Aktualisierung der marxistischen Entfremdungskritik auf Basis der empirischen Gl\u00fccksforschung. Denn prinzipiell ist diese besser geeignet, eine Kulturkritik des Kapitalismus zu leisten, weil ihr eine emanzipatorische Tendenz eingeschrieben ist. Wenn die Neuformulierung geleistet wird, k\u00f6nnte der Gl\u00fccksanspruch wieder einen gef\u00e4hrlichen Klang f\u00fcr die herrschende Ordnung bekommen.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens: Das Gl\u00fccks-Paradox scheint im Alltagsverst\u00e4ndnis der Deutschen angekommen zu sein. Laut Emnid glaubt nur noch ein Drittel der Befragten, dass das Wirtschaftswachstum mit einer Steigerung ihrer privaten Lebensqualit\u00e4t einhergeht. Daran lie\u00dfe sich doch ankn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>(aus: <a href=\"http:\/\/www.neues-deutschland.de\/artikel\/915684.das-moderne-opium-des-volkes.html?sstr=guido|speckmann\">neues deutschland<\/a>, 22.11.2013)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Forschung boomt und auch die ARD hat das Gl\u00fcck entdeckt: L\u00e4sst sich das Thema kapitalismuskritisch wenden? \u00abDer Gl\u00fccksanspruch hat einen gef\u00e4hrlichen Klang in einer Ordnung, die f\u00fcr die meisten Not, Mangel und M\u00fche bringt\u00bb, schrieb Herbert Marcuse &#8211; vor &hellip; <a href=\"https:\/\/guidospeckmann.de\/?p=748\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"kia_subtitle":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[100,99],"class_list":["post-748","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized","tag-entfremdungskritik","tag-gluecksforschung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=748"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":750,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/748\/revisions\/750"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=748"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=748"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/guidospeckmann.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=748"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}